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Bei Interseroh wird aus alten Verpackungen Granulat, das zu verschiedenen Produkten weiterverarbeitet wird. Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Energiewende - Wirtschaft kann das!

Bis 2050 soll Europa als erster Staatenverbund der Welt klimaneutral sein. Neue Gesetze und steigende Energiepreise werden die Wirtschaft belasten. Doch die Energiewende birgt auch die Chance, mit Innovationen neue Märkte zu erschließen.

Text: Eli Hamacher

Sven Gebhards Resümee nach dem Katastrophen­sommer fällt eindeutig aus. „Mir sind die Überschwemmungen in unserer Region genauso unter die Haut gegangen wie die Waldbrände in Kanada, wo in kürzester Zeit ganze Dörfer abgebrannt sind“, sagt der Waldbröler Unternehmer, einer der Vizepräsidenten der IHK Köln, der eine Zeit lang in Vancouver gelebt hat. Das habe sicher vielen die Augen geöffnet. „Was wir alle daraus mitnehmen können, ist, dass jeder – also Politik ebenso wie Wirtschaft, Bürgerinnen und Bürger – Schritt für Schritt seinen Beitrag leisten
muss“, so der Geschäftsführer der GC-heat Gebhard GmbH & Co. KG. In der Wirtschaft sei das Bewusstsein da. Der Industrie falle auf dem Weg zur Klimaneutralität auch die Rolle des Innovators und Technologietreibers zu.

IHK-Vizepräsident Sven Gebhard, Geschäftsführer der GC-Heat, sieht die Industrie beim Klimaschutz in der Rolle des Innovators und Technologietreibers.
Foto: Peter Boettcher

Seit gut eineinhalb Jahren beherrscht die Corona-Pandemie die Medien. Ein Top-Thema ließ sich dennoch nicht verdrängen: die Energiewende, einmal mehr, seitdem Mitte Juli 2021 Starkregen ganze Landstriche an Ahr und Erft komplett verwüstet hat. An ambitionierten Zielen mangelt es nicht. Bis 2050 soll Europa als erster Staatenverbund der Welt klimaneutral sein, so schreibt es die EU in ihrem „Green Deal“ vor. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom April 2021 verkündete die Bundesregierung das Ziel, sogar schon bis 2045 klimaneutral werden zu wollen. Noch schneller wollen es einige Unternehmen schaffen, der Kölner Spezialchemie-Konzern LanXess etwa bis 2040. Bereits bis 2030 soll der CO2-Ausstoß in Deutschland um 50 Pro­zent gegenüber heute auf rund 1,6 Millionen Tonnen CO2 sinken.

Unternehmen nehmen Herausforderung an

Von den ehrgeizigen Zielen – wie der zuletzt noch einmal stark verschärften CO2-Einsparung und den durch Emissionsrechte gesteuerten Preissteigerungen beim Einsatz fossiler Brennstoffe – sind die IHK-Mitgliedsunternehmen stark betroffen. Zahlreiche Gesetze zielen unmittelbar auf die Unternehmen, andere beeinflussen das wirtschaftliche Umfeld entscheidend. Wie stellt sich die Wirtschaft auf die Anforderungen ein? Welche Lösungen wurden zur Senkung der Treibhausgasemissionen bereits umgesetzt, welche sind geplant?
Wie stark die Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit auf der Agenda haben, belegt die im Februar 2021 veröffentlichte CSR Trendstudie der IHK Köln. Danach gibt etwas mehr als die Hälfte an, sich mit dem Thema auseinander­zusetzen. Die Befragten verstehen nachhaltiges Wirtschaften als Impulsgeber für Innovationen sowie als Möglichkeit, neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen und Rohstoffe sowie Energie einzusparen.

Interseroh-Geschäftsführer Markus Müller-Drexel fordert klare politische Ziele und Freiräume für die Wirtschaft zur Umsetzung der Energiewende.
Foto: Peter Boettcher

Für Markus Müller-Drexel, Geschäftsführer der Interseroh Dienstleistungs GmbH und bei der IHK Köln als Vorsitzender des Ausschusses für Umwelt & Energie engagiert, setzt der euro­­päische Green Deal die richtigen Schwerpunkte, „um in Europa zukunfts- und wett­bewerbsfähig zu wirtschaften und gleichzeitig den globalen Temperaturanstieg unter 1,5 Grad Celsius zu halten. Unsere Wirtschaftsregion muss mit Innovationen und Technologien punkten und gleichzeitig ihre industrielle Basis schützen.“ Der Gesetzgeber müsse klare Ziele vorgeben und es der Wirtschaft dann überlassen, diese Ziele im Wettbewerb, durch Investitionen und mithilfe der dynamischen Marktkräfte zu erreichen.

