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Berufsausbildung 4.0: Mit der Virtual-Reality-Brille auf der Nase können zum Beispiel angehende Kfz-Mechaniker im virtuellen Raum trainieren. Foto: Olaf-Wull Nickel
Porträt

Der Bildungspionier

Online-Lernprogramme, die sich an Computerspielen orientieren, könnten im Zeitalter der Ausbildung 4.0 dem Fachkundebuch schon bald den Rang ablaufen. Vorreiter bei der Produktion von 3-D-animierter Lernsoftware für die berufliche Aus- und Weiterbildung ist die Lucas-Nülle GmbH in Kerpen.

Text: Julia Leendertse

Cooler kann Berufsausbildung nicht sein. Mit der Virtual-Reality-Brille auf der Nase trainieren angehende Kfz-Mechaniker im virtuellen Raum. Die Aufgabe: Bremssysteme zu vermessen. Mit der Virtual-Reality-Steuerungstechnik in der Hand führen die Auszubildenden beim Abmontieren der Autoreifen und Vermessen der Bremsscheiben exakt die Bewegungen aus, die sie auch im echten Leben in der Werkstatt beherrschen müssen. Ihr Ausbilder ist per Computer live dabei. In Echtzeit kann er den Lernfortschritt seiner Lehrlinge auswerten und bei Defiziten das Programm wiederholen.

Multimediale Lernerlebnisse in 3-D

Zeitgleich schauen die Kollegen aus der Elektrotechnik gebannt dabei zu, wie zum Sound fetter Beats und wummernder Bässe auf ihren Smartphones ein 3-D-Simulator einen Schaltplan aus Drähten, Dioden, Widerständen und Kondensatoren aufbaut. Die Qualität der interaktiven 3-D-Animationen steht modernen Computerspielen und Hollywoodstreifen in nichts nach.

Die Drehbücher für diese multimedialen Lernerlebnisse stammen aus der Softwarewerkstatt des Familienunternehmens Lucas-Nülle aus Kerpen im Rhein-Erft-Kreis. Bereits 1968, also vor knapp 50 Jahren, trat der Firmengründer Rolf Lucas-Nülle an, Facharbeiter und Ingenieure, Auszubildende und Meister sowie deren Ausbilder und Berufsschullehrer auf den neuesten Stand der Technik zu bringen.

Nach seinem Elektrotechnik-Studium in Aachen hatte der gebürtige Siegerländer bei seinem ersten Arbeitgeber, der AEG Telefunken, Mitte der Sechzigerjahre als Trainee erlebt, wie Hochregallager in der Industrie durch die fortschreitende Elektronik und IT automatisiert wurden und war live dabei gewesen, als der Flughafen Frankfurt eine moderne Gepäckförderanlage erhielt.

Unser Gehirn ist kein Datenspeicher. Es ist ein Erlebnisspeicher. Nur was wir sehen, fühlen, begreifen können, bleibt in unserem Gedächtnis.

Rolf Lucas-Nülle

„Damals bat mich mein Chef, meine Ingenieurskollegen in der dahinter liegenden Technik zu schulen“, erinnert sich der heute 77-Jährige. Ein Schlüsselerlebnis. „War ich bei meinen ersten Trainings zunächst nur mit Worten und Kreide unterwegs, stellte ich bei späteren Schulungen von Facharbeitern fest, dass sich gerade elektrotechnische Zusammenhänge viel effektiver vermitteln ließen, wenn die Lernenden einen Schulungsbaukasten mit Leiterplatten in die Hand bekamen. So konnten sie mit Steckern, Schaltern und Buchsen herumbasteln und experimentieren.“

Lucas-Nülles Fazit: „Unser Gehirn ist kein Datenspeicher. Es ist ein Erlebnisspeicher. Nur was wir sehen, fühlen, begreifen können, bleibt in unserem Gedächtnis.“ 1968 gründete der didaktisch wie vertrieblich versierte Ingenieur in Kerpen mit INTEA – dem Institut für Training, Elektronik und Automation – sein erstes Schulungsunternehmen. 

Anbieter von Ausbildungstechnologie

Damals konnte er nicht wissen, dass diese Ein-Mann-Firma der Grundstein für eine ganze Lucas-Nülle-Firmengruppe werden sollte. Mittlerweile besteht sie aus drei Unternehmen höchst unterschiedlicher Ausrichtung, die aber alle das Thema Aus- und Weiterbildung eint.

INTEA ist nach wie vor eine reine Schulungsfirma, die 2016 mit 50 festangestellten und etlichen freien Mitarbeitern zehn Millionen Euro umsetzte. Die Trainer bringen vor allem die Techniker, Service- und Verkaufsmitarbeitern der großen Automobilkonzerne in puncto Technik immer wieder auf den neuesten Stand.

