Stichwortsuche

Blickpunkt

Frauen erobern die Wirtschaft

Die Wirtschaft wird zunehmend weiblich: Frauen sind mittlerweile nicht mehr wegzudenken. Als Unternehmerinnen und in den Unternehmen prägen sie auch Köln – und sie müssen sich dabei noch immer anderen Herausforderungen stellen als die Männer.

Text: Inga Höltmann

In langsamen kreisförmigen Bewegungen gießt Maren Ernst das heiße Wasser auf das frisch gemahlene Kaffeepulver im Filter. Bis auf das Gramm ist der Kaffee abgewogen, das Wasser hat die perfekte Temperatur von knapp über 90 Grad Celsius. Heraus kommt ein heller Kaffee – schonend aufgebrüht fast wie Tee.

Seit Jahren schon dreht sich Maren Ernsts Leben nur um Kaffee. Bevor sie ihre Kaffeerösterei eröffnete, war sie daran beteiligt, Senseo-Kaffee­maschinen und die dazugehörigen Pads großzu­machen in Deutschland. „Brand Manager“ nannte sie sich damals. Doch so gern Ernst ihrem Job lange Zeit nachgegangen war, schließlich warf sie ihre blühende Konzernkarriere hin. Triebfeder war bei ihr die Sehnsucht nach Authentizität – ein Bedürfnis, das sie mittlerweile in so vielen Be­­reichen sieht. Besonders die Lebensmittelbranche ist durchzogen davon: „Ob Bio-Bäcker oder der Metzger an der Ecke: Wir wollen keine dreifach verpackten Lebensmittel mehr, wir wollen wissen, was in den Lebensmitteln drin ist, die wir kaufen“, meint sie.

Wer in Ernsts Café kommt, kann sehen, wie die Bohnen geröstet werden, der Röster steht direkt hinter der Theke. Ernst weiß ganz genau, wo jede einzelne Bohne herkommt, die sie in den Röster schüttet. Ihr Kaffee soll das sein, was sie „als ehrliches Produkt“ bezeichnet: Ein Produkt, das mit viel Liebe zum Detail hergestellt wird. Vieles hier ist wieder echte Handarbeit. Wer ihren Kaffee trinkt, kann Noten von Erdbeere, Pfirsich oder Zitrone erschmecken. Ernst ist stolz darauf. Deshalb beliefert sie auch nur ausgewählte Cafés und Restaurants mit ihrem Kaffee: „Wir erwarten ein gewisses Equipment und dass das Personal geschult ist“, sagt sie.

Es ist noch eine kleine Community, in der sie sich bewegt. Man kennt sich, es geht harmonisch zu. Ihr Geschlecht habe nie eine Rolle gespielt, auch Eitelkeiten und Konkurrenzdruck fehlen gänzlich, meint Ernst: „Der Kuchen ist riesig – noch kann man sich einfach ein Stück nehmen, wenn man will!“

Maren Ernst, "Kaffeerösterei Ernst".
Foto: Olaf-Wull Nickel

Nicht ganz so einfach war es für Nora Grazzini, in ihrer Branche Fuß zu fassen. Mit ihrer App „Radbonus“ ist sie eine der wenigen erfolgreichen weiblichen Start-up-Gründerinnen in Köln. Für jeden gesammelten Kilometer gibt es Bonuspunkte, die man dann bei ihren Kooperationspartnern einlösen kann. „Ich bin leidenschaftliche Rad­fahrerin und habe mich immer gewundert, dass es so etwas noch nicht gibt“, sagt sie heute.

Warum also nicht einfach selber machen? Grazzini hat starke Vorbilder dafür: „Die Frauen in meiner Familie waren schon immer unternehmerisch“, sagt sie nicht ohne Stolz. Ihre Großmutter gibt ihr auch mit 94 Jahren noch Tipps für ihr Business. Ihr Geschlecht empfindet Grazzini eher als vorteilhaft. „Für die PR ist das super“, sagt sie. „Ich spiele die Karte ganz bewusst.“ Sie ist noch immer eine Ausnahme, das weiß sie auch. Manchmal geht sie genau damit auf die Journalisten zu – wer über eine Frau in der Start-up-Szene schreiben will, hat mit ihr die Richtige vor der Nase.

