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Zwischen Kita, Schule und Beruf: Familien müssen oft einen Spagat bewältigen. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Haltung annehmen!

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für Unternehmen längst kein Luxus mehr, sondern in Zeiten des Fachkräftemangels eine schiere Notwendigkeit. Mit Imagepflege alleine ist es aber nicht getan. Experten sagen: Alles eine Frage der Haltung. Auch für kleinere und mittlere Unter nehmen ist mit einer familienfreundlichen Grundeinstellung vieles möglich.

Text: Werner Grosch

Unna ist der Nabel der Welt. Je nach Blickwinkel natürlich. Das Bild passt hier durchaus, schließlich geht es um Familienfreundlichkeit. In Unna sitzt die ExTox Gasmesssysteme GmbH, ein Hersteller von speziellen Schaltungen, Gehäusen und Software. Das Unternehmen hat den Bundeswettbewerb der Plattform „Erfolgsfaktor Familie“ gewonnen.

Dass diese Auszeichnung verdient ist, steht wohl außer Frage. Nicht nur, dass ExTox enorm flexible(Vertrauens-)Arbeitszeiten sogar in der Produktion anbietet. Nicht nur, dass die Kinder oder auch die Eltern der Beschäftigten jederzeit willkommen sind, dass es Familiensprechtage, Kinderfreizeiten und eine Wohlfühl-Managerin gibt, die sich um all das kümmert. Darüber hinaus ermuntert die Firmenleitung ihre Mitarbeiter, offensiv mit dem Thema Pflege umzugehen. Zwei ausgebildete Pflegebegleiter gibt es heute im Unternehmen, einer davon ist der Geschäftsführer selbst. Pflegebegleiter unterstützen Menschen, die Angehörige pflegen, ehrenamtlich bei dieser oft schwierigen Aufgabe. Das Unternehmen aus Unna hat auch eine eigene Band, und die schrieb gar einen eigenen Song zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Nutzen lässt sich ausrechnen

Eine Managerin fürs Wohlgefühl? Ein Popsong über Vereinbarkeit? Etwas viel für manche eher traditionelle Firmenkultur? Möglich. Falsch ist allerdings der Verdacht, dass sich solche vielfältigen Angebote ohnehin nur größere Unternehmen leisten können. ExTox ist ein Mittelständler mit 70 Beschäftigten. Die Unternehmensführung lebt Familienfreundlichkeit aus Überzeugung, aber sie weiß auch, dass es anders kaum geht: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen zufrieden sein, sollen langfristig gebunden werden. In Zeiten des weiter zunehmenden Fachkräftemangels ist das von existenzieller Bedeutung.

Familienfreundliche Angebote sind also unabdingbar. Dass sie sich auch betriebswirtschaftlich jedenfalls auf längere Sicht lohnen, ist nicht leicht zu belegen – auch wenn Studien mögliche Renditen von 40 Prozent bei einzelnen Maßnahmen errechnet haben. Unisono bestätigen aber Experten diesen Nutzen, etwa Dr. Regina Ahrens vom Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik an der Uni Münster. Familienfreundliche Unternehmen hätten nicht nur motiviertere Mitarbeiter, sondern seien nachweislich auch produktiver als andere, sagt die Wissenschaftlerin (siehe Interview).

Thema Pflege wird immer wichtiger

Doch selbst wenn das falsch wäre: Eine Wahl gibt es für die Unternehmen ohnehin nicht. Auch deshalb, weil Familienfreundlichkeit sich nicht mehr nur auf Kinder bezieht, sondern immer mehr auch auf Angehörige, die gepflegt werden. Schon in drei Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland auf 2,9 Millionen, bis zum Jahr 2030 auf 3,4 Millionen steigen. Und mehr als die Hälfte der pflegenden Angehörigen ist berufstätig. Zugleich rechnen nach einer Umfrage des Audit-Anbieters „Beruf und Familie“ mehr als zwei Drittel der Beschäftigten damit, dass sie irgendwann in Zukunft einen Angehörigen pflegen werden. Logische Folge: Wenn die Arbeitgeber ihnen nicht mit flexiblen Regelungen entgegenkommen, werden viele dieser Arbeitskräfte verloren gehen.

