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Das Kölner Start-up World of VR GmbH – hier Geschäftsführer Timon Vielhaber mit Datenbrille – berät und unterstützt andere Unternehmen bei AR-Lösungen. Foto: Peter Boettcher
Service

Datenbrille sorgt für Durchblick

Mit der Datenbrille auf der Nase rasend schnell Maschinen reparieren – wie ein Cyborg im Science-Fiction-Film: Diese Augmented-Reality- Technik war bislang zumeist Konzernen mit großen Budgets vorbehalten. Kölner Start-ups ermöglichen auch kleineren und mittelgroßen Unternehmen Zugang zu Augmented Reality.

Text: Patrick Schroeder

Der Pokémon-Go-Hype war vergangenes Jahr überall sichtbar. Hunderttausende Menschen sind bei diesem Spiel mit ihren Smartphones durch die Straßen gerannt, haben durch die Kameras geblickt und virtuelle Fantasiewesen gesucht, die in die Landschaft eingeblendet waren. Diese so genannte Augmented Reality (AR) – übersetzt Erweiterte Realität – ist auch in der Industrie angekommen. Dort ist sie allerdings kein Spiel, sondern der nächste große Evolutionsschritt im Wartungsservice.

Die Thyssenkrupp AG zum Beispiel hat ihre Service­techniker mit „Hololens“ ausgestattet. Die Daten­brillen von Microsoft blenden Produktinformationen ins Sichtfeld ein und beschleunigen damit die Reparatur von Aufzügen. Und auch Hersteller von Windkraftanlagen setzen auf Datenbrillen mit AR- Technik, damit Industriekletterer bei Reparaturein­sätzen die Hände frei haben und effektiver arbeiten.

Start-ups helfen KMU auf dem Weg zu AR

Ganz ohne Hilfe schaffen Unternehmen den Sprung in die AR-Welt allerdings nicht. Immer mehr Agenturen spezialisieren sich deswegen auf die Beratung und Umsetzung von AR-Lösungen für die Industrie. Zu ihnen gehört World of VR GmbH, ein Start-up aus Köln, das schon Anwendungen für die Deutsche Telekom und Hilti entwickelt hat.

„Zu den großen Herausforderungen zählt es, Bedienungsanleitungen der Produkte und Verfah­rensanweisungen zu visualisieren und für die Brille nutzbar zu machen“, erklärt Timon Vielhaber, Geschäftsführer bei World of VR. Einen Standard-weg dafür gibt es nicht. Und so ist in der Vergan­genheit eine Vielzahl von individuellen Lösungen entstanden, die sich vor allem Konzerne mit großen Budgets geleistet haben. Und weiter: „Doch jetzt befinden wir uns in einer Phase, in der sich Standards etablieren. Deswegen ist es inzwischen auch für kleinere Unternehmen möglich, Augmented Reality einzusetzen. In naher Zukunft werden sie die Dateninhalte der Brillen idealerweise am PC selbst erstellen – mit Software, die so einfach zu bedienen ist wie ein E-Mail-Programm.“ Es liege dann nur noch an den Unter­nehmen selbst, wie schnell sie das Thema Aug­mented Reality in ihre digitale Agenda aufnehmen.

Kölner Vakuumpumpenhersteller testet AR-Brillen

Zu den Unternehmen, die bereits mit Augmented Reality experimentieren, zählt die Leybold GmbH. Der Kölner Vakuumpumpenhersteller exportiert Vakuumkomponenten und Anlagen in die ganze Welt. Gerade die großen Anlagen bestehen aus einigen Komponenten, die nur mit Fachkenntnissen zu warten sind.

Was also tun, wenn eine Reparatur erforderlich ist? Einen Servicetechniker ins Flugzeug zu setzen ist teuer und zeitaufwendig. „Wir experimentieren deswegen mit Augmented-Reality-Lösungen“, erklärt Christina Steigler, Unternehmensspreche­rin der Leybold GmbH. „Die Idee ist, dass sich ein Techniker vor Ort eine Datenbrille aufsetzt. Blickt er auf die Anlage, erscheinen im Sichtfeld digitale Informationen – etwa die Position der Ablassschraube für den Ölwechsel. Der Techniker kann dann unsere Anlagen auch ohne Spezialaus­bildung warten. Das ist ein erheblicher Zeit- und Kostenvorteil.“

Der Kölner Vakuumpumpenhersteller Leybold experimentiert derzeit mit Augmented-Reality-Lösungen, die beispielsweise Technikern im Einsatz Daten liefern. So könnten Kosten- und Zeitaufwand erheblich gesenkt werden.
Foto: Leybold

Die Augmented Reality funktioniert offline, da in die verwendete Hololens-Brille von Microsoft ein Computer integriert ist, der die digitalen Produktinformationen speichert. Verbindet sich die Brille mit dem Internet, sind noch ganz andere Möglichkeiten denkbar. Steigler: „Unsere Mit­arbeiter könnten dann den Wartungseinsatz unter­stützen, indem sie per Videokonferenz durch die Brille des Technikers sehen und entsprechende Anweisungen erteilen.“ Noch ist die AR-Technik bei Leybold nicht im Feldeinsatz. „Wir befinden uns derzeit in der Evaluierungsphase, in der wir die Augmented-Reality-Technik testen – also mitten im Umschwung von der Projektbasis ins Standardgeschäft.“

Lagen die Kosten für industrielle AR-Lösungen in den vergangenen Jahren im Bereich von mehreren hunderttausend Euro, so sinken die Preise mitt­lerweile spürbar. Die Brillen könnten damit „zum Standardgerät für den Arbeitsplatz werden“, sagt Christian Steiner, Vorstandsmitglied im Ersten Deutschen Fachverband für Virtual Reality e.V. „In Zukunft werden zudem Standardsoftwares entstehen, so dass auch kleinere Unternehmen eigene AR-Lösungen entwickeln können“, sagt Steiner.

Dass sich der Einsatz der Datenbrillen lohnt, verdeutlicht der AR-Experte an einem Beispiel: „In der Logistik verpacken geübte Arbeiter bis zu 800 Teile pro Tag – Berufsanfänger hingegen schaffen nur 200 bis 300 Teile. Statistiken zeigen, dass ungeübte Arbeiter auf Anhieb bis zu 600 Produkte schaffen, wenn eine Datenbrille auto­matisch den Weg zu den Produkten im Lager weist. Dank der Augmented Reality entsteht eine unvorstellbare Effektivität.“

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