Dass es so wenige weibliche Gründer gibt, liegt an den Frauen selbst, meint Grazzini. „Ich erlebe keine Missgunst“, sagt sie. „Im Gegenteil: Ich bekomme viel Unterstützung.“ Doch sie weiß auch: „Man muss mit dem Kopf durch die Wand und Kräften widerstehen, die einen aufhalten wollen – das liegt nicht jeder Frau.“ Grazzini liegt es: Radbonus ist mittlerweile so erfolgreich, dass sie dafür einen Job absagte, für den sie eigentlich bereits den Vertrag unterschrieben hatte. Mehr als 4.000 Mal wurde die App bereits heruntergeladen, über 300.000 Kilometer haben die Nutzer damit bereits erfahren. Mit Christoph Lippert holte sich einen Partner ins Team und baut seitdem die App gemeinsam mit ihm auf. Sie kümmert sich um das Konzept und Marketing, Lippert ist für alles zuständig, was mit Zahlen zu tun hat.

Mentoren, Investoren – sind meistens Männer

Lorenz Gräf hat Grazzinis Weg von Anfang an begleitet. Er hat den „Startplatz“, einen Inkubator im Kölner Mediapark, gegründet und ihn zu einem Treffpunkt für Gründer und Gründerinnen gemacht. Im ersten Jahr war es sehr schwierig, wie er rückblickend sagt, doch mittlerweile hat er den Startplatz bereits dreimal erweitert auf insgesamt über 3.000 Quadratmeter. „Wir konkurrieren mit der WG-Küche“, lacht er.

Nora Grazzini geht mit Radbonus einen guten Weg, so Gräf. Doch er weiß, dass sich die Frauen allgemein zu wenig zutrauen. Auch die Universitäten stupsen die Studierenden zu wenig in Richtung Gründung, meint er – und überhaupt gibt es in Köln viel zu viele gute Jobs, wer kommt denn da schon auf die Idee, ein eigenes Unternehmen hochzuziehen? Mit dem Startplatz leistet Gräf deshalb Pionierarbeit nach zwei Seiten: Gründer und Gründerinnen animieren und auch Ängste bei den Unternehmen abbauen, für die die Start-ups Produkte und Dienstleistungen entwickeln.

Gräf hat ganz bewusst die Frauen im Blick. Bisher sind etwa zehn Prozent aller Gründer weiblich. So niedrig diese Zahl ist – damit steht Köln gar nicht so schlecht da. Zwar habe fast jedes Team hier mindestens eine Frau, erzählt Gräf mit Blick auf die Gründer am Startplatz. Nur an der Spitze, als Gründerinnen – da fehlen die Frauen genauso wie im Rest von Deutschland. „Frauen gehen anders mit Risiko um“, meint er. „Sie machen sich im Vorfeld viele Gedanken, klären alle Risiken ab und gründen erst dann.“ Männer würden schon mal gründen und die Probleme unterwegs lösen.

Doch die geringen Gründerinnenzahlen haben noch einen weiteren Grund: Die Strukturen sind überwiegend männlich geprägt. Mentoren, Investoren, das sind meistens Männer. Und: „Ich bin ja auch ein Mann“, sagt Gräf. In seiner Ratlosigkeit überlegt er bereits, mal eine Art Ausschreibung zu machen, um die Frauen zu animieren, ihm zu verraten, was ihnen fehlt. 

Dass Frauen der Mut zu gründen fehlt, ist auch Chiara Sommers Eindruck, die als Investment Managerin beim deutschen High-Tech-Gründerfonds arbeitet. Aufgabe des Gründerfonds ist es, Innovationen in Deutschland voranzutreiben; sein Geld kommt zum Teil vom Bund, zum Teil von Dax-Unternehmen. Doch neben einer gewissen Scheu vor dem Gründen identifiziert Sommer noch ein zweites Problem: Es fällt manchen Frauen auch viel schwerer, nach Geld zu fragen. „Sie sind da zu zurückhaltend“, sagt sie.

