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Nur eine Brücke in Köln ist für den Schwerstlastverkehr zugelassen. Foto: Olaf-Wull Nickel
Leben

Das Nadelöhr des Rheinlands

Der Rhein fließt. Aber nicht der Verkehr auf den Brücken, die Deutschlands größten Strom queren. Im IHK-Bezirk Köln ist nur noch eine einzige Brücke für den Schwerlastverkehr zugelassen. Das beschert der Wirtschaft in der Region erhebliche Probleme.

Text: Lothar Schmitz

Helmut Schmitz, Geschäftsführer der HUSCHTransporte GmbH aus Pulheim, hat nachgerechnet: Jeder Lkw, der auf dem Kölner Ring unterwegs ist, muss im Durchschnitt 18,5 Kilometer mehr fahren als noch vor wenigen Jahren. Denn die Leverkusener Rheinbrücke ist seit 2015 für den Schwerlastverkehr gesperrt. Damit bleiben in der näheren Region nur die Rodenkirchener Brücke oder die Fleher Brücke in Düsseldorf als sinnvolle Alternativen für Fahrzeuge über 3,5 Tonnen übrig – und das bedeutet laut Schmitz immer einen Umweg.

Bei 20.000 Lkws pro Tag auf dem Kölner Ring ergeben sich nach Schmitz’ Berechnungen 370.000 mehr gefahrene Kilometer. Macht 110.000 zusätzliche Liter Diesel. „Bei einem Literpreis von 1,20 Euro brutto kommen 133.000 Euro Mehrkosten durch die Umwege heraus, pro Tag wohlgemerkt“, rechnet der Spediteur vor, „außerdem steigen die Mautkosten um 20 Cent pro Umwegkilometer, also 74.000 Euro.“

Ob die Route über die Rodenkirchener Brücke nun wirklich für jede Lkw-Fahrt einen Umweg bedeutet oder nicht, sei einmal dahingestellt. „Tatsache ist: Die Wirtschaft ist zwingend auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen, doch die wird seit Jahrzehnten massiv vernachlässigt“, beklagt Dr. Ulrich S. Soénius, Geschäftsführer der IHK Köln für Standortpolitik. „Besonders heikel ist das natürlich bei den Brücken, sie sind die Nadelöhre des Rheinlands für die immer weiter zunehmenden Verkehrsströme!“

Problem Nr. 1: Straßenbrücken

Theoretisch ist die Zahl der Brücken im IHK Bezirk beeindruckend. Acht sind es: Leverkusener Brücke, Mülheimer Brücke, Zoobrücke, Hohenzollernbrücke, Deutzer Brücke, Severinsbrücke, Südbrücke, Rodenkirchener Brücke. Ginge es nach der Wirtschaft, wären es eines Tages sogar neun – zwischen Wesseling und Lülsdorf würde dann die „Rheinspange“, so der Projektname, den Fluss überspannen. Doch die Zahl sagt wenig aus. Relevant für den Lkw-Verkehr sind nämlich eigentlich nur zwei: Leverkusen und Rodenkirchen. Derzeit und mindestens noch bis 2023 sogar nur eine, nämlich Rodenkirchen. In Leverkusen entsteht gerade eine neue Brücke. Wenn sie fertig ist, wird die bisherige, die marode und deshalb nur bis 3,5 Tonnen zugelassen ist, abgerissen. Dann wird an deren Stelle eine zweite Brücke errichtet, so dass mutmaßlich 2027 der Verkehr auf der A1 auf je vier Spuren über den Rhein fließen kann. Danach ist dann die Rodenkirchener Brücke an der Reihe, sie muss ebenfalls ersetzt werden. Die Severinsbrücke ist die einzige andere Brücke in Köln, die derzeit ebenfalls für den Schwerlastverkehr zugelassen ist, sie spielt aber nur eine untergeordnete Rolle im überregionalen und regionalen Wirtschaftsverkehr.

