Stichwortsuche

Der Lebensmittel-Einkauf unter freiem Himmel liegt im Trend: Immer mehr Kunden versorgen sich regelmäßig auf dem Wochenmarkt (wie hier in Köln-Braunsfeld); 2016 waren es Umfragen zufolge deutschlandweit rund 27 Millionen Verbraucher. Foto: Thilo Schmülgen
Blickpunkt

Ganz traditionell und voll im Trend

Endverbraucher können sich heute rund um die Uhr mit frischen Lebensmitteln versorgen - vom Supermarkt bis zum Online-Lieferdienst. Oder ganz traditionell und dennoch voll im Trend: auf dem Wochenmarkt. Allein in Köln gibt es 66 dieser Veedels-Treffs. Und auch im Umland sind sie eine feste Institution, die sich gleichwohl den gewandelten Bedürfnissen der Kundschaften angepasst hat.

Text: Annika Fröhlich

Matthias Krings hat alle Hände voll zu tun. Er steht an seinem Stand auf dem Wochenmarkt in Köln-Braunsfeld und berät einen Familienvater, der jeden Samstag Obst und Gemüse bei ihm kauft. Da kommt auch schon die nächste Kundin, fragt Krings nach Rezepttipps für ein neues Gericht. Krings steht seit mehr als 20 Jahren auf dem Braunsfelder Markt, zweimal die Woche.
 
Vormittags ist am meisten los, sagt der Händler. Und das, obwohl es heutzutage für den Einkauf doch so viele Alternativen gibt: Supermärkte, inzwischen sogar Online-Shops. „Der Markt bleibt aber etwas Besonderes“, ist Händler Krings überzeugt. Er selbst verkauft selbst Erzeugtes frisch vom eigenen Bauernhof, dazu exotische Obst- und Gemüsesorten vom Großmarkt. Und seine Kunden kommen nicht nur zum Einkaufen, sondern auch um sich zu unterhalten und beraten zu lassen.  „So eine Atmosphäre gibt es in keinem Supermarkt“, sagt der Händler. Er blickt optimistisch in die Zukunft der Wochenmärkte. „Der Altersdurchschnitt der Kunden ist in den letzten Jahren deutlich gesunken“, hat Krings beobachtet.

Wochenmärkte liegen tatsächlich im Trend. Eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigt: In den Jahren 2014 und 2015 kauften rund 27 Millionen Deutsche regelmäßig auf Wochenmärkten ein. Im Jahr 2016 waren es schon 28 Millionen – ein Plus von immerhin fast vier Prozent. Experten wundert das nicht: Frische, naturbelassene Lebensmittel aus der Region sind gefragt. Nicht umsonst wirbt der Supermarktkonzern Rewe für seine Produkte mit dem Slogan „Frische wie vom Wochenmarkt“.

 
Wer einen eigenen Stand betreiben möchte, muss sich an die jeweiligen Gebühren der Stadt halten. In Köln kostet ein Meter Stand 1,51 Euro pro Markttag – für einen Dauerstandplatz. Bei einem fünf Meter breiten Stand wäre also eine Miete von 7,55 Euro netto fällig. Ein Tagesstandplatz ist etwas teurer: Für dieselbe Breite muss der Standbetreiber bei 2,02 Euro pro Meter am Tag 10,10 Euro zahlen. Ein angefangener Meter wird dabei immer voll berechnet. Dazu kommen noch die Mehrwertsteuer und eine zusätzliche Verwaltungsgebühr von 20,59 Euro an die Stadt Köln.

Das Geld ist gut angelegt, denn längst besteht die typische Wochenmarktkundschaft nicht mehr nur aus Rentnern und Hausfrauen. Immer mehr junge Leute kommen zum Einkaufen, berichten Händler – genauso wie Berufstätige. Bianca Halbach zum Beispiel. Sie ist Erzieherin, zweifache Mutter und hat einen straffen Zeitplan. „Trotzdem kaufe ich Obst und Gemüse fast ausschließlich auf dem Wochenmarkt“, sagt die Kölnerin. Sie arbeitet jeden Vormittag in einer Kindertagesstätte und besucht regelmäßig den Bauernmarkt in Bergisch Gladbach, der auch samstags geöffnet hat. „Oft hole ich mir Rezepttipps von den Standbetreibern“, sagt Halbach. Sie findet: „Es gibt hier ein viel größeres Angebot als im Supermarkt.“ Ihre Kinder sind bei dem Bummel ebenfalls gerne dabei. Anders als im Supermarkt ist das Gequengel nach Süßigkeiten dort kein Thema. „Der Einkaufsbummel ist deshalb stressfreier“, sagt Halbach. „Und meine Kinder lernen sogar noch etwas darüber, wo verschiedenes Obst und Gemüse herkommt.“ 

In der Kölner City: Wochenmärkte speziell für die Bedürfnisse jüngerer, berufstätiger Kunden

Reiner Ströbelt sieht Wochenmärkte ebenfalls im Aufwind. Als Marktleiter der Stadt Köln ist er in der Domstadt für Großmarkt- und Wochenmarktangelegenheiten zuständig. „Gerade junge Leute finden Wochenmärkte attraktiv, genauso wie Touristen.“ Allerdings haben sich die Märkte auch weiterentwickelt, erklärt Ströbelt. In der Kölner City sind Wochenmärkte speziell für die Bedürfnisse jüngerer, berufstätiger Kunden entstanden. Konkret heißt das zum Beispiel: späte Öffnungszeiten, damit Kunden auch nach der Arbeit noch einkaufen können. Im Sommer öffnet ein neuer Wochenmarkt auf dem Chlodwigplatz. Dort können Besucher dann von 11 bis 18 Uhr einkaufen. Dass spätere Einkaufszeiten gerade in der Innenstadt besser funktionieren, zeigt der Markt am zentralgelegenen Rudolfplatz. Der ist sogar erst ab 16 Uhr und dann bis 21 Uhr geöffnet und laut Ströbelt stets „rappelvoll“.

