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Julika Riedel ist zertifizierte Drohnenpilotin. Mit ihrem Overather Unternehmen "Heysky" ist sie auf Luftbilder spezialisiert. Foto: Timo Schmülgen
Blickpunkt

Eine Branche im Schwebezustand

Drohnen sind weitaus mehr als ein Spielzeug für Hobbypiloten. Inzwischen entwickelt sich eine ganz neue Dienstleistungsbranche, die ihre Kunden fast überall hat: Von der Landwirtschaft über die Kulturszene bis hin zur Industrie.

Text: Werner Grosch

Sind das jetzt Raketen, die wie Hubschrauber in der Luft stehen können? Nein, was vielerorts in der vergangenen Silvesternacht über den Dächern schwebte, waren Drohnen. Vermutlich solche, mit denen die Nachbarn besonders eindrucksvolle Bilder vom Feuerwerk drehen wollten. Kein Wunder eigentlich, gehörten die unbemannten Flugobjekte doch beim vergangenen Weihnachtsfest zu den beliebtesten Geschenken. Mehr als eine Million dieser Fluggeräte wurden bislang schon in Deutschland verkauft. Aber ein bloßes Spielzeug sind sie bei weitem nicht.

Profis mögen den Begriff Drohne nicht, schon weil er zu sehr nach Militär klingt. „Unmanned Air Vehicle“ (UAV) ist der offizielle Name. Und die Anwendungen, die sie ermöglichen, werden immer vielfältiger und faszinierender. Hier entwickelt sich rasant eine neue Dienstleistungsbranche, auch im Rheinland.

Einsatz im „Precision Farming"

Ein Beispiel: „Precision Farming“. Dabei geht es darum, bewirtschaftete Felder metergenau zu scannen. Bodenbeschaffenheit oder Wasseranteil lassen sich mit elektronischen Mitteln so präzise erfassen, dass beispielsweise Dünger exakt nach dem Bedarf bemessen werden kann – Fleckchen für Fleckchen Erde. Prof. Wolfgang Kath-Petersen, der an der TH Köln in diesem Bereich forscht, schätzt das Einsparpotenzial für Dünger oder auch Pflanzenschutzmittel durch diese Methode auf bis zu 20 Prozent. Der Einsatz von Drohnen, die die Felder nach einer programmierten Route abfliegen, sei hier bereits „Stand der Technik“, sagt er. Teils würden Dienstleister beauftragt, teils betrieben die Landwirte die Geräte auch selbst. „Ein wesentlicher Einsatzbereich ist die Bildaufnahme des wachsenden Pflanzenbestandes während der Vegetation. Dazu nimmt die Drohne Bilder auf, die anschließend vom Landwirt ausgewertet werden können“, erklärt der Forscher.

Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Nutzungsmöglichkeiten der Technik. Das fängt bei einfachen Luftaufnahmen mit Foto- oder Videokameras etwa von Gebäuden an. Gerade bei gewerblichen Bauten wird der Baufortschritt immer häufiger auch mit Luftbildern dokumentiert. Zunehmend werden Drohnen auch bei der Wirtschaftsspionage eingesetzt – und zwar zur Ausspähung ebenso wie zur Abwehr. Zwar reden Unternehmen naturgemäß über solche Aktivitäten eher nicht, aber immerhin hat VW Anfang des Jahres einen Vertrag mit einem Drohnenanbieter bestätigt, der Betriebsgelände des Autoherstellers überwachen soll. Dabei geht es vor allem um die Abwehr von Drohnen, die offenbar immer häufiger über Teststrecken für die neuen Modelle gesichtet werden.

Kontrollflüge über Gebäuden oder Solarparks

Kameras anderer Art sind bei der Thermographie im Einsatz: Das sind Wärmebildkameras, wie sie beispielsweise Polizei und Rettungskräfte schon lange bei Suchaktionen nutzen. Sie ermöglichen auch zum Beispiel ein präzises Bild vom Energieverlust in Gebäuden oder auch von defekten Photovoltaikzellen in großen Solarparks, die mit den Drohnen abgeflogen werden können.

Nun lassen sich UAV für den professionellen Einsatz nicht mal eben so leicht steuern wie eine Drohne aus der Spielzeugabteilung. Das größte Fluggerät, das etwa Julika Riedel für ihre Arbeit benutzt, wiegt inklusive Kamera rund 13 Kilogramm. Riedel ist zertifizierte Drohnenpilotin und hat sich vor knapp zwei Jahren mit einem Luftbildservice selbstständig gemacht. Neben der großen Drohne verfügt sie über zwei kleinere, die für Aufnahmen in Innenräumen nutzbar sind. Ihr Unternehmen „Heysky“ mit Sitz in Overath ist spezialisiert auf Fotos und Videos, die sie vor allem im Auftrag von Firmen produziert. Dabei geht es um besondere Perspektiven für einen Imagefilm oder auch um Luftaufnahmen von Betriebsgebäuden.

