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Geschäftsführerin Natalie Kühn (M.) setzt nicht nur mit ihren Umweltmesstechnik-Produkten auf Nachhaltigkeit (l. Firmengründer Siegfried Kühn, r. Azubi Andreas Nemetz). Das Gleiche gilt für das Umwelt- und Mitarbeitermanagement der SK-Elektronik GmbH. Foto: Thilo Schmülgen
Blickpunkt

Gute Geschäfte für alle

Nachhaltiges Wirtschaften ist nicht nur aus sozialer und ökologischer Sicht sinnvoll, sondern lohnt sich für Unternehmen auch ökonomisch.

Text: Katharina Hamacher

Geflüchtete Menschen beim Weg in den Arbeitsmarkt zu unterstützen – bei dieser Bitte musste Dagmar Breul nicht lange überlegen. Die Projektmanagerin beim Kölner Personaldienstleister Randstad stimmte sofort zu, als die Willkommensinitiative Runder Tisch Riehl ihr vorschlug, bei der Jobbörse „gemeinsam leben – gemeinsam arbeiten“ mitzuwirken.

Ins Gespräch gekommen waren das Unternehmen und die Organisation im vergangenen November beim 10. Kölner Marktplatz „Gute Geschäfte“. Im Rahmen eines ganz besonderen „Speed-Datings“ vernetzen sich hier Unternehmen und gemeinnützige Einrichtungen aus dem sozialen, kulturellen und ökologischen Bereich, um gemeinsame Projekte auszuhandeln.

Die lockere, positive Atmosphäre beim „Kölner Marktplatz Gute Geschäfte“ ist Dagmar Breul besonders in Erinnerung geblieben. „Alle waren sehr motiviert und zielgerichtet“, erinnert sich die Managerin. Neben der Jobbörse hat Randstad weitere Projekte umgesetzt, etwa ein Bewerbungstraining für Migranten in Kooperation mit der IHK-Stiftung. Für die Projektmanagerin ist es Ehrensache, dass Randstad beim 11. Kölner Marktplatz „Gute Geschäfte“ am 17. Oktober wieder mit dabei ist: „Ich freue mich auf viele spannende Projekte, in denen wir uns mit unseren Kompetenzen gut einbringen können. Wir als Unternehmen sehen unsere Verantwortung, die Gesellschaft mitzugestalten und etwas zurückzugeben.“

Der Kölner Personaldienstleister Randstad und weitere Unternehmen hatten bei der Jobbörse „gemeinsam leben – gemeinsam arbeiten" im Mai Praktika, Ausbildungs- und Arbeitsplätze für geflüchtete Menschen im Angebot. Der Veranstalter Willkommensinitiative Runder Tisch Riehl und Randstad hatten die Teilnahme beim 10. "Kölner Marktplatz Gute Geschäfte" im November vereinbart.
Foto: Christa Eumann

Nicht nur beim Kölner Personaldienstleister gehört soziales Engagement zu einer auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmenskultur. 19 Unternehmen aus der Region beteiligten sich im vergangenen Jahr beim Kölner Marktplatz. Darunter auch das Max-Planck-Institut Köln, das dem Verein „Lebensräume in Balance“ Möbel für ein neues Mehrgenerationenhaus zur Verfügung gestellt hat.

Der Erfolg des Kölner Marktplatzes „Gute Geschäfte“ zeigt, dass nachhaltiges Wirtschaften, zu dem auch soziales Engagement gehört, längst in vielen großen und mittelständischen Unternehmen angekommen ist. Und das ganz unabhängig von konkreten gesetzlichen Vorschriften: Jährliche Nachhaltigkeitsberichte sind erstmals für 2017, und dann auch nur für kapitalmarktorientierte Unternehmen einer bestimmten Größenordnung verpflichtend.

