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Im Workshop tauschen sich die Azubis auch über deutsche Kultur, Politik und Wirtschaft aus. Foto:Aliki Monika Panousi
Leben

Das Miteinander am Arbeitsplatz

Der Anteil geflüchteter Menschen in Ausbildung und Beschäftigung steigt. Die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung möchte ihnen die Integration am Arbeitsplatz erleichtern. Ihr Angebot: der Workshop „Interkulturelle Kompetenz“.

Text: Lothar Schmitz

Wir respektieren Regeln und lassen uns wenig Raum für Improvisation. Wir legen viel Wert auf Effizienz und Produktivität. Feste Strukturen, Prozesse und Abläufe sind uns wichtig. Wir trennen das Berufs- vom Privatleben. Ach ja: Natürlich achten wir sehr auf Pünktlichkeit.

Dies sind einige Eckpfeiler der deutschen Arbeitskultur. Auch wenn einige von uns sie kritisch sehen und in Zeiten des beschleunigten gesellschaftlichen Wandels so manches Überkommene ins Wanken gerät – die große Mehrheit der Deutschen hat sie verinnerlicht. Wer aus anderen Ländern stammt und in deutschen Unternehmen eine Ausbildung oder Beschäftigung antritt, dem ist diese Kultur hingegen oft fremd. Die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung hat sich mit ihrem Programm „Ausbildungs- & ArbeitsPerspektive“ zum Ziel gesetzt, Geflüchtete durch Berufsorientierung, Bewerbungstraining und praktische Erfahrung den Einstieg in Ausbildung und Arbeit zu erleichtern und damit deren Integration zu beschleunigen.

Angebot auch für Ausbilderinnen und Ausbilder

„Dabei spielt interkulturelle Kompetenz eine wichtige Rolle“, erklärt Tina Riepel, Geschäftsführerin
der Stiftung. Sie weiß: Die Azubis und Arbeitskräfte stoßen in den Betrieben selten auf Fremdenfeindlichkeit, erleben aber oft Distanz und einen sehr förmlichen Umgang, den sie
aus ihren Heimatländern nicht kennen. Deshalb bietet die Stiftung der IHK Köln seit diesem Jahr ein interkulturelles Training speziell für Auszubildende mit Flucht- und Migrationshintergrund,
nachdem sie zuvor auch schon entsprechende Workshops für Ausbilderinnen und Ausbilder durchgeführt hat. Daran nahm zum Beispiel die Unternehmerin Nicole Nyhuis teil, die gemeinsam mit ihrem Mann das Hostel Köln in der Nähe des Neumarkts leitet. „Thematisiert wurden Aspekte wie Pünktlichkeit und Sprache“, erinnert sie sich, „aberauch die für junge Männer aus anderen Kulturkreisen oft gewöhnungsbedürftige Rolle von Frauen als Vorgesetzten.“ Sie fand den Kurs gut
und bereichernd – und war deshalb froh zu erfahren, dass es nun auch ein entsprechendes
Angebot für Azubis gibt.

In ihrem Hostel bietet sie Mohamed Ali Atai die Gelegenheit zur Ausbildung. Der 21-Jährige kam 2015 als minderjähriger Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland. Über interessante Umwege, die eine eigene Geschichte wert wären, lernte er Nicole Nyhuis kennen, die sich nicht nur als Unternehmerin, sondern auch als engagierte Bürgerin sehr für Geflüchtete einsetzt, ohne viel
Aufhebens darum zu machen. Sie gab ihm Arbeit im Housekeeping, bis plötzlich ein negativer
Asylbescheid eintraf. „Ausbildung als Ausweg“, durchfuhr es sie – und so bot sie ihm einen Ausbildungsplatz an.

Im zweiten Jahr lernt er nun „Fachkraft im Gastgewerbe“. Und nahm im April am ersten Training der Stiftung in Sachen „Interkulturelles Training“ teil. „Dadurch lernte er andere Azubis, auch aus anderen Branchen, kennen und erhielt über die und die Trainerin wichtige Einblicke in die deutsche Arbeitswelt“, berichtet Nyhuis. „Er hat viele Zusammenhänge und wichtige Aspekte kennengelernt und definitiv von dem Training profitiert. Es hat ihn gestärkt.“

Wie funktioniert Kommunikation? Wie kommt das Bild zustande, das andere von mir haben? Das Eisberg-Modell erklärt es.
Foto: Aliki Monika Panousi

Am Arbeitsplatz geht es „ans Eingemachte“

„Wer es als Geflüchteter in eine Ausbildung geschafft hat, hat in Sachen Spracherwerb und
Integration schon viel erreicht“, betont Saskia Schaaf, Projektkoordinatorin bei der IHK-Stiftung.
Doch im Arbeitsalltag gehe es dann „ans Eingemachte“. Man bewege sich nicht mehr in einem geschützten, wohlgesonnenen Umfeld, sondern stoße schlicht auf den normalen deutschen Arbeitsalltag mit all seinen Facetten. „Das ist der nächste große Prüfstein in Sachen Integration“, weiß Schaaf. Dabei wolle das interkulturelle Training unterstützen.

Diese Unterstützung möchte auch ALDI SÜD Azubis mit Flucht- und Migrationshintergrund
bieten. Das Unternehmen meldete im Frühjahr Mohammad Hasan und Aimal Safi zu dem
eintägigen Seminar in der IHK-Stiftung an. Hasan stammt aus Syrien und ist 21 Jahre alt. Er
arbeitet in der ALDI-Filiale in Dormagen-Horrem und absolviert dort im zweiten Jahr eine
Ausbildung zum Verkäufer. Safi ist 20 Jahre alt und kam aus Afghanistan nach Deutschland.
Er absolviert ebenfalls im zweiten Jahr eine Ausbildung zum Verkäufer und gehört, wie Hasan,
zum Filialteam in Horrem.

„Geflüchtete Menschen müssen auf dem deutschen Arbeitsmarkt einige Hürden meistern, bevor sie durchstarten können“, sagt Jessica Schlag, Leiterin Verkauf bei ALDI Dormagen. „Wir
möchten ehemalige Flüchtlinge bei der Integration unterstützen und ihnen Chancen auf Ausbildung und Arbeit bieten. Das sehen wir als Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung.“
Das Training der IHK-Stiftung sei ein sinnvoller Baustein, der Unternehmen bei dieser anspruchsvollen Aufgabe unterstütze. „Deshalb“, betont Schlag, „haben wir diese Gelegenheit gerne wahrgenommen!“

Interkulturelle Kompetenz für Azubis
Im April 2019 veranstaltete die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung erstmals den Workshop „Interkulturelle Kompetenz“ für Azubis mit Flucht- und Migrationshintergrund. Am 7. November findet der eintägige Workshop erneut statt: 9:00-13:00 Uhr, Eupener Straße 157, Eingang 12, 50933 Köln (Braunsfeld).
Informationen und Anmeldung

Kontakt: Saskia Schaaf, Projektkoordinatorin, Tel. 0221 1640-6685,
saskia.schaaf@ihk-stiftung.koeln

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