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Sabine Guhr-Biermann mit ihren Teilzeit-Auszubildenden Ariane Heubeck (l.) und Janine Langer. Foto: Thilo Schmülgen
Porträt

In Teilzeit zur vollen Ausbildung

Text: Werner Grosch

Es gibt inzwischen fast zwei Millionen Alleinerziehende in Deutschland. Für viele von ihnen ist es schon schwer genug, mehr als einen Halbtagsjob zu übernehmen. Aber eine Berufsausbildung? Mit der praktischen Ausbildung im Betrieb, mit Berufsschule und mit Lernstoff, der außerhalb von Betrieb und Schule gepaukt werden muss? Oft undenkbar. Und das gilt nicht nur für junge Mütter und Väter, sondern auch für Menschen, die Angehörige pflegen. Das Ergebnis: Diese jungen Menschen haben keine Chance auf eine Qualifizierung und einen entsprechenden Beruf. Und für die Wirtschaft, in der der Fachkräftemangel immer drastischere Ausmaße annimmt, bleibt ihr Potenzial ungenutzt.

Abhilfe schaffen könnte das Modell der Teilzeitausbildung, das schon 2005 vom Gesetzgeber eingerichtet wurde, um Pflegenden oder Alleinerziehenden mit einem „berechtigten Interesse“ bessere Chancen zu verschaffen. Damit ist eine Reduzierung der Wochenstunden im Betrieb möglich. Das Problem ist nur,  dass diese Möglichkeit immer noch sehr wenig genutzt wird. „Wir haben derzeit etwa 60 eingetragene Ausbildungsverhältnisse in Teilzeit im ganzen Kammerbezirk", sagt Carsten Berg, Leiter der Ausbildungsberatung der IHK Köln. Und das bei rund 150.000 Unternehmen in der Region.

Modell ist noch kaum bekannt

Berg will das Modell bekannter machen, denn genau daran fehlt es offenbar. Auch die Beraterin und Verlagsinhaberin Sabine Guhr-Biermann wusste davon nichts, bis Janine Langer sie darauf ansprach, die über einen Bildungsträger von der Möglichkeit erfahren hatte und nun ein Unternehmen für eine Teilzeit-Ausbildung suchte. Janine Langers „berechtigtes Interesse“ war unstrittig. Sie ist alleinerziehend mit vier Kindern. Und eben deshalb konnte sie bislang keine Ausbildung abschließen. Sabine Guhr-Biermann gab ihr in Leverkusen im vergangenen Jahr die Chance einer Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement und hat es nie bereut. Denn sie macht die Erfahrung, die auch andere Unternehmen mit Teilzeit-Azubis machen: Sie sind überdurchschnittlich engagiert und motiviert. Sie wollen, unbedingt.

Das gilt gleichermaßen für Ariane Heubeck, die wenige Monate später bei Sabine Guhr-Biermann eine Ausbildung zur Medienkauffrau begann. Die 26-Jährige hat zwar „nur" ein Kind, aber eine Lehre in Vollzeit war auch für sie einfach nicht zu machen. Da stehen schon die Öffnungszeiten der Kita entgegen.

"Wertvolle Kompetenzen ungenutzt"

Die positive Einschätzung der Teilzeit-Azubis bestätigen auch die Agenturen für Arbeit. „Wir werben bei den Arbeitgebern in der Region verstärkt um diese Personengruppe, weil wir wertvolle Kompetenzen ungenutzt sehen und dabei helfen wollen, Vorurteile abzubauen“, sagt Enesa Mahmutbegovic, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt des Jobcenters Oberberg.


Grundregeln
Bei einer Ausbildung in Teilzeit einigen sich Auszubildende und Betrieb auf eine wöchentliche Ausbildungszeit zwischen 20 und 35, in der Regel 30 Stunden. Der Unterricht in der Berufsschule bleibt gleich. Die Ausbildung in Teilzeit führt grundsätzlich nicht zu einer längeren Ausbildungsdauer, bei einer Wochenarbeitszeit von weniger als 25 Stunden kann sie jedoch um ein halbes oder ganzes Jahr verlängert werden.

Die Auszubildenden müssen ein berechtigtes Interesse an der Reduzierung haben. Das gilt, wenn sie ein eigenes Kind betreuen, einen pflegebedürftigen Angehörigen pflegen oder vergleichbare Gründe wie zum Beispiel eine Behinderung vorliegen.

Das Unternehmen kann die Ausbildungsvergütung entsprechend der zeitlichen Kürzung anteilig vermindern.

Die individuelle Regelung zur Teilzeitausbildung ist immer eine Einzelfallentscheidung. Die Ausbildungsberater der IHK Köln beraten und unterstützen Unternehmen und Azubis, die dieses Modell umsetzen wollen. Weitere Infos auf der entsprechenden Seite der IHK Köln

„Ich würde das immer wieder machen und hoffe, dass sich dieses Modell endlich mehr verbreitet", sagt Sabine Guhr-Biermann, die unter anderem seit 18 Jahren den Libellen-Verlag betreibt. Natürlich müsse man Verständnis für die familiäre Situation aufbringen, sagt sie. „Wenn etwas ist, gehen die Kinder vor. Ich war selbst lange genug alleinerziehend, um das zu verstehen." Die Unternehmerin ist unter anderem froh darüber, keine ganz jungen Azubis zu haben, denn mit ihren beiden kann sie Themen und Ideen reflektieren, wie das mit Schulabgängern, die noch nicht so gereift sind wie es junge Mütter fast zwangsläufig tun, kaum möglich wäre.

Das Unternehmen als Ruhepol

Für beide Auszubildende ist die Präsenz-Zeit um fünf Stunden reduziert, aber für die Arbeitgeberin ist das kein Problem. „Es lässt sich in dieser Zeit alles lernen, was wichtig ist.“ Umgekehrt loben die Azubis die Atmosphäre im Büro, die sogar eine Art Ausgleich für sie darstellt. „Der Betrieb ist für mich ein Ruhepol“, sagt die 40 Jahre alte Janine Langer, die vor der Ausbildung sogar noch das Abitur nachgeholt hat. Und das, obwohl von den vier Kindern gerade mal eines fast erwachsen ist, und die Kleinste in der dritten Klasse immer noch keinen Ganztagsplatz hat. Nach der Ausbildung wird sie wahrscheinlich nicht im Unternehmen bleiben können. Aber wer so viel Fleiß, Willen und Lernfähigkeit nachgewiesen hat, dürfte auf dem Arbeitsmarkt sicher kein Problem haben.

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