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Auf dem Gelände des ehemaligen Deutzer Hafens, wo noch die Ellmühle steht, sollen Wohnungen und Büros entstehen. Foto: Thilo Schmülgen
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Die Fabrik mitten in der Stadt

Die Gesellschaft verändert sich, die Industrie ebenso: Digitalisierung und andere Innovationen sorgen für eine neue Verträglichkeit von Leben und Arbeiten. Die IHK Köln setzt das Thema „Urbane Produktion“ ganz oben auf die Agenda.

Text: Werner Grosch

Eine Fabrik mitten in der Stadt? Industrie in direkter Nähe zu Wohnbebauung? Was manchen undenkbar scheint, ist so ungewöhnlich gar nicht. Um das zu erkennen, muss man nur einmal durch Leverkusen-Wiesdorf fahren. Und auch in einer Metropole wie Köln, die zugleich Touristenmagnet ist, war das lange Zeit normal. Beispiele hierfür sind Deutz, Felten & Guilleaume, Stollwerck, Chemische Fabrik Kalk. Und selbst heute noch ist Industrie Teil des Zentrums zwischen Dom, Rheinauhafen und Messe: Die Ellmühle mit ihrem berühmten Aurora-Sonnenstern gehört für die Kölner zum Stadtbild. Aber nicht mehr lange.

Stadt hat Industriegelände gekauft

2020 wird die Ellmühle nach Krefeld umziehen, der Eigner hat das Gelände für 80 Millionen Euro an die Stadt verkauft. Die will auf diesem und angrenzenden Grundstücken des ehemaligen Deutzer Hafens eine neue moderne Wohnstadt für Tausende Menschen errichten. Und auch rund 5.000 Arbeitsplätze sollen hier entstehen. Auch welche im produzierenden Gewerbe? Nein. Nach Ansicht der Stadt Köln war das hier grundsätzlich nicht möglich. Auf dem Gelände könne „keine Verträglichkeit mit Wohnnutzung hergestellt werden“, sagt Anne Luise Müller, Leiterin des Stadtplanungsamtes. Ein gemischtes Gebiet mit Büros, Gastronomie oder medizinischen Einrichtungen sei dagegen machbar, weil der Nachweis „gesunder Wohnverhältnisse“, die der Gesetzgeber fordere, hier so erbracht werden könne.

Das Areal des Vakuumpumpenherstellers Leybold liegt mitten in einem Wohngebiet im Kölner Süden.
Foto: Thilo Schmülgen

Nach Ansicht der Amtsleiterin zeigt sich diese Unverträglichkeit ja in den Entscheidungen von Unternehmen wie dem Mühlenbetrieb oder auch der Deutz AG, ihre „Betriebsgrundstücke mit stadtentwicklungspolitischem Potenzial der industriellen Nutzung zu entziehen“.

Womöglich müssen Verwaltungen und auch der Gesetzgeber hier aber umdenken und der gesellschaftlichen wie technologischen Entwicklung folgen, meint Dr. Ulrich S. Soénius, stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Geschäftsbereichsleiter Standortpolitik der IHK Köln.

IHK Köln will Idee fördern

„Technologische Innovationen und digitalisierte Prozesse ermöglichen es in vielen Branchen heute durchaus, Industrie und Wohnen miteinander in Einklang zu bringen“, sagt er. Zudem habe dies viele Vorteile wie kurze Wege zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, wodurch sich Pendlerströme reduzieren und damit auch Verkehrsprobleme mindern ließen. Die Einführung der Baugebietskategorie „Urbanes Gebiet“ erlaube innerstädtische Bereiche, in denen Wohnungen und nicht wesentlich störende Gewerbebetriebe eng beieinanderliegen. Wenn Kommunen die in Frage kommenden Gebiete richtig auswählten, könne dies auch die wirtschaftliche Entwicklung stärken, sagt Soénius. „Das wäre ein erster Schritt in Richtung wechselseitige Rücksichtnahme.“

Die IHK Köln will solche Ideen auch in die Öffentlichkeit tragen, hat einen entsprechenden Schwerpunkt bei den Jahresthemen gesetzt und lädt daher im März zu einer Veranstaltung zum Thema „Die Rückkehr der Produktion in die Stadt“ ein. Expertengespräche und praktische Beispiele beleuchten das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln (siehe Stichwort „Produktionsforum“).

In Köln zeigt das Beispiel Leybold, dass Industrie auch heute noch im städtischen Raum funktionieren kann. Der Hersteller von Vakuumpumpen liegt mitten in einem Wohngebiet. Das Kölner Planungsbüro Dr. Schönheit + Partner hat für Leybold vor wenigen Jahren sogar ein neues Logistikzentrum geplant, das so schlank konzipiert ist, dass es mitten zwischen die vorhandenen Fertigungsstätten integriert werden konnte. Kurze Wege bedeuten damit eine geringe Verkehrsbelastung und also auch eine Schonung der umliegenden Anwohner.

Experte: Einiges ist denkbar

Dr. Martin Schönheit, Geschäftsführender Gesellschafter des Fabrikplaners, sieht die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten. Natürlich sei die Integration von Industrie in der Stadt nicht für alle Branchen denkbar, weil „Flächenbedarf, Emissionsbelastung und Energieverbrauch gering“ gehalten werden müssten. Aber mit der Umnutzung von Bestandsbauten oder auch der Verlagerung „unter die Erde“ sei einiges denkbar.

Dr. Schönheit, der sich auch im Verein Deutscher Ingenieure engagiert und im Kölner Bezirksverein dem Arbeitskreis Produktionstechnik vorsteht, sieht jedenfalls die unbedingte Notwendigkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aufgabe von Fabrikplanern sei es dann, „eine flexible, wandlungsfähige Fabrikarchitektur zu schaffen, die sich problemlos in den urbanen Raum einfügt“. Dazu gehöre auch besonders der effiziente Umgang mit Ressourcen. Zugleich könnten Fabriken auch als Energielieferanten gesehen werden, etwa durch Prozesswärme, die ins städtische Netz eingespeist werden könne.

Produktionsforum von VDI und IHK Köln

Am 15. März 2018 loten IHK Köln und der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) in einer gemeinsamen Veranstaltung die Chancen der „Urbanen Produktion“ aus. Unter anderem wird ein konkretes Projekt als Beispiel für die Integration einer Produktionsanlage in der Stadt vorgestellt.

Die Veranstaltung richtet sich an Führungskräfte auch der mittleren Ebene. Sie findet statt von 18:00 bis 20:00 Uhr in der IHK Köln, Unter Sachsenhausen 10-26, 50667 Köln.

Weitere Informationen und die Möglichkeit zur Anmeldung finden Sie hier: www.ihk-koeln.de/171121

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