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Aldi stellte im Frühjahr drei Monate lang sein Pop-up-Restaurant im Kölner Mediapark auf. Foto: Isabela Solberg
Porträt

Die Freude am Vergänglichen

Sie kommen, sorgen im Idealfall für viel Aufsehen und verschwinden trotzdem wieder: Pop-up-Stores. Produzenten lassen mit ihnen einen Testballon starten, ob und wo ihre Produkte ankommen. Für die Einzelhändler, die vorübergehend das Sortiment einer bestimmten Marke aufnehmen, beleben sie das Geschäft und helfen ihnen, im harten Wettbewerb zu bestehen.

Text: Eli Hamacher

Sarah Anna ist „Designer, Blogger und Mastermind behind Katspell“, wie sie ihre Abonnenten nicht ganz bescheiden auf Instagram wissen lässt. Auf dem Fotodienst postet die junge Frau, was sie trägt, was sie isst und wie sie reist. 198.000 Abonnenten finden das so spannend, dass sie ihr folgen. Ein Hype, der auch Top-Handelsmarken auf den Plan ruft. Sie nutzen die starke mediale Präsenz von Influencern wie Sarah Anna, um die Online-Stars für ihre Produkte als Markenbotschafter auftreten zu lassen.

Doch längst wirbt Sarah Anna auf ihren Fotos nicht mehr nur für Dritte, sondern mittlerweile auch für ihr eigenes Label Katspell. Klar, dass die Fans die Influencer auch gern mal persönlich kennenlernen würden, dachten sich Joschka Grimm und Mohamed Al Barkani, Geschäftsführer der Kölner myKey.to GmbH. Und entwickelten ein originelles Einzelhandelskonzept. In ihrem nach eigenen Angaben „weltweit ersten Influencer Pop-up-Store“ in Köln „ynspr.store“ (sprich inspire.store) konnte Sarah Anna ihre Kollektion be­­gleitet von DJs und Tänzern in Szene setzen. Ein Online-Star im stationären Shop.

Im "weltweit ersten Influencer Pop-up-Store" in Köln können YouTube- oder Instagram-Stars ihre Produkte für einige Wochen in Szene setzen.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Fans kommen aus ganz Deutschland

Seit der Premiere Ende Juni präsentieren die Gründer in ihrem 50 Quadratmeter großen Laden in Uninähe in der Kyffhäuserstraße für je ein bis zwei Wochen Influencer, Künstler, Blogger mit ihren Kollektionen oder ihrer Kunst. Grimm ist sich sicher: „Für die Gegend ist das ein Gewinn. Die Fans kommen aus ganz Deutschland und werden dann nicht nur bei uns shoppen.“

Effizient, exklusiv und innovativ findet Tim Köhler die temporären Läden, die kommen, im Idealfall für viel Aufsehen sorgen und dann trotzdem wieder verschwinden. Der Geschäftsführer der Kölner Pop Up My Brand GmbH, der Unternehmen beim Aufbau und Betrieb der Pop-ups unterstützt, ist überzeugt: „Über einen limitierten Zeitraum können Händler hier neue Produkte oder Standorte testen, Lagerbestände oder Limited Editions abverkaufen ebenso wie eine nur online angebotene Marke erlebbar machen.“

Was Ende der 90er Jahre in den USA mit jungen Modedesignern begann, die ihre Labels der Szene zeigen wollten, setzt sich denn auch in Deutschland immer stärker durch. Scouts spüren für Unternehmer wie Köhler freie Einzel­­handelsflächen auf. Plattformen wie brickspaces.de und gopopup.com bringen Mieter und Vermieter unkompliziert zusammen. „Eine Win-win-Situation für beide Seiten: Der Vermieter hat keinen Leerstand, der Mieter geht kein großes Risiko ein“, sagt Köhler.