Für die Unternehmerin liegt der Schwerpunkt auf kreativer, ästhetischer Bildgestaltung. „Hier ist das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft, denn es ist immer noch eine neue Technik“, sagt sie. Hin und wieder absolviert Riedel auch Inspektionsflüge über Dächer, etwa zur Schadenskontrolle nach einem Sturm. Aber bei den eher technischen Anwendungen sieht sie noch größere Probleme: „Die Firmen haben oft Angst, dass die Drohne in ihre Chemieanlage stürzt oder in die teuren Solarpanels.“

Die Sicherheitsfrage ist ein großes Thema, nicht nur für die bemannte Luftfahrt, die durch Hobbypiloten gefährdet wird, sondern auch mit Blick auf die Entwicklung dieser neuen Dienstleistungsbranche. Der Branchenverband Zivile Drohnen e.V. (BVZD), in dem sich Dienstleister und Hersteller zusammengeschlossen haben, kritisiert denn auch, dass die 2017 neu gefassten Regeln (siehe Stichwort unten) bloß für die Drohnen als Spielzeug gemacht seien.

Verband warnt vor Überregulierung

 Von „Überregulierung“ spricht der Verbandsvorsitzende Frank Lochau: „Drohnen sind keine bloßen Spielzeuge zur Freizeitgestaltung – wie in der Verordnung beschrieben –  sondern auch Grundlage erfolgreicher Geschäftsmodelle und neuer Wertschöpfungsketten. Experten gehen davon aus, dass sich der weltweite Markt von gewerblichen Dienstleistungen mit Drohnen mit einem Umfang von 118 Milliarden Dollar entwickeln wird. Die entscheidende Frage ist nun: Welches Stück des Kuchens soll Deutschland davon abgekommen? Mit der vorliegenden Verordnung droht Deutschland ein weiteres Mal den Anschluss an die Digitalisierung zu verpassen.“

Scharfe Kritik, die sich auch daraus erklärt, dass die junge Branche am Scheideweg steht. Sind die rechtlichen Bedingungen zu streng, wird sie sich kaum entwickeln können. Sind sie zu lasch, droht bei schweren Unfällen ein gewaltiger Imageschaden. Ein Kernthema bei der rechtlichen Debatte war die lange bestehende Pflicht des Piloten, stets Sichtkontakt zur Drohne zu halten. Die ist mit der Neuregelung 2017 aufgehoben; damit kam der Gesetzgeber einer Forderung des BVZD nach.

Rechtliche Grundlagen
Im vergangenen Jahr hat der Gesetzgeber den Umgang mit UAV in zwei Stufen neu geregelt. Seit April bzw. Oktober gelten folgende Vorschriften.

  • Alle Drohnen mit mehr als 250 Gramm Gewicht müssen mit einer Plakette mit Namen und Adresse des Eigentümers versehen sein, um diesen im Schadensfall schnell feststellen zu können.
  • Für den Betrieb von Drohnen mit mehr als 2 kg Gewicht ist ein Kenntnisnachweis notwendig. Er wird von Stellen, die das Luftfahrt-Bundesamt anerkannt hat, nach Prüfung ausgestellt.
  • Für den Betrieb von Flugmodellen und unbemannten Luftfahrtsystemen über 5 kg und für den Betrieb bei Nacht ist eine Erlaubnis erforderlich, die von den Landesluftfahrtbehörden erteilt wird.
  • Gewerbliche Nutzer brauchten für den Betrieb von Drohnen zuvor unabhängig vom Gewicht eine Erlaubnis. Jetzt ist für den Betrieb von unbemannten Luftfahrtsystemen unterhalb von 5 kg grundsätzlich keine Erlaubnis mehr erforderlich.
  • Das generelle Betriebsverbot außerhalb der Sichtweite ist für Geräte ab 5 kg aufgehoben. Es ist aber eine Erlaubnis durch die Landesluftfahrtbehörde notwendig.
  • Ein Betriebsverbot gilt jetzt z.B. in und über sensiblen Bereichen, z.B. Einsatzorten von Polizei und Rettungskräften, Krankenhäusern, Menschenansammlungen, Anlagen und Einrichtungen wie JVAs oder Industrieanlagen, über bestimmten Verkehrswegen, in Kontrollzonen von Flugplätzen (auch An- und Abflugbereiche von Flughäfen) sowie mit einigen Ausnahmen über Wohngrundstücken.