Bei nachhaltiger Unternehmensführung werde „jede wesentliche Entscheidung im Unternehmen auf ihre Bedeutung hinsichtlich ökologischer, ökonomischer und sozialer Perspektiven abgewogen“, erläutert der Berater für Nachhaltige Unternehmensführung Dr. Thomas Schulz (lesen Sie dazu das Interview unten). „Unternehmen möchten zunehmend als Bestandteil des großen gesellschaftlichen Ganzen wahrgenommen werden und legen Wert darauf, die Interessen aller Beteiligten zu berücksichtigen. Dazu gehören Umwelt- und Arbeitnehmerbelange, aber auch Sozialstandards entlang der gesamten Lieferkette.“

Die Mitarbeiter im Fokus

Wenn Natalie Kühn ein Bewerbungsgespräch führt, achtet sie nicht nur auf einen gradlinigen Lebenslauf und gute Noten. „Bei uns stehen die Potenziale der Mitarbeiter im Fokus“, sagt die Geschäftsführerin der SK-Elektronik GmbH. „Wir suchen Menschen mit Eigendynamik und Motivation.“ Auch Querdenker, die sich eher außergewöhnliche Herangehensweisen trauen, sind für das Unternehmen interessant.

Die Unternehmerin und ihr Vater, der das Unternehmen aufgebaut hat, setzen nicht nur bei ihren Produkten auf Nachhaltigkeit. SK Elektronik hat sich auf die Entwicklung von Hard- und Software für Umweltmesstechnik spezialisiert. Mit dem Einstieg von Natalie Kühn in den elterlichen Betrieb vor zehn Jahren hat das Unternehmen sich langsam auf nachhaltiges Wirtschaften umgestellt. Die junge Wirtschaftsingenieurin hat viele Impulse aus ihrem Studium eingebracht und unter anderem für die Einführung eines Umweltmanagementsystems gesorgt, mit dem das mittelständische Unternehmen in den Produktionsprozessen 20 Prozent Energiekosten einspart.


Auch im Bereich des Mitarbeitermanagements sprechen die Zahlen für eine erfolgreiche Strategie: „Wir haben quasi keine Fluktuation und verzeichnen sowohl beim Umsatz als auch bei der Anzahl unserer Angestellten ein konstantes Wachstum von 15 Prozent pro Jahr“, sagt Natalie Kühn. 45 Mitarbeiter hat das Unternehmen im Firmensitz Leverkusen und der Zweigstelle Erfurt, der Altersdurchschnitt beträgt etwa 40 Jahre. Der älteste Entwicklungsingenieur ist 75 Jahre alt und arbeitet einen Tag pro Woche im Betrieb, wovon besonders die jungen Kollegen im Entwicklungsteam profitieren.

Die sehr gemischte Altersstruktur von jungen Azubis bis zu langjährigen Mitarbeitern in Altersteilzeit ist für die Geschäftsführerin ein wichtiger Grund für den Erfolg des Unternehmens. „Wir legen Wert darauf, mit Jung und Alt auf Augenhöhe über Arbeitsmodelle zu sprechen und dabei die Person an sich und ihre individuellen Wünsche nicht aus den Augen zu verlieren.“ Als simples Beispiel nennt sie die häufige Rücksprache mit den Auszubildenden. „Wenn wir merken, dass derjenige nicht glücklich mit seinen Tätigkeiten ist, ändern wie lieber frühzeitig die Ausbildungsrichtung, bevor jemand abbricht. So lässt sich im Nachhinein viel Lehrgeld einsparen.“

Bei SK-Elektronik arbeiten ausschließlich qualifizierte Mitarbeiter, einige davon mit Migrationshintergrund, die sich jedoch in vielen Fällen erst im Unternehmen zu Fachkräften entwickelt haben. Der Betrieb legt großen Wert auf Aus- und Weiterbildung, Umschulung und Sprachkurse. „Das kostet natürlich erst einmal Geld“, sagt Natalie Kühn. „Aber unserer Erfahrung nach ist Bildung eine gute Investition in die Zukunft.“

Wasser- und Energieverbrauch senken

Auf nachhaltiges Wirtschaften setzt auch der Molkereikonzern FrieslandCampina mit seiner Strategie "route2020". Das Unternehmen, das auch eine Produktionsstätte in Köln betreibt, hat sich in 2010 unter anderem das Ziel gesetzt, den Wasser- und Energieverbrauch bis zum Jahr 2020 um 20 Prozent zu reduzieren sowie den Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Wind, Sonne oder Biomasse zu gewinnen.

