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Dönges und Wetec zogen in ein nicht erschlossenes Gewerbegebiet um und bauen Kreisverkehr sowie Park-&-Ride-Parkplatz nun selber Fotos: Michael Claushallmann
Blickpunkt

Gewerbeflächen stapeln

Firmen suchen händeringend nach Flächen, um am Standort expandieren zu können. Not macht erfinderisch: Inzwischen werden Produktion oder Logistik sogar ins Obergeschoss verlegt. Eine aktuelle IHK-Studie unterstreicht die Notwendigkeit solcher Ansätze.

Text: Lothar Schmitz

Nur noch wenige Handgriffe, dann ist die neue Halle einsatzbereit. Dr. Josef Kummer kann es kaum erwarten. Denn der ständige Platzmangel bereitet dem Werksleiter der ELEKTRISOLA Dr. Gerd Schildbach GmbH & Co. KG in Reichshof-Eckenhagen schon seit vielen Jahren Sorgen.

Gegründet 1948, wurde das Unternehmen – Hersteller von Kupfer- und anderen Lackdrähten – in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich erweitert. Das war lange Zeit problemlos möglich. „Doch nun sind wir an unseren topografischen Wachstumsgrenzen angelangt“, sagt Kummer und empfiehlt einen Blick auf Google Maps, um sich die Situation vor Augen zu führen: Im Norden stößt das Werksgelände inzwischen an den Talschluss. Im Süden machen die Talauen eine weitere Bebauung unmöglich. Das Gleiche gilt im Westen und Osten – dort bilden steile Hänge eine natürliche Grenze.

Die Grenzen des Umsatzwachstums sind hingegen noch lange nicht erreicht. Das Unternehmen
prosperiert, die Auftragslage ist gut. Auch die zusätzlichen 3.000 Quadratmeter Fläche, die die
neue Halle bietet, reichen nicht aus. Deshalb hat man sich bei Planungsbeginn 2018 etwas ganz
Neues einfallen lassen: „Entgegen unseren Gepflogenheiten haben wir zweistöckig geplant“,
erklärt der Werksleiter. Das wäre nicht ungewöhnlich, würde Elektrisola das Obergeschoss mit
Büros bestücken. Tatsächlich jedoch entstehen dort auf weiteren 3.000 Quadratmetern, wie darunter, zusätzliche Produktions- und Logistikareale.

Gewerbe- und Industrieflächen effizienter gestalten

Ist „Gewerbeflächen stapeln“ die Antwort auf die Flächenknappheit? Der gleichlautende Titel einer neuen Studie suggeriert das zumindest. Im Auftrag der IHK Köln und der IHK Bonn/Rhein-Sieg hat die Stadt- und Regionalplanung Dr. Jansen GmbH untersucht, wie Flächenknappheit und Flächenkonkurrenz, Schutzregimes, problematische Erschließungsverhältnisse, verkehrliche Überlastungserscheinungen, Eigentumsverhältnisse und Bürgerproteste Neuerschließungen erschweren. Zugleich liefert die Studie Anregungen, wie Gewerbe- und Industrieflächen effizienter gestaltet werden können.

Dr. Josef Kummer, Werksleiter der Elektrisola in Reichshof-Eckenhagen

Wie der Platzmangel dazu führte, dass bei Elektrisola Flächen übereinandergestapelt wurden, erzählt Werksleiter Dr. Josef Kummer auch im Interview auf dem YouTube-Kanal der IHK Köln

„Nachdem die Entwicklung in die Fläche aufgrund der Knappheit, Nutzungskonkurrenz und von Raumwiderständen schwierig geworden ist, stellt die Entwicklung in die Höhe eine mögliche Alternative dar“, heißt es in der im März veröffentlichten Studie. Allerdings sei das „Stapeln“ von industriellen, produzierenden und logistischen Betriebsflächen in Deutschland noch selten und kaum Bestandteil betrieblicher Planungen oder des kommunalen Planungsrechts. Doch es gibt Beispiele. Die Studie nennt zum Beispiel die Gewerbehöfe in München, den projektierten „Huckepackbahnhof“ in Hamburg oder das „Sprinter“-Werk der Daimler AG in Düsseldorf, wo seit 1962 Mercedes-Transporter vom Band rollen. Längst ist das Grundstück vollständig ausgenutzt. Deshalb erfolgen die Produktionsprozesse inzwischen über mehrere Ebenen. „Die Karosserien überwinden auf dem Weg durch die Produktion verschiedene Höhenniveaus“, schreiben die Studienautoren.

