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So könnte ein Bitcoin aussehen, wenn es ihn real gäbe - doch dahinter steht eine reine Internet-Währung Foto: Pixabay
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Die reale Revolution

Vor knapp zehn Jahren erfunden, schien die virtuelle Währung Bitcoin schon mehrfach abgeschrieben. Doch nun setzt ihr Kurs zu neuen Höhenflügen an. Noch viel wichtiger dürfte aber die Technologie sein, die dahintersteckt: Blockchain. Sie könnte Geschäftsprozesse etwa in der Logistik radikal verändern – mit Folgen für viele Unternehmen.

Text: Werner Grosch

Bitcoin? Das ist doch diese Internet-Währung, auf die nur ein paar risikofreudige Anleger setzen? Dieses virtuelle Geld, dessen Kurs allein von der Nachfrage bestimmt wird, ohne jeden Eingriff durch Notenbanken oder sonstige Regulierung, und deren Kurs gewaltig schwankt?

Stimmt, ist aber nicht die ganze Wahrheit. Rund zehn Jahre nach ihrer Erfindung hat die Währung in diesem Frühjahr ein Kursfeuerwerk erlebt. Im Mai war ein Bitcoin zeitweilig 2.000 Euro wert. Und das, obwohl noch kurz zuvor wieder mal Nachrichten von erfolgreichen Hackerangriffen die Runde machten. Eine der schwerwiegendsten Attacken traf 2016 die nach eigenen Angaben weltgrößte Handelsplattform Bitfinex, bei der Diebe rund 120.000 Bitcoins erbeuteten – im Gegenwert von damals rund 63 Millionen Euro. Nach dem gewaltigen Kursanstieg vor einigen Wochen wären sie sogar doppelt so viel wert gewesen. Gleichwohl warnen Geldexperten und allen voran die Bundesbank vor Investitionen in Bitcoins – schon deshalb, weil sie in ihren jungen Geschichte Kursschwankungen um bis zu 1000 Prozent innerhalb weniger Monate erlebten.

Die Sache ist also hoch spekulativ. Dennoch hat der Wertzuwachs nicht nur mit der Abenteuerlust von Investoren, sondern auch mit wachsender Akzeptanz der Währung zu tun: Japan erkannte Bitcoins im Frühjahr sogar als offizielles Zahlungsmittel an, und im Schweizer Kanton Zug kann man künftig schon Steuern damit bezahlen. In Zeiten großer weltpolitischer Unwägbarkeiten und Misstrauen selbst in Währungen wie den Euro öffnen sich auch immer mehr institutionelle Anleger dem Thema. Für sie bestand die größte Hürde indes bislang in der Anfälligkeit für Hackerattacken.

Beinahe absolut fälschungssicher und manipulationsfrei

Andererseits steckt in dem Transaktionssystem hinter Bitcoin ein im Kern extrem sicheres Verfahren namens Blockchain. Einfach gesagt, ist hier jede Transaktion ein verschlüsselter Datenblock in einer Datenkette, die von allen registrierten Nutzern eingesehen, kontrolliert und letztlich mehrheitlich validiert werden kann. Damit ersetzt sozusagen die Community die dritte Instanz, die etwa bei einem Geldgeschäft sonst eine Bank wäre. Und jede Transaktion wird so beinahe absolut fälschungssicher und manipulationsfrei.

So könnte ein Bitcoin aussehen, wenn es ihn real gäbe - doch dahinter steht eine reine Internet-Währung.


Die Kölner Firma CryptoTec hat auf der CeBit im Frühjahr ein spezielles Verfahren auf Basis von Blockchain präsentiert, das den Umgang mit dem virtuellen Geld absolut sicher machen soll. Der Mathematiker Michael Mertens, CEO von CryptoTec, bietet ein System an, das sich „Zone“ nennt. Jeder Nutzer von „Zone“ erhält eine „digitale Identität, die in Kombination mit den digitalen Signaturen der Dateien sowie der Verschlüsselungs- und Blockchain-Technologie vor Manipulation schützt“. Die Firma will sogar selbst eine virtuelle Währung entwickeln und zielt mit ihrem Angebot zudem auf noch ganz andere Bereiche, zum Beispiel das Gesundheitswesen. Digitale Patientenakten könnten damit sicher verwaltet werden. Sehr sicher, wenn diese Aussage von CryptoTec stimmt: „Die Entschlüsselung einer einzigen verschlüsselten Nachricht dauert mit dem schnellsten Hochleistungscomputer ca. eine Trillion Jahre.“

