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Porträt

Der Stuntman auf dem Chefsessel

Seit 30 Jahren für Spektakel in Film und Fernsehen zuständig: Hermann Joha

Text: Georg Watzlawek

Im Gewerbegebiet Hürth Nordwest liegt Deutschlands spektakulärster Firmenparkplatz. Sportwagen und Luxuslimousinen gibt es auch in München oder Düsseldorf vor jedem Bürohaus. Aber bei Action Concept stehen zwischen den Golfs der Mitarbeiter ein zerstörter Lamborghini, wirklich lange Stretch-Limousinen, Polizeiautos, Flugzeugwracks und ein ausgebrannter Hubschrauber. An einer Ecke steigen Flammen aus einem Knäuel von Fahrzeugen.

Der Parkplatz spiegelt wider, was das Unternehmen von Hermann Joha macht: Fiktive Actionfilme mit aufwendigen Stunts. Die meisten Szenen werden auf Straßen und Autobahnen gedreht. Aber wenn es mal drängt; müssen die Mit­arbeiter woanders parken; dann wird auf dem 20.000 Quadratmeter großen Grundstück gecrasht und gefilmt – und im fünfstöckigen Gebäude voller Büros, Studios und Werkstätten dafür gesorgt, dass am Ende ein perfekter Streifen steht.

Sprunghafte Film-Branche

Wann aus ihm, dem Stuntman, ein Unternehmer geworden war, kann Joha nicht mehr genau sagen. Aber warum: „Es war einfach zu viel zu tun; ich hatte keine Zeit mehr, mich ins Auto zu setzen", sagt der Inhaber und Geschäfts­führer der Action Concept Film- und Stuntproduktion GmbH. „In vielen IHK-Kursen" habe er, der als Schüler bei der Autoartisten-Gruppe Hell Drivers eingestiegen war, sich fit gemacht. Zwar habe er ein Team von Spezialisten für die klassischen Unternehmensbereiche, aber die Akquise sei in dem „personal business" Filmbranche sein Job.

Im Kern macht der 56-Jährige heute das Gleiche wie vor 30 Jahren: dafür sorgen, dass Action-Szenen in Filmen und Serien möglichst spektakulär aussehen. Zunächst im Auto und Hubschrauber, dann im Regiestuhl, jetzt im Chefsessel. Für Hauptauftraggeber RTL hat Joha mehr als 300 Folgen der legendären Serie „Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei" abgeliefert. „Eine Serie, die wir immer wieder angepasst haben, die aber einen klaren Kern hat: Gut gegen Böse plus Autobahn", beschreibt Joha das Erfolgsrezept des Klassikers, der in 140 Länder verkauft wurde.

Sein erstes Unternehmen hatte Joha 1982 gegründet, 1992 etablierte er Action Concept in Düsseldorf, das inzwischen seinen Sitz in Hürth und einen festen Mitarbeiterstamm von 150 Personen hat. In der Saison und bei guter Auftragslage sind es bis zu 750 Beschäftigte, wie gerade jetzt.

Der Umsatz schwankt im sprunghaften Filmbusiness kräftig, zwischen 20 und 50 Millionen wurden in den vergangenen Jahren verbucht, sagt Joha. Damit sei es das größte „Full-Service-Produktionsunternehmen für Action-Formate" weltweit. Und dafür sammelt er weltweit und auch zu Hause Preise ein. Auf den Taurus World Stunt Award hat er ein Abo, er gewann aber auch den Deutschen Fernsehpreis und gerade den Wirtschaftspreis des Arbeitskreises Wirtschaft Hürth.

Im Moment arbeitet Joha an der deutsch-chinesischen Produktion „Out of Control", bei der sein Auftragsanteil 15 Millionen Euro beträgt. In China sieht er gewaltigen Nachholbedarf und großen Appetit auf Actionfilme nach dem klassischen Muster „Gut jagt Böse, Böse fliegt auf die Nase, Held kriegt die Frau". Das bietet Action Concept aus einer Hand. „Sie stecken vorne Geld rein, hinten kommt der Film raus", bringt es Joha auf den Punkt. Seine Firma übernimmt die Entwicklung, das Drehbuch, die Produktion und die Postproduktion. Stuntszenen nehmen dabei zwar nur einen kleinen Anteil ein – aber sie sind das Alleinstellungsmerkmal der Hürther und begründen die Marktführerschaft.

Oft auch am "Tatort" beteiligt

Die Identität der Firma machen eigene Produktionen wie „Alarm für Cobra 11" oder „Der Clown" aus. Darüber hinaus werden die Spezialisten oft von an­deren Produzenten angefragt, so ist das Unternehmen zum Beispiel bei vielen Folgen „Tatort" beteiligt. Zudem bietet Joha über Schwesterunternehmen Dienstleistungen für nationale und internationale Filmproduktionen an, vom Locationmanagement bis zur Postproduktion.

Die Digitalisierung sieht Joha als Chance und nicht als Problem. Actionszenen würden immer einen realen Kern haben, aber aus einer kleinen Menschenmenge könne man am Computer eine große, aus einer mittleren Feuerwelle eine gewaltige machen. Bei der Finanzierung der aufwendigen Projekte (jede Folge von „Alarm für Cobra 11" koste einen siebenstelligen Betrag) ist Joha auf einige wenige Auftraggeber angewiesen, vor allem auf RTL und andere deutsche Sender. Risikokapital-Geber seien so gut wie nicht zu finden: „Wenn da das Wort Film fällt, haben Sie eine Minute Zeit, den Raum zu verlassen", sagt Joha.

Die Risiken dieser „vollkommen irrationalen Branche" kennt Joha nur zu gut. Auch die weltbesten Regisseure könnten den Publikumsgeschmack nicht sicher einschätzen und produzierten teure Flops. Auch Action Concept habe 2005 mehrere große Projekte in den Sand gesetzt und war fast pleite, berichtet Joha freimütig. Da helfe nur, sich immer wieder neu im Zeitgeist zu positionieren, bewährte Konzepte anzupassen, aus Fehlern zu lernen und wieder neu anzufangen.

Seine Vision ist es, die Digitalisierung auch für den Vertrieb zu nutzen. Vielleicht könne er sich so ein Stück weit aus der Umarmung der Auftraggeber bei den großen Sendern befreien. Johas Hoffnung ist es, die eigenen Pro­dukte eines Tages im Netz selbst vertreiben zu können und so auf Augenhöhe mit den Auftraggebern zu kommen. „Wenn wir das schaffen", sagt der ehemalige Stuntman ganz unternehmerisch, „ist einer weiteren Expansion Tür und Tor geöffnet."

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