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Die Event-Agentur von Stephanie Terbrüggen (vorne) wurde von der Corona-Krise besonders hart getroffen. Ihre Auszubildenden Emily Heuer (Mitte), Lisa-Lee Schöpgens (links) und Nadine Hohn will sie trotzdem nicht im Regen stehen lassen. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Jetzt erst recht!

Corona verunsichert den Ausbildungsmarkt. Während manche Unternehmen ihre Ausbildungsaktivitäten sogar verstärken, müssen andere aussetzen, etliche zögern. Das gilt auch für Jugendliche. Die IHK Köln bringt beide Seiten auch in der Krise zusammen.

Text: Lothar Schmitz

Ein schöner Julitag in der Kölner Altstadt. Wer die gut besetzten Terrassen der Gasthäuser sieht, könnte meinen, dass doch alles wieder läuft. Na gut, bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die Tische weniger dicht beieinander stehenals im vergangenen Jahr. Aber sie sind besetzt, die Leute essen und trinken, die nächsten Gäste warten schon. Alles gut also? Nicht, wenn man einen Blick nach innen wirft. Ins Brauhaus DOM im Stapelhaus zum Beispiel. Dort herrscht gähnende Leere. Keine Einzel-Gäste, keine Klein- und schon gar keine Großgruppen. „Keine Familienfeiern, keine Touristengruppen, die sonst per Bus oder Schiff in die Altstadt kommen, nichts“, sagt Frank Markus lapidar. „Uns Gastronomen ist quasi das komplette Innengeschäft weggebrochen.“ Zum Glück laufe es in der Außengastronomie wieder, dennoch falle sehr viel Umsatz weg. Hält er durch? „Na klar, ich bin doch selbstständig, ich habe gar keine andere Wahl.“ Auch sein Ausbildungsengagement will der Kölner Gastronom beibehalten. Zwei Azubis hat er zurzeit, einen angehenden Restaurantfachmann und einen Koch. Weil der aber diesen Sommer seine Abschlussprüfung macht, möchte Markus im kommenden Ausbildungsjahr erneut eine Lehrstelle als Koch oder Köchin anbieten. Trotz der Umsatzrückgänge braucht der Unternehmer Fachkräftenachwuchs. „Und wir möchten jungen Menschen unbedingt eine Chance geben und eine berufliche Perspektive bieten“, betont Markus. Ende Juni allerdings suchte er immer noch. Das doppelte Problem: geänderte Ansprüche der Jugendlichen. „Immer weniger wollen in der Gastronomie lernen und arbeiten“, beklagt Markus. Und die Corona-Krise. Die ersten Wochen und Monate der Pandemie haben die Suche der Unternehmen nach Auszubildenden – und umgekehrt – arg gebremst. Viele Jugendliche und Firmen waren verunsichert, außerdem fanden phasenweise keine Berufsorientierungsveranstaltungen statt. Auch die IHK musste einige Formate absagen, etwa den „Recruiting Day“ oder das alljährliche „Azubi Speed Dating“.

Mit Unterstützung der IHK, hier vertreten durch Ausbildungsstellenvermittlerin Clara Hadwiger, sucht Gastronom Frank Markus (links) weitere Koch- oder Köchin-Azubis. Denn Corona geht hoffentlich vorbei, das DOM im Stapelhaus bleibt.
Foto: Peter Boettcher

„Schockstarre“ bei Jugendlichen
 
„Es gab eine Art Schockstarre bei Schülerinnen und Schülern, die ja eine Zeit lang nicht mal wussten, wann genau sie die Schule abschließen können“, beobachtete Carsten Berg, Leiter Ausbildung operativ der IHK Köln. Auch die Lehrkräfte der Berufsschulen konnten nicht, wie üblich, mit den Jugendlichen zu Ausbildungsmessen gehen – und die IHK-Ausbildungsberaterinnen und -berater nicht in die Berufsschulen. „Wir und andere Institutionen mussten das Orientierungsangebot stark reduzieren, es blieb fast nur telefonische Beratung“, erzählt Berg. Auch viele Unternehmen fragten sich, ob sie ihr Ausbildungsengagement würden aufrechterhalten können und wollen.
Die Folge: ein deutlicher Rückgang der eingetragenen Ausbildungsverhältnisse im Vergleich zum Vorjahr. Und eine Verlangsamung: Die Bundesagentur für Arbeit sprach kürzlich von einer Verzögerung von sechs bis acht Wochen. Carsten Berg bestätigt diesen Trend, hat aber trotzdem eine gute Nachricht: „Die Anfragen von Betrieben und Ausbildungsplatzsuchenden nehmen von Tag zu Tag zu.“ Sogar der Bundespräsident nahm sich des Themas an. Gemeinsam mit den Spitzen der Sozialpartner aus Wirtschaft und Gewerkschaften rief er am 23. Juni die Arbeitgeber in Deutschland auf: „Engagieren Sie sich auch jetzt für Ihre Auszubildenden! Erhalten und schaffen Sie Ausbildungsplätze!“ An die jungen Menschen appellierten sie: „Bewerben Sie sich auch jetzt, trotz aller Widrigkeiten, um Lehrstellen! Unsere Wirtschaft braucht Sie, aber nicht nur die: Unser Land braucht Sie!“

