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Leben

Den Horizont erweitern

Corona hat vieles ausgebremst. Doch Auslandsaufenthalte für Azubis sind wieder möglich - und es gibt dafür Fördergelder sowie viel Unterstützung durch die Mobilitätsberatung der IHK Köln.

Text: Lothar Schmitz

Anita Feist ist angehende Biologielaborantin und damit eine von zwölf jungen Leuten, die derzeit an der Uniklinik Köln eine Ausbildung in diesem Beruf absolvieren. Im Augenblick ist sie aber nicht in der Domstadt, sondern in Riga. Im Sommer brach die 21-Jährige in die lettische Hauptstadt auf. „Heute ist mein dritter Tag, und ich bin schon richtig eingebunden“, erzählt sie in einem Zoom-Meeting Anfang September. Sie absolviert ein achtwöchiges Auslandspraktikum am Institut für organische Synthese in Riga und ist einer festen Arbeitsgruppe zugeordnet, die sich mit drei Forschungsprojekten befasst. Gleich am ersten Tag gab es eine große Vorstellungsrunde, dann durfte sie direkt loslegen. „Das wird eine großartige Erfahrung, schon jetzt fühlt es sich wirklich gut an“, sagt die Kölnerin.

Das mit der großartigen Erfahrung kann Maria López Martinez bestätigen. Sie ist an der Uniklinik Köln als fertige Biologielaborantin in der Forschung tätig, ihre Ausbildung dort beendete sie 2020. Im zweiten Ausbildungsjahr hatte sie von der Möglichkeit erfahren, einen kleinen Teil ihrer Ausbildung im Ausland verbringen zu können. In Absprache mit der Ausbildungsleiterin für Biologielaborant:innen, Nadin Piekarek, entschied sich die Spanierin für ihr Heimatland und verbrachte einige Wochen an einem biochemischen Forschungsinstitut in Sevilla. Eine Sprachbarriere musste sie also nicht überwinden. „Trotzdem war es eine spannende und bereichernde Erfahrung“, berichtet die 34-Jährige. „Es hat fachlich sehr viel gebracht, außerdem habe ich ganz andere Arbeitsweisen kennengelernt.“

Ihr Arbeitgeber legt großen Wert darauf, dass nicht nur Studierende, sondern auch Aus­zubildende Auslandserfahrung sammeln. „Sie erweitern nicht nur ihren fachlichen Horizont, sondern erwerben auch interkulturelle Kom­petenzen und stärken ihr Selbstvertrauen“, weiß Susanne Hombach, Gesamtbeauftragte für alle Ausbildungen nach Berufsbildungsgesetz im Geschäftsbereich Personal der Uniklinik Köln. Deshalb ermöglicht sie einigen der insgesamt rund 60 Azubis in neun Ausbildungsberufen solche Auslandsaufenthalte. „Ich finde es wichtig“, ergänzt Nadin Piekarek, „dass engagierte Azubis auch Erfahrungen außerhalb ihrer Komfortzone sammeln.“

Mobil dank der IHK-Mobilitätsberatung

Die Uniklinik profitiert dabei, wie viele andere Ausbildungsunternehmen, von dem europäischen Förderprogramm „Erasmus+“. Nicht nur Studierende, so dessen Intention, sondern auch Auszubildende, Berufsschüler:innen, Absolvent:innen von Aus- oder Weiterbildung bis zwölf Monate nach Abschluss sowie Ausbilder:innen aus Unternehmen sollen berufliche Erfahrung im Ausland sammeln können.

