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Die Trainingshalle der ESA-Astronauten mit dem 1:1-Nachbau des europäischen ISS-Moduls, links ein Modell des Raumtransporters ATV. Foto: Thilo Schmülgen
Leben

Das Herzstück der europäischen Raumfahrt

Erleben, wie ein Astronaut lebt: Seit kurzem sind exklusive Führungen durch das Europäische Astronauten-Trainingszentrum in Köln-Porz möglich.

Text: Werner Grosch

Hier also hat Alexander Gerst sechs Monate lang gelebt. Deutschlands bekanntester Astronaut besaß auf der Internationalen Raumstation (ISS) einen Rückzugsraum ganz für sich allein. Immerhin 0,6 Quadratmeter groß – oder etwa die Fläche eines Bistrotisches, auf dem man recht bequem zwei Latte Macchiato abstellen kann. Bequem aber sieht das hier nicht aus. Das „Bett“ steht an der Wand – oder vielmehr: es hängt. Ein Schlafsack mit zwei Löchern für die Arme. „Du musst erstmal waagerecht einschlafen, dann wirst Du da reingestellt“, scherzt ein Besucher. Theoretisch könnte es so sein. Wobei: Waagerecht, senkrecht? Oben, unten? Das gibt es in der Schwerelosigkeit eigentlich nicht. Allenfalls die Richtung der mit 28.000 km/h dahinrasenden ISS gibt einen Hinweis: Unten ist da, wo die Erde ist.

Ehrlicherweise sei hinzugefügt, dass „Astro-Alex“ nicht wirklich „hier“ gelebt hat. Aber in einem Teil der ISS, der im Europäischen Astronauten-Trainingszentrum in Köln-Porz 1:1 nachgebaut ist, damit die künftigen Raumfahrer sich möglichst realitätsnah auf ihre Reise vorbereiten können. Dieses Modell entspricht dem Europäischen ISS-Modul namens Columbus. Darin hat auch Gerst trainiert, und hier wird vielleicht auch die erste deutsche Astronautin, die in einigen Jahren zur Raumstation aufbrechen soll, den Umgang mit allen Einrichtungen lernen.

Direkt von der Uni zur Europäischen Raumfahrtagentur

Nur um klar zu machen, wo wir gerade sind: Das Gebäude steht auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Porz, ist aber gewissermaßen europäischer Boden, denn hier steht das europaweit einzige Astronautentrainingszentrum der europäischen Raumfahrtagentur ESA. Wer auf ESA-Ticket ins All fliegen will, darf und soll, bekommt hier einen wesentlichen Teil seiner Ausbildung, die mindestens zweieinhalb Jahre dauert.

Neben dem Columbus-Modell gibt es in der Trainingshalle noch einen Nachbau des europäischen Raumtransporters ATV. Sechs Jahre lang war Laura Winterling dafür verantwortlich, die künftigen Astro- und Kosmonauten (schließlich sind auch Russen dabei) für ihre Mission zur ISS  vorzubereiten, sie mit allen Systemen in dem Mini-Raumschiff ATV und dem Weltraumforschungslabor Columbus vertraut zu machen. Direkt von der Uni kam die aus Franken stammende Physikerin 2007 zur ESA. Zunächst im Astronauten-Support-Team eingesetzt, stieg sie schon bald in das Astronautentraining ein. 2008, als die ESA per Anzeige neue Astronauten suchte, bewarb sie sich selbst mit gerade mal 27 Jahren für die Reise ins All, schaffte es aber nicht ganz.