Das Konzept hat auch Leonie Stockmann, Inhaberin von Simon und Renoldi, einem Concept Store im Belgischen Viertel, überzeugt. Sie nutzte das beliebte und immer gut besuchte Designfestival „Le Bloc“, um zeitgleich in ihrem  Laden einen Pop-up-Store für die portugiesische Kosmetikmarke Benamôr zu starten. „Wir haben bereits ein kleines Sortiment aus Handcremes und wollten testen, ob auch die anderen Produkte ankommen“, sagt Stockmann. Da die Online-Konkurrenz immer härter werde, müssten sich Händler stets etwas Neues einfallen lassen, um die Kunden in die Stadt zu locken. „Mit den 2016 gestarteten Pop-ups haben wir die Attraktivität unseres Stores noch gesteigert.“

Gastronomie greift Konzept auf

Das Beispiel der Einzelhändler macht Schule. Kunstszene und Gastronomie greifen das kreative Konzept auf. In Berlin etwa ließ der Eigentümer eines ehemaligen Bankgebäudes vor dessen Abriss gut 100 Künstler 108 Räume gestalten. Täglich warteten Hunderte vor „The Haus“ in Kudamm-Nähe auf Einlass und dürften den umliegenden Händlern während der zweimonatigen Projektdauer zusätzliche Einnahmen beschert haben. Im Kölner Mediapark ließ Discountriese Aldi für drei Monate in einem eigens errichteten Container ein Restaurant aufpoppen. Während die Handelskette gerade vielen Filialen ein Facelifting verpasst, bewies der Koch mit Drei-Gänge-Menüs à 7,99 Euro, was in Aldi-Produkten steckt.

Die IMI winery ist über den Umweg Pop-up angekommen, wo sie hin wollte: In einem eigenen kleinen Laden in Köln-Ehrenfeld. Zuvor hatten die drei Jungunternehmer zwei temporäre Geschäfte im Belgischen Viertel und in Ehrenfeld getestet. „Bei den Kunden gibt es einen starken Klärungsbedarf, weil wir ausschließlich eigene, in der Pfalz produzierte Weine verkaufen“, erklärt Geschäftsführerin Svenja Hollerith, warum der reine Online-Vertrieb auf Dauer aus ihrer Sicht nicht gereicht habe.

In der IMI winery verkauft auch Sara Blum von der Kölner Manufaktur süß&deftig von ihr kreierte und produzierte kleine Köstlichkeiten: „Feines in Gläschen und Herbes in Töpfchen“. Ob die Kreationen ankommen, hatte sie zuvor in mehreren Pop-up-Stores getestet. Aktueller Renner: die Speck­marmelade. „Noch ist es nur Spaß an der Freude. Aber vielleicht entwickelt sich mal etwas Größeres daraus“, sagt die 34-Jährige, die im Hauptberuf als Modedesignerin arbeitet. So bringen die Pop-ups auch Abwechslung in den Berufsalltag von Unternehmern und dienen als Testlabor für neue Jobideen.

Wie Blum bereitet Yvonne Steffe in einer Gastronomieküche zu, was den Geschmack ihrer Kunden trifft: Pesto, Aufstriche, Öle, saisonale Produkte. Mit zwei Geschäftspartnerinnen eröffnete die leidenschaftliche Köchin im Juni den Pop-up-Store „Nippesküche & Freunde“ in Köln-Nippes. Insgesamt zehn Food-Produzenten bieten dort ihre Waren an. „Wir wollen regionale Feinkost bekannter machen“, sagt Steffe, die auch als Journalistin und Coach arbeitet. Bis mindestens Mitte September soll die Nippesküche Lieb­haber regionaler Produkte anlocken. Den Erfolg ihres ersten temporären Ladens konnte die Diplom-Medienwirtin mit ihren zwei Partnerinnen in Nippes bislang wiederholen: „Die Nippesküche ist sehr gut angelaufen.“

Die portugiesische Kultmarke Benamôr war im Juni bei Simon und Renoldi im Belgischen Viertel zu Gast.
Foto: Olaf-Wull Nickel

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