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Blickpunkt

Fit für die Zukunft

Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung sind Garanten für Beschäftigung. Und aus Unternehmenssicht: für qualifizierte Fachkräfte. Die IHKs prüfen, qualifizieren und unterrichten – und stellen so praxisnahe Bildungsqualität sicher.

Text: Lothar Schmitz

Fast 400 Mittagessen verlassen an diesem Samstag im Dezember zwischen 12 und 16 Uhr die Küche des Restaurants „FUNKHAUS“ in der Kölner Innenstadt. An solchen Tagen muss sich Nora Pfumpfei ganz besonders auf ihr Team verlassen können. Etwa auf ihren stellvertretenden Küchenchef Andreas Wittmann. „Er arbeitete schon im ‚FUNKHAUS‘, als ich hier anfing, und fiel mir von Anfang an positiv auf“, erzählt die 37-jährige Küchenchefin und lobt ihn für Geschick, Gelassenheit, Überblick und Einsatzbereitschaft.

Wittmann ist gelernter Koch und kam vor einigen Jahren aus Tadschikistan nach Deutschland. „Zum Glück wussten wir von der IHK Köln, dass seit 2012 alle Personen, die im Ausland ihren Berufsabschluss erworben haben, einen Anspruch auf Überprüfung der Gleichwertigkeit ihrer Quali­fikationen mit einem deutschen Berufsabschluss haben“, berichtet Pfumpfei. Allerdings wird seine Ausbildung in Deutschland nicht voll anerkannt, weil es im russischen Ausbildungssystem an Praxis mangelt.

Dem 34-Jährigen fehlten 18 Monate einschlägige Berufserfahrung, um die volle Gleichwertigkeit zu erlangen. Diese sammelte er im Restaurant „Funkhaus“. Seine Chefin bescheinigte ihm gerne seine Tätigkeit. Auch weil sie selbst einen ungewöhnlichen Weg hinter sich hat – und deshalb eine besondere Antenne für Menschen und deren wahres Potenzial. Pfumpfei war bereits 27, als sie nach abgebrochenem Studium, Jobs in der Gastronomie und einer eigenen Restaurantgründung erkannte, dass ihr eine abgeschlossene Berufsausbildung fehlte. Das holte sie mit Erfolg nach – und ist bis heute glücklich über die Entscheidung.

Nora Pfumpfei, Restaurantchefin im „FUNKHAUS“, hat bei ihrer Berufsausbildung selbst einige Schlenker gemacht.
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Wie zufrieden sie mit Wittmann ist, stellte sie vor einem Jahr unter Beweis, als sie ihn zu ihrem Sous-Chef erkor. Nora Pfumpfei macht es vor: So geht Fachkräfte­sicherung. So qualifizieren und binden Unter­nehmen engagierte Mitarbeiter – und die danken es mit Kompetenz und Engagement, was wiederum das Unternehmen nach vorne bringt.

„Dies umfassend zu ermöglichen, ist unsere Auf­gabe“, betont Christopher Meier, Geschäftsführer der IHK Köln für Aus- und Weiterbildung. Im Grunde steht das komplette Engagement der IHK in diesem Segment unter dem Zeichen der Fachkräftesicherung. Sowohl die hoheitlichen, also per IHK-Gesetz be­stimmten Aufgaben – wie Ausbildungsberatung, Eintragung von Ausbildungsverhältnissen und das gesamte Prüfungswesen in der Aus- und Weiterbildung – als auch alle ergänzenden und vertiefenden Dienstleistungen verfolgen stets den gleichen Zweck: den Unternehmen so viele Chancen wie möglich zu eröffnen, neue Nachwuchs- und Fachkräfte zu gewinnen und vorhandene Fachkräfte nachhaltig zu entwickeln und ans Unternehmen   zu binden. „Wir machen Unternehmen, ihre Be­schäftigten und den Fachkräftenachwuchs fit für die Zukunft“, sagt Meier.

Die duale Ausbildung und die höhere Berufsbildung seien das Rückgrat der Fachkräftesicherung, unterstreicht Meier im Interview mit „IHKplus“ (s. unten). Und die ist in Zeiten des demo­grafischen Wandels und der zunehmenden Digi­­talisierung dringender denn je. Wie die Son­­deraus­wertung Fachkräfte der IHK-Konjunktur­umfrage vom Herbst 2017 eindrucksvoll zeigt, wünscht sich die regionale Wirtschaft eine Stärkung der beruflichen Bildung. Jeder zweite Betrieb kann derzeit offene Stellen nicht längerfristig besetzen. Viele Unternehmen fürchten, Aufträge ablehnen zu müssen oder an Innovationsfähigkeit zu verlieren.

