Stichwortsuche

Jung und wachstumsstark: Kristian Söhl ist mit seiner Internetfirma TriMeXa seit 2014 in Leverkusen zu Hause. Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

Drei digitale Sterne für Leverkusen

Eine exzellente digitale Infrastruktur, eine umtriebige Standortförderung, bezahlbare Mieten und eine gute verkehrstechnische Anbindung - all dies wissen junge Unternehmen und Start-ups aus der digitalen Szene am Standort Leverkusen zu schätzen.

Text: Eli Hamacher

Ein Mitarbeiter legt den Weg zum Drucker auf einem Hoverboard zurück. Ein anderer hat es sich mit seinem iPad in der Hollywoodschaukel bequem gemacht, zwei weitere nutzen die Mittagspause für eine Tischtennis-Revanche. Bei der TriMeXa GmbH in Leverkusen-Wiesdorf, die mit Partnern wie ebay, Amazon, Vodafone oder auch Postbank via eigener Portale Schnäppchen vermittelt, geht es „ein bisschen lustiger und auch lauter zu als bei klassischen Unternehmen“, erklärt Kristian Söhl, der die Internetfirma 2012 mit zwei Freunden in Böhl-Iggelheim gründete und 2014 nach Leverkusen übersiedelte.

An dem Standort vor den Toren Kölns schätzen die Gründer vor allem die gute verkehrstechnische Anbindung, die noch bezahlbaren Mieten, aber auch die kurzen Wege zu wichtigen Institutionen wie IHK oder Wirtschaftsförderung Leverkusen. 50 Mitarbeiter beschäftigt das Start-up, mindestens zehn weitere sollen noch in diesem Jahr hinzukommen. „Wir suchen gerade ein zweites Büro und wollen noch in diesem Jahr erstmals ausbilden“, erzählt Söhl. Denn es sei schwierig, passende Fachkräfte für die neuen Technologien zu finden.


Start-ups wie TriMeXa heißt Leverkusen herzlich willkommen. Denn die Stadt hat mit zahlreichen Problemen zu kämpfen. Die Arbeitslosenquote sank zwar zuletzt leicht auf 8,9 Prozent, liegt aber immer noch deutlich höher als in NRW (7,7 Prozent) und als im Bund sowieso (6,0 Prozent). „Die Zahl der Harz IV-Empfänger steigt, ebenso die Verschuldung und die Kriminalität. Gleichzeitig sinken die Steuereinnahmen“, klagt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Leverkusen GmbH (WfL), Frank Obermaier.

Umso mehr freut es ihn, dass das Forschungsinstitut Prognos seiner Stadt im Ende Mai 2016 veröffentlichten neuen Zukunftsatlas drei digitale Sterne verliehen hat. Erstmals hat Prognos in 402 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten neben deren Zukunftsfähigkeit auch die Stärke in der Informationstechnologie in ihrem „Digitalisierungskompass“ untersucht. Indikatoren für dieses Ranking waren die Zahl der Stellenangebote im Bereich Digitalisierung, der Anteil der Digitalexperten an der Gesamtzahl der Beschäftigten sowie die Zahl der Unternehmensgründungen im IT-Bereich.

Mit drei von fünf möglichen Sternen schneidet Leverkusen ebenso wie der Rheinisch-Bergische, der Oberbergische und der Rhein-Erft-Kreis besser ab als der Bundesdurchschnitt. Denn 224 von 402 Kreisen und Städten haben nur einen oder zwei Sterne erhalten. Deutlich besser steht allerdings Köln mit fünf Sternen da.


Zwischen gut 40 und 50 Gründungen jährlich in der Informations- und Kommunikationstechnologie zählt die WfL seit 2010, darunter zum Beispiel die SpeechCare GmbH, die medizinische Apps zur Sprachtherapie, etwa für Lese- und Rechtschreibschwäche, entwickelt. Oder die JurCase GmbH, die online bundesweit Fachliteratur für Jurastudenten und Rechtsreferendare verleiht und seit 2015 auch Mitglied bei den Wirtschaftsjunioren Leverkusen/Rhein-Sieg ist.

Eigentlich wollte JurCase-Geschäftsführer Alexander Bangert in Köln gründen, entschied sich dann aber doch für Leverkusen. „Ausschlaggebend waren die deutlich niedrigeren Mieten, vor allem, weil wir größere Lagerflächen benötigt haben“, sagt der 32-Jährige. An Leverkusen schätzt er zudem die kurzen Wege, wenn er mal zügig Rat oder Unterstützung braucht, wie zuletzt, als die IHK ihm sofort eine Frage zu seiner ersten Auszubildenden beantwortete. Selbst als noch junges Start-up habe man sich zudem in der Stadt zügig vernetzen können.

„Wir sind zwar keine IT-Start-up-Hochburg, aber haben eine kleine, feine Szenerie“, bringt es Obermaier auf den Punkt. Als Standortvorteil für die IT-Szene sieht er vor allem die gute digitale Infrastruktur. Laut Breitbandatlas belege Leverkusen nach Bonn immerhin den zweiten Platz in NRW.

