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Bringt seit 253 Jahren Licht ins Dunkel: die Joh. Schlösser GmbH, besser bekannt als "Kerzen Schlösser". Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

Erfahren, ehrwürdig, innovativ

Unternehmen mit Geschichte: Wir stellen vier Betriebe am Wirtschaftsstandort Köln vor, die zu den ältesten ihrer Branche zählen, in einem Fall sogar zu den ältesten Firmen der Region insgesamt.

Text: Lothar Schmitz

Trinkhalle Schumacher – der Kiosk als Lebensgefühl:

Sie betreibt auf dem Yithzak-­Rabin-­Platz die "Trinkhalle Schumacher" und damit den nach Angaben der Stadt ältesten Kiosk Kölns: Dietlinde Schumacher.
Foto: Aliki Monika Panousi

Diese Ehre wird nicht jedem zuteil: Im August wurde der Hohenstaufenring in Köln vorübergehend umgetauft in „Dietlinde-­Schumacher-­Ring“. Die Idee des Kunstprojekts „UMTaufen“: den Menschen Aufmerksamkeit schenken, die sich Tag für Tag auf den Kölner Ringen für Lebensqualität, Flair, Atmos­phäre und Wärme einsetzen. Das trifft zweifelsohne auf Dietlinde Schumacher zu. Die 67­Jährige betreibt auf dem Yithzak-­Rabin-­Platz die Trinkhalle Schumacher und damit den nach Angaben der Stadt ältesten Kiosk Kölns. Mit der Kunstaktion wurde allerdings weniger eine Verkaufsstelle für Süßigkeiten und Getränke, Zeitungen und Tabakwaren gewürdigt. Sondern eine Institution.
„Wenn du erfolgreich einen Kiosk betreiben willst, dann musst du ein Ohr für alle und alles haben“, weiß Sohn Christian Schumacher, der, wie auch sein Vater, viele Morgen­ und Abendschichten im Kiosk übernimmt, während die Mutter vor allem mittags und nachmittags dort ist. „Wir sind für viele unserer Kunden Psychologe, Lehrer, Onkel oder Tante“, erzählt er.
Der 1926 eröffnete und von seinem Großvater Rheinfried Weber in den 1960er­Jahren übernommene Kiosk ist ein Treffpunkt für Jung und Alt und zieht zahlreiche Stammkunden an, von Schülern und Studenten über Berufs­tätige bis zu Rentnerinnen und Rentnern. „Wenn ich am frühen Abend komme, treffe ich meine Mutter meistens vertieft ins Gespräch mit fünf, sechs Kundin­nen an“, sagt Christian Schumacher. Als ein langjähriger Stammkunde starb, hätten sie sogar bei anderen Stammgästen Geld gesammelt und einen ge­meinsamen Kranz gekauft. Für seine Mutter sei der Kiosk längst zum Lebens­gefühl geworden: „Auch ich war schon mit 13 oft dort“, erinnert er sich. „Des­halb helfe ich bis heute gerne, denn wir sind doch ein Familienunternehmen!“

Landgasthof Reinhold – per Postkutsche ins Bergische:

Von 1864 bis 1922 war der Landgasthof Reinhold Poststation. Heute gehört er wochentags fast ganz den Geschäftsleuten, am Wochenende feiern hier Familien ihre Feste und Wanderer verschnaufen sich.
Foto: Aliki Monika Panousi

Heute kommen die meisten Gäste mit dem Pkw. Montags bis freitags gehört der Landgasthof Reinhold im oberbergischen Lieberhausen fast ganz Geschäftsleuten, oft auch Teilnehmern großer Messen in Köln, wie zuletzt der Anuga. Dann platzen die Kölner Hotels aus allen Nähten, viele Besucher weichen auf Unterkünfte im Umland aus.
Wo jetzt die Autos parken, standen früher Postkutschen. Wo sich heute der Wäscheraum des kleinen Hotels befindet, waren einst die Ställe für die Pferde. Denn von 1864 bis 1922 war der Landgasthof Poststation. „Die östlichste Station im Regierungsbezirk Köln“, wie Hotelier Uwe Reinhold erzählt. Das bedeutete: Im Landgasthof übernachteten die Kutscher und ihre Pferde, und hier übernachteten diejenigen, die per Postkutsche auf Reisen waren Richtung Köln oder Richtung Osten. „Oder die ins Oberbergische wollten“, ergänzt Reinhold, „denn wie meine Mutter berichtet, kamen spätestens um 1880 die ersten Städter zur Sommerfrische in unsere Region.“
Das Gebäude ist noch viel älter, es stammt aus der Zeit um 1750. Schon vor der Umwandlung in eine Poststation mit Übernachtungsmöglichkeiten sei dort eine Wirtschaft gewesen, erzählt Reinhold.
Am Wochenende findet stets ein großer Gästeaustausch statt: Dann wird der Landgasthof Reinhold für Familienfeiern gebucht, und Wanderer schauen vorbei. Seit Eröffnung des ‚Bergischen Panoramasteigs‘ zählt das Hotel deutlich mehr Tages­ und Übernachtungsgäste. „Wir haben das Glück, direkt an dem zerti­fizierten Fernwanderweg zu liegen“, so der Hotelier. „Und genau wie damals die Postkutschenreisenden freuen sich die Wanderer sehr auf eine Einkehr!“

