Stichwortsuche

Ein Laden ohne Eingang: Özcan Sisman verkauft am Fenster. Foto: Olaf-Wull Nickel
Service

Hereinspaziert: Die Mini-Läden von Köln

Text: Susanne Waechter

Neun, zwölf oder 20 Quadratmeter. Platz ist das Einzige, was Kölns kleinsten Lädchen fehlt. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen sie trotzdem. Denn ihre Inhaber punkten meist durch ein besonderes Sortiment und individuellen Service.

Das kleinste Geschäft der Stadt besitzt mutmaßlich Özcan Sisman. Der selbsternannte „Eier und Käse König“ verkauft über 100 Käsesorten, vorzugsweise aus Frankreich. Seine Produkte lagert er auf ganzen neun Quadratmetern. Sogar ein paar Gläser Honig von heimischen Imkern und Eier aus Freiland- oder Biohaltung finden noch Platz auf rustikalen Holzregalen.

Das Käselädchen im Herzen der Südstadt gleicht größenmäßig eher einem Büdchen. Einen Eingang gibt es nicht. Die Kunden werden draußen bedient. Was zunächst merkwürdig klingt, hat durchaus seinen Charme. An manchen Tagen stehen die Kunden Schlange unter der blau-weiß-roten Markise, die den halben Gehweg überspannt und vor Sonne oder Regen schützt.

Eher durch Zufall hat der 52-Jährige den kleinen Laden an der Merowinger Straße bei einem Bummel durch die Südstadt entdeckt. Die alte Dame, die dort ihren Käseladen seit 1975 betrieb, suchte einen Nachfolger. Das kleine Lädchen gefiel ihm auf Anhieb. Für den Einstieg in die Selbstständigkeit war es gerade groß genug und die Kosten überschaubar.

Knapp 23 Quadratmeter hat der Blumenladen von Petra Wieland.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Wenige Quadratmeter zur Verfügung zu haben, bedeutet für die Geschäftsinhaber, sich zu fokussieren. „Man kann nicht unbegrenzt Ware präsentieren“, sagt Floristin Petra Wieland. Auf den knapp 23 Quadratmetern Verkaufsfläche ihres Blumenladens „Lindengrün“ an der Lindenstraße hat sie frische Schnittblumen, aber auch Topfpflanzen für den Balkon oder die Terrasse im Angebot, vor Weihnachten entsprechende Gestecke und Kränze.

Petra Wieland möchte ihrem Laden den Charakter einer kleinen Gärtnerei im Veedel geben. Den von Tageslicht durchfluteten Verkaufsraum dekoriert sie mehrmals täglich neu. Immer wenn durch den Verkauf Platz geschaffen wurde, füllt sie die Vasen mit frischen Blumen auf und arrangiert das Angebot. Der geringe Platz birgt einige Herausforderungen – zum Beispiel viel anzubieten und trotzdem nicht überladen zu wirken. „Zu mir kommen häufig Menschen, die etwas Besonderes wünschen“, sagt Wieland. Dazu gehörten außergewöhnlicher Trauerflor, etwa aus Maiglöckchen, aber auch sehr individuelle festliche Arrangements für Hochzeiten oder andere Feste. Wieland will mit ihrem Laden und vor allem ihrem Service ein Statement setzen. Sie setzt deshalb auf ein offenes Ohr für die Kundenwünsche und qualitativ hochwertige Ware.

Schon 160 Ausstellungen hat Andreas Böll in seiner Mini-Galerie realisiert.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Käse oder Blumen auf engstem Raum zu präsentieren, ist die eine Sache – aber Kunst? Auch das funktioniert, wie Andreas Böll mit seiner Galerie „Display“ am Höninger Weg in Zollstock zeigt. 160 Ausstellungen hat er in der wohl kleinsten Galerie der Stadt in den sechs Jahren ihres Bestehens schon ausgerichtet. Fotografien, Malerei, aber auch raumgreifende Installationen finden dort irgendwie Platz. „Große Räume kann jeder, aber auf zwölf Quadratmetern Kunst zu präsentieren, ist eine Herausforderung“, sagt Böll lachend.

Der Raum ist schlicht, quadratisch. Die Wände weiß getüncht, die Vorderfront komplett verglast. „So können Passanten immer einen Blick auf die aktuell laufenden Ausstellungen werfen, auch wenn wir nicht geöffnet haben“, so Böll. Zuletzt zeigte er Fotografien zweier Künstlerinnen. 36 Bilder hingen an den Wänden. „Wir haben hier aber auch schon einen Künstler gehabt, der hat drei großformatige Bilder ausgestellt“, erzählt der Kurator, der seine kleine Galerie mit Leidenschaft betreibt.

