Stichwortsuche

Mit Freude und Überzeugung dabei: Pascal Raviol Foto: Archiv Pascal Raviol
Porträt

Geschäftsmodell Lebensgefühl

Beim „Jahrmarkt anno dazumal“ dreht sich sein Kinder-Sportkarussell aus den Dreißigerjahren, bei den „Oidn Wies’n“ in München steht seine historische Reisekonditorei. Ein Porträt des Kölner Schaustellers Pascal Raviol.

Text: Lothar Schmitz

Er begrüßt uns mit einem charmanten Lächeln, das in den folgenden anderthalb Stunden immer wieder aufblitzt. Keine Frage: Pascal Raviol ist guter Stimmung. Am Wetter liegt es nicht – es sind gerade mal fünf Grad und damit deutlich zu wenig für einen echten Besucheransturm beim „Jahrmarkt anno dazumal“ im LVR-Freilichtmuseum Kommern. Raviol lächelt trotzdem.

Denn der Schausteller ist Optimist. Und mit seinem Kinder-Sportkarussell aus den Dreißigerjahren mit Freude und Überzeugung bei dem historischen Jahrmarkt aktiv, der seit 1995 alljährlich über Ostern stattfindet und viele zusätzliche Besucher ins Freilichtmuseum lockt. „Die Veranstaltung hat eine Seele“, sagt Raviol, „das ist wunderbar“.

Was er meint: Die Besucher kommen nicht einfach zum Karussellfahren. Sondern weil sie bei dem Jahrmarkt mit seinen rund 80 Attraktionen und im Freilichtmuseum insgesamt etwas erleben und lernen können. Viele wollen zudem in alten Zeiten schwelgen, als es auf der Dorfkirmes noch Schiffsschaukeln und Messerwerfer, Kettenkarussells und Wahrsager gab.

„Wir bieten ihnen keinen Rummel, sondern ein Lebensgefühl, das es heute so nicht mehr gibt“, betont Raviol, der sich wohlfühlt inmitten der historischen Fahrgeschäfte, Schaubuden und Besucher mit ihren glänzenden Augen und vielen Fragen, die er geduldig beantwortet.

Vom DDR-Staatszirkus zum eigenen Schaustellerbetrieb

Zu seinem Kinder-Sportkarussell erfährt man dann beispielsweise, dass es um 1935 gebaut wurde und eine ungewöhnliche Drehrichtung aufweist, nämlich rechts herum. „Das ist bei den meisten Karussells dieser Zeit anders“, erklärt Raviol, „wir vermuten, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg für einen Jahrmarkt in der Britischen Besatzungszone umgerüstet wurde.“ Das würde auch erklären, weshalb bei den kleinen Sportwagen das Lenkrad rechts befestigt ist.

An das Karussell und das eigene Schausteller-Unternehmen kam Raviol, „weil es sich so ergeben hat“, wie so vieles in seinem Leben. Geboren in der DDR, wollte Raviol immer zum Zirkus. Er machte eine Ausbildung als Schrift- und Reklamemaler und hatte schließlich zur Wendezeit das Glück, beim DDR-Staatszirkus, der noch aus den drei Betriebsteilen „Busch“, „Berolina“ und „Aeros“ bestand, in der Werbeabteilung anfangen zu können. Kurze Zeit später ging er mit dem von der Treuhand verwalteten „Circus Busch-Berolina“ auf Westtournee. Nach dem Scheitern der Verkaufsverhandlungen für den ehemaligen DDR-Vorzeigebetrieb machte ihm der frühere Konkurrent „Busch-Roland“ ein Jobangebot, Raviol wurde dort Pressesprecher.

Zwei Jahre später begann das, was Raviol noch heute seine schönsten Angestelltenjahre nennt: 1994 stellte ihn Bernhard Paul ein und übertrug ihm die Verantwortung für die Öffentlichkeitsarbeit des Circus Roncalli in Köln. „Das war der Job meines Lebens“, schwärmt Raviol.