„Die Wirtschaftsverkehre werden seit Jahren enorm behindert, die Fahrten dauern einfach zu lange, zumal sich wegen des starken Verkehrs auch auf den Umleitungsstrecken die Probleme verschärfen“, sagt Soénius. Eine von vielen Folgen: Während die Transportunternehmen früher mit ihren Lkws drei Hin- und Rückfahrten am Tag im Umkreis von 50 Kilometern absolvieren konnten, sind es heute oft nur noch zwei.

„Jeder unserer 20 Lkws benötigt inzwischen rund eine Stunde länger für die gleiche Strecke als noch vor ein paar Jahren“, sagt Spediteur Schmitz. Das führt zum Beispiel zu Frachtmindereinnahmen, aber auch zu höheren Lohnkosten sowie Problemen mit den Schicht-, Lenk- und Ruhezeiten. „Pro Monat und Lastzug sind unsere Kosten dadurch um 500 Euro netto gestiegen“, ergänzt Schmitz.

Problem Nr. 2: Schienenverkehr

Auf der Schiene sieht es nicht besser aus. Die Hohenzollernbrücke mit ihren sechs Gleisen, einzige Kölner Bahnbrücke für Personenverkehr, gilt seit vielen Jahren als überlastet. Immer wieder wird eine Erweiterung um einen dritten Bogen auf dann acht Gleise diskutiert. „Aber das wird so schnell nicht kommen“, schätzt IHK-Geschäftsführer Soénius die Lage ein.

Ähnlich steht es offenbar um die Südbrücke, die von Zügen des Güterverkehrs stark frequentiert wird. Laut Soénius gibt es auch hier Überlegungen, sie zu erweitern, zumal sie dann Teil eines künftigen S-Bahn-Rings Köln sein würde, der immer wieder im Gespräch ist, also auch Züge des Personenverkehrs aufnähme. Noch gebe es auf Seiten der Deutschen Bahn aber keine konkreten Pläne.

Weitere Rheinbrücke als Lösung?

Die IHK setzt sich seit Jahren auf allen Ebenen und Kanälen für eine Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur ein. Damit konnte sie mit dazu beitragen, dass der Druck auf die Politik nicht nachließ und diese beispielsweise schließlich den Abriss und Neubau der Leverkusener Brücke in Angriff nahm. Die IHK Köln engagiert sich zudem zusammen mit weiteren Akteuren seit 2013 für eine zusätzliche Rheinüberquerung im Kölner Süden, die „Rheinspange A553“. Die Idee: eine Brücke bei Wesseling, die die A553 und A555 mit der A59 verbindet. Profitieren würden nicht nur die Wirtschaftsregionen Köln und Bonn/Rhein-Sieg, sondern das Rheinland insgesamt sowie der überregionale Verkehr.

Ein Befürworter der Brücke ist Dr. Arnd Selbach, Leiter der Standorte in Lülsdorf und Wesseling der Evonik Industries AG. „Allein die großen Chemieunternehmen im Kölner Süden sind pro Tag auf etwa 1.000 Lkw-Fahrten angewiesen“, erklärt Selbach. Wichtig ist ihm zudem, dass nicht nur die produzierende Industrie unter Umwegen, Staus und höheren Kosten leidet. „Eine neue Brücke würde auch den vielen Handwerksbetrieben, Logistikern und Hotelbetreibern nützen“, ist Selbach überzeugt, „und letztlich der Bevölkerung insgesamt, weil sich Pendelzeiten verkürzen.“

Immerhin: Die „Rheinspange“ ist im aktuellen Bundesverkehrswegeplan 2030 in den „Vordringlichen Bedarf“ eingestuft. Straßen.NRW ist derzeit in der Phase der Vorplanung und Linienbestimmung und wird von Interessenvertreter*Innen und Bürger*innen im Rahmen des „Dialogforums Rheinspange A553“ begleitet. IHK-Experte Soénius ist zuversichtlich: „Die Brücke wird kommen.“

Übersicht zu Brückensanierungen in Köln und Leverkusen: www.ihk-koeln.de/206005

Informationen zur Schieneninfrastruktur: www.ihk-koeln.de/202400

Informationen zur „Rheinspange A553“: www.ihk-koeln.de/176867

„R(h)ein-über-Brücken“, Broschüre der IHK-Initiative Rheinland: www.rheinland.ihk.de

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