Weitere Infos dazu gibt es beim Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur

Wie groß das Potenzial grundsätzlich ist, zeigt die Entwicklung in Köln und Umgebung. Neben Julika Riedel bietet eine Reihe weiterer Unternehmen entsprechende Dienstleistungen an, so die Firma SchwebeFlug in Leverkusen, die sich unter anderem auf Zustandskontrollen von Industriegebäuden spezialisiert hat, oder auch die Medienagentur Rheinklang in Köln, die bei Videodrehs häufig Drohnen nutzt. Hinzu kommen unter anderem Ingenieurbüros, die immer häufiger Vermessungen per UAV anbieten.

Auch die Immobilienbranche ist ein interessantes Feld für die Drohnenspezialisten. Aber gerade sie zeigt auch die Abhängigkeit von konjunkturellen Entwicklungen, wie Julika Riedel sagt: „Makler haben heute ein Problem: Sie haben zu viele Interessenten und zu wenige Objekte.“ Wo die Nachfrage das Angebot so weit übersteigt, da braucht natürlich auch kein Verkäufer relativ teure Luftbilder. Relativ teuer, weil Profi-Drohnen, die hohe Luft-Stabilität und Kameraqualität bieten, eben auch mehr als 20.000 Euro kosten können.

Die Drohne „Romeo" bekämpft gefährliche Krankheiten

Ein weiteres Thema ist die Logistik. Schon seit einigen Jahren testen Unternehmen wie Amazon oder DHL die Zustellung auf der „letzten Meile“ zum Endkunden per Paketdrohne. Aber hier scheint derzeit die Luft raus zu sein, denn: Rein technisch geht das natürlich, aber die Infrastruktur, die Sicherheitsarchitektur, die rechtlichen Grundlagen – all das sind schwer lösbare Aufgaben.

Vielleicht findet die Drohne, die ihren Ursprung ja in kriegerischen Zwecken hat, doch tatsächlich ihr Haupteinsatzgebiet in der Grundversorgung des Menschen und dem Schutz von Umwelt und Ressourcen. An dieser schönen Idee arbeitet jedenfalls die Firma heighttech aus Meerbusch intensiv. Sie hat zum Beispiel die Drohne „Romeo“ entwickelt, die sterilisierte Mückenmännchen ausbringen kann und damit Infektionskrankheiten wie Dengue und Malaria bekämpft. Dank einer speziellen Abwurfvorrichtung können solche Drohnen auch bei der biologischen Schädlingsbekämpfung helfen, wie Prof. Kath-Petersen erklärt: „Dienstleister kommen mit der Drohne auf den Betrieb, um Schädlinge wie den Maiszünsler im Mais zu bekämpfen. Dazu werden während des Überflugs über den wachsenden Bestand – denn im fortgeschrittenen Wachstumsstadium ist kein Durchfahren mit dem Schlepper mehr möglich – Larven der Schlupfwespe abgeworfen, die nach dem Schlüpfen den Schädling ausschalten.“ Ein effektives, ökologisches und wirtschaftliches Verfahren dank Drohnentechnik. Besser geht es nicht.

Wasserdrohnen
Eine Variante, die noch weniger entwickelt ist, sind Wasserdrohnen. Gemeint sind damit unbemannte Geräte, die autonom schwimmen und/oder tauchen können. Ihr Einsatz ist vor allem in Häfen sinnvoll. Erste Praxistests laufen beispielsweise in Hamburg, wo eine Wasserdrohne die unter anderem die Wassertiefe messen und vor Untiefen warnen soll, und in Rotterdam, wo größere Drohnen mit einer maulartigen Öffnung auch als Müllsammler getestet werden.

In der Hafenlogistik ist auch eine Kombination von Wasser- und Luftdrohnen gut denkbar. Entsprechende Versuche laufen bereits im südafrikanischen Durban. Dort sollen die Drohnen in der Luft, auf und unter dem Wasser live überwachen, was vor der Küste, im Hafenbecken und auf den Zufahrtsstraßen passiert. Sie können Papiere von den Schiffen abholen und künftig sogar Lotsen bei der Einfahrt in den Hafen assistieren. Selbst kleinere Pakete können direkt an die Schiffe geliefert werden. Die aquatischen Drohnen sollen Bojen orten, Schiffsrümpfe und Kaimauern inspizieren. Liveaufnahmen ihrer Kameras flimmern dann über die Bildschirme im zentralen Kontrollzentrum.