Zehn Jahre später verspürt der Wahlkölner dennoch den Drang, sich verändern zu wollen. Als ein Freund ihm den Kontakt zu jemandem vermittelte, der ein historisches Karussell verkaufte, schlug er, ohne allzu lange nachzudenken, zu. Das war der Startschuss fürs eigene Unternehmen. Weil es sich – einmal mehr – so ergeben hat, kamen schnell ein ebenfalls nostalgischer Verkaufswagen für Süßwaren, eine „Reiseconditorei“ Baujahr 1949 und ein Lkw hinzu, um Karussell und Verkaufswagen transportieren zu können.

Ein nostalgischer Vergnügungspark auf Rädern

So kam nach und nach ein kleiner nostalgischer Vergnügungspark auf Rädern zusammen. Den buchen vor allem Eventfirmen, Museen, Städte und Gemeinden – zuletzt etwa Roisdorf bei Bonn, als dort 900 Jahre Ortsjubiläum gefeiert wurden – sowie Firmen für große Kunden- oder Mitarbeiterveranstaltungen. 80 Prozent seines Umsatzes macht Raviol mit solchen Kunden, die er über Mundpropaganda gewinnt, aber auch durch eigene Akquise. Das übrige Umsatzfünftel erwirtschaftet der Kölner Unternehmer bei Jahrmärkten wie dem in Kommern, bei Weihnachtsmärkten – und auf der „Oidn Wies’n“, dem historischen Teil des weltberühmten Münchner Oktoberfests.

Raviol beschäftigt vorrangig Saisonkräfte. Bei großen Events und auf den Weihnachtsmärkten sind für ihn manchmal bis zu 40 Personen aktiv. Heimstatt der Buden, Zirkuswagen und Karussells, zu denen mittlerweile auch eine gerade frisch restaurierte Berg- und Talbahn gehört, ist eine Lagerhalle in Düren. Hier befindet sich auch die kleine Karussellwerkstatt. Auf dem weitläufigen Gelände quartieren sich oft Kollegen aus alten Zirkustagen ein. Sie überbrücken hier die Sommer- oder Winterpause und stehen dann mit ihren Wohnwagen auf dem Gelände.

Unternehmens- und Wohnsitz ist hingegen Köln. Hier hätte Raviol auch gerne ein mehrmonatiges Engagement. Er kann sich seinen kleinen Jahrmarkt im Rheinpark, im Lindenthaler Tierpark, dem Grüngürtel oder an einem anderen schönen Ort vorstellen, doch bislang scheiterten seine Bemühungen um einen festen Standplatz. „In Frankreich steht an jedem schönen Platz ein Karussell, während hier Kirmes oft mit ‚laut, schrill, primitiv‘ in Verbindung gebracht wird“, bedauert der Schausteller. Dass es auch anders gehe, versuche er mit seinen historischen Kirmesrelikten zu zeigen. Es geht anders – davon konnte man sich beim „Jahrmarkt anno dazumal“ überzeugen. Trotz der kalten Temperaturen.

Wer den kleinen historischen Jahrmarkt von Pascal Raviol live erleben möchte, hat dazu vom 3. bis 11. Juni bei der Hofkirmes auf Gut Clarenhof in Frechen Gelegenheit. Vom 14. bis 18. Juni gastiert Raviol unter anderem mit der Reiseconditorei in Kornelimünster bei Aachen und vom 7. bis 16. Juli am Outlet Center vor den Toren von Bad Münstereifel.

Albert Ritter, Präsident des Schaustellerbundes

Interview

Kulturgut und Wirtschaftsfaktor

Pro Besucher eines Jahrmarktes fließen rund drei Euro in den kommunalen Haushalt der ausrichtenden Stadt oder Gemeinde. Kirmes, Jahr- und Weihnachtsmärkte sind erhebliche Wirtschaftsfaktoren. Doch wie geht es den Schaustellern? Darüber sprach unser Autor mit Albert Ritter, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Schaustellerverbände in Nordrhein-Westfalen und Präsident des Deutschen Schaustellerbundes e.V.