Beim jüngsten Wettbewerb von „Erfolgsfaktor Familie“ wurden deshalb natürlich Pflege-Aspekte berücksichtigt. In die Endrunde von 32 Unternehmen schaffte es aus der Region Köln nur die Rewe Markt GmbH, Teil der Rewe Group mit insgesamt 80.000 Beschäftigten und zentralem Sitz in Köln. Dass ein solches Unternehmen Betriebskitas bietet, ist kaum verwunderlich. Aber das Angebot ist noch weitaus größer und zielt vor allem darauf ab, den Kontakt zu Mitarbeitern in Elternzeit nicht abreißen zu lassen. Deshalb tauschen sich so genannte Beruf-und-Familie-Paten mit den Müttern und Vätern in Elternzeit, sofern es gewünscht ist, regelmäßig oder punktuell aus.

Außerdem versucht das Unternehmen über ein Netzwerk an einem regionalen Standort, ehemalige und aktive Beschäftigte miteinander in Kontakt zu bringen – notfalls kann so mal jemand kurzfristig bei der Kinderbetreuung helfen. Hinzu kommen weitere Angebote, die vor allem auf Flexibilität abzielen, beispielsweise durch moderne Arbeitsgeräte und -systeme sowie bei Bedarf durch die Ausgabe von „Notfall-Laptops“ für spontanes Arbeiten von zu Hause aus.

IHK Köln will sich stärker engagieren

Gut und sicher betreute Kinder sind nicht der einzige, aber sicher der für viele Betroffene wichtigste Aspekt. Deshalb will sich auch die IHK Köln hier verstärkt engagieren. Vizepräsidentin Dr. Sandra von Möller hat sich dazu kürzlich mit der Kölner Bildungs- und Jugenddezernentin Dr. Agnes Klein getroffen und möchte dem Thema besondere Aufmerksamkeit verschaffen. Und die sei dringend nötig, sagt Dr. von Möller: „Insbesondere für Kinder unter drei Jahren gibt es viel zu wenig Kita-Plätze. Die Stadt erfüllt hier ihre Vorgaben nicht, obwohl für Kinder ab einem Jahr ein Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz besteht. Zudem sind die meisten Kitas zeitlich nicht flexibel genug. Das ist eine für Arbeitgeber und Arbeitnehmer unzumutbare und unzeitgemäße Situation.“

Diese Lage führe beispielsweise dazu, dass Frauen und Männer in Elternzeit nicht früh und verbindlich sagen können, wann und in welchem Umfang sie wieder arbeiten können. Ein weiteres Problem sieht die IHK-Vizepräsidentin in den bürokratischen Vorgaben für Betriebskitas, die viele Unternehmen abschrecken. Hier wünscht sie sich pragmatischere Lösungen. Ein Ansatz für mehr Kita-Plätze ist das Modell der "Großtagespflegestellen“, das weniger strengen Regeln unterliegt als eine Kindertagesstätte im engeren Sinn (siehe Stichwort).

Stadt und IHK im Gespräch über Ausbau der Betreuung

IHK-Vizepräsidentin Dr. Sandra von Möller hat mit der Stadt Köln Gespräche aufgenommen, um für Unternehmen eine Verbesserung der Betreuungssituation von Kindern zu erreichen. Da der Stadt vor allem Flächen für die Einrichtung neuer Kita-Plätze fehlen, sieht sie eine Lösung in der Bereitstellung von Flächen durch die Unternehmen selbst und einer engen und lösungsorientierten Zusammenarbeit
mit der Verwaltung. Die erste konkrete gemeinsame Aktion betrifft kleinflächige Angebote: Firmen sind jetzt aufgerufen, nach freien Flächen auf ihrem Gelände zu suchen und diese zu melden. Dann können hier möglicherweise Kinderbetreuungen nach dem Modell der „Großtagespflege“ eingerichtet werden.

„Betriebe können eine betriebseigene Kinderbetreuung aufbauen, indem sie Tagespflegepersonen suchen, die ausschließlich die Kinder der Beschäftigten betreuen“, erklärt Helmut Tappert, Leiter der Stabsstelle Kita-Bau der Stadt Köln. Diese Personen müssen eine Pflegeerlaubnis vom Jugendamt an ihrem Wohnsitz erhalten haben.