Kampf um Ausbildung – und die Existenz

Stephanie Terbrüggen würde dem Appell des Bundespräsidenten gerne nachkommen. Die Geschäftsführerin der Terbrüggen Show Produktion GmbH in Köln bildet seit vielen Jahren aus. Und das macht sie „mit Herzblut“, wie sie Ende Juni am Telefon berichtet. Vier Azubis im Beruf „Veranstaltungskaufmann/-frau“ zählt sie im zu Ende gehenden Ausbildungsjahr. Zwei haben soeben – Corona-bedingt mit einigen Wochen Verzögerung – ihre Abschlussprüfung gemacht, zwei kommen ins dritte Lehrjahr. Terbrüggens größter Wunsch: die beiden Auszubildenden noch irgendwie bis zu deren Abschluss zu begleiten. Das klingt dramatisch. Ist es auch. Denn ihr Unternehmen hatte gerade einmal drei kleine Aufträge seit Beginn der Pandemie. Ihre Veranstaltungsagentur zählt zur vielleicht am härtesten von der Krise gebeutelten Branche. Große Veranstaltungen waren das Erste, was Anfang März komplett untersagt wurde – und sind vermutlich das Letzte, was irgendwann im Herbst oder Winter wieder an den Start gehen wird. Die Folge: keine Einnahmen mehr. Beschäftigte in Kurzarbeit. Fuhrpark: stillgelegt. Angemietete Räume: gekündigt. Nur einen ihrer Ausbilder holte sie jede Woche für einen Tag aus der Kurzarbeit zurück. Denn die Ausbildung, die sollte unter allen Umständen weitergehen. Die Unternehmerin, die auch Mitglied der IHK-Vollversammlung ist, hat alles gegeben. „Ich habe jeden einzelnen Tag ums Überleben gekämpft“, erzählt sie. Deshalb wolle sie schweren Herzens im anstehenden Ausbildungsjahr eine Pause einlegen und nicht neu ausbilden. „Obwohl ich eigentlich überzeugt bin, dass ich auf Fachkräfte angewiesen bin, wenn es wieder los geht mit den Aufträgen.“ Derzeit ist unklarer denn je, wie es weitergeht. Denn ein paar Tage nach dem Telefonat musste Stephanie Terbrüggen Insolvenz anmelden.

Martin Palacz (Mitte), Personalleiter der Hottgenroth Software GmbH & Co. KG, mit den Auszubildenden des Unternehmens. Nicht zuletzt durch den Digitalisierungs-Schub infolge von Corona wächst das Unternehmen und sucht noch weitere Azubis.
Foto: Peter Boettcher