„ValiKom“ – Zertifizierung von beruflichen Kompetenzen

Bei Saturn tut man sehr viel für die Fachkräfte­sicherung. An den vier Kölner Standorten der Saturn Techno-Electro-Handelsgesellschaft mbH bildet das Unternehmen derzeit zwölf junge Menschen aus. Zuständig dafür ist Klaus Ennen, den die IHK Köln für sein besonderes Engagement 2014 als „Ausbilder des Jahres“ auszeichnete. Ennen hat stets ein Auge für die Entwicklungsmöglichkeiten junger Menschen – sogar über die vier Niederlassungen hinaus.

Als die IHK Köln ihm von „ValiKom“ – die Abkürzung steht für „abschlussbezogene Validierung non-formal und informell erworbener Kompetenzen“ – erzählte, bot er sofort an, als Praxispartner dieses vom Bundesbildungsministerium geför­derten Projekts mitzumachen. Denn der Geschäftsführer des Saturn-Marktes in Hürth hatte ihm angetragen, dass Daniel Schwerd ein geeigneter Kandidat sein könne. Der 35-Jährige war dort einst als externer Sicherheitsmitarbeiter tätig, hatte sich nach einem Jahr aber erfolgreich um eine Stelle im Verkauf beworben. Sechs Jahre Praxis – zunächst in der Abteilung für weiße Ware, inzwischen in der Computerabteilung – und regelmäßige Schulungen in der Saturn-Online-Akademie liegen nun hinter ihm. Sein Chef ist sehr zufrieden und möchte ihn gerne fördern.

Dank „ValiKom“ konnte Schwerd das berufliche Know-how, das er erworben hat, in einer IHK-Kompetenzfeststellung unter Beweis stellen. Das Validierungs-Zertifikat bescheinigt ihm nun die Gleichwertigkeit seiner Berufskompetenzen mit dem Berufsabschluss Verkäufer. Das würde ihm bundesweit bei Bewerbungen nützen und bessere Gehalts- und Aufstiegschancen bescheren. Doch Schwerd möchte gar nicht weg von Saturn. „Ich bin meinem Chef und Herrn Ennen sehr dankbar für das, was sie mir ermöglicht haben“, sagt er. „So viel Wertschätzung habe ich in früheren Jobs nicht erfahren.“

Schwerd startet nun durch. Seit Januar absolviert er einen Fernlehrgang zum Handelsfachwirt, der mit einer Prüfung bei der IHK Köln abschließen wird. „Wenn ein Mitarbeiter sich aktiv weiterent­wickeln möchte, kann es darauf vom Unternehmen doch nur eine Antwort geben: gerne!“, betont Ennen, der sich sehr über Schwerds Engagement und Erfolg freut.

Daniel Schwerd (r.) ist mit Hilfe von Ausbilder Klaus Ennen und „ValiKom“ auf dem Weg zum Handelsfachwirt.
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Zertifikatslehrgänge für gezielte Weiterbildung

Mit Dienstleistungen wie „ValiKom“ oder der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse verbreitert die IHK Köln das Angebot qualifizierter Fachkräfte. Mit direkten oder indirekten Engagement bei der Neuordnung von Berufen hilft sie, die Qualifikationen immer wieder an den Bedarf anzupassen. So war sie jüngst bei der Neuordnung des Ausbildungsberufs Werksfeuerwehrmann/-frau beteiligt, zu der die Bayer AG den Anstoß gegeben hatte. Über ihre Dachorganisation DIHK wirkte sie auch bei der Schaffung des neuen Ausbildungs­berufs Kaufmann/-frau für E-Commerce mit.