Das Tagespflegemodell ist weniger aufwendig als eine reguläre Kindertagesstätte, aber natürlich müssen auch hier einige Bedingungen vor allem für die Sicherheit der Kinder erfüllt sein. Unter anderem muss ausreichender Brandschutz belegt werden, und pro Kind sollen 5-6 Quadratmeter Spielfläche vorhanden sein. Falls es kein Außengelände gibt, soll ein Spielplatz oder Park in der Nähe sein. Wenn alle Voraussetzungen gegeben sind, erteilt das Jugendamt die Genehmigung für den Betrieb der Pflegestelle. Wenn Unternehmen ihren Beschäftigten Zuschüsse für die Betreuung gewähren, so sind diese für den Arbeitgeber steuer- und sozialversicherungsfrei.

Größere Unternehmen können natürlich auch einen eigenen Betriebskindergarten einrichten. Pro Gruppe müssen dafür mindestens 170 Quadratmeter Fläche und ein Außenspielgelände mit mindestens 10 Quadratmetern Platz pro Kind zur Verfügung stehen. Dieser lässt sich am einfachsten mit einem Kita-Träger umsetzen, an den die Fläche für mindestens fünf Jahre vermietet wird. Auf der Webseite der Kontaktstelle Kindertagespflege Köln sind weitere Informationen und Ansprechpartner zusammengestellt.

Betreuungsangebot speziell für Selbstständige

Auf der Basis dieses Modells konnte auch Peggy Wahrlich im Frühjahr Betreuungsplätze für Nutzer ihres neue Coworking-Space einrichten. „Die Nachfrage nach dem Betreuungsangebot ist wie erwartet groß“, sagt die Gründerin, die professionelle Betreuerinnen für die Kinder ihrer Büro- oder Schreibtisch-Mieter beschäftigt. „Cowoki“ ist eines von ganz wenigen Angeboten dieser Art für Jungunternehmer, Start-ups und Freiberufler. Während sie oben arbeiten, sind die Kinder eine Etage tiefer gut betreut – und im Notfall ist Papa oder Mama ganz schnell da.

Gerade kleinere Unternehmen tun sich oft schwer mit familienfreundlichen Angeboten. Aber selbst eine Kita ist möglich, wenn man nicht alles alleine stemmen muss. Beispiel Vincerola: Der private Träger unterhält bislang zwei Standorte in Köln und einen in Aachen. „Wir haben verschiedene Möglichkeiten, wie auch kleinere Unternehmen eine Kinderbetreuung organisieren können: Entweder können sie ein Platzkontingent in einer unserer Einrichtungen buchen, oder aber mehrere Unternehmen schließen sich zusammen und beauftragen uns als Träger“, sagt Geschäftsführerin Katharina Köver.

Vincerola ist von Anfang an auf die Bedürfnisse von Unternehmen und Beschäftigten ausgerichtet, hat besonders lange Öffnungs- und besonders kurze Ferienzeiten. Diese Faktorenkommen den kleinen Unternehmen sehr entgegen. Anders gesagt: Das Angebot passt zu den Bedürfnissen. Und genau das ist der springende Punkt. In manchen Unternehmen wurden beispielsweise Eltern-Kind-Arbeitszimmer getestet. Bei der Pflitsch GmbH & Co. KG in Hückeswagen hat man davon aber wieder Abstand genommen, weil es nicht den Bedürfnissen entsprach. Stattdessen gibt es jetzt Laptops, die schnell und unkompliziert die Arbeit von zu Hause ermöglichen, wenn es denn mal nötig ist. Außerdem bietet der Spezialist für Kabelverschraubungen Zuschüsse für Kinderbetreuungen in den Ferien an. Und das Unternehmen schafft vor allem eines: Vertrauen. Zum einen gibt es sogenannte Soziale Ansprechpartner für alle beruflichen und/oder privaten Belange, über die man erst mal nicht mit dem Vorgesetzten sprechen will. Zum anderen können externe Berater in bestimmtem Umfang in Anspruch genommen werden. Alle Ansprechpartner sind zur Verschwiegenheit verpflichtet und können direkt kontaktiert werden – mit ihnen kann man deshalb auch heikle, oft tabuisierte Themen wie die Pflege von Angehörigen besprechen.

Zentrale Anlaufstelle ist ideal

Ideal ist nach Ansicht von Experten, wenn alle Vereinbarkeits-Themen bei einer zentralen Anlaufstelle zusammengefasst werden. Nachdem beispielsweise die Uniklinik in Münster eine solche Stelle eingerichtet hatte, verdreifachte sich die Zahl der Gesprächsanfragen innerhalb weniger Jahre.

