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Sabine Güllich aus Köln schreibt in ihrem Blog über alles, was sie leidenschaftlich gern tut: nähen, basteln, backen, kochen, lesen, schreiben und fotografieren. Zum zehnjährigen Jubiläum Ende 2017 zählte "was eigenes" eine Viertel Million Seitenaufrufe. Foto: Timo Roth für sisterMAG
Leben

Blogger aus Leidenschaft: Vom Hobby zum Geschäftsmodell

Am Anfang steht meist die Leidenschaft: für Design, Kochen, Reisen oder auch Lesen. Mit regelmäßigen Beiträgen halten Blogger fest, was sie entdecken, erleben und denken. Vom Bloggen zum Business ist es manchmal nicht weit.

Text: Eli Hamacher

Auf die Idee hat sie der Blog einer Schweizerin gebracht. Durch Zufall war Sabine „Bine“ Güllich auf deren elektronisches Tagebuch gestoßen. Schnell stand fest: „Das möchte ich auch haben, machen, tun.“ Und dann kam Frau Hoppenstedt ins Spiel. Die Kultfigur ihres Lieblingshumoristen Loriot hatte eines Tages beschlossen, was Eigenes haben zu wollen und legte deshalb ein Jodeldiplom ab. Jodeln wollte Güllich zwar nicht, aber auch "was Eigenes" machen - und so entstand auch gleich der Name für ihren Blog.

 „Während die Szene von einem Lifestyle-Blog spricht, nenne ich ihn lieber Gemischtwarenladen“, sagt die 42-Jährige ganz unprätentiös. Denn in dem elektronischen Tagebuch schreibt sie über alles, was sie leidenschaftlich gern tut: nähen, basteln, backen, kochen, lesen, schreiben und fotografieren. Das macht die gelernte Hotelkauffrau mittlerweile so professionell, dass die Wahlkölnerin zum zehnjährigen Jubiläum im November mit einer Viertelmillion Seitenaufrufe glänzen konnte.

Als immer mehr Internetnutzer wissen wollten, was Bine so treibt, war der Weg vom Blog zum Business nicht mehr weit. Seit drei Jahren geht sie Kooperationen mit Unternehmen ein, für deren Produkte sie auf ihrem Blog wirbt. „Zunächst hatte ich große Bedenken, wie meine Leser reagieren würden. Aber die Haltung gegenüber Werbung ist offener geworden“, sagt die Autorin von „Was Eigenes“.

Blog und Produkt müssen zusammenpassen

Blogs oder Weblogs, Wortkreuzung aus World Wide Web und Log für Logbuch, werden im Netz immer beliebter. Im Oktober 2017 belief sich laut Statistik-Portal Statista die Anzahl der nur von Nutzern des Systems WordPress veröffentlichten Blog-Posts auf rund 92 Millionen, nach 82 Millionen im September. WordPress ist das führende Content-Management-System, um Weblogs zu erstellen und zu pflegen.

Im Schnitt verbrachte jeder Deutsche im Jahr 2016 täglich fünf Minuten mit dem Lesen von Blogs und in Foren, für Onlineshopping waren es nur zwei Minuten mehr. Sehr beliebt sind laut Digitalverband Bitkom lokale Blogs, die von knapp einem Drittel der Internetnutzer gelesen würden.

Wenn Bine Güllich mit Firmen zusammenarbeitet, folgt sie strikten Regeln. Meist wird sie zunächst von einer Agentur angesprochen, die für ein Unternehmen arbeitet. „Das Produkt muss vor allem zu meinem Blog und meinen Lesern passen und mir selbst auch gefallen.“ Sagt sie zu, vereinbaren beide Parteien in einem Briefing, wie oft der Firmenname verlinkt und wie das Produkt – zuletzt war es zum Beispiel ein Beschriftungsgerät für Geschenkbänder - mit Text und Foto in Szene gesetzt werden soll. Die Autorin legt zwar Wert auf ihren eigenen Schreibstil, lässt dennoch ihren Auftraggeber vorab das Stück lesen. „So gehe ich sicher, dass ich das Produkt richtig beschrieben habe.“ Abgerechnet wird nach einem Fixpreis. Güllich achtet zudem darauf, dass sie wöchentlich maximal eine Kooperation eingeht, damit ihr Blog nicht zu werblich wird.