Nora Grazzini, "Radbonus UG".
Foto: Olaf-Wull Nickel

Start-ups mit Frauen im Managementteam performen im Durchschnitt besser

Sommer hat bei ihrer Arbeit immer wieder festgestellt, dass Start-ups, die Frauen im Managementteam haben, durchschnittlich besser performen als solche ohne. Gerade im E-Commerce sind die Zielgruppen eher weiblich; wer in diesem Bereich gründet, tue gut daran, eine Frau mit an Bord zu haben. „Auch im Tech-Bereich gibt es aber noch viel zu wenige Frauen!“, kritisiert sie. Sie sieht die Gründe dafür bereits im Kindesalter: Mädchen bekämen Ballettstunden, Jungen einen Computer. Sommer betont damit die Prägungen durch Eltern, die erste Weichen stellen. Und die ihre Kinder oftmals weniger geschlechtsneutral erziehen, als sie selbst denken.

Eine, die schon als Mädchen einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen hat, ist Rebecca Juana Kamper. Die Kölnerin ist Indie-Developerin eines Mobile Games und spielt bereits seit ihrer Kindheit mit Leidenschaft und Ausdauer Computerspiele, zeitweise sogar Counterstrike im Clan. Schief angeguckt wurde sie dafür nie. 

Auch Berührungsängste mit einem eigenen Unternehmen hatte Kamper nie. „Ich wusste schon immer, dass ich selbstständig sein werde!“, sagt sie selbstbewusst. Und sie wusste auch immer, dass das im kreativen Bereich sein würde. Als Teenager designte sie Plakate für Freunde und Bekannte, nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur Kauffrau für audiovisuelle Medien und sattelte im Anschluss ein Studium am SAE Institute in Köln-Mülheim im Bereich Interactive Entertainment obendrauf. 2014 gründete sie Tortuga Games, pünktlich zur Fußball-EM in diesem Jahr launchte sie das Spiel um den Fußball spielenden Toni aus einer Favela – finanziert übrigens zum Teil aus ihrem Gewinn bei „Wer wird Millionär“, wo sie vor ein paar Jahren 64.000 Euro mit nach Hause nehmen durfte.

Mit Tortuga Games durchbricht sie gleich zwei Rollenerwartungen: Es ist nicht nur ein Game, sondern auch noch eines, das sich um Fußball dreht. „Als ich ein Kind war, hat mich mein Vater immer mit ins Stadion genommen“, erzählt Kamper. Fußball war immer Teil ihres Lebens, immer ihr Interesse. Doch das Spiel zur Fußball-EM zu launchen, dahinter stehen auch handfeste wirtschaftliche Überlegungen: „Wir wollten den EM-Hype mitnehmen“, sagt sie schlicht. 

Kamper ist eine der wenigen Frauen in dieser Branche. Als Vor- oder Nachteil hat sie das aber nie empfunden. „Natürlich wird nachgefragt, wenn ich mich auf einer Veranstaltung als Geschäftsführerin einer Spieleentwicklungsfirma vorstelle“, sagt sie. „Doch meistens schwenkt das Gespräch dann schnell auf das Spiel um.“ Klischeedenken liegt ihr gar nicht. „Ich wehre mich gegen Schubladen“, sagt sie kämpferisch. „Die Frage sollte doch nicht sein: ‚Wer bin ich als Frau?‘, sondern ‚Welche Rolle nehme ich an?‘.“ Es geht ihr also um nichts Geringeres als die Neuerfindung der Rolle der Frau. Sie wünscht sich ein neues Selbstverständnis und vor allem mehr Solidarität. „Konkurrenzdenken ist weiblich“, meint Kamper, Frauen tun sich schwer damit, sich gegenseitig auf dem Weg nach oben zu unterstützen. 

