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In den MMC-Studios in Ossendorf wurde der ZDF-Kinofilm „Pettersson und Findus“ gedreht - ohne den sprechenden Kater Findus, denn der wurde erst nachträglich animiert. Foto: MMC Studios
Porträt

Großes Kino aus Köln

Bei allen TV-, Video- und Games-Spektakeln geht manchmal unter, wie stark Köln als Standort für Kinoproduktionen ist. Viele Produktionsfirmen stemmen große Projekte – und das fällt auch international auf.

Text: Werner Grosch

Aschgrau, wie mit Kohlenstaub tapeziert wirken die Wände des Balkons. Der Vater raucht Kette, die Mutter auch, und im Hintergrund qualmen die Schlote. Darüber noch ein paar dunkle Wolken, ein giftig wirkendes Braun in die Grautöne ge­mischt, und die bedrückende Szenerie ist vollständig. Man spürt schon beim Hinsehen Hustenreiz.

So sah für Autor Ralf Rothmann der Ruhrpott zu Beginn der 1960er aus, und so hat Regisseur Adolf Winkelmann die Bilder umgesetzt für seine Ver­filmung des Romans „Junges Licht“, der im Mai in den Kinos anlief. Darin geht es um eine Kindheit im Pott, deren Grundrhythmus schon Sekunden nach dem Vorspann klar ist: Der Abbruchhammer gibt den Takt vor, und es kann nur Absicht sein, dass das Gerät wie ein Maschinengewehr in die Ohren knallt. Lärm, Schweiß und schwarzer Dreck sind die Hauptbestandteile dieses Films, der natürlich in echten Zechen im Ruhrgebiet entstand.

Eine quirlige und starke Branche in der Stadt

Aber nicht nur dort: Der graue Balkon stand in einem der Kölner MMC-Studios. Hier qualmte Charly Hübner als Film-Vater seine Kippen, hier schielte sein Film-Sohn Oskar Brose verschämt zur Nachbarstochter hinüber. „Junges Licht“ ist Adolf Winkelmanns erster großer Kinofilm seit Jahren, und er ist eng mit Köln verbunden. Anders gesagt: Er ist ein beredtes Beispiel für die quirlige und wirtschaftlich starke Kinofilmbranche in der Stadt, die neben Verlagen und Fernsehen bisweilen untergeht, wenn von der „Medienstadt Köln“ die Rede ist.

Zu Unrecht, findet Philip Borbély, Geschäftsführer der MMC Studios Köln GmbH und der MMC Movies Köln GmbH: „Natürlich ist Köln die deutsche Entertainment-Hauptstadt. Köln und NRW bieten jedoch auch Filmemachern hervorragende Produktionsbedingungen: Vielfältigste Locations sowie Studios, Dienstleister und Crews, die auf international höchstem Niveau arbeiten.“

19 Studios mit viel Fläche bei MMC in Ossendorf

Dass dieser Satz stimmt, hat natürlich einiges mit MMC selbst zu tun. Auf dem Gelände in Köln-Ossendorf bieten insgesamt 19 Studios mit einer Gesamtfläche von 21.000 Quadratmetern Raum für alle möglichen Formate, darunter sind auch die mit 26 Metern höchsten Filmstudios der Welt.

Hier entstand schon „Die fabelhafte Welt der Amélie“, aber auch in den letzten Jahren wurden bei MMC große Filme gedreht: „Zu den Highlights zählen sicher Filme wie ,Der Vorleser‘, ,Eine dunk­le Begierde‘, ,Only Lovers Left Alive‘ und ,Der Medicus‘“, sagt Bastie Griese, Geschäftsführer der MMC Movies Köln GmbH.

Die Möglichkeiten der Studios allein locken aber noch nicht die Großen der Branche. Griese sieht den Vorzug von MMC auch in der Vielfalt der Dienstleistungen von der Herstellung der Kulissen bis hin zur Finanzierung. „Finanzierungsfragen spielen bei internationalen Koproduktionen eine große Rolle. Hier bietet die MMC internationalen Produzenten langjähriges Know-how und eine ganze Reihe von Möglichkeiten“, sagt Griese. Dazu gehöre die öffentliche Förderung ebenso wie die Beteiligung privater Investoren.

Viele erfolgreiche Mittelständler

Ohne Geld geht eben nichts – so einfach ist das in diesem Fall schon. Und weil das so ist, wäre beinahe auch die Produktion des Winkelmann-Films „Junges Licht“ noch in letzter Minute geplatzt.Die Firma des Regisseurs hat den Film gemeinsam mit der Kölner FFP New Media umgesetzt. „Bei der Finanzierung spielte die Film- und Medienstiftung NRW mit einer Produktionsförderung von 1,1 Millionen Euro eine entscheidende Rolle“, berichtet Greta Gilles, die als Producerin bei FFP New Media für die inhaltliche Betreuung von „Junges Licht“ verantwortlich war.

Auch der WDR und Arte sowie der Bund beteiligten sich. Weil aber andere öffentliche Förderer Absagen erteilten, konnte der Film schließlich nur durch die kulturelle Förderung von Evonik und der RAG-Stiftung gesichert werden. Beide Unterstützer wollten so die Erinnerung an die Steinkohle-Industrie im Ruhrgebiet bewahren – auch wenn die im Film nicht gerade romantisch verklärt erscheint.

