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Das Kölner Modeunternehmen Armedangels hat ein Materialgemisch entwickelt, das zu 65 Prozent aus Bio-Baumwolle und zu 35 Prozent aus Polyester aus recycelten PET-Flaschen besteht. Foto: Armedangels
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Das zweite Leben der PET-Flasche

Was passiert eigentlich mit PET-Flaschen, nachdem sie im dunklen Tunnel des Pfandautomaten verschwunden sind? Sie werden zu Produkten, die unseren Alltag prägen – zu T-Shirts, Autoteilen und Küchenoberflächen. Dass dieses Upcycling immer besser funktioniert, ist auch das Verdienst innovativer Kölner Unternehmen.

Text: Patrick Schroeder

Hinter der Abkürzung PET verbirgt sich das Wortungetüm Polyethylenterephthalat – ein Kunststoff, der sich unter Hitze in nahezu jede beliebige Form bringen lässt, ein Kunststoff, der leicht und trotzdem bruchunanfällig ist. Das macht ihn zum Traummaterial der Getränkeproduzenten. Und so verwundert es nicht, dass heute – 39 Jahre nachdem Coca-Cola die erste PET-Flasche in den USA auf den Markt gebracht hat – über 85 Prozent der alkoholfreien Getränke in Deutschland in PET-Flaschen abgefüllt sind. Jährlich sind mehrere hundert Millionen Flaschen im Umlauf.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. PET basiert auf Erdöl, sodass bei der Verbrennung klimaschädliches CO2 entsteht. Deswegen spielt Recycling eine immer größere Rolle – die Möglichkeit, aus gebrauchten Einweg-PET-Flaschen neue Flaschen oder andere Produkte herzustellen. Das funktioniert in Deutschland zuverlässig. Dank des hohen Flaschenpfands von 25 Cent – eingeführt 2003 – geben Verbraucher mittlerweile 97,9 Prozent der Flaschen zurück, erklärt die Industrievereinigung Kunststoffverpackung.

PET-Flaschen, zu Ballen gepresst.
Foto: Industrievereinigung Kunststoffverpackung

Aus 34 Prozent dieser Flaschen entstehen neue PET-Flaschen, aus 27 Prozent Industriefolien, aus 22,6 Prozent Textilfasern und aus 16,4 Prozent sonstige Produkte. Ikea zum Beispiel nutzt recycelte PET-Flaschen, um Folienoberflächen für Küchen herzustellen. Das 2016 als 
Deutschlands nachhaltigstes KMU 2016 ausgezeichnete Kölner Unternehmen Fond of Bags baut nachhaltige Schulrucksäcke aus Polyester-Textilfasern, die aus alten PET-Flaschen bestehen. Und der Autohersteller Opel verbaut jährlich 45.000 Tonnen an Rezyklaten in Neuwagen, aus denen unter anderem Scheinwerfergehäuse für das Modell Adam entstehen.

Kölner Mode aus recycelten PET-Flaschen feiert weltweiten Erfolg

Auch Armedangels schenkt PET-Flaschen ein zweites Leben. Das Modeunternehmen aus Köln hat ein Materialgemisch entwickelt, das aus 65 Prozent Bio-Baumwolle und 35 Prozent Polyester aus recycelten PET-Flaschen besteht. Daraus fertigt der Betrieb Mode, die weltweiten Erfolg feiert - Social Fashion Company GmbH beschäftigt mittlerweile 70 Mitarbeiter und bringt pro Jahr vier Kollektionen auf den Markt, die unter anderem beim Onlinehändler Zalando erhältlich sind. Ihr Ziel: „Das fairste Modelabel der Welt zu werden“, erklärt Martin Höfeler, CEO von Armedangels.

Er denkt an die Firmengründung vor zehn Jahren zurück: „Nachdem wir uns immer mehr mit der Herstellung beschäftigt haben, haben wir natürlich auch viel über die Textilbranche erfahren. Dabei haben wir festgestellt, wie wenig diese Branche mit Fairness und Gerechtigkeit zu tun hat.“ So kämen allein für die Produktion eines T-Shirts aus konventionellen Baumwollfasern mehr als 50 Gramm toxischer Pestizide und chemischer Düngemittel zum Einsatz. Außerdem 400 Liter Wasser. Armedangels konnte durch den Einsatz nachhaltiger Materialien nach eigenen Angaben bislang mehr als 2.700 Kilogramm Pestizide, 350.000 Kilogramm Düngemittel und 2,8 Milliarden Liter Wasser einsparen – das entspricht rund 20 Millionen Badewannen.