Zweiter Erfolgsfaktor: Wochenmärkte bauen ihren großen Vorteil, den Erlebnischarakter, noch mehr aus. „Die Leute wollen auf dem Markt einen Ort der Begegnung vorfinden“, sagt der Kölner Marktleiter Ströbelt. Deshalb gibt es auf vielen Kölner Märkten neben den typischen Einkaufsständen inzwischen auch Imbisswagen, Food-Trucks, Burger-Brater und mobile Pizzaöfen. „In den Vororten funktioniert es noch, vormittags nur Lebensmittel zu verkaufen, weil es feste Stammkunden gibt.“ In der Stadt sei das jedoch anders.


Das Konzept "Erlebniseinkauf mit Speis und Trank" funktioniert auch im Umland

Der Erlebniseinkauf mit Speis und Trank stößt nicht nur in Köln auf Begeisterung: Der Wochenmarkt in Bedburg bei Bergheim gehört zu den beliebtesten Märkten dieser Region und verfolgt ein ähnliches Konzept: Kunden können dort frisches Obst und Gemüse von Bauer Franken aus Kirchherten einkaufen, Brot vom Bäcker Guido Boveleth. Auch Fisch und Fleisch, Kunsthandwerk, Blumen sowie selbstgemachte Suppen und Salate finden Besucher auf dem Parkplatz direkt vor dem Bedburger Schloss. „Viele, die einfach keine Lust zum Kochen haben, nehmen auch gerne eine Suppe mit nach Hause“, berichtet Reinhold Deutzmann, Vorsitzender des Werbekreises Bedburg. Markttag ist immer dienstags von 11 bis 17 Uhr, so dass sich Marktbesuche leichter mit dem Job vereinbaren lassen. Viele der Kunden kommen aus Bedburg und anderen benachbarten Städten, sagt Deutzmann. „Die meisten sind schon lange Stammgäste.“

Die Kunden sind also weniger das Problem – eher die Verkäufer: Denn die Zahl der Händler war in den vergangenen Jahren stark rückläufig. „Früher wollte jeder einen Stand betreiben“, erinnert sich der Kölner Marktleiter Ströbelt an die 1980er und 1990er Jahre. „Heute ist das leider anders.“ Das habe mit den Jobbedingungen zu tun. „Standbetreiber müssen extrem früh aufstehen, lange ohne Pause und im Stehen arbeiten und sind abhängig von Wetter und Saison.“ Gerade junge Leute scheuen solche Mühen. Aussterben würden Wochenmärkte deshalb aber nicht, betont Reiner Ströbelt. „Denn der Bedarf der Kunden ist ja da.“ Die Marktverwaltung Köln arbeitet an neuen Konzepten, um auch die Arbeit auf dem Wochenmarkt für den Nachwuchs attraktiver zu gestalten.

Und auch mit der zweiten Herausforderung werden Wochenmärkte fertig: Die Konkurrenten der großen Supermarktketten geben Millionen für Werbung aus. „Wir haben einfach kein Riesenbudget für Werbung, wie Lidl, Aldi und Co“, sagt Ströbelt. „Werbespots und Internetanzeigen können wir nur sehr begrenzt bezahlen.“

Wochenmärkte setzen dem Kundennähe entgegen: In Bedburg arbeitet Marktorganisator Reinhold Deutzmann daran, den Markt zu vergrößern – damit er in Zukunft vom Bedburger Schloss bis ganz an die Innenstadt heranreicht. Der Grund: „Man sieht den Markt zwar schon gut von der Durchfahrtstraße aus“, sagt Deutzmann. „Aber wir möchten auch von der Innenstadt aus besser gesehen werden.“

Und: Markthändler können Kunden im persönlichen Gespräch von ihrer Ware überzeugen. Etwas, das es an Obst- und Gemüsetheken im klassischen Supermarkt so nicht gibt. „Der direkte Kundenkontakt ist unheimlich wichtig als Werbung. Unsere Stärke ist vor Ort“, sagt der Kölner Marktleiter Ströbelt. Kunden unterhalten sich gerne darüber, was sie gekauft haben. „Von der Herkunft bis zu Zubereitung stellen Kunden viele Fragen. Und Standbetreiber antworten gerne.“ Außerdem seien Märkte immer auch Treffpunkte für die Leute aus dem Viertel. Das „Veedel“ spielt gerade in Köln eine große Rolle. „Die Kölner verbringen gerne Zeit in ihrem Veedel“, sagt Ströbelt. „Und sie sind immer für einen Klaaf zu haben.“

WEITERE THEMEN