Neben Solidarität ist aber noch etwas wichtig für den Erfolg, egal in welcher Branche: „Frauen brauchen Vorbilder!“, sagt Investorin Chiara Sommer. Das können Frauen in der eigenen Familie sein, wie es bei Grazzini von Radbonus der Fall ist. Oder erfolgreiche Frauen in dem Feld, in das sie streben. Auch Rebecca Kamper erzählt davon, wie sie versucht, ein Vorbild zu sein. „Ich habe schon öfter gehört, ich sei so etwas wie eine Mentorin“, sagt sie – übrigens sowohl von Männern als auch von Frauen.

Rebecca Kamper, "Tortuga Games UG"
Foto: Olaf-Wull Nickel


Das Netzwerken hat Stefanie Weidner zu ihrem Beruf gemacht. Die Kölnerin ist Gründerin
und Geschäftsführerin des „Solution Space“, des „Innovationshauses am Dom“, das nicht nur Start-up-Büros oder Workshop-Räume vermietet, sondern auch ein großes Netzwerk und Partnerschaften von kreativen Start-ups, KMUs und Konzernen rund um die Themen Innovation und Digitalisierung aufbaut. Auch wenn ihr Geschlecht in ihrem Arbeitsalltag keine Rolle spiele, gebe es doch „Situationen außerhalb des routinierten Arbeitsalltags, in denen Männer sich sehr ungewöhnlich verhalten haben, weil ich eine Frau bin“, berichtet sie. Dazu gehörte etwa ein Interessent, der nur mit einem männlichen Mitarbeiter sprechen wollte. „Erst mal war ich perplex über das unprofessionelle und nicht zeitgemäße Verhalten“, erinnert sie sich. Und ergänzt lächelnd: „Irgendwann gewöhnt man sich an den Fakt, dass manche Männer mental nicht im Jahr 2016 leben und sie sich erst noch daran gewöhnen müssen, dass Unternehmerinnen nicht auf Tech-Konferenzen sind, weil wir uns prostituieren wollen, sondern uns das fachliche Thema tatsächlich mehr interessiert als die Männer, die dort zu Gast sind.“ 

Stefanie Weidner, "Solution Space"
Foto: Olaf-Wull Nickel

Viele Frauen müssen sich immer noch zwischen Kindern und Karriere entscheiden.

Maren Ernst, Nora Grazzini, Rebecca Kamper, Stefanie Weidner – keine empfand ihr Frausein als problematisch für ihr berufliches und unter­nehmerisches Fortkommen. Sind sie die Vorhut einer neuen, selbstbewussten Unternehmerinnen-Generation? Vielleicht sind sie das. Vielleicht sind sie aber auch noch zu jung. „Die Gläserne Decke – das Phänomen, dass Frauen über eine bestimmte Karrierestufe nicht hinauskommen – setzt erst mit über 30 oder sogar noch später ein“, sagt Martina Teichelmann, Inhaberin der Agentur Teichelmann.

Die Unternehmerin ist Mitte 50 und vor 17 Jahren von Berlin nach Köln gezogen. Sie hat schon oft beobachtet, dass gerade junge Frauen zu Beginn ihrer Karriere das Netzwerken vergessen. Sie stürzen sich in die Arbeit, fokussieren sich auf ihre Projekte und sind damit auch recht erfolgreich. „Doch wenn sie dann später rausgehen, stutzen sie, weil sie feststellen: ‚Oh, hier sind ja nur Männer!‘“, meint Teichelmann. Manche verlässt dann der Mut. Noch schwieriger wird es, wenn Kinder kommen. „Es ist doch immer noch so, dass sich viele Frauen zwischen Kindern und Karriere entscheiden müssen“, kritisiert Teichelmann.

Und tatsächlich ist Vereinbarkeit noch immer vor allem ein Frauenthema. Dazu kommt, dass die Betreuungssituation in Köln besonders ange­spannt ist. Köln ist eine junge Stadt mit vielen Kindern und gerade junge Paare können es sich nur selten leisten, nur von einem Gehalt zu leben – doch wenn beide arbeiten gehen, wird es umso wichtiger, dass das Kind tagsüber versorgt ist. Zwar baut die Stadt die Anzahl der Betreuungsplätze aus, dennoch wird das Verhältnis in den kommenden Jahren weiterhin angespannt bleiben.