Interview: Lothar Schmitz

Herr Ritter, Sie betreiben das Schaustellergeschäft in fünfter Generation. Weshalb sind Sie Schausteller geworden und was macht einen Schausteller aus?

Albert Ritter: Ein Schausteller muss nach außen gewandt sein. Nur wer Freude im Herzen hat, kann auch anderen Menschen Freude geben. Man muss gerne mit Menschen umgehen – und ich bin gerne unter Menschen. Deshalb liegt mir der Job. Ich konnte Hobby und Beruf vereinen und fühle mich wohl. Im Übrigen bin ich damit groß geworden, meine Eltern und Großeltern waren Schausteller.

Können Sie von Ihrem Unternehmen leben?

Ja, weil wir im Familienverbund mehrere Schaustellerbetriebe haben und uns gegenseitig so gut ergänzen, dass wir insgesamt gut über die Runden kommen. Das Geschäft ist ja stark saisonabhängig. Wir haben im Schnitt 120 Spieltage im Jahr. An denen müssen wir den Umsatz fürs komplette Jahr erwirtschaften, denn die Kosten laufen ja weiter.

Wie geht es denn der Schaustellerbranche in Deutschland insgesamt?

Wir haben ein Riesenproblem: Der Amtsschimmel macht es uns sehr schwer und nimmt manchem Betrieb die Luft zum Atmen. Die meisten kämen mit den Erlösen zurecht, wenn die gesetzlichen Vorgaben und die Ausgaben nicht überproportional steigen würden. Das haben wir, denke ich, mit vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland gemeinsam.

Welche gesetzlichen Vorgaben engen Ihrer Meinung nach den Spielraum der Schausteller ein?

Im Gegensatz zu anderen Gewerbetreibenden müssen wir einen besonders hohen Strompreis bezahlen, weil wir als sogenannter „minderjähriger Stromabnehmer“ gelten. Die Betriebe nehmen zwar das ganze Jahr über Strom ab, werden aber wegen des Reisebetriebs und der verschiedenen Stellplätze Woche für Woche als neue Stromabnehmer eingestuft. Wir zahlen dann den superteuren Baustellenstrom.
Weiteres Problem: Die Umweltzone. Damit muss sich eine Kneipe in der Stadt nicht herumschlagen. Unser mobiler Ausschankbetrieb aber schon. Viele Schausteller können aber nicht so einfach ihr Fahrgeschäft oder ihren alten Transporter umrüsten oder einen neuen anschaffen. Da müsste es zwingend Ausnahmen für reisende Gewerbetreibende geben.
Ein aktuelles Thema ist zudem die Sicherheit. Wegen der Terroranschläge der jüngsten Zeit steigen die Anforderungen ständig. Aber es geht nicht, den Schaustellern alle Kosten aufzubürden. Wir meinen, dass Sicherheit eine hoheitliche Aufgabe ist und die Kosten von der Gesellschaft insgesamt getragen werden müssen, nicht nur von uns Schaustellern.

Erschweren nicht auch gesellschaftliche Veränderungen, beispielsweise ein verändertes Freizeitverhalten, das Geschäft?

Wir stellen fest: Überall dort, wo eine Kirmes von der Kommune gewollt ist und begleitet wird – so wie es zum Beispiel bei „Pützchens Markt“ in Bonn der Fall ist, einem der größten und ältesten deutschen Jahrmärkte –, haben wir keine Besucherrückgänge zu verzeichnen. Wo Kirmes politisch gewollt ist, funktioniert sie. Da wo die Rahmenbedingungen vernachlässigt werden; da wo sich Politik und Verwaltung nicht mehr mit ihrem Volksfest identifizieren, da haben wir Rückgänge. Die Abstimmung mit den Füßen zeigt: Die Menschen wollen nach wie vor Kirmes! Aber vor allem dort, wo sie traditionell hingehört: inmitten der Städte. Und nicht an der Peripherie, wohin uns manche Stadtoberen drängen wollen.
Unabhängig davon sehen wir, dass die Stadtteil- oder Dorfkirmes, oft verbunden mit Schützenfesten oder anderen Traditionsveranstaltungen, generell kränkelt. Das spüren wiederum die Schausteller, die vor allem auf die kleinen Feste angewiesen sind.

