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Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Brexit, eine Chance für Köln?

Text: Dr. Werner Görg

Aus europäischer Sicht kann man die Entscheidung Großbritanniens, die EU zu verlassen, nur bedauern, geht dem gemeinsamen Binnenmarkt doch eine seiner größten Volkswirtschaften verloren. Auch für die regionale Wirtschaft hat der EU-Austritt Folgen, die Handelsbeziehungen zwischen den hiesigen Unternehmen und Großbritannien sind sehr eng.

Wer unter dem Austritt am meisten leiden wird, ob Großbritannien oder die Rest-EU, ist eine leidenschaftlich diskutierte Frage. Deren Beantwortung wird im Wesentlichen von den Austrittsbedingungen abhängen, die Großbritannien und die EU miteinander vereinbaren.

Unglücklicherweise sind die Rahmenbedingungen für die anstehenden Verhandlungen denkbar schwierig. Viele EU-Vertreter plädieren für eine besonders harte und damit vielleicht nicht besonders kluge Verhandlungsführung. Großbritanniens Verhandlungsposition wurde zwischenzeitlich deutlich geschwächt. Schottland fordert einen eigenen Volksentscheid für einen Austritt aus dem Vereinigten Königreich um den späteren Eintritt in die EU zu ermöglichen. Das Ergebnis der Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien ist also kaum vorhersehbar.

Es ist jedoch so, dass einige wenige Regionen, speziell in Deutschland, in vom Brexit profitieren können. Hierzu könnte auch die Wirtschaftsregion Köln gehören.

Die Stärke des weitgehend „entindustrialisierten“ Großbritanniens resultiert vor allem von seiner Finanzindustrie. Die "Londoner CITY" ist weltweit eines der bedeutendsten Finanzzentren. Mit dem Brexit werden die dort ansässigen Banken und Versicherungen nicht mehr an der EU-weiten Dienstleistungsfreiheit teilnehmen dürfen. Von London aus den gesamten EU-Raum mit Bankdienstleistungen und Versicherungsprodukten zu "beliefern", geht eben nur, solange Großbritannien Mitglied der EU ist. Um an den Märkten der EU weiter teilzunehmen, müssen die in London ansässigen Finanzdienstleister entweder ihren Sitz in die EU verlagern oder hier zumindest bedeutende Tochtergesellschaften gründen.

So verwundert es nicht, dass Frankfurt als Bankenstandort die britischen Banken umwirbt. In Düsseldorf finden japanische Unternehmen mit Europa-Zentrale - bisher in London - eine fest etablierte japanische Community. Für den Versicherungsstandort Köln eröffnen sich ähnliche Möglichkeiten: Kaum ein anderer europäischer Standort verfügt über eine derart breit aufgestellte Versicherungsinfrastruktur. Universität, Vermittler, Erstversicherer, Rückversicherer – es ist alles vorhanden! Der Wettbewerb ist dabei groß. Denkbare neue Standorte für Abwanderungswillige britische Versicherer sind auch Irland, Luxemburg und Malta. Diese Standorte können im Wesentlichen nur mit deutlichen Steuervorteilen werben. Köln kann die nahezu einmalige Ansammlung von Know-how als Standortvorteil in die Waagschale legen.

Köln tut gut daran, frühzeitig die Werbetrommel zu rühren. Dann wird der Brexit für unsere Stadt eine große Chance sein.

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