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Anja-Lena Niesen (l.) und Larissa Karthaus bringen Unternehmen und geflüchtete Menschen zusammen. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Gut beraten

Die Expertinnen bei der IHK Köln haben schon viele Flüchtlinge in Ausbildung und Arbeit vermittelt. Mit guter Beratung ist die Integration gar nicht so schwierig, wie Beispiele zeigen.

Text: Werner Grosch

Javed Hemidov wollte eine kaufmännische Ausbildung, unbedingt. Er war hartnäckig, fragte
zweimal die Woche im Rewe-Markt in Köln-Deutz nach. Fast schon penetrant, sagt sein heutiger
Chef und lacht. Dieser Biss hat ihm gefallen, und deshalb hat Marktleiter Alen Mujanovic sich bei
der Personalabteilung von Rewe Rahmati, die elf Märkte betreiben, für den jungen Mann aus
Aserbaidschan eingesetzt.

Hemidov floh vor zweieinhalb Jahren aus seiner Heimat und weiß bis heute nicht, ob er dauerhaft in Deutschland bleiben kann. Aber er will nicht rumsitzen und warten, sondern lernen. Im Frühjahr absolvierte er dann in dem Markt ein Praktikum, im September begann er dort auch seine zwölfmonatige Einstiegsqualifizierung – eine Vorstufe zur regulären Ausbildung.

"Dieses Jahr wollen wir nutzen, damit er seine Sprachkenntnisse weiter verbessern kann und die Arbeitsweise gut kennenlernt“, sagt Mujanovic. Die Sprache ist der entscheidende Punkt, wie so oft. Dass er in Javed Hemidov einen sehr lernwilligen und engagierten Mitarbeiter hat, steht für den Chef sowieso außer Frage.


Marktleiter Alen Mujanovic (l.) mit Javed Hemidov im Köln-Deutzer Rewe-Markt.
Foto: Peter Boettcher

Hilfe von IHK-Beraterinnen

Hemidov hat alles dafür getan, erstmal so weit zu kommen. Sprachkurse absolviert, sich um
Praktika gekümmert, auch die Beratung der IHK Köln in Anspruch genommen.„Frau Niesen hat
mir sehr geholfen, wir haben das gemeinsam geschafft“, sagt er. Frau Niesen, das ist AnjaLena
Niesen, die sich gemeinsam mit ihrer Kollegin Larissa Karthaus intensiv darum kümmert,
Unternehmen und geflüchtete Menschen zusammenzubringen. Erstere berät eigentlich eher die
Bewerberseite, während Larissa Karthaus als Willkommenslotsin vor allem die Unternehmen im Blick hat. Entscheidend aber ist, dass beide, die sich ein Büro im Gebäude des IHK-Bildungszentrums in Köln-Braunsfeld teilen, eng zusammenarbeiten.

„Es ist super, dass wir uns direkt austauschen können, das ergänzt sich sehr gut“, sagt Anja-Lena
Niesen. Auch die beruflichen Hintergründe der beiden Beraterinnen passen gut zusammen. Karthaus ist Wirtschaftspädagogin, Niesen hat schon acht Jahre Erfahrung im Jobcenter, wo sie für
Menschen unter 25 Jahren zuständig war, als Fallmanagerin für die komplexen Angelegenheiten.
So, wie es bei den Flüchtlingen, meistens jung und männlich, in der Beratung heute auch oft ist.

Anja-Lena Niesen nutzt die Gelegenheit, nebenbei mit einem Klischee über diese jungen Männer aus dem arabischen Raum oder den Maghreb-Staaten aufzuräumen: „Die allermeisten sind ganz anders als das Klischee. Auch und gerade gegenüber uns als Frauen sind sie sehr respektvoll und haben eine hoheWertschätzung für uns.“ Und ihre Dankbarkeit sei groß, fügt die Kollegin hinzu: „Sie sind einfach froh, jemanden zu haben, der hilft.“

Hohe Erfolgsquote

Die Erfolgsquote der beiden kann sich durchaus sehen lassen:Von Januar bis Mitte September
2018 kamen sie auf 37 Ausbildungsverträge, sechs Einstiegsqualifizierungen und 14 Praktika.
Jeden Monat werden durchschnittlich etwa 40 Bewerber beraten.

Alles rosig – so ist es natürlich nicht. Bisweilen müssen die Beraterinnen ehrlich sagen, dass das
Sprachniveau einfach noch nicht für eine Ausbildung reicht. Oder dass bestimmte Hilfen nicht
in Frage kommen, weil sie in der so genannten Gestattungsphase nicht in Anspruch genommen
werden dürfen. Das ist die Phase der vorläufigen Erlaubnis, im Land zu bleiben, vor dem endgültigen Asylbescheid. In dieser Zeit dürfen beispielsweise keine Ausbildungsbegleitenden
Hilfen (AbH) genutzt werden. Dabei wäre dieser von Bildungsträgern angebotene und von der
Agentur für Arbeit finanzierte Zusatzunterricht eine wertvolle Hilfe für viele Flüchtlinge, die
in der Berufsschule oft weitaus mehr Probleme haben als im Betrieb selbst.

Damit die Unternehmen andererseits eine gewisse Sicherheit haben, dass ihre Azubis nicht
plötzlich ausgewiesen werden, gibt es die so genannte 3+2-Regelung. Sie besagt, dass eine
Person die laufende Berufsausbildung (die in der Regel eben drei Jahre dauert) auf jeden Fall abschließen und direkt danach noch zwei Jahre im selben Bereich bei dem Unternehmen
beschäftigt werden darf, bevor möglicherweise doch noch die Abschiebung droht.