Ganze 20 Quadratmeter misst der Verkaufsraum von Designerin Anna Krus.
Foto: OIaf-Wull Nickel

Leidenschaft und eine gehörige Portion Begeisterung treiben auch Anna Krus an. Die junge Designerin hat sich mit „Polyestershock“ vor sechs Jahren ihren Traum von der eigenen Existenz erfüllt und in der Geisselstraße, einer kleinen Seitenstraße der belebten Venloer Straße in Ehrenfeld, das für sie optimale Domizil gefunden. „Zugegeben, es ist klein“, sagt sie mit Blick auf ihren etwas über 20 Quadratmeter großen Verkaufsraum. Um ein wenig mehr Platz zu schaffen, hat sie auch den hinteren Raum, in dem sie selbst schneidert oder nach Kundenwünschen ändert, als Präsentationsfläche hinzugenommen, so kommt sie immerhin auf knappe 40 Quadratmeter.

Anna Krus hat sich auf Vintagekleidung und Accessoires aus den 1950ern und der 60er bis 80er Jahre spezialisiert. Entsprechend behaglich wirkt ihr Verkaufsraum mit dem alten Leuchter an der Decke und dem gemusterten Teppich auf dem Boden. Von Anfang an stand für sie fest, dass ihr Laden klein, übersichtlich und vor allem von ihr allein in Eigenregie zu führen sein sollte. „Ich arbeite gerne alleine, ohne Kompromisse eingehen zu müssen“, sagt die 34-Jährige. Doppelte Fläche bedeute eben auch doppelt so viel Arbeit.

Wenig arbeitet Anna Krus allerdings auch jetzt nicht. Außerhalb der Öffnungszeiten bietet sie zum Beispiel Kleiderpartys an. Bei der Zeitreise durch die Modejahrzehnte wird Krus von einem Profifotografen unterstützt. „Daran habe ich unwahrscheinlich viel Spaß und betrachte es eigentlich gar nicht so sehr als Arbeit“, sagt die Designerin, die es liebt, sich mit ihren Kunden auseinanderzusetzen. Das spürt man. Wer zu Anna Krus in den Laden kommt, fühlt sich gleich zu Hause. Ihre Kunden erhalten das Maximum an Aufmerksamkeit. All das könne sie nicht mehr leisten, wenn sie sich vergrößern würde. Einziger Nachteil ist, dass sie gern auch Herrenkleidung anbieten würde. Aber dafür fehlt dann leider doch der Platz.

Manchmal nimmt sie auch Kuchen als Bezahlung an: Suzana Wortberg, .„ContasBrasil“ im Belgischen Viertel.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Als One-Woman-Show bezeichnet sich Suzy Wortberg. Die gebürtige Brasilianerin, die eigentlich Tänzerin ist, betreibt seit über acht Jahren an der Brüsseler Straße ihren Accessoires-Laden „ContasBrasil“. Schmuck, Taschen und Tücher hat die 52-Jährige dekorativ an den Wänden oder auf kleinen Tischen in ihrem schmalen Laden platziert. Der Name ist Programm: Der Schmuck, den sie im Laden selbst entwirft und gestaltet, hat  brasilianische Vorbilder.

„ContasBrasil“ ist nicht auf den ersten Blick das, was man unter einem kleinen Laden versteht, aber er ist besonders. Sicher, man könnte ihn glatt übersehen, würden über dem kleinen Schaufenster, das gerade so groß ist wie das eines Büdchens, nicht bunte Plastikblumen hängen. Immerhin 50 Quadratmeter groß ist das Ladenlokal inklusive ihres „Werkstattbereiches“.

Wortberg strahlt Freude aus. Sie liebt ihren Job, sie liebt den Umgang mit den Kunden und ihr kreatives Dasein als Schmuckgestalterin. Manchmal kommen Nachbarn vorbei, um sich ein Armband reparieren zu lassen. „Was bekommst Du dafür?“, fragt eine alte Dame, „nichts“, antwortet Wortberg lächelnd. „Dann backe ich Dir einen Kuchen und bring ihn Dir vorbei!“ „So läuft das hier häufig ab“, sagt die Inhaberin. Aber kann man so reich werden? Nein, reich sei sie nicht, aber sie könne von dem Laden gut leben. Und außerdem gehe nichts über Zufriedenheit im Job. Das spüren ihre Kunden, und das macht ContasBrasil zu einem Schmuckstück im Belgischen Viertel.

WEITERE THEMEN