Was Familien brauchen, ist vor allem Flexibilität. Deshalb sind Modelle wie beim Kölner Wohnungsbauunternehmen GAG besonders wichtig. Hier gibt es beispielsweise ein Ampelsystem für die Arbeitszeit. Alle Mitarbeiter können ihr Zeitbudget in einem gewissen Rahmen eigenverantwortlich disponieren (Ampel: grün). Nach Absprache mit dem Vorgesetzten ist eine Ausdehnung dieses Rahmens auf bis zu 25 Minus- oder 75 Überstunden
möglich – das schafft Freiräume für familiäre Verpflichtungen. Die GAG hat außerdem eine Stiftung ins Leben gerufen, die unter anderem Familien in finanzieller Notlage helfen kann. Nicht zuletzt bietet das Unternehmen Ferienbetreuungen für Mitarbeiterkinder an – in den vergangenen Osterferien bauten sie Seifenkisten, mit denen sie im Juli beim großen Rennen im Nippeser Tälchen an den Start gehen.

Herausforderung? Nicht für alle

Natürlich fällt es großen Unternehmen oft leichter, Maßnahmen umzusetzen. Bei der Bayer AG zum Beispiel gibt es in der Abteilung Human Resources ein ganzes Team, das sich nur dem Thema „Familie und Beruf“ widmet. Außerdem hat das Unternehmen noch einen Kooperationsvertrag mit einem privaten Beratungs- und Vermittlungsdienst geschlossen, der die Mitarbeiter unterstützt. Die Kosten dafür übernimmt Bayer ebenso wie die für die Beratung durch die famplus GmbH, einen externen Dienstleister, der auf die Pflege Angehöriger spezialisiert ist. Für die Pflege können die Bayer-Beschäftigten auch etwa die Zeit nutzen, die sie auf einem Langzeitkonto namens „BayZeit“ angespart haben.

Das Fazit ist klar: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Familienfreundlichkeit zu leben. Für Forscherin Regina Ahrens ist dabei ein Grundsatz wichtig: Es geht um eine Haltung, nicht um bloße Maßnahmen für die Außendarstellung. Eine Haltung eben, die der Bundessieger ExTox auf den Punkt bringt: „Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stellt für ExTox eine Selbstverständlichkeit und keine zu bewältigende Herausforderung dar.“

Infos, Rat und Hilfe

Die wichtigsten Adressen im Netz mit vielen Informationen, Anregungen, Fallbeispielen und Kontaktmöglichkeiten zum Thema Familienfreundlichkeit:

Als Teil des gleichnamigen Unternehmensprogramms wurde das Unternehmensnetzwerk „Erfolgsfaktor Familie“ 2007 vom DIHK und dem Bundesfamilienministerium gegründet. Es soll die zentrale Plattform für familienfreundliche Unternehmen sein, mittlerweile gehören ihr mehr als 6.400 Mitglieder an. Gerade kleine und mittlere Betriebe sollen auf diese Weise Hilfe bei der praktischen Umsetzung einer familienfreundlichen Personalpolitik bekommen.

"berufundfamilie" ist ein Dienstleister, der vor allem das von der Hertie-Stiftung ins Leben gerufene Audit Beruf und Familie durchführt. Mehr als 1.600 Unternehmen, Institutionen, Verbände und Hochschulen haben bereits seit 1998 daran teilgenommen. Das Audit soll nach außen die ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema belegen und nach innen einen ständigen Prozess initiieren, nicht bloß kurzfristige Einzelmaßnahmen. Auf der Website sind alle bisherigen Zertifikatsträger mit ihren Maßnahmen beschrieben – darunter auch der DIHK, der neben flexiblen Arbeitszeitmodellen unter anderem zwei Familienbeauftragte eingeführt hat. Sie sind zentrale Ansprechpartner für alle Fragen zum Thema Vereinbarkeit.

Der Verbund für Unternehmen und Familie ist ein Zusammenschluss von derzeit 45 Unternehmen aus NRW, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gezielt fördern wollen, auch und gerade zum Thema Pflege. Der Verbund berät kleine und mittlere Unternehmen bei allen Fragen zur Gestaltung einer familienfreundlichen Unternehmenskultur.

