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Die leere Ehrenstraße in Köln Foto: Peter Boettcher
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Ein Sonntag gegen die Krise

Die Folgen der Corona-Krise für den Einzelhandel sind beträchtlich. Aufmerksamkeit und Umsatzimpulse versprachen für Herbst geplante verkaufsoffene Sonntage. Auch dank der Initiative der IHK durfte der Handel hoffen – allerdings weitgehend vergeblich.

Text: Lothar Schmitz

Schwere Zeiten für den Einzelhandel. Gleich drei große Herausforderungen muss er derzeit stemmen: Er steckt nach Branchenangaben generell im Strukturwandel, hinzu kommt die Digitalisierung, die zu geringeren Kundenfrequenzen in den Ladengeschäften führt und erhebliche Investitionen erfordert, um Kunden dennoch zu binden oder zurückzugewinnen. Und dann kam Corona – mit wochenlangen Geschäftsschließungen und beträchtlichen Umsatzrückgängen.

„Die Lage verbessert sich, bleibt aber für viele Händler kritisch“, teilte Ende Juli der Handelsverband Deutschland mit. Rund ein Viertel der Händler sähe die unternehmerische Existenz aufgrund der Corona-Krise bedroht.

So schlimm ist die Situation für Weingarten am Friesenplatz noch nicht. Doch auch das Kölner Traditionsunternehmen mit 170 Beschäftigten kämpft mit anhaltend niedrigen Kundenfrequenzen. „Schon vor Corona kamen fünf bis zehn Prozent weniger Kunden“, berichtet Theresa Weingarten, die zusammen mit ihrer Mutter Annegret die Geschäfte führt. Ihre Erklärung dafür: der zunehmende Onlinehandel. Seit Beginn der Corona-Krise sei die Zahl der Kunden um 30 bis 50 Prozent zurückgegangen. „In Krisenzeiten und mit Maske will bei vielen einfach keine Shoppingstimmung aufkommen“, beobachtet die Juniorchefin.

Immerhin: Die Kunden, die kommen, kaufen gut, sagt Theresa Weingarten, deshalb liege der Umsatz „nur“ um 20 bis 30 Prozent unter dem des Vorjahres. Auch das ist äußerst schmerzhaft, selbst für ein Unternehmen, das laut Geschäftsführerin zuvor sehr gut gewirtschaftet hat und derzeit noch von den gebildeten Reserven zehren kann. „Durch Corona gibt es weniger Feiern, weniger Urlaube, weniger Geschäftstermine – und damit weniger Anlässe, seine Garderobe zu erneuern“, skizziert Theresa Weingarten die akuten Herausforderungen für den Modehandel. Auch deshalb sei ihr Unternehmen auf verkaufsoffene Sonntage angewiesen. „Es ist wichtig fürs Image und für den Umsatz, uns auch außerhalb der üblichen Tage und Öffnungszeiten präsentieren zu können“, betont die Unternehmerin.

„In Krisenzeiten und mit Maske will bei vielen einfach keine Shoppingstimmung aufkommen“ -Theresa Weingarten
Foto: Astrid Piethan

Standortmarketing und Neukundengewinnung

Elisabeth Slapio kennt eine ganze Reihe von Argumenten, die für verkaufsoffene Sonntage sprechen. „Das ist ein wesentliches Instrument des Standortmarketings und der Neukundengewinnung, außerdem wissen wir von positiven Umsatzeffekten in einigen Branchen des Handels“, erklärt die Geschäftsführerin der IHK für Innovation und Umwelt.

In Corona-Zeiten komme ein weiteres wichtiges Argument hinzu: „Verkaufsoffene Sonntage leisten einen Beitrag zur Entzerrung von Kundenfrequenzen“, sagt Slapio, „damit werden überfüllte Einkaufsstraßen vermieden.“

Deshalb hatte die IHK gemeinsam mit dem Handelsverband drei Dialogrunden organisiert, bei denen alle relevanten Akteure an einem Tisch saßen – inklusive der Dienstleistungsgesellschaft ver.di, die verkaufsoffenen Sonntagen sehr kritisch gegenübersteht und immer wieder dagegen klagt.