Doch wie gelangen Azubis ins Ausland? Wie finden sie dort ein passendes Unternehmen? Und was müssen die entsendenden Ausbildungsunternehmen beachten? „Um alles das und viel mehr kümmern wir uns“, sagt Marie Hoffmann. Sie und Hannah Costa sind Mobilitätsberaterinnen der IHK Köln und beraten und unterstützen die Unternehmen und Azubis im IHK-Bezirk Köln dabei, Auslandsaufenthalte zu planen und durchzuführen. Dank zahlreicher Partner, zum Beispiel den deutschen Auslandshandelskammern, verfügt die IHK über ein dichtes Netzwerk, das nicht nur geeignete Unternehmen und Institutionen vermittelt, in denen die Azubis ein Auslandspraktikum absolvieren können, sondern den jungen Menschen vor Ort auch den Weg ebnet. Außerdem vergibt die Mobilitätsbe­ratung direkt Fördergelder aus dem „Erasmus+“-Topf, der Auslandsaufenthalt kostet die Azubis also nichts – und die entsendenden Betriebe lediglich den mehrwöchigen Arbeitsausfall. „Dafür bekommen sie aber auch etwas“, betont Hoffmann, „schließlich kehren ihre Azubis äußerst motiviert, mit wertvollen Auslandserfahrungen und gestärktem Selbstvertrauen zurück.“ Dies sei in Zeiten des Fachkräftemangels auch ein wichtiger Pluspunkt für die Ausbildungsakquise.

Bis 2020 nutzten jährlich rund 120 Azubis aus dem IHK-Bezirk Köln die Gelegenheit, mit Unterstützung der IHK Auslandserfahrung zu sammeln. Im ersten Corona-Jahr waren es nur 30. In diesem Jahr dürfte die Zahl wieder steigen. „Trotz der Pandemie ist der Austausch weiter­­­hin möglich“, wirbt Hoffmann. Über alle Beson­der­heiten im Zielland informieren wir aktuell und helfen über unsere Partner auch vor Ort, damit alles glatt läuft.“

„Sich durchbeißen, auf Neues einstellen müssen.“

Von diesem Service profitierte auch Maximilian Felbick. Der angehende Fachinformatiker Fachrichtung Anwendungsentwicklung kehrte vor wenigen Wochen aus Lettland zurück. Dort konnte er in der internen IT-Abteilung eines Unternehmens Erfahrung sammeln. Arbeitssprache war Englisch. „Ich fand es großartig, mit 21 für einige Wochen in einem anderen Land zu leben und mich dort zurechtfinden zu müssen“, erzählt der Azubi aus Hückeswagen, der seine Ausbildung bei der Unitechnik Systems GmbH in Wiehl absolviert, einem IT-Unternehmen mit 185 Beschäftigten, darunter 15 Azubis. Auch mit der Sprache kam er klar. „Wenn man Englisch sprechen muss, merkt man, dass man mehr kann, als man vorher dachte“, sagt er.

Peter Donner freut’s. „Sich durchbeißen, auf Neues einstellen müssen, das ist es, worauf es bei einem solchen Aufenthalt ankommt“, berichtet Felbicks Ausbilder. „Das wird ihm im direkten Kontakt mit unseren Kunden zugutekommen.“ Donner hatte im Dezember 2017 bei einer IHK-Veranstaltung erstmals von der Möglichkeit gehört, Azubis ins Ausland zu entsenden. „Damals haben Azubis aus erster Hand von ihren Erfahrungen berichtet“, erzählt er, „und ich dachte so­­fort, das wäre auch was für uns.“ 2019 besuchte er gemeinsam mit einem Azubi eine weitere IHK-Infoveranstaltung, doch als die Planung für dessen Praktikum in Südafrika stand, begann die Corona-Pandemie. Ein Jahr später hatte Maximilian Felbick mehr Glück. In Europa war wieder vieles möglich, also ließ Donner seinem Azubi für acht Wochen freien Lauf.

Nun hofft er, dass es auch in Zukunft möglich sein wird, jedes Jahr einen Azubi ins Ausland zu senden. „Das wäre doch toll für unser Azubi­­marketing“, findet er, „denn wir müssen gute Leute gewinnen, weil wir anspruchsvolle Auf­gaben haben.“

Auslandsaufenthalte für Auszubildende
Im Rahmen des vom Bundeswirtschaftsministeriums geförderten Programms "Berufsbildung ohne Grenzen" bietet die Mobilitätsberatung der IHK Köln Informationen und Unterstützung rund um die Organisation von Auslandsaufenthalten für Azubis und junge Fachkräfte.
www.ihk-koeln.de/5065258

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