Lernen mit Kind - das geht

Ausbildung in Teilzeit wird noch wenig genutzt, ist aber eine große Chance für viele junge Mütter und Väter – und für die Unternehmen, die Fachkräfte mit besonderen Qualitäten gewinnen können.

Gerade für sehr junge Mütter ist es oft schwer, die Schule abzuschließen oder gar eine duale Berufsausbildung zu absolvieren. Das belegt auch der im April neu erschienene Berufsbildungsbericht der Bundesregierung. Danach ist mehr als die Hälfte aller Mütter zwischen 16 und 24 Jahren ohne beruflichen Abschluss und absolviert auch keine schulische oder berufliche Ausbildung.

Der Zeitfaktor ist da sicher nicht das einzige, aber eines der größten Hindernisse. Wenn man annähernd 40 Arbeits- und Schulstunden plus Lernzeit aufbringen muss, lässt sich das mit der Kinderbetreuung kaum vereinbaren. Umso erstaunlicher ist, dass nur knapp eine von hundert jungen Frauen ihre Ausbildung in Teilzeit absolviert, bei den jungen Männern sogar nur jeder tausendste. Auch diese Zahlen entstammen dem Berufsbildungsbericht. Er zeigt, dass diese Möglichkeit immer noch kaum genutzt wird.

Dabei ist das Verfahren recht simpel: Die Interessenten müssen ein „berechtigtes Interesse“ an der Reduzierung haben. Hat man ein Kind oder pflegt einen Angehörigen, ist das unzweifelhaft. Dann muss nur noch der Arbeitgeber mitspielen, denn die abgeknapste Zeit fehlt dem Betrieb, bei der Berufsschule wird nicht gekürzt. Die Gesamtzeit pro Woche inklusive Schule kann zwischen 20 und 30 Stunden liegen. Bei der kürzesten Variante wird die Gesamtdauer der Ausbildung allerdings dann um bis zu zwölf Monate verlängert.

Wer dagegen mindestens 25 Wochenstunden leistet, der kann auch ohne Verlängerung die Ausbildung abschließen – oder sogar noch eine Verkürzung um ein halbes Jahr erreichen. Wie Franziska Paul, die in einem Supermarkt der REWE Markt GmbH ihre Ausbildung zur Kauffrau im Einzelhandel mit 30 Wochenstunden statt der hier üblichen 37,5 Stunden absolviert hat: „Das hat mir der Marktleiter angeboten, und so konnte ich die Arbeit und die Betreuung meiner kleinen Tochter gut miteinander vereinbaren“, berichtet die junge Frau. Das hat offenbar so gut geklappt, dass sie in der Schule sogar noch Top-Leistungen ablieferte.

Franziska Paul hat dank Teilzeit Ausbildung und Kindesbetreuung unter einen Hut bringen können.
Foto: REWE

Die Ausbildung in Teilzeit ist also auch eine Möglichkeit für Unternehmen, Spitzen-Azubis zu gewinnen. Nach Einschätzung der Agentur für Arbeit bringen viele von ihnen gerade aufgrund ihrer Elternrolle zudem ein hohes Maß an Organisationstalent und Verantwortungsbewusstsein mit. Dass dennoch relativ wenige junge Leute diese Möglichkeit nutzen, könnte auch daran liegen, dass die Vergütung dann noch geringer ausfällt. Das können sich gerade junge Mütter und Väter oft nicht leisten – oder sie glauben das zumindest. Denn auch hier gibt es Möglichkeiten der Unterstützung: Mit der Ausbildungsbeihilfe, die mehrere hundert Euro monatlich betragen kann und die für die gesamte Dauer der Erstausbildung in einem anerkannten Beruf gezahlt wird. Im Netz findet man dazu alle Infos sowie Beispielrechnungen kompakt auf einer Seite.

Kulturcheck: Wie familienfreundlich ist Ihre Unternehmenskultur?

Mit dem im Frühjahr neu eingeführten Kulturcheck des Unternehmensprogramms „Erfolgsfaktor Familie“ können Unternehmen jetzt  herausfinden, welchen Stellenwert die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei ihnen tatsächlich einnimmt. Die Fragen beziehen sich beispielsweise auf Arbeitsbedingungen, Führungsverhalten und auch auf die Kommunikation des Themas intern wie extern. Am Ende des Fragebogens erhält jedes Unternehmen neben einer Gesamtbewertung der Unternehmenskultur und einer Einzelbewertung der verschiedenen Kategorien konkrete Hinweise und Informationen für die weitere familienfreundliche Ausgestaltung.