FFP New Media ist eine unabhängige, mittelständische Produktionsfirma, die mit Filmen wie „Junges Licht“ durchaus Wagnisse eingeht, wie Greta Gilles schildert: „‚Kleinere‘, künstlerisch anspruchsvolle Kinofilme bringen die Kinokassen in Deutschland nur selten zum Klingeln. Aus unternehmerischer Sicht stellte die Produktion von ,Junges Licht‘ also durchaus ein Risiko dar, das unser Geschäftsführer und Produzent Michael Smeaton gerne eingegangen ist – weil wir an die Geschichte und die Umsetzung des Regisseurs Adolf Winkelmann glauben, weil wir an Kinoproduktionen als einen früheren Schwerpunkt der FFP New Media anknüpfen und zur Qualität des deutschen Kinos bei­tragen möchten.“

Erstaunlich ist in jedem Fall, welch großes Kino Unternehmen wie die 15 Mitarbeiter zählende FFP New Media herzustellen in der Lage sind. In Köln gibt es eine ganze Reihe weiterer Bei­spiele für erfolgreiche Mittelständler auf diesem Gebiet. Zu ihnen gehört die schon 1985 von Michael Souvignier gegründete Zeitsprung GmbH, die zuletzt den im März angelaufenen Film „Das Tagebuch der Anne Frank“ produzierte. Er entstand 2015 ebenfalls teilweise in den MMC Studios und lockte 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos.

Unterstützung durch breite Palette von Dienstleistern

Für besonders ambitionierte Kinofilme steht seit 2003 in Köln Bettina Brokemper mit ihrem Unternehmen „Heimatfilm“, das zuletzt den vieldiskutierten Film „Wild“ produzierte, in dem eine junge Frau mit einem Wolf zusammenlebt. Knapp 20 Produktionen stellte das Unternehmen seither auf die Beine.

Dass auch Dokumentationen im Kino erfolgreich laufen können, beweist im Übrigen seit Jahren Gerd Haag mit seiner Firma Tag/Traum. Der Dozent an der ifs internationale filmschule köln produzierte mit „Sonita“ die Geschichte einer 19 Jahre alten Afghanin, die illegal im Iran lebt und die als erste afghanische Rapperin ihre Geschichte erzählt – die Geschichte, wie ihre Familie plant, sie für 9.000 Dollar an einen unbekannten Bräutigam zu verkaufen.

„Die Kölner Region ist für die Filmbranche ein starker Standort – hier existieren viele Dienstleister und hier herrscht eine positive Grundstimmung zum Film. Als häufiger Drehort ist die Stadt beliebt und anerkannt. Dies trägt auch zur Imagebildung bei“, sagt Dr. Ulrich S. Soénius, stellvertretender Hauptgeschäfts­führer und Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik. Und MMC-Geschäftsführer Philip Borbély sieht aber nicht nur deshalb für Kino aus Köln eine gute Zukunft: „Hinzu kommt mit der Film- und Medienstiftung NRW die stärkste regionale Länderförderung in Deutschland. Diese hochinteressante Kombination wird auch international immer mehr wahrgenommen.“

Die Film- und Medienstiftung NRW

Der Film-Standort Köln profitiert erheblich von der Förderung durch die Film- und Medienstiftung, die vor kurzem ihr 25-jähriges Bestehen feierte. In dieser Zeit hat sie mehr als 7.600 Projekte mit 762 Millionen Euro gefördert, davon 2.125 Filme für Kino und Fernsehen mit 642 Millionen Euro. Jeder Euro Förderung erzeugt laut Stiftung in NRW selbst eine Wertschöpfung von 2,50 Euro und sorge so für Beschäftigung auch bei vielen Dienstleistern.

Zugleich fördert die Film- und Medienstiftung mit jährlich fünf Millionen Euro den Nachwuchs. Zu diesem Engagement gehört unter anderem die Beteiligung an der „ifs internationale filmschule köln“, die im vergangenen Jahr ihr 15-jähriges Bestehen feierte.

Kinofilm-Produktion in Zahlen

Mehr als 1.500 Unternehmen der Filmwirtschaft in allen Größenordnungen gibt es allein im Bezirk der IHK Köln, also den Städten Köln und Leverkusen sowie den Landkreisen Rhein-Erft, Rhein-Berg und Oberberg. Nach einer Untersuchung des Instituts Prognos für die IHK Köln im Jahr 2014 waren in der Region mehr als 8.300 Menschen in der Branche beschäftigt. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen von 2012 erzielten Film- und TV-Produktionen (die nicht getrennt erfasst werden) in der Region rund 760 Millionen Euro Umsatz.

Mehr als 8.000 Menschen waren im IHK-Bezirk in der Filmbranche beschäftigt, davon fast vier Fünftel bei den Produktionsfirmen. Nicht zu unterschätzen ist aber auch die Unter­kategorie der Dienstleister: Allein die auf Nachbearbeitung und andere technische Services spezialisierten Unternehmen beschäftigten in der Kölner Region knapp 1.200 Menschen.

Adressen, Branchenberichte, aktuelle Meldungen und viele Fakten zur Filmbranche finden Sie auch auf der von Stadt und IHK Köln gemeinsam betriebenen Website www.medienstadt.koeln.

Fragen?

Daniela Scherhag-Godlinski

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