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Zwei Leidenschaften unter einem Dach: Mona Dadari Boutique & Photographie. Foto: Mona Dadari
Blickpunkt

Einzelhandelskonzept: Stark mit mehreren Standbeinen

Eine clevere Kombination unterschiedlicher Waren und Dienstleistungen sorgt für ein unverwechselbares Profil. So rechnet sich der Mehraufwand für das Management mehrerer Geschäftsbereiche.

Text: Eli Hamacher

Eigentlich wollte Mona Dadari ja Schauspielerin werden. Doch schon während der Ausbildung ertappte sich die junge Frau dabei, wie gern sie fremdging. In jeder Drehpause fand sie sich hinter der Kamera wieder und diese Perspektive sehr viel spannender. „Dann habe ich einmal einen Fotoapparat mitgenommen und meine Kollegin fotografiert“, erzählt die gebürtige Teheranerin, die mit drei Jahren nach Deutschland kam und in Oldenburg aufwuchs. Das Ergebnis ließ sich offenbar sehen. Schlag auf Schlag meldeten sich andere Kollegen, die gleichfalls um ein Shooting baten.

Als immer mehr Aufträge folgten, begann die Hobbyfotografin einen kleinen Obolus zu verlangen, finanzierte so nach und nach ein besseres Equipment. Das Talent der Selfmade-Fotografin fiel auch bei ihrem ersten Job als Verkäuferin und Einkäuferin in einer Kölner Boutique schnell auf. Immer wieder wurde sie gebeten, die Kollektionen zu fotografieren.

Ihre Leidenschaften hat die 34-Jährige jetzt unter einem Dach zusammengebracht. Im Oktober eröffnete die Jungunternehmerin im Kölner Apostelnviertel ihren ersten eigenen Laden: "Mona Dadari Boutique & Photographie". Hier bringt sie zusammen, was nicht zusammengehört und fällt deshalb auf.

Laut Handelsverband Deutschland sind die Umsätze im B2C-E-Commerce zwischen 2007 und 2017 immerhin von 10,4 auf geschätzt 48,7 Milliarden Euro explodiert. Wollen stationäre Händler gegensteuern, sind sie deshalb mehr denn je auf clevere Konzepte angewiesen. Unternehmer wie Mona Dadari, Pierre Severin und Barbara Weiershausen zeigen, dass sich der Mehraufwand für das Management mehrerer Geschäftsbereiche durchaus lohnt. Via trial and error können sie herausfinden, welche Angebote bei ihren Kunden wann gerade besonders gut ankommen, und mit Sortiment und Marketing entsprechend reagieren. Entscheidend sei, sagt Kai Hudetz, Geschäftsführer beim Kölner Institut für Handelsforschung, ein klares Profil, das auf mehr oder minder spitze Zielgruppen ausgerichtet sei (siehe auch Interview unten).

Kleidung aus der Boutique für das Fotoshooting im Studio verliehen


Mona Dadari hat mit ihrer Mode, die sie überwiegend bei einem dänischen Label ordert, vor allem jüngere Frauen im Blick, die noch nicht lange arbeiten und deshalb über ein begrenztes Budget verfügen. Auf 90 Quadratmetern präsentiert sie Mode und Accessoires und will auch jungen Designern aus der Region eine Chance geben, wenn deren Kreationen zur Kollektion passen. Trotz der vergleichsweise geringen Abnahmemenge hatte die Existenzgründerin das Glück, den dänischen Hersteller als Lieferanten gewinnen zu können. „Dessen deutsche Vertreterin hatte ich bei meinem vorherigen Job kennengelernt und sie war von meiner Location so begeistert, dass sie sofort zusagte“, erzählt die Wahlkölnerin.

An Ideen mangelt es Dadari nicht. „Ich will im Laden kleine Konzerte veranstalten. Denkbar wäre auch ein Mädchenflohmarkt, bei dem Kleidung gekauft und getauscht werden kann.“ Eine andere Idee, die clever eine Brücke zwischen beiden Geschäftsbereichen schlägt, hat sich schon bewährt. Kundinnen der Fotografin können für ihr Shooting auch vor Ort Kleidung ausleihen. „Manch eine fand sich in dem Outfit so schön, dass sie es gleich gekauft hat.“

Schallplatten, Second Hand-Kleidung und dazu ein Cheesecake mit Cappuccino


Nur einige hundert Meter entfernt von Dadaris Shop lockt Pierre Severin im Belgischen Viertel Kunden mit einem außergewöhnlichen Angebot. Im Frühjahr 2016 eröffnete der gebürtige Sauerländer einen Plattenladen und ein Café. „Viele meiner Freunde konnten nicht glauben, dass ich diese Idee umsetze.“ Immer wieder hieß es, „als ob Du das machen würdest!“ Als ob, auf englisch „as if“ stand dann Pate für das "as/if Recordstorecafé".

Den Schritt hat der Pierre Severin nicht bereut. Mit seinem eher kleinen Sortiment von 300 bis 400 Platten, das die Wandregale des Cafés füllt, hat sich der Unternehmer auf Musikrichtungen wie Indie-Rock, Punk Rock, New Wave oder Hip Hop spezialisiert und kennt selbst jede Scheibe. Auch kleine Kölner Labels wie Melting Pot finden Musikfans in der Brüsseler Straße.
 
Mit 90 Prozent steuert zwar das Café den Löwenanteil zum Umsatz bei. „Viele Besucher des Cafés stöbern dann auch in den Platten und bleiben länger.“ Zum Beispiel, um neben einem guten Cappuccino den Cheese Cake im Weckglas oder das Bananenbrot zu genießen.