Martina Teichelmann, "Agentur Teichelmann".
Foto: Olaf-Wull Nickel

Unternehmerin Teichelmann wundert es deshalb gar nicht, dass sich so viele Frauen selbstständig machen, wenn der Kinderwunsch kommt. Sie sind dann einfach so viel flexibler. Jana Baum kennt beides – heute ist sie bei dem Online-Portal meinestadt.de angestellt, vorher war sie im Gründungsteam von „Gamewheel“, einem Start-up, das eine spezielle Werbung anbietet, nämlich solche mit Game-Elementen. „Als Selbstständige konnte ich immer mein Ding machen“, sagt sie. Eine Festanstellung hat sie eigentlich nie angestrebt.

Heute führt sie mit ihren 29 Jahren bei meine­stadt.de ein Team von zwölf Mitarbeitern und ist außerdem eine von zwei Frauen in der Geschäftsführung. Es ist ihr wichtig, ihren Mitarbeitern ge­wisse Freiheiten zuzugestehen – vielleicht, weil sie ihr selbst so wichtig sind? Baum hat eine Mitarbeiterin, die junge Mutter ist und selbst­organisiert in Teilzeit arbeitet. Und wenn das Kind krank ist, geht sie unkompliziert ins Home Office. Baum zeigt damit, wie wichtig der richtige Chef ist, wenn es um weibliche Karrieren und um Vereinbarkeit geht.

Auch sie hatte als Gründerin selten das Gefühl, dass ihr Geschlecht für sie ein Nachteil ist, erzählt Baum. Im Unternehmen – meinestadt.de ist eine Beteiligung von Axel Springer – ist das etwas anders: Hier ist sie sich sehr bewusst, dass sie eine Frau ist. Zwar ist die Belegschaft gut gemischt, doch die Führungsriege eher männlich. Doch sie nimmt es sportlich, denn sie weiß, dass es ihr Sichtbarkeit verschafft, als Frau etwas exotisch zu sein: „Es ist meine Aufgabe, den weiblichen Blick hinzuzufügen.“

Einen eigenen Kinderwunsch hat Baum auch mit Ende 20 noch nicht. Sie will das ganz entspannt angehen, sagt sie. Was sie aber nicht zurückhielt, schon mit Anfang 20, als sie mit ihren Mitgründern bei Gamewheel einen Gesellschaftsvertrag aufsetzte, eine „Kinderklausel“ einzufügen: Jeder, der Mutter oder Vater wird, kann ein halbes Jahr aussetzen.

Jana Baum, "meinestadt.de".
Foto: Olaf-Wull Nickel

Als Gründerin hat Jana Baum schon mit Anfang 20 das Elternwerden mitgedacht. Aber auch abseits von solchen familiären Verpflichtungen fand Unternehmerin Martina Teichelmann es schwierig, in Köln Fuß zu fassen. „Besonders als Frau ist das schwer“, sagt sie rückblickend. Doch es gibt zunehmend Unterstützung für Frauen und Ermutigung, sich zu vernetzen und den Schritt in den Beruf oder die Selbstständigkeit zu wagen. Der Frauen-Business-Tag der IHK Köln (lesen Sie dazu auch das Interview mit Dr. Sandra von Möller) ist ein Beispiel dafür – er hat sich in den vergangenen Jahren zu einer der wichtigsten Veranstaltungen für weibliche Berufstätigkeit gemausert.

Der 5. Frauen-Business-Tag – die bundesweit bedeutendste Netzwerkveranstaltung für Unternehmerinnen, Selbstständige, Fach- und Führungskräfte, Gründerinnen, Studentinnen und Berufs(wieder-)einsteigerinnen – findet am 22. September 2016 von 15:30 bis 21:00 Uhr in der IHK Köln statt. Rund 50 Frauen-Verbände, -Vereine und -Netzwerke stellen sich auf dem „Markt­platz“ vor. Verschiedene Talks eröffnen Einblicke in spannende Frauen-Karrieren und politische Themen. Fachforen geben neue Impulse. Der Eintritt ist frei, für Kinder über zwei Jahre gibt es eine Kinderbetreuung.