Kernkompetenz der 1979 gegründeten Lucas-Nülle GmbH in Kerpen und ihrer 200 Mitarbeiter ist die Entwicklung, Produktion und der Vertrieb von modular aufgebauten Lehrgeräten und Trainingssystemen für die technische Berufsaus- und -weiterbildung. Angefangen von der Elektrotechnik bis hin zur Kraftfahrzeug-, Kälte- und Klimatechnik versteht sich der Anbieter von  Ausbildungstechnologie darauf, hochwertige Experimentiersysteme, Schulungs- und Laboreinrichtungen, mittlerweile sogar ganze Lernfabriken auf die Bedürfnisse der jeweiligen Industrie und Bildungseinrichtung zuzuschneiden.

Zu den Kunden von Lucas-Nülle zählen Berufs- und Technikerschulen, berufsübergreifende Bildungszentren, firmeneigene Ausbildungseinrichtungen und Hochschulen. 2016 richtete Lucas-Nülle beispielsweise Audis neues Ausbildungszentrum in Mexiko ein, zum Jahreswechsel nahm die Fachhochschule Aachen ihre von Lucas-Nülle konzipierte und gebaute Industrie 4.0-Modellfabrik in Betrieb und in der firmeneigenen Akademie von Lucas-Nülle lassen sich Ausbilder aus aller Welt schulen. 


Exportschlager deutsche Bildung

Nicht zuletzt der gute Ruf des deutschen dualen Ausbildungssystems verhalf Lucas-Nülle zu zahlreichen Aufträgen in Entwicklungsländern Afrikas, im mittleren Osten, aber auch in Asien, Australien, Nord- und Südamerika. „Überall dort, wo Staaten in Bildung investieren, bringen wir unsere Expertise mit ein“, sagt Christoph Müssener, Geschäftsführer und Leiter Geschäftsentwicklung bei Lucas-Nülle. Der Service reicht von der Lieferung einzelner Lehrgeräte bis hin zur beratenden Begleitung beim Aufbau ganzer Aus- und Weiterbildungssysteme samt Lehrmaterialen und Ausbildung des Lehrpersonals. Rund 75 Prozent der 40 Millionen Euro Auftragseingang der Lucas-Nülle GmbH kamen 2016 aus dem Exportgeschäft.

Um das Portfolio abzurunden, kaufte Rolf Lucas-Nülle Ende der Achtzigerjahre den Traditionshersteller Phywe in Göttingen, der 150 Mitarbeiter beschäftigt und seit 1913 auf Labortechnik für den Chemie-, Biologie- und Physikunterricht an Schulen und Universitäten spezialisiert ist.

Das Erfolgsgeheimnis von Lucas-Nülle ist die Fähigkeit selbst hochkomplexe Themen wie Smart Home, Smart Factory oder auch Smart Grid so didaktisch durchdacht aufzuarbeiten, dass Facharbeiter wie Ingenieure sich im Lernprozess auf das Wesentliche konzentrieren können. In einer an die Realität angelehnten Lernumgebung können sie sich das jeweilige Themengebiet schrittweise erarbeiten, ohne Gefahr zu laufen, etwas kaputt zu machen oder den laufenden Betrieb aufzuhalten.

Mit seiner jüngsten Innovation Vocanto, der E-Learning-Software für Betriebe, Azubis und Ausbilder hat Lucas-Nülle das eigene Geschäftsmodell für die digitale Wirtschaft fit gemacht. Gerade bei der Generation Z, also der nach dem Jahr 2000 Geborenen, trifft die virtuelle Lernsoftware auf Begeisterung. Müssener: „Das macht uns Mut, neben unseren Bildungsangeboten für technische Berufe auch in die Welt der kaufmännischen sowie pflegerisch-medizinischen Ausbildungen vorzustoßen“. Zurzeit ist das Unternehmen auf der Suche nach Partnern hierfür.

Mit TuWaS! Freude an Naturwissenschaften wecken

Die Lucas-Nülle GmbH aus Kerpen ist eines von über 50 engagierten Unternehmen und Förderern, die sich an der Initiative TuWaS! beteiligen. Die Partner aus der Wirtschaft – Unternehmen, wirtschaftsnahe Vereine und Stiftungen – unterstützen derzeit über 100 beteiligte Schulen mit einer Spende in Höhe von 2.000 € je Schuljahr. Mit den Mitteln stattet die Initiative Grundschulen mit Lehr- und Unterrichtsmaterialien aus, um bei Kindern das Interesse für Technik und Naturwissenschaften zu wecken.

Kontakt: Sylvia Hüls, Projektkoordination TuWas! – Köln/Bonn
www.ihk-koeln.de, Dok.Nr. 105

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