Einem pfiffigen Einfall seiner Kolleginnen hat es Severin zu verdanken, dass zu den beiden Standbeinen noch ein drittes hinzukam. Die Platten begeistern nämlich meist die Männer, aber seltener die Kundinnen. Das brachte Severins Team auf die Idee, 25 Quadratmeter im Keller für den Verkauf von Second Hand-Kleidung zu nutzen.

Anfang 2017 gestartet, nutzen mittlerweile rund 70 Verkäufer regelmäßig die Chance,  im Recordstorecafé Kleider, Jacken, Hosen, Schuhe auf Kommission abzugeben. „Wird etwas nicht verkauft, spenden wir die Sachen, natürlich nach vorheriger Absprache“, erzählt der Ladeninhaber, der zuvor als TV-Produktionsleiter gearbeitet und nebenbei Musikveranstaltungen organisiert hat.

Den Aufwand für die Organisation der unterschiedlichen Geschäftsfelder scheut er nicht. „Die Bereiche befruchten sich gegenseitig, sodass sich der Aufwand lohnt“, sagt Severin, der die Räume auch abends noch für Veranstaltungen vermietet und Anfang Dezember mit dem „Bierchen“ noch eine Bar in unmittelbarer Nachbarschaft eröffnete.

Mode und Accessoires mit individuellem Service kombiniert


In Rösrath südöstlich von Köln sitzt Barbara Weiershausen. In dem bergischen Städtchen hat sie miterlebt, wie der Einzelhandel immer stärker unter Druck geraten ist. Selbst an der Hauptstraße, an die sie mit ihrem Laden "Mona Lisa" vor 14 Jahren zog, wird die Laufkundschaft rarer, weil sich das Geschäft für viele schlicht nicht mehr rechnet. Kreative Konzepte sind deshalb unerlässlich: Mit Accessoires für die Wohnung war die heute 63-Jährige gestartet, bevor sie peu à peu das Sortiment um Mode erweiterte. Inzwischen steuern Kleider, Hosen, Blusen 70 Prozent zum Umsatz bei.

Auf 80 Quadratmetern präsentiert die Inhaberin von Mona Lisa ihr Angebot. Und setzt sich von den großen Kaufhäusern mit einem im Handel seltener gewordenen Service ein. „Ich nehme mir Zeit für Sie!“, verspricht Weiershausen auf ihrer Website.

Dank des engen Kontakts zu ihrer Stammklientel, die etwa zwei Drittel zu den Einnahmen beiträgt, weiß die Unternehmerin sehr gut, was ihre Kundinnen wünschen. Das hat sie stets im Hinterkopf, wenn sie in Düsseldorf in den Showrooms, in Holland oder auf der Messe nach passenden Stücken sucht. „Meine Kundinnen können natürlich auch Wünsche äußern und ich suche dann gezielt danach“, sagt die Einzelhändlerin.

Passend zur Jahreszeit und zur Mode mit ihren jeweils aktuellen Farben dekoriert Weiershausen ihren Laden mit Accessoires, angefangen von Vasen, Bilderrahmen, Tüchern, Schmuck, Gürtel, Kissen bis hin zu Taschen und Portemonnaies. Wer Zeit für einen Plausch hat, bekommt natürlich auch einen Cappuccino und Kekse. Das Kalkül ist klar: Je länger die Kunden im Laden verweilen, desto eher fällt der Blick auf ein schönes Kleid oder das Kissen, das noch gut ins Wohnzimmer passen würde. Zur Adventszeit gestaltet die umtriebige Unternehmerin auf Kundenwunsch auch noch ausgefallene Kränze. 

Ohne die Unterstützung von Familie und Freunden wäre das Pensum allerdings gar nicht zu schaffen für den Ein-Frau-Betrieb. Auf die verschiedenen Standbeine will sie jedoch nicht verzichten. „Die Geschäftsbereiche ergänzen sich und sorgen für stabilere Einnahmen.“

Mehr Besucher, mehr Umsatz

Dr. Kai Hudetz, Geschäftsführer beim Kölner Institut für Handelsforschung: So können sich Einzelhändler mit mehreren Standbeinen erfolgreich positionieren.

Wie hoch schätzen Sie die Erfolgschancen für solche Konzepte ein?

Aus meiner Sicht sind die Chancen durchaus gut – wenn die Konzepte aus Kundensicht gedacht werden. Die Angebotskombinationen können dabei erlebnisorientiert oder anlassbezogen gestaltet werden. Gerade wenn Einzelhändler ihr Angebot mit interessanten Services, beispielsweise einem Schlüsseldienst, Schuster oder Gastronomie kombinieren, kann so die Besucherfrequenz erhöht werden.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolgskriterien?

Entscheidend ist ein klares Profil, das auf mehr oder minder spitze Zielgruppen ausgerichtet ist. Erlebnisorientierung kann beispielsweise durch ein gastronomisches Angebot, insbesondere Cafés, erreicht werden. Die Kombination Café und Bücher mit einer Leseecke ist zum Beispiel vielversprechend und häufig verbreitet. Oder es werden Produkte rund um einen Anlass, beispielsweise Geschenke wie Tee und Pralinen mit Büchern kombiniert. Auch das Zusammenspiel von Möbeln und Wohnaccessoires, Mode, Schmuck, Kosmetik im Sylter Stil mit Strandbar ist bekannt.

Kennen Sie weitere Beispiele aus Köln und Umgebung?

Neben der Integration verschiedener Gastrocafes in den Bekleidungs- und Buchhandel gibt es auch ungewöhnlichere Konzepte. Ewa die Kombination eines Sanitätshauses mit der Anpassung von Sportschuhen. Oder ein Schuhladen, der nach Geschäftsschluss „Mädelsabende“ veranstaltet (mit Catering) und dafür gemietet werden kann.

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