Ein weiteres Beispiel in der Studie: Elektrisola. Werksleiter Kummer berichtet von der anspruchsvollen Planung: „Nicht nur die Brandschutzanforderungen sind komplex, sondern auch die logistische Anbindung des Obergeschosses an das Erdgeschoss und übrige Werksgelände, also der innerbetriebliche Transport.“ Deshalb musste das Unternehmen einen Lastenaufzug einplanen, außerdem eine Zufahrtsrampe als Ersatz bei technischen Problemen oder um Anlagen ins Obergeschoss zu bringen, für die die Kapazität des Aufzugs nicht reicht.

Kummer gibt zu: „Ursprünglich waren wir auf die Komplexität einer Standorterweiterung in die
Höhe nicht vorbereitet.“ Man sei froh, dass es geklappt habe, aber es sei schon ein schmerzlicher
Kompromiss. „Wir erkaufen uns zusätzliche Flächen mit klaren Nachteilen“, sagt der Werksleiter.
Aber: „Eine Verteilung auf mehrere Standorte oder gar eine Abwanderung wären eine
noch viel schlechtere Lösung gewesen!“

Notfalls die Gewerbefläche selbst erschließen

Die Flächen im IHK-Bezirk sind knapp, weil es Teilen der Wirtschaft trotz Corona gutgeht und einige Firmen expandieren. Das kommt der gesamten Region zugute, die auch deshalb von Bevölkerungszunahme geprägt ist. Das Dilemma: „Weniger zur Verfügung stehende Fläche bei gleichzeitigem Druck auf den Wohnungsmarkt erzeugt Verlust an anderer Stelle – und da zieht bei der Politik und in der öffentlichen Meinung doch häufig die Wirtschaft den Kürzeren“, schreiben Dr. Ulrich S. Soénius, Geschäftsführer Standortpolitik der IHK Köln, und Prof. Dr. Stephan Wimmers, Geschäftsführer Industrie und Handel der IHK Bonn/Rhein-Sieg, im Vorwort zur Studie. Dabei sei nachgewiesen, dass die Unternehmen mehr Fläche bräuchten – und nicht weniger.

Zukunftsfähigkeit von Gewerbegebieten – Broschüre

Von einem modernen und attraktiven Arbeitsumfeld profitieren Unternehmen in vielerlei Hinsicht. Der Standort prägt das Image. In vielen Gewerbe- und Industriearealen sind jedoch sogenannte Trading-down-Prozesse zu beobachten: Leerstände und Mindernutzungen, mangelnde städtebauliche Qualität, nicht ausreichende verkehrliche Erschließung oder herangerückte Wohnnutzungen schrecken Folgenutzer, potenzielle Beschäftigte und Kunden ab. Die kostenlose IHK-Broschüre „Zukunftsfähigkeit von Gewerbegebieten – Bausteine und Best-Practice-Beispiele“ gibt Tipps, wie sich dem begegnen lässt. Die Empfehlungen reichen von zügig umsetzbaren Maßnahmen bis hin zu mehrstufigen Veränderungsprozessen.

www.ihk-koeln.de/221822

Zum Beispiel die Schwesterunternehmen DÖNGES GmbH & Co. KG und Wetec Werkzeughandel und technischer Bedarf GmbH & Co. KG aus Wermelskirchen. Mehr als 100 Jahre war Dönges in der Werkzeugstadt Remscheid zu Hause, Wetec mehr als 30 Jahre. „Dort fühlten wir uns sehr verwurzelt“, berichtet Wolfgang Schulz, einer der Geschäftsführer beider Unternehmen und Gründer von Wetec, am Telefon. Doch so tief die Wurzeln auch reichten – die Unternehmensführung musste sie nun dennoch herausreißen. „Wir waren viele Jahre mit der Stadt im Gespräch, sie hat sich wirklich bemüht, konnte uns aber keine Expansionsflächen in ausreichender Größe mehr anbieten“, erzählt Schulz. Die Abläufe seien immer beengter und ineffizienter geworden. „Der Leidensdruck war irgendwann zu groß.“ Mehrgeschossigkeit war keine Lösung. Deshalb musste das Traditionsunternehmen samt der jüngeren Schwester umziehen. Durch glückliche Umstände wurden die beiden Unternehmen in Wermelskirchen fündig. Dort gibt es eine ungewöhnliche Gewerbefläche, von Ortskundigen auch „Autobahn-Ohr“ genannt. Gemeint ist die riesige Schleife, die die A1-Abfahrt „Wermelskirchen“ beschreibt. Von einem Architekten hatte die Geschäftsführung erfahren, dass das Areal als Gewerbe- und Industriefläche geplant werde. Im Dezember 2020 konnten die beiden Unternehmen dort ihre neue Firmenzentrale beziehen – nur eine Autobahnausfahrt weiter als der bisherige Standort.