Wie schätzen Sie die Situation in Köln ein?

Da gibt es beispielsweise die großen Kirmesereignisse am Deutzer Rheinufer im Frühjahr und Herbst. Das sind Publikumsmagneten. Durchgeführt übrigens in Eigenregie der Schausteller, nicht etwa als städtische Veranstaltung. Insgesamt sind die Schausteller dort zufrieden, allerdings könnten auch hier die Rahmenbedingungen besser sein. Wir würden uns zum Beispiel wünschen, abends nicht schon um 22:30 Uhr enden zu müssen. Außerdem ist die Fläche begrenzt, das hindert die Betriebe daran, besonders große Fahrgeschäfte aufzustellen. Trotzdem: Citynähe und Atmosphäre sind gut dort.

Wie steht es mit den Weihnachtsmärkten?

Die sind ein sehr wichtiger Umsatzfaktor für unsere Branche. Für viele Schausteller sind sie aus dem Jahreskalender nicht mehr wegzudenken. Aber von den Weihnachtsmärkten und Volksfesten Jahrmärkten und Kirmes-Ereignissen profitieren nicht nur wir Schausteller! Der Deutsche Schaustellerbund hat 2013 die wirtschaftliche Bedeutung der Volksfeste systematisch untersuchen lassen.

Und?

Pro einzelnem Besuch eines Jahrmarktes fließen rund drei Euro in den kommunalen Haushalt der ausrichtenden Stadt oder Gemeinde! Es werden ja nicht nur Umsätze auf der Kirmes selbst getätigt. Auch in Hotels und Gaststätten, bei Tankstellen und Taxifahrern, bei Brauereien, Bäckern, Metzgern und vielen anderen werden zusätzliche Umsätze ausgelöst. Und vergessen Sie die Schausteller selbst nicht: Die sind meist regional verankert und pflegen vielfältige örtliche Geschäftsbeziehungen. Allein in Köln zählt unser dortiger Verband über 50 Mitgliedsbetriebe.
Berücksichtigt man auch Umsatz- und Einkommensteuer, fließen den öffentlichen Haushalten sogar rund 1,25 Milliarden Euro pro Jahr oder 8,45 Euro pro Besuch aus der Schaustellerbranche zu. Diese schafft und sichert – ein weiteres zentrales Ergebnis – zirka 13.750 externe Arbeitsplätze.

Eine abschließende Frage, Herr Ritter: Wenn Sie drei Wünsche an die Politik frei hätten – was würden Sie sich für Ihre Branche wünschen?

Erstens: Bürokratieabbau. Zweitens: Wir wollen bei Gesetzesentwürfen und Verordnungen besser mitgenommen werden als bisher, um unsere besondere Situation verdeutlichen zu können. Die meisten Gesetze sind ja für stehende Gewerbe gemacht. Viele in der Politik verstehen nicht, was bestimmte Vorhaben für die reisenden Schausteller bedeuten.

Und drittens?

Unser Antrag bei der deutschen UNESCO-Kommission, die Volksfeste in Deutschland als „immaterielles Kulturgut“ anerkennen zu lassen, wurde abgelehnt. Begründung: Auf einer Kirmes werde Geld verdient. Die ältesten Jahrmärkte in Deutschland sind 1.200 Jahre alt. Das ist – um eine Forderung der UNESCO zu nennen – „lebendige Weitergabe“ in Reinkultur. Im gleichen Zuge wurde das deutsche Reinheitsgebot als „immaterielles Kulturgut“ anerkannt Wird damit kein Geld verdient? Wir werden weiter für die Anerkennung kämpfen!

WEITERE THEMEN