Auf nachhaltiges Wirtschaften setzt auch der Molkereikonzern FrieslandCampina mit seiner Strategie route2020. Das Heilbronner Unternehmen hat auch eine Produktionsstätte in Köln.
Foto: Thilo Schmülgen

Bereits jetzt bezieht der Standort Heilbronn vom örtlichen Kraftwerk Dampf. Das im Kraftwerk anfallende Nebenprodukt wird als Prozesswärme genutzt, um etwa Milch zu erhitzen sowie Energie für die Sterilisation von Tanks und Rohrleitungen zur Verfügung zu stellen. Das klimaschonende Konzept zieht sich durch die gesamte Produktionskette. „Unser Bestreben, nachhaltig zu wirtschaften, fängt schon bei den Rohstoffen an“, sagt Sebastian Herrmann, als Leiter Arbeits- und Umweltschutz auch für den Kölner Standort zuständig. Schon jetzt bezieht das globale Unternehmen agrarische Rohstoffe wie Kakao, Soja, Palmöl, Rohrzucker sowie teilweise Stärke und Papier für Verpackungen aus nachhaltig bewirtschafteten Quellen. In den kommenden Jahren bis 2020 soll der gesamte Einkauf von agrarischen Rohstoffen umgestellt werden.

Seit 2008 schlägt FrieslandCampina in Deutschland den ressourcenschonenden Weg beispielsweise mit der traditionellen, heimischen Fütterung der Landliebe Milchkühe ein. Die Futterumstellung dieser Milchkühe sei sehr aufwendig gewesen, sagt Herrmann. „Unsere Kühe bekommen beispielsweise kein Soja, denn nur so können wir eine Fütterung ohne Gentechnik garantieren.“ Da der Konzern als Molkereigenossenschaft Eigentum der Mitgliedsbauern ist, müssen für den gemeinsamen Weg alle an einem Strang ziehen.

Als zusätzlicher Anreiz  dient das eigens entwickelte Qualitäts- und Nachhaltigkeitskonzept „Foqus planet“, in dessen Rahmen Vorgaben gemacht und gute Leistungen bei einzelnen Indikatoren in Kategorien wie Tiergesundheit und Tierwohl, Unterstützung der Natur- und Landschaftspflege sowie Energiesparmaßnahmen bei der Milchproduktion belohnt werden. Unter anderem konnten Mitglied-Milchviehhalter einen Energiescan ausfüllen und wurden belohnt, wenn der gesamte Energieverbrauch unter 1.300 Kilojoule pro Kilo Milch lag.


Abgesehen von den energetischen Einsparungen sieht Sebastian Herrmann die nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens als Investition in die Zukunft. „Wir verarbeiten ein Naturprodukt, daher sind wir auf hervorragende Qualität angewiesen. Uns ist es wichtig, dass auch kommende Generationen gut und nachhaltig wirtschaften und eine Zukunft haben.“

Der "offizielle" Beginn eines weltweiten Diskurses über Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung jährt sich 2017 übrigens zum 30. Mal: 1987 veröffentlichte die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen ihren Bericht mit dem Titel „Our Common Future“ („Unsere gemeinsame Zukunft“), der auch als Brundtland-Bericht bekannt geworden ist.

„Unternehmen, die sich nachhaltig ausrichten, streben nach gesellschaftlicher Akzeptanz.“

Interview mit Dr. Thomas Schulz, Berater für Nachhaltige Unternehmensführung in Frankfurt

IHKplus: Der Begriff Nachhaltige Unternehmensführung wird immer populärer. Was genau steckt dahinter?