Letztlich waren die deutlich niedrigeren Mieten in Leverkusen ausschlaggebend.

Alexander Bangert, "JurCase"

Um die regionale Wirtschaft über das Thema Digitalisierung zu informieren und die Unternehmen für den Einsatz zu motivieren, hat die IHK Köln 2014 die Initiative „Digital Cologne“ gegründet. Mit zahlreichen Branchenveranstaltungen, den Life-Talk-Shows „Digital Talk", die im Internet übertragen werden, und zahlreichen Unterstützern wie Google, Rheinenergie oder TÜV Rheinland ist die Initiative mittlerweile zu einem „Netzwerk der Netzwerke" gewachsen. Im Juli und August 2016 werden sich die Veranstaltungen schwerpunktmäßig mit Start-ups beschäftigen (siehe Kasten unten).

Mit zahlreichen Initiativen versucht auch die WfL den Gründern Start und Wachstum zu erleichtern, etwa mit der neuen Online-Plattform "Kreative.Wirtschaft.Leverkusen.", auf der sich Kreative präsentieren und vernetzen können, sowie einem neuen IT-Stammtisch. Oder mit der Anfang 2015 gegründeten Schreibtischbörse. Hier stellen Unternehmen aus der Region freie Schreibtische, ganze Büros oder Tagungsräume zur Miete zur Verfügung, tageweise oder auch länger und kurzfristig kündbar. Gründer profitieren nicht nur von einer niedrigen Miete, sondern können auch die bestehende Infrastruktur ihrer Vermieter nutzen und ganz nebenbei sich gut vernetzen.

Die Unterstützung der WfL weiß auch Philip W. Semmelroth zu schätzen. „So haben wir zügig eine passende Immobilie gefunden“, sagt der Geschäftsführer der C&S Computer und Service GmbH, die für Unternehmen aus der Region IT-Dienstleistungen anbietet  und heute zwölf Mitarbeiter beschäftigt. Entscheidend für den Unternehmenserfolg sei zudem, dass der Standort über das neue Turbo-DSL „VDSL“ verfüge. Last but not least profitiert der 36-jährige Diplomkaufmann von den vielfältigen Möglichkeiten, nützliche Kontakte auf für ihn relevanten Veranstaltungen knüpfen zu können. Über die Zukunft macht sich Semmelroth keine Sorgen. „Die Komplexität in der IT wird aufgrund der Datensicherheit und des mobilen Arbeitens immer mehr zunehmen. Kleine Firmen können diese Herausforderungen gar nicht allein stemmen.“

Veranstaltungen der Initiative "Digital Cologne" zum Themenschwerpunkt "Start-ups"

Im Rahmen der Initiative „Digital Cologne" finden im Juli und August 2016 zahlreiche Branchenveranstaltungen zum Themenschwerpunkt Startups statt.

Am 7. Juli 2016 können sich Gründer mit Interessierten und Experten beim „Digital Brunch“ über Herausforderungen und Erfahrungen rund um die digitale Gründungsphase austauschen. Teil der Veranstaltung sind auch Impulsvorträge etwa zu rechtlichen Fallstricken.

Am 14. Juli 2016 geht es bei „Digital Info“ um das Thema „Besser vorbereitet – Mit der digitalen Idee durchstarten! Von der Idee zum erfolgreichen Start als Digitalunternehmen“.

Am 2. August 2016 folgt ein „Digital Workshop“, in dem Gründer mit Experten Top-Ten-Listen, Checklisten oder Erfolgsfaktoren zu den Themen Organisation, Vertrieb und Compliance erarbeiten.

Im Rückblick:
„Digitale Transformation – eine Revolution managen oder untergehen“
Auch bei der 13. gemeinsamen Sitzung der IHK-Wirtschaftsgremien Leverkusen, Rhein-Berg und der Beratenden Versammlung Rhein-Berg ging es Ende Juni um das IHK-Jahresthema „Digitalisierung“. Prof. Klemens Skibicki (im Bild unten 2.v.r.) von der Kölner convidera GmbH befasste sich in seinem Vortrag mit dem Thema „Digitale Transformation – eine Revolution managen oder untergehen“. „Viele Entscheider tun sich schwer mit der digitalen Welt, weil sie selbst nicht dort sind und deswegen kaum wissen, worüber sie reden - dies müssen wir ändern, denn ,das’ geht nicht mehr weg“, ist der Experte überzeugt. Mit Skibicki diskutieren zum Abschluss Fritz Ellinghaus (l.), persönlich haftender Gesellschafter der Leverkusener ELFE GmbH & Co. KG, Hans-Jakob Reuter, Geschäftsführer der Overather GICOM GmbH (2.v.l.) und Ulf Reichardt (r.), Hauptgeschäftsführer der IHK Köln.

Foto: Ralf Krieger

Foto: Ralf Krieger

WEITERE THEMEN