Laura Winterling spricht im ESA-Trainingszentrum mit viel Begeisterung über die Faszination Raumfahrt.
Foto: Thilo Schmülgen

Inzwischen ist die bekennende Köln-Liebhaberin mit ihrem Unternehmen Space Time Concepts selbstständig, bietet Events, Vorträge und eben auch Führungen durch das Trainingszentrum der ESA in Porz an, die seit ein paar Monaten auch über Kölntourismus gebucht werden können. Führungen, bei denen die Faszination der bemannten Raumfahrt spürbar wird. Ob in bewegten Bildern aus der ISS, die Stürme über Afrika auf 400 Kilometern Entfernung zeigen, oder in der Begeisterung, mit der Laura Winterling über dieses Thema spricht. „Sie sind hier im absoluten Herzstück der europäischen bemannten Raumfahrt!“, ruft sie den Besuchern zu – an diesem Tag den Mitgliedern eines Pensionärsklubs des Logistik-Unternehmens Schenker.

Die ehemalige Astronauten-Trainerin erklärt nicht nur die Bedeutung des 10 Meter tiefen Pools, der eine der wenigen innerhalb der Erdatmosphäre ohne großen Aufwand erreichbaren Erfahrungen einer Art von Schwerelosigkeit ermöglicht. Sie führt auch nicht nur die Modelle vor, in denen das Training stattfindet. Laura Winterling wirbt mit viel Herzblut für die bemannte Raumfahrt. „Die findet jeden Tag statt! Bleiben Sie morgen früh nach dem Aufwachen noch kurz liegen, drücken den Kopf ans Kissen und denken Sie an unsere Astronauten!“ An die Astronauten, die zweifellos eine atemberaubende Erfahrung machen, aber eben solche Dinge sechs Monate lang nicht können. Den Kopf ans Kissen drücken zum Beispiel. Oder ein Fenster aufmachen, in den Garten gehen. Oder auch ein Tütchen Chips essen, denn alles, was krümelt, ist auf der ISS hinderlich.

Für Rituale und Aberglauben sind die Russen zuständig

Die knapp zweistündige Führung vermittelt viel von der Faszination für die Raumfahrt, holt aber die Vorstellung mancher Besucher auch auf den Erdboden zurück. Was bleibt, ist unter anderem das Wissen, dass Astronaut-Sein harte Arbeit bedeutet. Und wenig Kontakt zu Familie oder Freunden, denn von denen muss man sich nicht erst kurz vor dem Start verabschieden, sondern im Grunde schon zu Beginn der Trainingsphase. „In den zweieinhalb bis drei Jahren sind unsere ESA Astronauten im Schnitt nur acht Wochen pro Jahr zuhause“, erklärt Laura Winterling. Training in Porz, Training in Japan, in den USA, in Russland, jeweils für mehrere Wochen, der Takt ist eng.

Russisch lernen gehört nebenbei auch dazu, denn das ist neben Englisch die zweite „Amtssprache“ auf der Raumstation. Klar wird im Verlauf der Führung allerdings auch, dass die Beteiligung der Russen an der ISS viele Vorteile hat. Ihre Erfahrung mit der eigenen Raumstation MIR ist eine davon, und die Tatsache, dass sie derzeit mit den Sojus-Raketen und -Kapseln als einzige Menschen zur ISS und zurück bringen können, ist auch nicht ganz unwichtig. Hinzu kommt aber, dass sie offenbar für alle wichtigen Rituale zuständig sind und jede Form von Aberglauben befriedigen. So erzählt Laura Winterling, dass der Bus auf der Fahrt zum Raketenstart in der kasachischen Wüste immer einmal anhalte. Dann stiegen die Astronauten aus, schälten sich aus ihrem Anzug, erleichterten sich, zögen wieder alles an und führen weiter. Jedes Mal vor einem Start zur ISS dasselbe Ritual. Und das nur, weil es einst der Volksheld Juri Gagarin genauso gemacht haben soll.

Führungen im EAC
Wer auch einmal dem Astronauten-Leben ein bisschen näherkommen möchte, kann eine solche Gruppenführung bei Kölntourismus buchen. Weitere Informationen zu den Veranstaltungen sind auch beim Anbieter Space Time Concepts zu finden. Bei der Europäischen Raumfahragentur ESA gibt es auch eine kurze Beschreibung der Geschichte und der Aufgaben des Trainingszentrums.