Eine weitere Spezialität: Zertifikatslehrgänge. Die Betriebe haben angesichts des rasanten technologischen Wandels einen enormen Weiterbildungsbedarf auch unterhalb der Schwelle eines Meisters oder Fachwirts. Deshalb bietet die IHK Köln in steigendem Maße Zertifikatslehrgänge an, die diesem Bedarf entgegen kommen. Diese haben mindestens 50 Unterrichtsstunden, erfordern eine Anwesen­heit von 80 Prozent und schließen mit einer praxis­ori­­­entierten Prüfung ab, die dann zu einem IHK-Zertifikat führt. Bei vielen neuen, relevanten Lehrgangsthemen hat die IHK Köln selbst den Bedarf ermittelt, zu anderen Themen geht sie Kooperationen ein.

Eine solche Kooperation führt die Universität zu Köln mit der IHK Köln zusammen durch. Am Professional­­­Center der Uni Köln können Studierende aller Fachrichtungen das Beste zweier Welten verknüpfen und den angestrebten akademischen Würden berufspraktische Würze verleihen. „Train the Trainer (IHK)“ und „Projektmanager (IHK)“ heißen die Zertifikatslehrgänge, die zusammen mit der IHK Köln, abgestimmt auf die Zielgruppe Studierende, entwickelt wurden. „Das Ziel des kooperativen Angebots ist es, eine innovative Form der Verknüpfung zwischen Uni­versität und  Arbeitswelt zu eröffnen“, erklärt Prof. Dr. Michael Schemmann, wissenschaftlicher Leiter des Pro­fessionalCenters. Die Studierenden erführen neben einer beruflichen Qualifizierung auch gleichzeitig die Verbesserung ihrer Arbeitsmarktfähigkeit.

Das Plus zum Studium: Praxisbezug

Niklas Scholz konnte seine Arbeitsmarktfähigkeit entscheidend erhöhen. Als Fachkraft für die Be­­reiche Inklusion und Integration beim Schwimmverband NRW in Duisburg organisiert er zurzeit eine große Projektkampagne, die Vereine und Trainer ertüchtigen soll, systematische Integra­tions- und Inklusionsangebote zu schaffen und umzusetzen. Dabei helfen ihm die Erkenntnisse aus dem Zerti­­­­fi­katslehrgang „Projektmanager“, den er derzeit besucht. Gleichzeitig studiert er an der Uni Englisch und Sport auf Lehramt für Gymnasien und Gesamtschulen im Master. Zuvor hatte er bereits seinen Bachelor gemacht und in dieser Zeit an dem Lehrgang „Train the Trainer“ teilgenommen.

Um das Zertifikat zu erlangen, war eine Projekt­arbeit erforderlich. Niklas Scholz entwickelte ein Lehrgangskonzept für Inklusion in Schwimmvereinen. Damit überzeugte er den Schwimmver­band NRW, für den er zunächst neben dem Studium als freier Mitarbeiter aktiv war, bis man ihm eine feste Stelle anbot. „Die beiden Lehr­gänge sind eine gute Ergänzung zum Studium“, sagt der 28-jäh­­rige Kölner, „denn sie bieten mir den notwendigen Praxisbezug, der im Studium selbst weitgehend fehlt.“

Die Weiterbildung an der Uni ist offenbar heiß begehrt: Die Zahl der Studierenden, die einen der beiden Zertifikatslehrgänge besuchen möchten, übertrifft das Platzangebot um das Zwei- bis Dreifache. Uni und IHK Köln planen eine Erweiterung des Angebots um einen oder zwei zusätzliche Zertifikatslehrgänge, um noch mehr Studierende auch praktisch fit für die Zukunft zu machen.

Mit einem IHK-Zertifikatslehrgang stärkt Niklas Scholz, angehender Sportlehrer, seine berufliche Praxis.
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ANGEBOTE DER IHK KÖLN

Das Leistungs- und Beratungsangebot der IHK Köln in Aus- und Weiterbildung – Rückgrat der Fachkräftesicherung. Das gehört dazu:

Ausbildung
Praktische Ausbildung im Betrieb und theoretisches Lernen in der Berufsschule: Das duale Ausbildungssystem ist ein Erfolgsmodell. Im IHK-Bezirk Köln wird in über 170 industriell-technischen und kaufmännischen Berufen ausgebildet. Ein umfangreiches Informationsangebot rund um Ausbildung und Ausbildungsvermittlung – von A wie Abschlussprüfung bis Z wie Zwischenprüfung – stellt die IHK auf ihrer Website bereit. Dort finden sich auch Ansprechpartner in Köln sowie in den Geschäftsstellen Leverkusen/Rhein-Berg, Oberberg und Rhein-Erft samt aller Kontaktdaten.

