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Für Unternehmer Lothar Marschalleck aus Erftstadt ist die Erft breiter als der Mississippi, jedenfalls in Bezug auf das Trennende für die Stadtteile Lechenich und Liblar. Foto: Ulrich Kaifer
Porträt

Die bipolare Stadt

In unserer Serie „Jetzt mal Klartext!“ kommen Unternehmerinnen und Unternehmer direkt zu Wort: Welche Qualitäten hat ihr Standort? Wo gibt es Mängel? Was muss sich ändern? „IHKplus“-Autor Werner Grosch hat mit LOTHAR MARSCHALLECK, Schreibwarenhändler aus Erftstadt-Lechenich, gesprochen.

? Herr Marschalleck, wenn Sie Ihrem Standort eine Schulnote geben müssten, welche wäre das?

! Was die Lebensqualität angeht: 1a! Wir haben eine wunderschöne Altstadt mit knapp 70 Baudenkmälern, hier lebt es sich sehr gut. Außerdem haben wir hier die niedrigste Kriminalitätsrate im ganzen Rhein-Erft-Kreis. Auch mit dem Standort meines Geschäfts mitten in der Stadt bin ich rundum zufrieden.

? Klingt doch super...

! Ja, aber aus wirtschaftlicher Sicht gebe ich dem Standort nur eine 3. Wir haben hier ein ganz großes Problem: Die Bipolarität von Lechenich und Liblar. Beide Stadtteile und auch alle anderen ehemaligen Dörfer, aus denen Erftstadt besteht, konkurrieren so sehr, dass die Politik nicht in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen.

? Können Sie ein Beispiel nennen?

! Wir haben hier den Wirtschaftspark; das ist ein Gewerbegebiet, das gut vermarktet wurde. Aber der ist weit­gehend ausgebucht, es müssten dringend neue Flächen ausgewiesen werden, und der Bürgermeister ist auch dafür, aber die Parteien im Rat bremsen. Dasselbe gilt für neue Wohngebiete, die ebenso notwendig sind. Außerdem bräuchten wir ein gemeinsames Schulzentrum statt der bestehenden zwei Gymnasien, aber auch daraus wird nichts.

? Und das nur wegen der Konkurrenz der Stadtteile?

! Es fehlt einfach ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Erft trennt uns, und dagegen ist der Mississippi ein ganz kleiner Bach. Aber wir leiden auch darunter, dass die Verwaltung oft zu langsam ist. In meiner Nachbarschaft war mal eine Bäckerei, und in dem leer stehenden Lokal möchte jetzt jemand einen Gastronomiebetrieb eröffnen. Aber der wartet seit einem halben Jahr auf die Genehmigung – das kann einfach nicht sein.

? Können wir als IHK etwas tun?

! Ich bin ja auch Vorsitzender der hiesigen Werbegemeinschaft AHAG. Die IHK hat uns gemeinsam mit dem Handelsverband schon den regelmäßigen Austausch mit Werbegemeinschaften anderer Kommunen ermöglicht, das ist gut und macht schlauer. Nur: Die Kollegen aus Liblar sind da nie dabei. Ich wünsche mir ein IHK-Wirtschaftsgremium wie in anderen Städten.

? Warum war das bisher nicht möglich?

! Ein solches Gremium funktioniert natürlich nicht ohne die gemeinsame Initiative aus den Unternehmen selbst, und zwar aus allen Teilen der Stadt. Dafür muss noch Basisarbeit geleistet werden, und das wird leider noch sehr lange dauern.

DER UNTERNEHMER
Lothar Marschalleck führt gemeinsam mit Frau und Tochter den „Schreibshop“ in Erftstadt-Lechenich. In diesem Jahr wird 40-jähriges Bestehen gefeiert. Neben Schreibwaren bietet das Geschäft unter anderem auch Computerzubehör und Bürobedarf, zudem gibt es einen Onlineshop. Marschalleck ist nicht nur in der örtlichen Werbegemeinschaft und der Vollversammlung der IHK Köln engagiert, sondern bringt Besuchern die Vorzüge Lechenichs auch als Stadtführer nahe.
www.schreibshop-marschalleck.de

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