„Die Kritiker haben weiterhin Bedenken“, berichtete Philip Reichardt, Leiter Handel und Stadtmarketing der IHK Köln, Mitte August, „doch wir haben einen sehr konstruktiven Austausch erlebt mit dem Willen, an einem Strang zu ziehen zum Wohle des lokalen Einzelhandels“. Man habe sich auf vier Sonntage einigen können. Dies geschah auch auf Basis eines neuen Runderlasses des NRW-Wirtschaftsministeriums. „Damit der Einzelhandel die fehlenden Umsätze zumindest zum Teil ausgleichen kann, sollen Kommunen 2020 bis zu vier verkaufsoffene Sonntage pro Geschäft freigeben können, wenn der örtliche Einzelhandel wegen der Corona-Pandemie gefährdet ist“, hatte das Ministerium zuvor wissen lassen.

Knapp zwei Wochen später allerdings hatte sich das Blatt schon wieder gewendet: In mehreren Fällen war es erneut zu Klagen gekommen. Das Oberverwaltungsgericht Münster urteilte, die Kommunen in NRW dürften keine verkaufsoffenen Sonntage mit dem Verweis auf die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie für den Einzelhandel genehmigen.

Das hat auch Folgen für Köln: Am 10. September wollte der Rat der Stadt Köln eigentlich die erlaubten vier verkaufsoffenen Sonntage festlegen. Aufgrund der erfolgreichen Klagen ließ er nun nur einen zu.

Die Urteile als Niederlage für den Handel zu werten, greift nach Meinung der IHK Köln jedoch zu kurz. „Auch im Handel gibt es immer mehr Zweifel, ob weitere verkaufsoffene Sonntage letztlich geeignet sind, die Umsatzausfälle der letzten Monate zu kompensieren“, betont IHK-Geschäftsführerin Elisabeth Slapio. „Mit Blick darauf werden wir alles daransetzen, gemeinsam mit unseren Unternehmen und den Dialogpartnern Wege zu finden, dem Handel zukunftsorientierte Rahmenbedingungen zu ermöglichen.“

Nur ein verkaufsoffener Sonntag

Als Termin für den nunmehr einzigen verkaufsoffenen Sonntag in diesem Jahr legte der Rat den 8. November fest. Zeitgleich findet in Köln der „Tag des Veedels“ statt. Den nutzen die Werbe- und Interessengemeinschaften sowie viele Geschäfte und Gastronomiebetriebe in den Stadtvierteln ebenfalls, um für lebendige Veedel zu werben.

Auch außerhalb von Köln macht der Einzelhandel in diesen Wochen auf sich aufmerksam. Unternehmen und Werbegemeinschaften beteiligten sich zum Beispiel im September an den jährlich stattfindenden Aktionstagen „Heimat shoppen“.

Zudem machte sich die IHK Köln nicht nur in der Domstadt, sondern in ihrem gesamten Bezirk für verkaufsoffene Sonntage stark. So organisierte beispielsweise auch die Geschäftsstelle Rhein-Erft im August ein gemeinsames Treffen von Interessen- und Werbegemeinschaften, Gemeinden, Handelsverband und Gewerkschaft, um zu einem tragfähigen Konzept zu gelangen und die Kritiker einzubinden.

„Das Gespräch war inhaltlich sehr gut“, sagte Gero Fürstenberg, Leiter Standortpolitik der IHK-Geschäftsstelle Rhein-Erft, Mitte August. Und fügte – fast schon prophetisch – hinzu: „Die Anträge auf verkaufsoffene Sonntage müssen wirklich gut begründet sein. Corona ist kein Freifahrtschein, allein eine Umsatzmehrung wird als Begründung keinesfalls ausreichen.“ Verkaufsoffene Sonntage müssten vielmehr Teil eines durchdachten Konzepts zur Stärkung des lokalen Handels sein.

Wie die Urteile der vergangenen Wochen zeigen, liegt die Messlatte für verkaufsoffene Sonntage weiterhin ziemlich hoch.

Kontakt
Philip Reichardt
Leiter Handel und Stadtmarketing Geschäftsbereich Innovation und Umwelt
Tel.: 0221 1640-1506
philip.reichardt@koeln.ihk.de

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