Ausländische Berufsabschlüsse
Die berufliche Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen bietet Unternehmen vielfältige Chancen: Sie schafft neue Möglichkeiten zur Rekrutierung von Fachkräften, ist ein wichtiges Werkzeug zur Mitarbeiter­bindung und stellt einen idealen Ausgangspunkt für die strategische Personalplanung und -entwicklung dar. Die IHK Köln hilft bei der Antragsstellung, Suche nach dem deutschen Referenzberuf und der beruflichen Orientierung. Sie berät kostenfrei, individuell und zielorientiert.

Im Februar startet die IHK Köln eine Befragung zu diesem Thema und bittet ihre Mitgliedsunternehmen um Teilnahme.

Fortbildungsprüfungen
Die IHK-Aufstiegsweiterbildung mit ihren Abschlüssen für Betriebs- und Fachwirte, Fachkaufleute, Medienberufe und Meister ist maßgeschneidert für Praktiker, die sich neben der Tätigkeit im jeweiligen Betrieb auf Führungs- oder Spezialistentätigkeiten vorbereiten möchten. Die IHK-Weiterbildungsabschlüsse stehen bei Personalentscheidern der Unter­nehmen hoch im Kurs. Daneben ermöglichen erfolgreich absolvierte Unternehmerprüfungen den Zugang zu spezifischen Berufen. Die IHK Köln bietet als Partner der Wirtschaft bundesweit und international anerkannte, öffentlich-rechtliche Abschlüsse für derzeit rund 70 Fortbildungsprüfungen an.

Teilqualifikation mit IHK-Kompetenzfeststellung
Teilqualifikationen sind abgegrenzte und bundesweit standardisierte Einheiten (Ausbildungsbausteine) innerhalb einer curricularen Gesamtstruktur (Berufsbild). Sie richten sich an Menschen über 25 Jahre. Sie zu absol­­­­vieren – etwa über einen längeren, aus Weiterbildungs- und Arbeitsphasen
bestehenden Zeitraum hinweg – soll die Eingliederung in den ersten Arbeitsmarkt sicherstellen und kann über eine Externenprüfung den Erwerb eines Berufsabschlusses ermöglichen. Sie sind einzeln zertifizierbar und decken in ihrer Summe einen Beruf ab.

ValiKom…
…steht für „abschlussbezogene Validierung non-formal und informell er­­­­­worbener Kompetenzen“. So heißt ein vom Bundesbildungsministerium ge­­­­­fördertes Verbundprojekt, an dem auch die IHK Köln teilnimmt. Kerngedanke: die Bewertung und Zertifizierung der beruflichen Kompetenzen von Menschen mit einschlägiger Berufserfahrung, aber ohne entsprechenden Berufsabschluss. Im Zentrum des Verfahrens steht eine praktische Kompetenzfest­stellung mit handlungsorientierten Aufgaben aus dem Berufsalltag. Maßstab zur Bewertung des beruflichen Know-hows sind die anerkannten Berufsabschlüsse. „ValiKom“ ist noch kein Regelverfahren, sondern befindet sich in der Pilotphase.                                                        

Weiterbildung
Die IHK Köln bildet Unternehmen und deren Beschäftigte im eigenen Bildungszentrum zielgerichtet weiter. Darüber hinaus berät sie individuell bei Fragen zu Lehrgängen, Seminaren und möglichen Abschlüssen, etwa in Form von Zertifikaten. Bei den Seminaren reicht das Themenspektrum von A wie Ausbilder und Azubis bis Z wie Zoll. Im Zentrum stehen kauf­männische Themen. Daneben werden Vorbereitungskurse, Unterrichtungen und Lehrgänge mit IHK-Zertifikat angeboten. Letztere sind besonders praxis­orientiert gestaltet und ermöglichen eine schnelle Anpassung an unternehmensspezifische Qualifizierungsbedürfnisse, zudem ist eine weitere Stärke die Flexibilität. Dies ermöglicht eine schnelle und indivi­duelle Anpassung bestehender Themen oder auch die Entwicklung von Zertifikatslehrgängen für neue Themen.