Pressemeldung zum Frauenbusinesstag 2016

www.facebook.com/ihk.frauenbusinesstag

Das diesjährige ehrenamtliche Team des Frauen-Business-Tages unter der Leitung von IHK-Vizepräsidentin Dr. Sandra von Möller: (v.l.n.r.) Sabine Brinkmann, Nelly Kostadinova, Gitta Quercia-Naumann, Dr. Sandra von Möller, Dr. Heike Diekmann, Julia Braschoß, Michaela Hess, Josina Scheen und Obiageli Njoku.
Foto: Peter Boettcher
Dr. Sandra von Möller

„Frauen.Macht.Karriere“

Interview mit IHK-Vizepräsidentin Dr. Sandra von Möller, Geschäftsführerin der BÄRO GmbH & Co. KG in Leichlingen, die sich gemeinsam mit weiteren acht Unternehmerinnen aus der Vollversammlung der IHK Köln für den 5. Frauen-Business-Tag engagiert.

? Der Frauen-Business-Tag steht dieses Jahr unter dem Motto „Frauen.Macht.Karriere“. Warum dieser Aufruf? Trauen sich die Frauen nicht oder woran liegt es?

! Ich habe den Eindruck, dass viele Frauen heute noch immer vor dem Begriff „Macht“ zurückschrecken. Macht gilt als typisch männliches Attribut und verträgt sich vermeintlich schlecht mit dem Wunsch vieler Frauen nach Harmonie im Arbeitsleben. Mit dem Frauen-Business-Tag möchten wir dazu bei­tragen, dass diese Stereotype weiter aufgebrochen werden. Frauen sollten sich verantwortungsvolle Positionen nicht nur zutrauen, sondern diese auch mit dem gleichen Selbstbewusstsein ausfüllen wie ihre männlichen Kollegen – ohne Angst davor, sich unbeliebt zu machen oder im Privatleben zurück­stecken zu müssen. Stichwort Familiengründung: Ich selbst bin Mutter von drei Kindern und weiß, dass es schwer, aber keineswegs unmöglich ist, Karriere und Familie zu verbinden.

? Warum sollten Frauen zum FBT kommen?

! Der Frauen-Business-Tag ist die bundesweit größte Netzwerkveranstaltung für Unternehmer­innen, Selbstständige und Frauen aus der Wirtschaft in Führungspositionen – oder mit dem Plan und Anspruch, eine Führungsposition zu erreichen. Für die Teilnehmerinnen bietet er eine optimale Möglichkeit, sich dort auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und von den Erfahrungen an­derer er­folgreicher Frauen zu profitieren. Das ermöglichen die zahlreichen Info-Stände von Karriere- und Frauenverbänden vor Ort, vielfältige Talks mit interessanten Persönlichkeiten, aber auch verschiedene praxisbezogene Workshops. 

? Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Wie wichtig ist Ihnen Ihre Karriere und was treibt Sie an?

! Die Verwirklichung von beruflichen Zielen ist mir sehr wichtig, nicht weniger jedoch ist es meine Familie. Daher strebe ich immer danach, beide Lebensbereiche so gut es geht miteinander zu vereinen und eine Balance zu finden. Als Geschäftsführerin treiben mich nicht nur Zahlen an, sondern vor allem bestimmte Werte – etwa, dass wir unseren Mitarbeitern ein Arbeitsumfeld bieten, das Platz für Vielfalt und die persönliche Entwicklung lässt. Zum anderen ist mir soziale Gerechtigkeit sehr wichtig, weshalb ich mich mit meinem gemeinnützigen Verein KIDsmiling ehrenamtlich für Kinder und Jugendliche einsetze. Ich bin überzeugt, dass jeder einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft leisten kann – entscheidend ist nicht, wie groß oder klein dieser Beitrag ist. Hauptsache man engagiert sich. 

