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Leben

En uns'rem Veedel

Nicht erst seit der Corona-Krise befassen sich lokale Einzelhändler mit Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung. Vor einigen Wochen wurde dazu ein Projekt in den Kölner Stadtvierteln Lindenthal und Rodenkirchen gestartet, das die IHK mit angestoßen hat.

Text: Lothar Schmitz

„Et Schönste, wat m´r han / schon all die lange Johr / es unser Veedel“, sangen die Bläck Fööss
erstmals 1973. Längst ist der Song zur kölschen Hymne geworden, fast jeder Kölner, jede Kölnerin
und jeder Imi kann zumindest den Refrain mitsingen, nicht nur an Karneval. „Ejal, wat och passeet.“ "Passeet" ist momentan - im Mai - leider die Corona-Krise, die vor allem dem lokalen Einzelhandel zu schaffen macht, der wochenlang die Geschäfte schließen musste. Doch nicht erst seit Corona führen der immer stärker werdende Onlinehandel und der schärfere Wettbewerb
der Standorte im Einzelhandel seit einigen Jahren zu erheblichen Frequenzverlusten,
sprich: Die Zahl der Kunden und damit auch die Umsätze gehen zurück. Wie sehr aber der Einzelhandel ein prägendes Element jeder Innenstadt – ob Metropole, Mittelstadt, kleine Gemeinde oder eben Stadtviertel - ist und wie sehr jeder Einzelne ihn vermisst, wenn er nicht da ist, dass haben die vergangenen Wochen mit den Zwangsschließungen sehr deutlich gezeigt. Ohne Einzelhandel kein lebendiger Stadtteil.

Langsam öffnen die Geschäfte wieder. Aber eine große Herausforderung wird bleiben: „Der Handel im digitalen Zeitalter steht vor vielfältigen Herausforderungen und damit auch sein ursprüngliches Zuhause – die Innenstädte und Stadtteilzentren“, weiß Boris Hedde, Geschäftsführer des IFH Instituts für Handelsforschung in Köln. Allein könnten die Händler es nicht mehr schaffen, Frequenzen zu sichern. „Entscheidend ist die Kooperation im Veedel“, sagt Hedde. Das IFH Köln nimmt die Herausforderungen gemeinsam mit der ISM International School of Management Köln und in Kooperation mit der IHK Köln sowie den Interessengemeinschaften Lindenthal und Rodenkirchen an, und zwar mit dem Projekt „Kölner Veedel als lokaler Leuchtturm“, unter den Beteiligten auch „Local Loyalty“ genannt. Es wird vom Land NRW gefördert. Lindenthal und Rodenkirchen wurden als Pilotviertel ausgewählt.

„Mit dem Projekt sollen die Händlerinnen und Händler vor Ort darin unterstützt werden, in der
digitalen Welt sichtbar zu werden und Besuchsfrequenz zu sichern“, erläutert Elisabeth Slapio,
Geschäftsführerin Innovation und Umwelt der IHK Köln. Boris Hedde sagt: „Uns ist besonders
wichtig, nicht auf Leerstand oder Probleme zu fokussieren, sondern da anzusetzen, wo Handel
heute lokal gut funktioniert und echte Chancen hat, sich für eine digitale, kundenzentrierte
Zukunft gut zu rüsten.“

Geschäftsleute und Anwohner profitieren von mehr Kooperation

Das Projekt wird in zwei Etappen umgesetzt. Zuerst soll das Angebot der beiden Veedel in
Sachen Handel, Gastronomie und Dienstleistung digitalisiert werden – von Basisinformationen
wie Standort, Angebot und Öffnungszeiten der Betriebe und nicht kommerziellen Institutionen
bis zu aktuellen Informationen zu Sonderaktionen im Veedel. Anschließend entwickeln die Projektpartner zur Steigerung der Kundenbindung ein lokales, technisch unterstütztes Bindungssystem. Damit sollen die Besucher für das Flanieren, Erleben, Planen des Besuchs und für das Einkaufen vor Ort ein persönlichen Alltagsbegleiter erhalten, bei dem sie unter anderem auch lokal generierte Treuepunkte auf ein Konto gutgeschrieben bekommen. Diese können sie, so die Idee, anschließend entweder für sich selbst nutzen, etwa in Form von Rabatten, oder Vereinen
oder lokalen Initiativen im Veedel zugutekommen lassen.

„Wir beobachten einen gewissen Bewusstseinswandel in der Bevölkerung“, sagt Prof. Dr. Ulrich
Lichtenthaler, Professor für Management und Entrepreneurship an der ISM, „nämlich eine Zuwendung zur eigenen Region, zum eigenen Stadtteil. Darin liegt eine große Chance für den
dortigen Einzelhandel.“ Es geht sozusagen um eine Emotionalisierung des Veedels als Wohn-, Arbeits-, Einkaufs- und Wohlfühlort. Alles, was ein Veedel ausmacht, muss zusammengedacht und digital sichtbar gemacht werden“, findet Hedde, „vom Einzelhandel über Vereinsangebote bis zu geführten Touren und Events.“

Vorzüge besser sichtbar machen

Georg Hempsch verspricht sich viel von dem Projekt. Der Geschäftsführer der Kölner Kaffeemanufaktur an der Dürener Straße und Vorsitzende des Rings Lindenthaler Geschäftsleute
e.V. weiß, dass sich etwas tun muss, dass der stationäre Handel herausgefordert wird. Aber er
ist auch überzeugt: „Der Handel im Veedel bietet den Menschen nach wie vor vieles, was sie in
Onlineshops niemals finden, nämlich persönlichen Kontakt und Fachberatung, aber auch Heimatgefühl und Verbundenheit.“ Diese Vorzüge müssten aber besser als bisher sichtbar werden. Seine Vision: „Das Projekt ist so erfolgreich, dass die Lindenthaler morgens nicht nur die Wetter-App und die lokale Tageszeitungs-App anklicken, sondern auch einen Blick auf die Veedelsseite werfen. Sie wollen einfach wissen, was hier gerade läuft. Das muss zum täglichen Ritual werden!“


Die Vorzüge des lokalen Handels noch deutlicher sichtbar machen will Georg Hempsch.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Anja Senff koordiniert das Projekt für Rodenkirchen. Sie ist Inhaberin von Domizil Immobilien an der auptstraße und Vorstandsmitglied beim „Treffpunkt Rodenkirchen“, der Interessen-gemeinschaft der dortigen Geschäftsleute. Der Grund für ihr Engagement: „Das Veedel ist die Keimzelle der Stadt und des Miteinanders der Menschen“, ist sie überzeugt, „deshalb profitieren wir Geschäftsleute ebenso wie die Menschen hier von mehr Aufmerksamkeit und mehr Kooperation.“

Geschäftsleute und Anwohner profitieren von mehr Kooperation im Veedel, meint Anja Senff.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Sie begrüßt das Projekt, weil sie sich von einer stärkeren digitalen Präsenz des örtlichen Gewerbes
viel verspricht. „Natürlich haben viele eine eigene Homepage“, sagt sie, „aber die Aufmerksamkeit ist viel größer, wenn man gemeinsam präsent ist, außerdem stärkt das die Verbundenheit und das Veedelsgefühl.“ Genau diese Emotion meinten die Bläck Fööss mit ihrem Lied: „Denn he hält m´r zosamme / ejal, wat och passeet / en uns´rem Veedel.“

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Philip Reichardt

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