Er sei davon überzeugt, dass nur durch die Kreislaufwirtschaft das nochmals verschärfte EU-Klimaschutzziel zu erreichen sei. „Durch die mehrmalige Nutzung von Wertstoffen wird einerseits die Abhängigkeit von Rohstoffimpor­ten verringert – das ist gut für die europäischen Volkswirtschaften.“ Andererseits spare die Nutzung von Rezyklaten im Vergleich zur Verwendung von Neuware mehr als 50 Prozent Treibhausgasemissionen. Der Spezialist für Abfall­vermeidung und Produktrecycling verwertet jährlich 800.000 Tonnen Leichtverpackungen und damit etwa ein Drittel der in Deutschland ein­gesammelten Menge. Der Klimavorteil müsse sich aber auch im Rezyklatpreis widerspiegeln, fordert Müller-Drexel. Derzeit könnten Recycling­­rohstoffe im Preiswettbewerb mit Neumaterial kaum mithalten.

Viele energieintensive Betriebe in der Region

Welche Bedeutung neue Gesetze im Rahmen der Energiewende im IHK-Bezirk Köln haben, verdeutlichen die Zahlen: 37.000 Beschäftigte arbeiten laut einer 2018 veröffentlichten IHK-Energiestudie in energieintensiven Industrien, der Umsatz liegt bei jährlich rund 14 Milliarden
Euro und die Wertschöpfung beträgt drei Milliarden Euro. Das ist deutlich mehr als im Landes- und Bundesdurchschnitt. „Wandert die Industrie in andere Länder ab, hat das nicht nur Folgen für Wohlstand und Beschäftigung. In Ländern, die keine ambitionierten Klimaschutzziele verfolgen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass weniger Innovationen für den Klimaschutz entwickelt werden und dass die absolut notwen­dige Transformation von Klimaschutzforschung aus den Hochschulen in die Wirtschaft hinein deutlich schwieriger wird. Dieser Aspekt kommt oft zu kurz“, warnt Christian Vossler aus dem Geschäftsbereich Innovation und Umwelt der IHK Köln. Abwanderung aus Deutschland würde das globale Problem Klimaschutz noch verschärfen. Die deutsche Industrie sei in vielen Bereichen eine Art „Werkbank“ für die Welt. Gerade bei der Entwicklung der erneuerbaren Energien habe sich das eindrucksvoll gezeigt. „Durch Entwicklungen in Deutschland konnten enorme Skaleneffekte erzielt werden. Solche Skalen­effekte entstehen aber erst durch eine breite Anwendung im Markt.“

Innovative technische Lösungen

Für Sven Gebhard nimmt die oberbergische Wirtschaft mit mehr als 40 Prozent der sozial­versicherungspflichtigen Arbeitsplätze in der Industrie eine wichtige Stellung in einer klimaneutralen Zukunft ein. „Bis vor einigen Jahren hatten einige das Thema Nachhaltigkeit nur am Rande auf der Agenda, das hat sich grundlegend geändert“, räumt Gebhard ein, dessen Unter­nehmen seit 70 Jahren elektrische Heizelemente für diverse Industrieanwendungen produziert und jetzt große Chancen sieht, weil seine Heizelemente künftig mit Ökostrom betrieben werden können. In Anlagen, in denen fossile Brennstoffe nicht mehr eingesetzt würden, könne GC-heat mit seiner Technologie einen Beitrag leisten.

Viele, gerade auch mittelständische Unternehmen ergreifen nicht nur selber Maßnahmen, um Energie zu sparen, sondern tragen auch dazu bei, dass die Wirtschaft in ihrer Gesamtheit Energie reduzieren kann. Zum Beispiel die oberbergische Firma ONI Wärmetrafo GmbH, die Systeme zur Energieverbrauchsoptimierung produziert. Rund sechs Millionen Tonnen CO2 werden damit jährlich eingespart. Oder die beim IHK-Wettbewerb „Going Circular“ ausgezeichnete Schwalbe - Reichshofer Ralf Bohle GmbH, die Fahrradschläuche zurücknimmt und recycelt. Oder die Wiehler BPW Bergische Achsen KG, die unter anderem mit Telematiksystemen die Warenverkehrswege optimiert und Umrüstbausätze für den Elektroantrieb von Transportern anbietet. Interseroh führte das Gütesiegel „Made for Recycling“ ein, um ihre Kund:innen beim Herstellen recyclingfähiger Produkte zu unterstützen. „Immer mehr Unternehmen möchten Verantwortung übernehmen und ihre Verpackungen so gestalten, dass sie sich gut zu neuen Rohstoffen verarbeiten lassen“,
so Müller-Drexel. Die Recycling-Spezialist:innen von „Made for Recycling“ hätten in den vergangenen drei Jahren Marken- und Verpackungs­­hersteller beim gesamten Prozess der Ver­packungsoptimierung unterstützt und rund 1.600 Analysen durchgeführt.