Eine wichtige Aufgabe der IHK-Beraterinnen ist, über diese und andere wichtige Bedingungen
aufzuklären. In vielen Unternehmen sind eben auch wertvolle Möglichkeiten unbekannt. Das
gilt für die Einstiegsqualifizierung (EQ), die eine Brücke hin zur Ausbildung bilden kann, aber auch
für Fördermöglichkeiten.

Die EQ, zu der Larissa Karthaus das Unternehmen beraten hat, war ja schließlich auch die Einstiegschance für Javed Hemidov. Mit seinen Sprachkursen hat er bislang nur das Niveau „B1“
erreicht, aber „B2“, also eine Stufe höher, wird allgemein als Voraussetzung für ein Ausbildungsverhältnis betrachtet. Sein Chef hat aber keine Zweifel, dass er das schafft. „Wenn die
Sprache sich weiter so gut entwickelt, sehe ich kein Hindernis für die Ausbildung“, sagt Alen
Mujanovic, der selbst ganz gut nachfühlen kann, wie es Hemidov geht. Im Alter von sechs Jahren
kam er mit seinen Eltern aus dem vom Krieg zerrütteten Bosnien.

Ein kurioser Zufall

Ähnlich zuversichtlich ist Mammad Vahdad vom Unternehmen Schmatz Catering in Hürth für seinen Schützling, der erst vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland kam. Denn Hussam
Shehade ist genauso motiviert und lernbereit. Er ist schon etwas älter, hatte bereits einige Jahre
Arbeit in der Hotellerie vorzuweisen. Ideale Voraussetzungen für die Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann, die er jetzt seit August absolviert. Vorher beschnupperten sich beide
Seiten in einem Praktikum. Wie es dazu kam, ist allerdings mehr als kurios.

Bei der Planung für eine Hochzeitsfeier bekam die Braut mit, dass der Caterer einen Azubi suchte.
Sie kannte Hussam Shehade, weil sie sich für Flüchtlinge engagiert, und empfahl ihn. Er werde
auch Gast der Hochzeit sein, da könne man sich ja mal kennenlernen, sagte sie. Praktisch zur selben Zeit rief IHK-Beraterin Larissa Karthaus bei Schmatz an. Ob man nicht einen Azubi im Veranstaltungsbereich gebrauchen könnte, sie hätte da jemanden, der wolle das unbedingt. Der Mann hieß Hussam Shehade.„Das war natürlich ein irrer Zufall. Und ein Glücksfall für uns“, sagt sein Chef heute.

Da der Syrer bereits seine Aufenthaltserlaubnis hatte, gab es auch keine Probleme mit Behörden.
So glatt läuft es natürlich nicht immer. Aber auch ein gewisser Aufwand lohnt sich, betonen
die IHK-Beraterinnen unisono:„ Wir bekommen praktisch von allen ein begeistertes Feedback,
weil die neuen Mitarbeiter so motiviert sind. Wenn die Sprachprobleme mal überwunden sind, ist das auf jeden Fall ein echter Mehrwert für die Unternehmen.“

Der Syrer Hussam Shehade (r.), hier mit Mammad Vahdad, absolviert bei Schmatz Catering eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann.
Foto: Peter Boettcher

Kontakte und Infos bei der IHK Köln
Larissa Karthaus ist als Ausbildungsstellenvermittlerin und speziell als
Willkommenslotsin bei der IHK Köln aktiv und berät unter anderem Unternehmen, die Praktika, Einstiegsqualifizierungen oder Ausbildungsplätze für Flüchtlinge anbieten wollen.
Kontakt: Tel. 0221/16406780, larissa.karthaus@koeln.ihk.de

Anja-Lena Niesen ist ebenfalls Ausbildungsstellenvermittlerin und berät
Bewerberinnen und Bewerber mit Fluchthintergrund.
Kontakt: Tel. 0221/16406786, anja-lena.niesen@koeln.ihk.de

Zahlreiche Informationen und weiterführende Links zum Thema gibt es auf 
www.ihk-koeln.de gesammelt auf einer Seite „Flüchtlinge“.

Angebote der IHK-Stiftung für Flüchtlinge
Auch die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung kümmert sich intensiv um die berufliche Integration Geflüchteter. Im Programm „Ausbildungs- und
ArbeitsPerspektive“ bietet sie kostenlose Veranstaltungen zu den Themen Berufsorientierung, Bewerbungstraining und interkulturelle Kompetenz. Zusätzlich gibt es ein individuelles Beratungsangebot sowie eine Praktikumsvermittlung. Im Jahr 2018 nahmen bis Ende September 155 Geflüchtete an den Angeboten teil, davon konnten 50% in ein Praktikum, eine Einstiegsqualifizierung, eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle vermittelt werden.

Anfang September hat die IHK-Stiftung gemeinsam mit dem Kölner Träger RheinFlanke e.V. ein weiteres Projekt für Geflüchtete gestartet, die „HOPE Academy“. Hier können Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahren ebenfalls kostenlose Angebote wahrnehmen, die ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtern und sie in ihrer beruflichen und sozialen Integration unterstützen. In dem Programm werden Kompetenzen unter anderem in EDV, Teambuilding und Souveränität vermittelt. Hinzu kommen Betriebsbesuche, der Austausch mit Azubis und Info-Veranstaltungen
für Eltern.

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