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Gut vorbereitet für die Nachfolge: Stephanie Gierlichs und ihr Vater Heribert Gierlichs. Foto: Peter Boettcher
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Der Stabwechsel

Text: Lothar Schmitz

Die ersten „Babyboomer“ gehen in Rente. Auch wenn sie Unternehmer sind? Ob und inwieweit sich Firmeninhaber im Alter von „55+“ mit der Übergabe befassen und die Nachfolge vorbereiten, ermittelten die IHKs in einer groß angelegten Umfrage.

„Ich habe in der Firma meines Vaters schon mit vier Jahren Post gestempelt“, erzählt Stephanie Gierlichs. Damit haben sie und ihr Vater Heribert Gierlichs den wichtigsten Rat aller Nachfolge­experten beherzigt: Man soll sich so frühzeitig wie möglich mit der eines Tages anstehenden Unternehmensübergabe auseinandersetzen.

Die heute 30-Jährige ist mit und im Leverkusener Wellpappenwerk groß geworden, das ihr Vater Heribert und ihr Onkel Franz-Hubert Gierlichs in dritter Generation leiten. In dieser Zeit reifte ein Entschluss heran: Eines Tages würde Stephanie Gierlichs den Familienbetrieb übernehmen.

Nach Beendigung ihres Wirtschaftsrecht-Stu­diums und zwei externen Berufsstationen stieg sie ins Unternehmen ein. Seitdem bereitet sie sich als Assistentin der Geschäftsführung systematisch auf die Nachfolge vor und damit auf die Führung eines soliden mittelständischen Unternehmens mit 80 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von über 20 Millionen Euro.

1.000 Telefoninterviews mit älteren Unternehmern

Sehr viele Unternehmensübergaben verlaufen ohne schwerwiegende Komplikationen. Sie können jedoch zum Problem werden, wenn kein geeigneter Nachfolger bereitsteht oder wenn der Generationswechsel unzureichend geplant und umgesetzt wird.

In Nordrhein-Westfalen sind rund 818.000 Personen selbstständig. Rund ein Drittel der Unternehmerinnen und Unternehmer ist älter als 55 Jahre. Diese Gruppe ist besonders interessant, denn hier steht über kurz oder lang eine Übergabe an. Von ihnen wollten die 16 Industrie- und Handelskammern in NRW nun aus erster Hand wissen, welche Rolle das Thema Nachfolge für sie spielt. In ihrem Auftrag führte TNS Emnid deshalb 1.000 ausführ­liche Telefongespräche mit Seniorunternehmern im Alter von 55plus durch.

Die Befragung ergab, dass viele Unternehmer erst dann konkrete Vorstellungen von der Komplexität der Nachfolgesuche haben, wenn sie sich intensiv und akut damit befassen. Fast die Hälfte der Befragten macht sich offenbar keine Vor­stellungen davon, wie lange der Übergabeprozess dauern wird. Zugleich fühlt sich über die Hälfte zu Beginn des Nachfolgeprozesses nicht gut genug vorbereitet.


Prof. Dr. Frank Wallau von der Fachhochschule der Wirtschaft FHDW in Bergisch Gladbach hat die Befragung inhaltlich mitkonzipiert und am Ergebnis­band mitgewirkt. Ihn überraschen die Ergebnisse nicht. „Der Nachfolgeprozess kann mehrere Jahre in Anspruch nehmen, das ist längst nicht allen älteren Unternehmern klar, und zwar unabhängig von Branche und Geschlecht“, kommentiert der Mittelstands- und Nachfolgeexperte. „Was aber gilt: Je größer die Firma, desto besser zeigt sich der Geschäftsführer meist auf die Übergabe vorbereitet.“

Nach Ansicht des Wissenschaftlers handeln die älteren Unternehmerinnen und Unternehmer aber nicht fahrlässig oder sorglos. „Viele Unternehmer denken gar nicht daran, mit 65 in Rente zu gehen“, erläutert Wallau, „deshalb setzt auch die Beschäftigung mit der Nachfolgethematik später ein.“ Dennoch könne man den Antworten aus der Be­­fragung entnehmen, dass das Bewusstsein für die Herausforderung einer erfolgreichen
Übergabe ge­stiegen sei. Wallau: „Das ist eine gute Nachricht!“

So gelingen Firmenübergaben…

Birgit Felden beobachtet ebenfalls, dass die Zahl der Unternehmer, die viel zu spät mit dem Nachfolgeprozess beginnen, abnimmt. „Das hat sich gebessert“, sagt die Kölner Unternehmerin und Professorin für Mittelstand und Unternehmensnachfolge an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Was sie aber immer noch vermisst: „Es mangelt nach wie vor an einer systematischen, strategischen Planung!“

Die Expertin hat einige handfeste Empfehlungen für Unternehmerinnen und Unternehmer parat:

  1. Unabhängig vom Alter des Inhabers sollte es in jedem Unternehmen einen Notfallplan geben für den Fall, dass der Inhaber wegen Krankheit oder Tod plötzlich ausfällt.
  2. Eine frühzeitige und strategische Nachfolge­planung sollte zum Kern des unternehmerischen Tuns gehören und keinesfalls als lästige Pflicht auf die lange Bank geschoben werden.
  3. „Außerdem wird die Emotionalität des Themas konsequent unterschätzt“, weiß Felden. Nicht immer jedoch sei eine rationale Lösung die beste. Also: Gefühle ernst nehmen und sich eingestehen, dass es um mehr als eine juristische und finanzielle Herausforderung geht!

Heribert Gierlichs ist glücklich, dass seine Tochter die Firma übernehmen möchte. „Toll, dass die Tradition fortgeführt wird“, sagt der 60-Jährige. Ein oder zwei Jahre wird es noch dauern. „Wenn sie innerlich so weit ist, darf meine Tochter das Signal geben“, betont ihr Vater, „dann erfolgt der Stabwechsel.“

…und so der Übergang

Für diesen Zeitpunkt hat Birgit Felden ebenfalls eine Empfehlung – und zwar für die Nachfol­gerinnen und Nachfolger. „Es ist ganz wichtig, in diesem Moment ein deutliches Zeichen zu setzen“, betont sie, „damit auch wirklich jedem Beschäftigten klar ist: Ab heute gibt es eine neue Chefin oder einen neuen Chef.“ Sie empfiehlt, den sprichwörtlichen Wechsel auf dem Chefsessel auch wirklich durchzuführen, sprich: Der Nachfolger bezieht nun das Chefbüro.

Ein weiterer Rat: „Nehmen Sie gerade am Anfang die Beschäftigten mit!“ Der Wechsel bringe zwangsläufig Veränderungen mit sich, weiß Felden, doch müsse der oder die Neue behutsam vorgehen. „Erbitten Sie Verbesserungsvorschläge aus der Belegschaft, setzen Sie einige davon um – und Sie werden sehen, dass Sie nach und nach den Rückhalt bekommen, den Sie dringend benötigen!“

Informationen zur Unternehmensnachfolge

Die erfolgreiche Übergabe an Nachfolger stellt eine der größten Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen dar. Die IHK Köln bietet ihren Mitgliedsunternehmen sowie potenziellen Nachfolgern ein umfangreiches Beratungs- und Informationsangebot.

Weitere Informationen zum Thema finden Sie unter dem Stichwort "Unternehmensnachfolge" auf der Website der IHK Köln sowie auf den Seiten der Nachfolgebörse „nexxt-change“, einer kosten­­­freien Plattform zur Vermittlung von Unter­­­nehmensnachfolgen.

Und die aktuelle IHK-Nachfolge-Umfrage hier als Download.

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