Azubis dringend gesucht

Krisen sind ungerecht. Die einen trifft es mit voller Wucht. Andere kommen irgendwie durch. Und dann gibt es natürlich auch jene, für die die Krise Mehrarbeit bedeutet. Dazu gehört die Hottgenroth Software GmbH & Co. KG aus Köln. Das Unternehmen hat sichauf Softwarelösungen rund um die technische Gebäudeausrüstung spezialisiert und zählt etwa 200 Beschäftigte an vier Standorten, davon 22 Azubis in fünf Berufen. Drei davon haben gerade ihre Abschlussprüfung absolviert, bleiben 19. Das reicht Hottgenroth allerdings nicht. „Wir möchten im jetzt beginnenden Ausbildungsjahr am liebsten zehn neue Azubis einstellen“, erzählt Personalleiter Martin Palacz. Das Unternehmen wächst, trotz Corona. „Die Krise spielt uns eher in die Karten“, sagt Palacz, „denn sie treibt die Digitalisierung voran.“ Hottgenroth braucht also Personal. Und setzt dabei auch stark auf Azubis, die Fachkräfte von morgen. Ob Fachinformatiker, Kaufleute für Dialogmarketing, Kaufleute für Büromanagement oder IT-Systemkaufleute – das Unternehmen sucht derzeit noch. Unter anderem auf einschlägigen Stellenportalen im Netz. „Bisher haben wir auch immer IHK-Veranstaltungen genutzt, doch wegen Corona ging das diesmal nicht“, bedauert Palacz. Qualität der Bewerbungen besser Der Personalchef ist trotzdem zuversichtlich, die offenen Stellen noch zu besetzen. Zum einen verspricht er sich Treffer von der IHK-Azubi-Vermittlung. Zum anderen habe die Zahl der Bewerbungen zuletzt zugenommen, nachdem es im März und April fast keine gegeben habe. „Außerdem ist die Qualität der Bewerbungen etwas besser als im Vorjahr“, freut sich Palacz. Sechs Verträge konnte er bis Anfang Juli unter Dach und Fach bringen.

IHK-Ausbildungsstellenvermittlung

Die IHK bringt Unternehmen und Jugendliche zusammen – auch in der Corona-Krise! Wer noch sucht, kann sich direkt an die Ausbildungsstellenvermittlung wenden.
Unternehmen, die aufgrund der Corona-Krise erst später als zum 1. August oder 1. September neue Auszubildende einstellen können, haben dazu unter bestimmten Voraussetzungen noch eine Möglichkeit: Die Politik plant derzeit einen zusätzlichen Ausbildungs-Starttermin und hat dazu den 1. Februar 2021 ins Auge gefasst.
Weitere Infos:
Vertrags- und Kundenmanagement, Tel. 0221 1640-6650, ausbildung@koeln.ihk.de
Ausbildungsstellenvermittlung, Tel. 0221 1640-6650, ausbildungsvermittlung@koeln.ihk.de
IHK-Lehrstellenbörse auf www.ihk-koeln.de/45439, www.ihk-lehrstellenboerse.de

Ausbildungsprämie

Kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die durch die Corona-Krise in erheblichem Umfang betroffen sind, können Förderung aus dem Bundesprogramm „Ausbildung sichern“ beantragen.

Das Programm umfasst fünf Säulen:

  1. Ausbildungsprämie bei Erhalt des Ausbildungsniveaus als einmaliger Zuschuss von 2.000 Euro für jeden für das Ausbildungsjahr 2020 abgeschlossenen Ausbildungsvertrag, wenn genauso viele Ausbildungsverträge abgeschlossen werden wie im Durchschnitt der drei Vorjahre.
  2. Ausbildungsprämie bei Erhöhung des Ausbildungsniveaus als einmaliger Zuschuss von 3.000 Euro für jeden über das frühere Ausbildungsniveau zusätzlich für das Ausbildungsjahr 2020 abgeschlossenen Ausbildungsvertrag.
  3. Förderung bei Vermeidung von Kurzarbeit während der Ausbildung: relevant für Betriebe, die aufgrund von COVID-19 einen Arbeitsausfall von mindestens 50 Prozent zu verzeichnen haben und trotzdem Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Azubis nicht in Kurzarbeit bringen.
  4. Förderung von Auftrags- und Verbundausbildung:interessant für Azubis aus KMU, deren Geschäftsbetrieb nicht oder nur in erheblich geringerem Umfang aufrechterhalten werden kann.
  5. Übernahmeprämie: KMU, die einen Azubi aus einem infolge der Corona-Krise insolventen Unternehmen in Ausbildung übernehmen, können hierfür ebenfalls eine Prämie von 3.000 Euro pro Azubi erhalten.

Die IHK Köln berät zur Beantragung, sobald das genaue Verfahren feststeht.www.ihk-koeln.de/233420

Projekt „Ausbildung 4.0“

Eine aktuelle Ausbildungsumfrage der IHK Köln zeigt: Während rund 40 Prozent der Ausbildungsbetriebe derzeit verstärkt auf digitale Stellenbörsen setzen, nutzen nur rund 14 Prozent Videochat-Programme wie Skype, Zoom oder GoToMeeting im Bewerbungsprozess um Azubis. Die Initiative „Ausbildung 4.0“ unterstützt kleine und mittlere Unternehmen mit individueller Beratung und konkreten Tipps kostenlos bei der Digitalisierung ihrer Ausbildungsaktivitäten. www.ausbildung40.koeln

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