Lengfeld’sche Buchhandlung – Instanz für Literatur:

Ort der Begegnung - mit Menschen und Literatur - und literarischer Salon des 21. Jahrhunderts: 2017 jährte sich die Eröffnung der Lengfeld’schen zum 175. Mal.
Foto: Aliki Monika Panousi

Als Moritz Lengfeld 1842 in Köln eine Buchhandlung gründete, war Marcel Proust nicht einmal geboren. Spätestens als dort von 1997 bis 2003 Prousts 4.000 Seiten umfassender Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorgelesen wurde, ist der Name des berühmten Autors untrennbar mit der M. Lengfeld’schen Buchhandlung verbunden. Mag sie ihrerseits nicht weltbekannt sein – in Köln und Umgebung jedenfalls gilt die „Lengfeld’sche“ als Instanz in Sachen Literatur. 2017 wurde sie als eine der drei besten Buch­handlungen des Landes mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.
Gefeiert wurden dieses Jahr zwei weitere Jubiläen: die 175. Wiederkehr der Eröffnung – damit gilt die Lengfeld’sche als älteste Buchhandlung Kölns – und das 60­jährige Buchhändler­-Jubiläum von Hildegund Laaff. Die inzwischen 80­Jährige ist das Herz und die Seele der Lengfeld’schen. Als Carsten Saenger die Buchhandlung 1993 übernahm, folgte Laaff ihrem langjährigen Kollegen aus der „Bücherstube am Dom“ an den Kolpingplatz, und sie hauchten dem Traditionsunternehmen neues Leben ein.
In der Lengfeld’schen finden Bücherfreunde ein breites Sortiment und können sowohl mit Hilfe persönlicher Beratung im Laden als auch online zum Ziel ihrer Lesewünsche kommen. Ihren eigentlichen Charme entfaltet sie jedoch als Ort der Begegnung mit Menschen und Literatur, als literarischer Salon des 21. Jahrhunderts. Alte Teppiche, Ohrensessel und gedämpfte klassische Musik. Und immer wieder: Lesungen. Gerade ging die zweijährige Lesung von Cervantes‘ „Don Quijote“ zu Ende. Wie schon bei Proust kamen dazu auch diesmal weit über 100 Literaturfans zweimal pro Monat in die Lengfeld’sche.

Kerzen Schlösser – ein Licht für alle Fälle:

Ein Bürgerbrief der „Freyen Stadt Cöllen“ von 1764 begründete den Start von "Kerzen Schlösser", so der Name des Unternehmen, unter dem es heute bekannt ist.
Foto: Aliki Monika Panousi

Kölle is e Jeföhl, lautet einer der hiesigen Glaubensgrundsätze. Köln ist aber auch Licht und Duft. Das älteste Unternehmen Kölns – Farina – sorgt seit über 300 Jahren für Wohlgeruch. Das zweitälteste bringt seit 253 Jahren Licht ins Dunkel: die Joh. Schlösser GmbH, besser bekannt als Kerzen Schlösser. Von 1764 datiert der Bürgerbrief der „Freyen Stadt Cöllen“, der Nikolaus Hummelsheim, dem Urgroßonkel von Johann Schlösser, gestattete, ein Gewer­be auszuüben. Heute sorgt sein Nachfahre Stephan Zimmermann dafür, dass nichts anbrennt. Der gelernte Bankkaufmann und Wachszieher trat 1983 in das Unternehmen ein und führte es viele Jahre gemeinsam mit seiner Mutter, die 2017 mit 88 Jahren verstarb, aber bis zuletzt ein Büro in der Firma hatte.
80 Prozent seines Umsatzes macht Kerzen Schlösser mit den Kirchen. Kaum eine evangelische oder katholische Kirche in der Region und weit darüber hinaus, in der nicht die in einem aufwändigen Prozess hergestellten Kerzen zum Einsatz kommen. Die Kirchen sind ein treuer, aber auch schrumpfender Kunde. Deshalb verwendet Zimmermann viel Zeit und Energie darauf, neue Absatzmärkte zu erschließen. Das Credo eines seiner Vorfahren gilt auch für ihn: „Es ist nicht wichtig, in 40 Jahren noch Kerzen herzustellen“, sagt der  Unternehmer, „aber es ist wichtig, dass die Firma in 40 Jahren noch besteht!“ Vorerst bleibt es aber bei Kerzen – und zwar verstärkt für weltliche Zwecke, von der Gastronomie über die Werbung bis zur Film­ und Fernsehproduktion. Das Unternehmen habe schon ganz andere Wendepunkte gemeistert: Obwohl um die vorletzte Jahrhundertwende durch die zunehmende elektrische Beleuchtung der Bedarf an Kerzen langsam abgenommen habe, sei es dem damaligen Inhaber Johann Heinrich Schlösser gelungen zu expandieren. „Das“, unterstreicht der Unternehmer, „ist mein Ansporn!“

Informationen und Archivalien zu Traditionsunternehmen sind in der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln, die eng mit der IHK Köln verbunden ist, zu erhalten. Weitere Infos: www.rwwa.de.

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Ulrich S. Soénius

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