Im Schnitt postet die Mutter von zwei Kindern zwei- bis dreimal pro Woche Rezepte, Geschenk- und Bastelideen oder auch ihre Reiseerlebnisse. In einem Redaktionsplan hält sie Ideen und Termine für Kooperationen fest, um nicht den Überblick zu verlieren. Zu den wichtigsten Erfolgskriterien zählt die Bloggerin die regelmäßige Veröffentlichung von Beiträgen und die Verlinkung mit ihren anderen Social-Media-Accounts auf Facebook, Instagram, Pinterest und Twitter, um möglichst viele User auf ihren Blog zu ziehen. Aus dem Hobby ist längst ein Halbtagsjob geworden, der heute mehr abwirft als ihr eigentlicher Beruf und ihre letzte Station als Sales- und Marketingmanagerin in einem Kölner Hotel.

Wie Unternehmen und Blogger gut kooperieren

Für den Kölner Social-Media-Experten Felix Beilharz sind Blogger ideale Kooperationspartner. „Sie haben in vielen Zielgruppen eine extrem wichtige Multiplikator-Position und größeren Einfluss als traditionelle Medien.“ Er hat 
vier Tipps für Unternehmen für erfolgreiche Blog-Kooperationen:

• Wählen Sie Blogger aus, die durch authentischen Content und eine lebendige Beziehung zu den Lesern überzeugen. Warnsignale sind überbordende Werbung in den Beiträgen, zu viel Werbebanner/Ads im Blog und mangelnde Kennzeichnung werblicher Links.

• Die meisten Blogger sind auch in Social Networks aktiv, leider nicht immer ganz ehrlich. Um Reichweite und Bekanntheitsgrad vorzutäuschen, werden Follower und Likes gekauft oder Bots eingesetzt. Schauen Sie sich die Kennzahlen genauer an. Stehen Followerzahl und Likes/Kommentare in einem vernünftigen Zusammenhang? Kommen die Fans aus seltsamen Ländern?

• Lassen Sie dem Blogger Freiheiten. Eine gute Unternehmen-Blogger-Beziehung lebt auch davon, dass der Blogger die Werbebotschaft in seinem Stil präsentieren kann. Lassen Sie ihm etwas Freiraum, wie, wann und in welcher Form er seinen Teil der Vereinbarung erfüllt.

• Geben Sie der Kooperation Zeit, aber schauen Sie hin, ob Sie Ihre Ziele erreichen. Generiert der Blogger Traffic, Leads, neue Fans oder sonstige messbare Kennzahlen? Wird der Hashtag genutzt? Wird über die Marke positiver gesprochen?

Von der Bloggerin zur Unternehmerin

Ricarda Nieswandt aus Köln bloggt auf „23qm Stil“ über Wohnen, Design, Reisen und mehr.
Foto: Amanda Dahms

Wie Bine Güllich teilt Ricarda Nieswandt eine Leidenschaft für gute Dinge. Als Bewohnerin eines alten Hauses von 1918 am Stadtrand von Köln war die Diplom-Bibliothekarin stets auf der Suche nach neuen Ideen für Einrichtung und Dekoration, las deshalb auch zahlreiche Blogs und fand: „Das kann ich auch.“ Als Programmiererin von Websites und begeisterte Texterin brachte sie weitere wichtige Skills bereits mit. Das war vor zehn Jahren. Seitdem berichtet die Norddeutsche auf „23qm Stil“ über Wohnen, Design, Accessoires, neue Läden, Städte und Reisen. Und wie bei Bine Güllich wurde aus der Leidenschaft ein Beruf.

2012 startete Nieswandt, die mittlerweile auch eine Social Media Ausbildung und eine Weiterbildung zum Online-Journalismus absolviert hatte, mit BLOGST ein Netzwerk und eine Konferenz für Blogger sowie Unternehmer. Zur jüngsten Veranstaltung im November 2017 kamen immerhin 200 Teilnehmer nach Berlin. Vier- bis fünfmal im Jahr organisiert BLOGST zudem Workshops. Daneben berät die Blog-Expertin Unternehmen bei ihren Strategien rund um Blogs und Social Media und gehört zum Autorenteam des Blogs von Kölntourismus.