Eine Tonne recyceltes PET kostet 200 Euro

Recycler zerkleinern die Flaschen zu PET-Flakes. Aus diesen entstehen neue PET-Flaschen, Textilien oder Industriefolien.
Foto: Industrievereinigung Kunststoffverpackung

PET-Recycling beginnt, nachdem der Verbraucher eine bepfandete PET-Flasche in den Getränkeautomaten geworfen hat. Sie wird vom sogenannten Kompaktor zerdrückt und tritt anschließend den Weg zum PET-Recycler an. Dort landet auch der gelbe Sack, in dem sich unbepfandete PET-Flaschen verstecken, in denen unter anderem Säfte ohne Kohlensäure abgefüllt sind. Ein Ziel der Recycler ist es, die wertvollen PET-Flaschen zu sortieren, zu waschen und zu PET-Flakes zu verarbeiten – kleine Schnipsel von der Größe eines Fingernagels, die sich einschmelzen und zu neuen Produkten gießen lassen.

Ein solches Upcycling gelingt dann am besten, wenn die PET-Flakes klar und frei von farbigen Flaschen sind. „Auf dem Markt ist klares PET am wertvollsten. Dieser Kunststoff lässt sich nach der Weiterverarbeitung zu Granulat beliebig färben. Das bietet Käufern die größte Flexibilität für die Herstellung neuer Produkte“, sagt Dr. Thomas Probst, Experte für Kunststoffrecycling vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) in Bonn. „Der Tonnenpreis für klares PET liegt derzeit bei 200 Euro – je nach Grad der Reinheit. Der Tonnenpreis für buntes PET, das nicht nach Farben getrennt ist, liegt viel hingegen viel niedriger, bei rund 40 Euro.“ 

Da der Preis nach der Sortierung von PET-Flaschen von 40 auf 200 Euro steigt, investieren immer mehr Recycler in moderne Sortieranlagen. Hier kommen Maschinenbauer wie die Steinert Elektromagnetbau GmbH ins Spiel. Das Familienunternehmen, das sich seit 1889 in Köln befindet, versorgt Recycler auf der ganzen Welt mit Sortiertechnik und setzt mit über 300 Beschäftigten rund 100 Millionen Euro um.

Sortiermaschinen wie diese des Kölner Unternehmens Steinert bereiten den Rohstoff für die Weiterverarbeitung vor.
Foto: Steinert

„Die Anlage arbeitet mit einer modernen Nahinfrarotkamera (Hyper Spectral Imaging) und der entsprechenden Analysesoftware – eine Kombination, die es zum Beispiel möglich macht, anhand des reflektierten Nahinfrarotspektrums in Bruchteilen einer Sekunde zwischen einer PET-Flasche und einer Kunststofffolie zu unterscheiden“, erklärt Marcel Rüttgers, Experte für Kunststoff-Recycling bei Steinert. „So können Recycler pro Stunde mehrere Tonnen Kunststoff auf ein Förderband geben und vollautomatisch sortieren – ganz ohne Handarbeit und mit einer Erfolgsquote von bis zu 99 Prozent.“

Der Mercedes unter den Kunststoffen

Hohe Rückgabequoten, eine leichte Aufbereitung, eine große Wertschöpfung und eine gute Umweltbilanz: Probst blickt optimistisch in die Zukunft des PET-Recyclings. „PET ist einer der unproblematischsten Kunststoffe. Es lässt sich sehr leicht aufbereiten und hat eine große Wertschöpfung. So reichen zum Beispiel schon acht PET-Flaschen aus, um eine dünne Fleecejacke herzustellen“, sagt Probst. „Das Recycling ist aber auch gut für die Umwelt. Wir wissen heute, dass eine Tonne recyceltes PET 1,2 Tonnen CO2 einspart – PET ist damit der Mercedes unter den Kunststoffen.“

Auch Opel setzt auf Rezyklat aus alten PET-Flaschen. Für das Modell Adam entstehen daraus unter anderem die Scheinwerfergehäuse.
Foto: Adam Opel AG

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