Mit innovativen Lösungen für das energieeffi­ziente Bauen, wie sie auch das neue Gebäudeenergiegesetz fördern will, unterstützt die Kölner Hottgenroth Software GmbH & Co. KG ihre Kund:innen, darunter Ingenieur:innen, Handwerker:innen, Energie­berater:innen. Die größten Hebel zur CO2-Reduktion seien die Lüftung und die Wärmerückgewinnung, sagt Geschäftsführer Karl-Heinz Hottgenroth. Damit könnten 40 Prozent der Energie eingespart werden. Hinzu kommen recycelfähige Dämmstoffe. Denn bei der Energieeffizienz werde immer stärker auf den Lebenszyklus geachtet, sodass in die Berechnungen auch die Entsorgung der verwendeten Baumaterialien einflösse. Wichtigste Trends beim Bauen seien aktuell der Einbau von Wärmepumpen zum Heizen sowie Photovoltaikanlagen auf dem Dach, um eigenen Strom produzieren und so die am Markt steigenden Stromkosten senken zu können.
Die Kölner bieten über ihre Tochter HottScan ergänzende Hard-und Software an, um mit digitalen Scannern bestehende Gebäude um 360 Grad vermessen zu können. Die Aufnahmen liefern dann präzise Daten für die vernetzte Gebäudeplanung mit BIM (Building Information Modeling). Mit der Software Energieberater und Gebäudesimulation können ihre Kunden bereits vor dem Baubeginn Gebäude simulieren und so die besten Lösungen für Energieträger, Standards oder etwa Dämmungen planen. „Ein Gebäude auf der Zugspitze müssen wir energetisch ganz anders planen als eins in Köln“, erklärt Hottgenroth. Die aufgenommenen Daten fließen direkt in die energetische Planung und Erstellung von erforderlichen Nachweisen und Förderanträgen ein, darunter KfW-Berechnungen, individuelle Sanierungsfahrpläne und Energieausweise. Mit seiner innovativen Software zählt sich der Unternehmer zu den Gewinnern der Energiewende. Im laufenden Jahr rechnet er für die Unternehmensgruppe mit einem Umsatzplus von zehn Prozent und auch der Arbeitsmarkt profitiert. Die Zahl der Beschäftigten werde von 200 Ende 2020 auf 220 Ende des laufenden Jahres steigen.

Im Mittelpunkt umweltpolitischer Vorhaben des laufenden Jahres steht die Förderung der Kreislaufwirtschaft. So hat die EU-Kommission für das vierte Quartal 2021 einen neuen Rechtsrahmen für nachhaltige Produkte sowie einen Vorschlag zur Überarbeitung der Ökodesign-Richtlinie angekündigt. Beim Gestalten und Herstellen ihrer Produkte werden sich die Unternehmen dann noch stärker an Regeln zur Nachhaltigkeit orientieren müssen. „Bei vielen Unternehmen ist das Thema zirkuläres Wirtschaften noch nicht stark genug im Bewusstsein angekommen“, mahnt Vossler von der IHK Köln.

Doch nicht nur die Unternehmen sind gefordert. Auch die Politik muss liefern. „Wir fordern unter anderem eine internationale Abstimmung wirtschaftlicher Aktionen zum Klimaschutz. Auf rein lokaler Ebene ist das Weltklima nicht zu retten“, so Gebhard. Ferner müsse die Innovationskraft in Deutschland weiter gefördert werden, damit das Land als Vorreiter beim Recycling und bei bestimmten Umwelttechnologien an der Spitze bleiben könne. Strom müsse zudem bezahlbar bleiben und mit dem Ausbau der regenerativen Energien müsse sichergestellt werden, dass der Strom ausreichend zur Verfügung stehe. „Das gelingt nur über den Ausbau der Stromnetze und der Stromspeicher.“ Insgesamt müsse künftig mehr der Einstieg in zukunftsfähige Technologien im Fokus stehen, als primär in Ausstiegsszenarien zu denken, fordert der Unternehmer. Also „mehr ‚hin zu‘ statt nur ‚weg von‘“.

Ausschuss für Umwelt&Energie
Als Impulsgeber, Berater und Mitgestalter bestimmt der Ausschuss für Umwelt und Energie in Zusammenarbeit mit Vollversammlung, Präsidium und Hauptamt die thematische Ausrichtung der IHK Köln mit. Seinen Mitgliedern bietet er eine Chance zum regelmäßigen Austausch.
www.ihk.koeln.de/5045920

Karl-Heinz Hottgenroth unterstützt mit seinem Software-Unternehmen energieeffizientes Bauen.
Foto: Peter Boettcher

Wettbewerb zur Kreislaufwirtschaft - Going Circular
Vom 1. November 2021 bis zum 28. Februar 2022 können sich Unternehmen mit ihren Konzepten und Ideen zur Kreislaufwirtschaft unter ihk-koeln.de/Going_Circular bewerben. Egal ob Start-up oder längst etabliert, wir prämieren Ihren Einsatz für Nachhaltigkeit und Abfallvermeidung.

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