Trotz starker Konkurrenz durch die anderen sozialen Medien glaubt Nieswandt fest: „Der Blog stirbt nicht aus.“ Ein Blog sei immer das eigene Zuhause, verschwinde nicht wie etwa eine Instagram-Story, und jeder Autor könne selbst bestimmen, mit wem er kooperiere. Aber sie warnt auch: „Man darf nicht zu hohe Erwartungen haben. Manch einer träumt von schnellem Geld und Ruhm. Das trifft aber meist nicht ein“, sagt die Unternehmerin, deren Seite 23qm Stil aktuell bis zu 50.000mal monatlich aufgerufen wird. Wenn die Interieur-Expertin nicht so stark in andere Projekte eingebunden wäre, könnte sie von ihrem Blog durchaus leben.

Bester deutschsprachiger Buchblog kommt aus Köln

In seinem 2013 gestarteten Blog stellt Uwe Kalkowski drei bis fünf Werke monatlich vor. Vom Börsenverein des deutschen Buchhandels wurde sein „Kaffeehaussitzer.de“ als bester deutschsprachiger Buchblog 2017 ausgezeichnet.
Foto: Thilo Schmülgen

Aus einer Laune heraus begann auch Uwe Kalkowski, einen Blog zu schreiben. Bei ihm dreht sich alles um Literatur. Die faszinierte ihn schon als Kind. Bei der Frage nach dem Lieblingsbuch seiner Kindheit muss Uwe Kalkowski nicht lange überlegen: Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler. Das habe ihm die Oma vorgelesen, wieder und wieder. Und mit wunderbar verstellten Stimmen: schrill beim Zauberer Petrosilius Zwackelmann, ernst und böse beim Räuber Hotzenplotz. Als er in der Schule schließlich selbst lesen lernte, war die Enttäuschung groß. „Ich hatte bis dahin gedacht, dass sich beim lauten Vorlesen von Dialogen die Stimmlage automatisch an die jeweilige Person anpasst“, erzählt er schmunzelnd. An seiner Leselust hat der Frust nichts geändert. Im Gegenteil. Bis zu 60 Bücher liest der gelernte Buchhändler heute im Jahr. Ohne Buch ist der Verfasser von www.kaffeehaussitzer.de eigentlich nie unterwegs.

In seinem 2013 gestarteten Blog stellt er drei bis fünf Werke monatlich vor: Die lange Autorenliste reicht von Auster bis Zweig. Auf ihr finden sich Klassiker und Geheimtipps, Romane, Krimis, aber auch Sachbücher. Bloggen sei, so der Verfasser, wie ein Marathonlauf und nicht wie ein Sprint. „Man muss dranbleiben und braucht viel Herzblut.“ Sein Handwerk betreibt Kalkowski mittlerweile so erfolgreich, dass NetGalley, eine Plattform für digitale Rezensionsexemplare, und der renommierte Börsenverein des deutschen Buchhandels jüngst  Kaffeehaussitzer.de als besten deutschsprachigen Buchblog 2017 auszeichneten. Der Lohn für die edle Feder: ein Wochenende in Hamburg im Literaturhotel Wedina und ein Büchergutschein über 100 Euro.

Kalkowski sieht man regelmäßig in seinen Kölner Lieblingsbuchläden, wo er sich inspirieren lässt. Niemals würde der „überzeugte Anhänger des Buy-Local-Gedankens“ ein Buch online bestellen. Klar könnte er sich auch Rezensionsexemplare schicken lassen. Macht er aber nur selten. „Das empfände ich als zu verpflichtend“, sagt der Büchernarr, dessen Seite rund 8.000 Klicks monatlich zählt. Auch Verlinkungen zu Amazon lehnt er kategorisch ab.

Beim reinen Bloggen ist es trotzdem für den 48-Jährigen, der sein Geld als Marketingleiter beim Kölner RWS Verlag verdient, nicht geblieben. Bei kleineren Aufträgen für Radiosender, Verlagsblogs und –magazine sagt der „Literaturempfehler“, wie er sich selbst bezeichnet, nicht Nein.