"Nehmen Sie alle Mitarbeiter mit!"

Dr. Regina Ahrens ist seit 2011 Geschäftsleiterin des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik (FFP), das im Jahr 2005 an der Universität Münster gegründet wurde und heute auch Standorte in Berlin und Bochum hat. Dr. Ahrens studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft in Lille und Münster. (Foto: Caroline Queda)

? Frau Dr. Ahrens, Sie sagen, familienbewusste Personalpolitik lohnt sich für Unternehmen. Wie lässt sich das messen?

! Wir haben als erste Einrichtung in Deutschland die betriebswirtschaftlichen Effekte von Familienfreundlichkeit untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig: Unternehmen, die familienfreundlich sind, schneiden nicht nur bei der Motivation der Mitarbeiter deutlich besser ab als andere, sondern auch bei der Produktivität.

? Und im Verhältnis zu den Kosten – rechnet sich das?

! Viele Unternehmen rechnen das selbst nicht genau durch, aber man muss sich nur mal vor Augen führen, was man alles spart, wenn man gute Leute auch halten kann: Kosten für die Neubesetzung, die Einarbeitungsphase, den Neuaufbau von Kontakten zum Beispiel.

? Dennoch scheint diese Rechnung nicht in allen Unternehmen bekannt zu sein.

! Es gibt, vor allem unter den großen Unternehmen, schon sehr viele, die Vorreiter sind und auch wirklich aus Überzeugung familienfreundlich agieren. Wo es noch hakt, das sind vor allem männerdominierte Betriebe im verarbeitenden Gewerbe. Die sagen, das brauchen wir nicht. Da fehlt teils das Bewusstsein dafür, dass auch immer mehr Männer für ihre Familie da sein wollen.

? Der Fachkräftemangel wird auch diese Unternehmen zum Handeln zwingen, oder?

! Manche handeln eben erst, wenn der Druck wächst. Oder dann, wenn sie eine einschlägige persönliche Erfahrung machen. Etwa, wenn der Inhaber eines familiengeführten Unternehmens Großvater wird und dann merkt, wie schwer es seiner Tochter fällt, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

? Genau solche Unternehmen sind wohl oft diejenigen, die sagen: Ich kann mir familienfreundliche Angebote gar nicht leisten.

! Die ganz großen Unternehmen haben natürlich die Kapazitäten dafür, und bei den ganz kleinen ist es auch wieder einfacher, weil vieles informell auf persönlicher Ebene geregelt werden kann. Bei denen dazwischen ist es am schwierigsten, aber wirklich nicht unmöglich.

? Was ist Ihr wichtigster Rat an solche Unternehmen?


! Nehmen Sie alle Führungskräfte und Mitarbeiter mit, loten Sie die tatsächlichen Bedürfnisse aus! Das geht ideal in einem Workshop. Und es geht ja nicht immer gleich darum, eine Betriebskita zu gründen, sondern es kann auch schon sehr nützlich sein, zum Beispiel bei der Vermittlung einer  Tagesmutter zu helfen. Entscheidend ist, die wahren Bedürfnisse zu kennen. Ein typisches Beispiel sind Eltern-Kind-Arbeitszimmer: Das ist ein nettes Angebot, das aber oft gar nicht genutzt wird – ich persönlich könnte mit meinen Kindern im selben Raum auch nicht konzentriert arbeiten.

? Beim Thema Pflege ist wohl noch mehr Aufklärungsarbeit notwendig?

! Absolut. Es gibt Unternehmen mit 1.000 Beschäftigten, die sagen, wir sind davon nicht betroffen. Unter 1.000 Leuten niemand, der einen Angehörigen pflegt? Das ist völlig undenkbar! Hier fehlt es oft noch an Verständnis bei den Führungskräften, und für die Betroffenen ist das noch ein Tabu-Thema. Aber auch beim Thema Kinderbetreuung hat sich in den vergangenen 15 Jahren viel getan, das wird auch hier so sein. Es braucht seine Zeit, aber das Thema Pflege wird uns einholen, das steht außer Zweifel.

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