Auch wenn Bitcoins und andere virtuelle Währungen wohl eher in der Nische steckenbleiben werden – das Potenzial von Blockchain ist gewaltig. Die IHK Köln will bei ihren Mitgliedern deshalb intensiv dafür werben, sich mit dem Thema zu befassen, sagt Elisabeth Slapio, Geschäftsführerin Innovation und Umwelt: „Durch die gefühlt schleppende Verbreitung von Bitcoins besteht die Gefahr, dass man die Anwendungsfelder und das Potenzial der Grundtechnologie Blockchain unterschätzt. Aber mit dieser Methode lässt sich jede Form von Transaktionen und vernetzten Geschäftsprozessen fälschungsfrei dokumentieren, optimieren und sogar neu erfinden – ob im Datenverkehr, bei Vertragsprozessen oder zum Beispiel Logistikketten!“

Großes Potential für die Logistikbranche

An der Logistikbranche lässt sich das Potenzial der Technologie besonders gut zeigen. Die Einschätzung der Bundesvereinigung Logistik dazu ist eindeutig: „Das Fehlen einer zentralen Vermittler-Instanz sorgt nicht nur für ein beschleunigtes Abwicklungstempo, auch die Sicherheit der Transaktionen nimmt durch den dezentralen Ansatz deutlich zu. Blockchain hat dadurch das Potenzial, bisherige Geschäftsmodelle in vielen Branchen zu zerstören – auch in der Logistik.“ Der Branchenverband verweist auf das Emirat Dubai, das schon in drei Jahren im Im- und Export ohne ein einziges Papier-Dokument auskommen will. Stattdessen werden dann so genannte Smart Contracts auf Blockchain-Basis genutzt. Das sind per Internet geschlossene Verträge, bei denen die Gegenleistung nach Erfüllung der Vertragsbedingung automatisch ausgelöst wird. Solche Systeme gibt es schon heute, allerdings noch zentral über Broker abgewickelt. Künftig aber könnten auch hier autonome Kreisläufe entstehen.

Existentielle Folgen für Unternehmen

Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung Roland Berger sagt den Durchbruch für Blockchain innerhalb von drei bis fünf Jahren voraus. Und der werde für manche Unternehmen durchaus existenzielle Folgen haben, denn bei zahlreichen Transaktionen fällt eben die Rolle des Vermittlers einfach weg. Für die Unternehmen, die diesen „Intermediär“ bisher brauchen, etwa eine Bank, könnten indes die Transaktionskosten praktisch auf null sinken.

Experten gehen zudem davon aus, dass auch Branchen wie die Energieversorgung sich durch Blockchain massiv wandeln werden. Hier ist zum Beispiel denkbar, dass Versorger ihre Rolle als Zwischenhändler verlieren und der gesamte Prozess – etwa der Stromlieferung – direkt zwischen Erzeuger und Abnehmer abgewickelt wird. Und darüber hinaus sind noch weit mehr Anwendungen denkbar oder schon in der Umsetzung, darunter auch automatisierte Prozesse in der Industrie – Stichwort Industrie 4.0 – oder auch Prozesse außerhalb der Wirtschaft: So will Dubai auch Wahlen und jede Art von Verwaltungshandeln über Blockchain abwickeln. Und in Estland kann man mithilfe der Technik sogar ohne Standesamt online heiraten, und das vollkommen rechtsgültig.

Vieles davon ist noch Zukunftsmusik, aber es ist ein Thema für heute, betont Elisabeth Slapio: „Wenn Bestehendes revolutioniert werden kann, sind Marktveränderungen und Disruption durch Start-ups oder innovative Vorreiter die natürliche Folge. Daher ist es für Unternehmen aktuell wichtig, sich über Blockchain zu informieren, um die Chancen und Risiken einschätzen und nutzen zu können!"

Blockchain in der Logistik

Die IHK Köln wird im Herbst in Kooperation mit der Technischen Hochschule Köln eine Veranstaltung zum Thema Blockchain in der Logistik anbieten. Sie soll am 20. Oktober im Börsen-Saal stattfinden, nähere Informationen folgen.

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