BILDUNG IN ZAHLEN

Bilanz der IHK Köln für 2017

Eingetragene Ausbildungsverträge: 8.552 

Gesamtzahl der Ausbildungsverträge: 22.221

Zwischen- und Abschlussprüfungen: 13.342 

Ehrenamtliche Prüferinnen und Prüfer in Aus- und Fortbildung: 4.925 

Unternehmensbesuche durch die Ausbildungsberatung: 1.720

Anzahl der Prüfungsausschüsse in der Aus- und Fortbildung: 429

Seminarteilnehmer in der Weiterbildung: 3.645

Weiterbildungsveranstaltungen: 214

Teilnehmer an Gaststättenunterrichtungen: 698

Teilnehmer an Unterrichtung im Bewachungsgewerbe: 531

Sachkundeprüfungen im Bewachungsgewerbe: 1.292

Teilnehmer an der Unterrichtung für Aufsteller von Spielgeräten: 203

Anzahl der Kooperationslehrgänge mit Unternehmen: 80

Bildungs- und Förderberatungen für Personen: 817

Bildungs- und Förderberatungen für Unternehmen: 341

Beratungen zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse: 217

Gesamtzahl der Fortbildungsprüfungen: 2.023

Fachkundeprüfungen im Güter- und Personenverkehr: 219

Ausbildereignungsprüfungen: 2.007

Schulungen/Prüfungen der Fahrzeugführer nach ADR: 1.498

Schulungen für Gefahrgutbeauftragte: 47

Berufskraftfahrerqualifikationen: 768

„Wir sind mit unserem Dualen System gut aufgestellt“

Welche Qualifikationen sind in Zeiten der Digitalisierung gefragt? Bringen die Fachkräfte mit, was die Unternehmen suchen? Und wie attraktiv ist die duale Ausbildung noch, wenn offenbar immer mehr junge Leute studieren wollen? Darüber sprach unser Autor mit Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, seit 2011 Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, und Christopher Meier, seit Oktober 2015 Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung der IHK Köln.

? Herr Professor Esser, es lässt sich eine starke Fokussierung aufs Studium beobachten. Wie können – auch angesichts der Digitalisierung – die duale Ausbildung und die Weiterbildung so angepasst werden, dass sie bei jungen Menschen als Alternative wieder attraktiver werden?

! Prof. Esser: Die Zahl der jungen Menschen, die sich für eine duale Ausbildung entscheiden, ist in den letzten Jahren in der Tat zurückgegangen. Gründe hierfür sind die demografische Entwicklung, ein nachlassendes Interesse an Teilbereichen des dualen Systems sowie der anhaltende Trend zur Höherqualifizierung. Deshalb wird es laut unseren Projektionen voraussichtlich zu einer Fachkräftelücke auf der mittleren Qualifikationsebene kommen.

Deutschland ist aber auch in Zukunft auf hochqualifiziertes Personal und damit auf dual ausgebildete Fachkräfte in ausreichender Zahl angewiesen. Damit sich junge Menschen für eine duale Ausbildung entscheiden, sollte die Arbeit im Beruf interessant sein und als solche vermittelt werden. Neue Arbeitsformen und veränderte Kompetenzanforderungen in den Berufsbildern, zum Beispiel durch die Digitalisierung, können dies befördern. Der Beruf sollte aber auch angemessene Möglichkeiten in Bezug auf Einkommen, Weiterentwicklung und soziale Anerkennung eröffnen.

? Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang den Bologna-Prozess? Bekommt die Wirtschaft damit passgenau die Jungakademiker, die sie braucht?

!Ohne Frage hat der Bologna-Prozess durch die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen zu kürzeren Studienzeiten geführt. Dies war ja immer eine wesentliche Forderung der Wirtschaft. Eine größere Passgenauigkeit sehe ich allerdings nur selten, wenn ich einmal von dualen Studiengängen absehe. Wir sollten uns alle – gerade bei den vielen exotischen Studiengängen, die in den letzten Jahren entstanden sind – viel kritischer fragen, wie es um ihre Arbeitsmarktrelevanz und -fähigkeit bestellt ist.

? Mit der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung wird eine Reihe einfacherer Tätigkeiten wegfallen, andere Aufgaben werden komplexer. Braucht es da überhaupt noch zwei- und dreijährige Ausbildungsberufe?

