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Michaela Kranz hat dank der Teilqualifikation noch den Abschluss einer Ausbildung geschafft. Foto: Thilo Schmülgen
Leben

Berufsausbildung: Besser spät als nie

Teilqualifkation ermöglicht Abschluss auch unter schwierigen Bedingungen

Text: Werner Grosch

Mit Anfang 30 noch eine Berufsausbildung machen? Wer nimmt einen da noch? Und dann noch mit einem schlechten Schulabschluss? – Fragen, die sich viele Menschen stellen müssen. Die Hürden sind hoch, erst recht dann, wenn noch Kinder zu betreuen sind oder Sprachprobleme dazukommen. In solchen Fällen führen viele Mo­delle der beruflichen Eingliederung nicht zum Ziel. Oft erfolgreich ist dagegen das Angebot der Teilqualifikation, für das der Kölner Raum eine Modellregion war und ist.

Das Prinzip ist einfach: Die Ausbildung in einem Beruf wird aufgeteilt in Bausteine, die für sich
schon einen Wert auf dem Arbeits­­­­markt haben können, die aber zusammen­genom­men ein komplettes Berufsbild abdecken und mit einer IHK-Prüfung am Ende auch zu einem gleichwertigen Abschluss führen können. Die IHK Köln bietet dazu aktuell so genannte Externen-prüfungen in mehreren Berufen an (siehe Info-Kasten).

Bis zu sieben Jahre Zeit für den Abschluss

Der große Vorteil der Teilqualifikation ist, dass die gesamte Ausbildung über bis zu sieben
Jahre gestreckt werden kann. So lassen sich auch herausfordernde Phasen, wie etwa Krankheiten oder die Geburt und Betreuung eines Babys, überbrücken. Genau das hat Michaela Kranz
ge­­­­holfen. Sie war schon früh zum ersten Mal Mutter geworden, die berufliche Laufbahn ge­­riet da aus dem Blick, auch wegen eines längeren Aus­landsaufenthaltes. Wieder zurück in Deutschland, stieß sie auf die Teilqualifikation und begann die Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe. Doch dann wurde sie 2016 wieder schwanger. Sie bekam eine zweite Tochter, musste die Qualifizierung unterbrechen. „2019 bekam ich dann einen Kitaplatz für die Kleine, und von da ab habe ich eine Prüfung nach der anderen gemacht“, berichtet Michaela Kranz.

Im Januar 2020 dann der Abschluss, und dann kam Corona. Im Februar absolvierte Michaela Kranz noch ein Coaching, das ihr bei der Jobsuche helfen sollte. Als die Corona-Krise dann ausbrach und die Gastronomie ganz besonders traf, war das natürlich ein Tiefschlag. „Ich bin trotzdem froh, dass ich das durchgezogen habe. Es ist gut, dass ich eine abgeschlossene Ausbildung habe“, sagt die junge Frau, die mit ihren Kindern in Köln lebt. Gute Angebote für Teilzeitjobs gab es sogar in der Corona-Zeit schon, es muss sich nun erst mal zeigen, was in Zukunft möglich ist.

Intensive persönliche Betreuung

Es „durchzuziehen“ ist nicht selbstverständlich. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms sind „lernfern“, berichtet Arne Carpus vom Zentrum Bildung und Beruf der Diakonie Michaelshoven in Köln: „Sie sind zwischen 25 und 35 Jahre alt, da ist die Schule lange her. Die ersten Wochen sind besonders wichtig, um überhaupt erst mal an das Lernen heranzuführen.“ Dass die Abbrecherquote dennoch gering und die Besteherquote bei der Externenprüfung mit mehr als 90 Prozent sehr hoch sei, liege auch an der engmaschigen und intensiven Betreuung, die zum Programm gehöre. Letztlich könne sich gerade die Erfahrung mit der Überwindung hoher Hürden als Vorteil auf dem Arbeitsmarkt erweisen: „Gerade alleiner­ziehende Mütter sind etwa im Handel sehr gefragt, weil man mit ihnen oft gute Erfahrungen macht, denn sie sind in der Regel sehr gut organisiert“, erklärt Arne Carpus.

Die Diakonie Michaelshoven ist einer der Träger der Teilqualifikation, ein anderer ist das Kolping-Bildungswerk. Auch hier läuft das Programm erfolgreich. „Wir haben derzeit rund 60 aktive Teilnehmer, einige haben auch schon die Aus­bildung abgeschlossen“, berichtet Sehriban Donat vom Kolping-Bildungswerk. Ihrer Ansicht nach ist das Angebot auch deshalb so erfolgreich, weil wirklich jedes private, persönliche Problem im Coaching angesprochen werden könne und man gemeinsam Lösungen suche und finde.

Prototyp für ganz Deutschland

Kein Wunder also, dass die Teilqualifikation in­­zwischen zu einem Prototyp für ganz Deutschland geworden ist. Im vergangenen Jahr hat die Bundesregierung das Konzept auch ausdrücklich in ihre Nationale Weiterbildungsstrategie aufgenommen. „Die meisten IHKs und Handwerkskammern bieten die Teilquali­fikation inzwischen an. Wichtig ist nur, dass alle Akteure, wie die Bildungs-träger, Kammern und auch Jobcenter, dabei zusammenarbeiten“, sagt Jasna Rezo-Flanze, Leiterin Fachkräfte­sicherung der IHK Köln.

INFOS UND KONTAKT

Folgende IHK-Berufe sind derzeit im Angebot der Teilqualifikation: Fachkraft im Gastgewerbe, Fach­lagerist/-in, Koch/Köchin, Maschinen- und Anlagenführer/-in, Servicekraft für Schutz und Sicherheit, Verkäufer/-in.

Weitere Informationen zur Teilqualifikation finden Sie online bei der IHK Köln sowie auf der Web­­site des Kölner Bildungsmodells.

Kontakt bei der IHK Köln:
Elke Kahl, Tel.: 0221 1640-6380, elke.kahl@koeln.ihk.de