„Die richtige Balance macht das erfolgreiche Team.“

Interview mit Thorsten Reiter, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität St. Gallen. Mit seiner Unternehmensberatung Mannheim Business Consulting berät er Unternehmen unter anderem im Umgang mit Bewerbern und Arbeitnehmern der Generation Y.

? Gibt es so etwas wie eine optimale Teamkonstellation?

! Das Zauberwort bei einer optimalen Teamkonstellation ist „Balance“. Zwar profitiert jedes Team davon, wenn seine Mitglieder möglichst unterschiedliche Kompetenzen mit an den Tisch bringen, doch dürfen die Unterschiede nicht zu groß sein. So ist eine gute Mischung aus den verschiedenen Geschlechtern, Altersgruppen und beruflichen und ausbildungstechnischen Hintergründen op­­­timal, solange das Team eine gemeinsame Sprache spricht. Damit meine ich nicht nur die tatsächliche Sprache, sondern vor allem ein gemeinsames Verständnis der etablierten Arbeits­weisen und der zu erreichenden Zwischen- und finalen Ziele. Ist dies nicht gegeben, verschwendet das Team viel zu viel Zeit und Energie auf das bloße Überwinden von Kommunikationsbarrieren.

?  Welche Rolle spielt das Geschlecht im Team?

!  Auch hier gilt das Leitwort „Balance“. Männer und Frauen haben unterschiedliche Kompetenzen, was das Zwischenmenschliche betrifft. Frauen neigen dazu, Spannungen aufzulösen und zu Kompromissen beizutragen, Männer sind meistens direkter und scheuen die Konfrontation weniger. Weder das eine noch das andere ist aber per se besser oder schlechter. Auch die Phase, in der sich das Projekt befindet, spielt eine Rolle: Während Männer zu Beginn den Zug eher ins Rollen bringen, neigen Frauen dazu, den Sack am Ende zuzumachen und das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Auch wenn die sachbezogenen Kompetenzen immer im Vordergrund stehen sollten: Es bietet sich an, eine gute Mischung aus beiden Geschlechtern zu haben.

? Wie finde ich denn heraus, welches Team das beste ist?

! Das Team ist mehr als die Summe seiner einzelnen Mitglieder. Das gilt auch für die aufgaben­spezifischen Kompetenzen. Auf der einen Seite sollten sich immer Experten im Team befinden, die die anstehende Aufgabe „von innen“ betrachten und die anderen Mitglieder auf den not­wendigen Wissensstand bringen können. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, „Außenseiter“ mit aufzunehmen, um aus festgefahrenen Routinen und Schemadenken auszubrechen. Manchmal kommen die besten Ideen von Teammitgliedern, die mit der betreffenden Industrie oder den Produkttypen bisher nicht viel zu tun hatten. Auch die Kombination aus verschiedenen Disziplinen ist oft eine vielversprechende Quelle für Innovation. Wir sehen: Auch hier macht die richtige Balance das erfolgreiche Team.

? Wie führe ich denn ein solches Team?

! Für die Führung eines interdisziplinären und heterogenen Teams braucht es eine große Portion Feinfühligkeit. Die Kunst ist, eine starke Führung an den Tag zu legen, wenn es um die Ziele geht, aber dennoch genug Freiraum zu bieten, damit die einzigartigen Perspektiven der Mitglieder zur Geltung kommen können. Wer sein Team nur als Fußsoldaten versteht, kann nicht von seiner
Vielfalt an Ideen und Erfahrungen profitieren. Daher heißt es auch hier: Balance bewahren.
Die Nähe zum Teamgeschehen ist wichtig, um Spannungen und kognitive Fallen zu entdecken.
Der Diskriminierung einzelner Meinungen muss nachdrücklich entgegengetreten werden, „Herden­denken“ – also wenn ein Team in seinem Verhalten und Denken zu homogen geworden ist – muss aufgebrochen werden –  beides ist Aufgabe der Führungskraft.

WEITERE THEMEN