! Wir sind mit unserem dualen System gut aufgestellt. Die Digitalisierung wird dieses System aber verändern. Dabei geht es um mehr Querschnittsangebote, Differenzierungen innerhalb bestehender Berufsbilder sowie um eine systemische Verzahnung von Aus- und Fortbildung. Sicherlich wird auch die Frage nach gänzlich neuen Berufsbildern diskutiert werden müssen, aber im Grundsatz gilt es, die Ausbildungsberufe punktuell für die Digitalisierung fit zu machen, zum Beispiel durch die Entwicklung von Zusatzqualifikationen. Ergebnisse aus unseren Studien zeigen, dass Facharbeiter künftig nach wie vor aus dem dualen System rekrutiert werden können und das, obwohl gerade im Bereich der IT-Kompetenzen in nahezu allen Berufsbildern erhöhte Anforderungen zu finden sind.

Herr Meier, welchen Beitrag leisten Aus- und Weiterbildung zur Fachkräftesicherung?

Christopher Meier: Die Aus- und Weiterbildung ist und bleibt einer der wichtigsten Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft und das Thema „Fachkräfte“ laut der aktuellen IHK-Konjunkturumfragen das größte Geschäftsrisiko. Die Duale Ausbildung und die höhere Berufsbildung sind das Rückgrat der Fachkräftesicherung und damit der Schlüssel gegen den drohenden Fachkräftemangel. Die enge Verzahnung von Theorie und Praxis garantiert eine hohe Ausbildungsqualität und ist genau der Erfolgsgarant für den Fachkräftenachwuchs, den die Unternehmen in Deutschland benötigen. Dual ausgebildete Personen sind begehrte Fachkräfte, im In- und Ausland, und gleichzeitig die beste Versicherung gegen den eigenen Fachkräftemangel.

Was tun die IHKs, um Aus- und Weiterbildung attraktiv für die Teilnehmer sowie die Unternehmen zu machen? Und welche Bedeutung haben die Buchstaben "IHK" heute unter einem Aus- oder Weiterbildungsprüfungszeugnis oder unter einem Zertifikat?

Die IHK zeigt die reichhaltigen Möglichkeiten der Dualen Ausbildung und der höheren Berufsbildung auf. Zum einen beraten und unterstützen wir auf vielfältige Art und Weise unsere Mitgliedsunternehmen, die beispielsweise zum ersten Mal ausbilden wollen. Aber wir unterstützen und beraten auch Schülerinnen und Schüler bei ihrer Berufsorientierung und zeigen die vielgestaltigen Karrieremöglichkeiten auf, die eine Duale Ausbildung nach der Schule bietet. Unser Angebotsspektrum ist vielfältig, aber die Buchstaben „IHK“ stehen dabei immer für einen hohen Qualitätsanspruch und für Neutralität. Durch das ehrenamtliche Engagement von über 5.000 Prüferinnen und Prüfer aus den Mitgliedsunternehmen der IHK Köln sind die Zeugnisse und Zertifikate der IHK bei den Unternehmen nicht nur bestens bekannt, sondern genießen auch einen hohen Stellenwert.

Wer ist die bessere Fachkraft: ein junger Hochschulabsolvent mit Bachelor-Abschluss oder jemand, der erfolgreich eine dreijährige duale Ausbildung absolviert hat?

Die Absolventen einer Dualen Ausbildung haben über drei Jahre eine praxisorientierte Ausbildung im Unternehmen absolviert. Sie kennen die Abläufe und Prozesse, haben sich ihr Wissen „on the job“ aneignen können. Auszubildende durchlaufen während ihrer Ausbildung das gesamte Unternehmen und lernen normalerweise alle Abteilungen kennen. Der theoretische Teil in der Berufsschule ist eng an der Praxis im Unternehmen ausgerichtet und kann direkt in der Praxis angewendet werden. Die vielfältigen Karrieremöglichkeiten nach einer Dualen Ausbildung runden das Bild ab. Die Einarbeitung junger Hochschulabsolventen ist meist umfangreicher und dauert länger, da sie zwar über ein gutes theoretisches, wissenschaftliches Wissen verfügen, aber nicht über die praktischen Erfahrungen. Damit sind die Einarbeitungskosten höher. Pauschal lässt sich die Frage also nicht so einfach beantworten, aber es sprechen schon viele Argumente für die Absolventen einer Dualen Ausbildung.