Es bedeutet, dass jede wesentliche Entscheidung im Unternehmen auf ihre Bedeutung hinsichtlich ökologischer, ökonomischer und sozialer Perspektiven abgewogen wird. Unternehmen möchten zunehmend als Bestandteil des großen gesellschaftlichen Ganzen wahrgenommen werden und legen Wert darauf, die Interessen aller Beteiligten zu berücksichtigen. Dazu gehören Umwelt- und Arbeitnehmerbelange, aber auch Sozialstandards entlang der gesamten Lieferkette. Jeder, aber wirklich jeder Funktionsbereich ist von dem Thema Nachhaltigkeit betroffen. Diese Dimension ist meiner Erfahrung nach gerade für Mittelständler oft schwer zu erfassen.

Das klingt nach sehr aufwendigen Umstellungsprozessen. Warum lohnt sich nachhaltiges Wirtschaften unterm Strich trotzdem?

Der Prozess ist in der Tat sehr aufwendig, zahlt sich jedoch aus. Denn der Nutzen ist vielfältig: Nachhaltig agierende Wirtschaftsunternehmen sind etwa für Investoren interessant, die bestimmte Erwartungen an ihre Unternehmensinvestments haben. Untersuchungen belegen, dass Investoren mit nachhaltigen Unternehmen mindestens genauso hohe Renditen bei geringerem Risiko erzielen. Zudem gilt Nachhaltigkeit zunehmend als Bestandteil von Bonität. Entsprechende Unternehmen sind auch interessanter für Arbeitnehmer, da ihre Interessen dort mehr im Vordergrund stehen. Auch als Bestandteil einer Lieferkette ist Nachhaltigkeit ein Vorteil und wird sogar oft von Kunden eingefordert. Auf lange Sicht würde ich sagen: Nachhaltige Unternehmensführung bietet in der Zukunft keine Wettbewerbsvorteile mehr, sondern wird so selbstverständlich, dass sonst Nachteile entstehen. So weit sind wir aber noch nicht.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften?

Im Produktbereich verändert sich der Begriff Qualität zunehmend in Richtung nachhaltige Aspekte. Da geht es auf einmal um Regionalität und langfristige Bindungen. So lassen sich neue Kundengruppen gewinnen. Im Bereich Forschung und Entwicklung lassen sich neue Märkte erschließen. Das Marketing muss sich zunehmend auf neue Kundengruppen einstellen, die einen bewussten Lebensstil pflegen. Und qualifizierte Bewerber legen Wert auf eine nachhaltige Ausrichtung. Die Identifikation mit dem Arbeitgeber ist höher, wenn dieser nachhaltige Werte vertritt. Da passiert etwa im Bereich Mitarbeiterengagement eine Menge, Stichwort Social Volunteering: Unternehmen stellen Mitarbeiter für zwei, drei Tage im Jahr frei, damit sie sich bei sozialen Projekten einbringen können. Das kann die Renovierung des benachbarten Kindergartens sein oder die Unterstützung Jugendlicher in Sachen Medienkompetenz.

Was hat denn, mal abgesehen von Publicity, das Unternehmen davon?

Genau darum geht es auch bei nachhaltigem Wirtschaften: um Reputation. Unternehmen, die sich nachhaltig ausrichten, streben nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Sich einzubringen, ist ein guter Weg dorthin.

Terminankündigung Kölner Marktplatz „Gute Geschäfte“

Die Kölner Kontaktbörse für gesellschaftliches Engagement geht in die nächste Runde: Am Dienstag, 17. Oktober 2017 startet der 11. Kölner Marktplatz „Gute Geschäfte“ um 18:00 Uhr im Forum der Volkshochschule im Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstraße 29-33, 50676 Köln. Die Teilnahme ist kostenfrei, eine verbindliche Anmeldung ist erforderlich.
Weitere Informationen und Anmeldung auf der Website www.gute-geschaefte-koeln.de.

Am Montag, 11. September 2017, bietet die IHK Köln für interessierte Unternehmen von 16:30 bis 18:00 Uhr eine vorbereitende Informationsveranstaltung in der IHK Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln, an.

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