Ken Schmidt und Wolfgang Schulz von Wetec und Dönges

Ken Schmidt (links) und Wolfgang Schulz schildern im Interview auf dem YouTube-Kanal der IHK Köln, wie Wetec und Dönges zum „Autobahn-Ohr“ kamen.

Dennoch muss das Doppelunternehmen am neuen Standort innovativ werden – nicht vertikal, aber horizontal. „Das Gewerbegebiet ist nicht erschlossen“, sagt Schulz. Deshalb werde man nun in Abstimmung mit der Stadt selbst einen Kreisverkehr und einen Park-&-Ride-Parkplatz anlegen. Eine weitere Bedingung: Das Unternehmen muss einen Teil der Gesamtfläche unbebaut lassen und bepflanzen. „Beides ist nicht unsere Kernkompetenz, aber den Kompromiss mussten wir eingehen“, erklärt Schulz. „Wir hatten nicht wirklich die Wahl, denn wir brauchten jetzt zusätzliche Flächen, nicht erst in einem oder zwei Jahren. Deshalb sind wir dankbar.“

Mehr Flächen ausweisen!

Für IHK-Köln-Standortexperte Soénius ist klar: „Die Unternehmen leisten eine Menge, um sich an ihrem Standort entwickeln zu können!“ Verlagerung sei nur das äußerste Mittel. „Es ist jedes Mal sehr schade, wenn es dazu kommen muss – deshalb appellieren wir an alle Beteiligten, die gesetzlichen Rahmenbedingungen anzupassen und Hindernisse aus dem Weg zu räumen, um mehr Flächen auszuweisen und auf vorhandenen Flächen auch ungewöhnliche Lösungen zu ermöglichen!“

Fragen?

Gero Fürstenberg
Sebastian Holthus
Ester Maniecki
Katarina Matesic

Neuaufstellung des Regionalplans Köln

Die Regionalplanung, so heißt es auf der Website der Bezirksregierung Köln, hält „ausreichende Spielräume für die Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung vor. Dazu legt sie Ziele und Grundsätze der Raumordnung fest, die von allen raumbedeutsamen Planungen und Maßnahmen im Regierungsbezirk beachtet bzw. berücksichtigt werden müssen.“

Dabei geht es etwa um die Steuerung der Siedlungs- und Freiraumentwicklung, großflächige Einzelhandelsentwicklungen oder Raumansprüche erneuerbarer Energien. Der Regionalplan ist das Bindeglied zwischen der großräumigen Raumordnung und Landesplanung einerseits und der lokalen Bauleitplanung andererseits. Für Letztere setzt er den Rahmen und bestimmt die Spielräume für unternehmerische Aktivitäten. Somit ist er für die Planungssicherheit der Wirtschaft maßgeblich.

Von besonderer Bedeutung sind die Vorgaben zu Gewerbe- und Industrieflächen, Verkehr und Logistik, Rohstoffsicherung und Energieversorgung. Seit Herbst 2015 bereitet die Bezirksregierung die Überarbeitung des jetzigen, inzwischen rund 15 Jahre alten
Regionalplans vor. Anlass ist zum einen der neue Landesentwicklungsplan NRW, an dessen Vorgaben der Regionalplan angepasst werden muss. Zum anderen erfordern etwa Veränderungen in der Energiepolitik von Bundes- und Landesregierung, die zunehmende Digitalisierung und Globalisierung sowie die demografische Entwicklung
Anpassungen in der Flächennutzung. Mit der Neuaufstellung des Regionalplans werden die Weichen für die wirtschaftliche Entwicklung der Region bis in die 2030er Jahre gestellt.

Die IHK Köln hat sich in den vergangenen Jahren regelmäßig in die Vorbereitungen für den neuen Regionalplan eingebracht, unter anderem war sie an dem Agglomerationskonzept des Vereins Region Köln/Bonn beteiligt, das in die Vorarbeiten eingeflossen ist. Im Laufe dieses Jahres soll nun das formale Erarbeitungsverfahren starten. Die IHK ist offiziell beteiligt und erhält Gelegenheit, sich zum Entwurf und zur Begründung zu äußern. Dabei wird sie die Interessen der regionalen Wirtschaft vertreten. Zudem können sich Unternehmen und auch Bürger*innen selbst durch Stellungnahmen einbringen. 2024 soll das Verfahren abgeschlossen sein.

www.ihk-koeln.de/1139

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