Stichwortsuche

Das Limit ist die Lebensgefahr: Darüber sind sich die Werksfeuerwehrleute am Flughafen Köln/Bonn im Klaren Foto: Peter Boettcher
Blickpunkt

Berufe am Limit

Text: Lothar Schmitz

Ans Limit zu gehen, gehört in einigen Berufen dazu. Zum Beispiel bei der Werkfeuerwehr, am Steuer eines Gefahrguttransporters oder bei 300 Stundenkilometern im Führerstand eines ICE. Fünf Einblicke in eine ungewöhnliche Berufswelt.

Im Fall von Marcel Heisinger ist das Limit eine Zahl: 300. Viele Stunden seiner Ausbildung brachte der 21-Jährige bei 300 Stundenkilometern zu, er sah Landschaften vorbeihuschen und schnelle Autos hinter dem Zug zurückbleiben. „Es dauert, bis man sich daran gewöhnt hat“, erzählt der angehende „Eisenbahner im Betriebsdienst“. So heißt der IHK-Beruf, den der junge Kölner bei der Deutschen Bahn (DB) am Standort Köln lernt. Die beiden IHK-Abschlussprüfungen hat er bereits bestanden, die letzte interne Prüfung steht im Januar an.

Mit der ICE-Schnellstrecke zwischen Köln und Frankfurt am Main hat der Kölner Ausbildungsstandort der Bahn eine echte Herausforderung für Lokführer im DB-Fernverkehr zu bieten. „Die Topografie ist äußerst anspruchsvoll“, betont Ausbildungslokführerin Miriam Endres (34). Viele Tunnel, erhebliche Steigungen und starke Neigungswinkel gehören dazu. Außerdem ist die genaue Streckenbeobachtung – Pflicht eines jeden Lokführers – bei 300 km/h ziemlich komplex und anstrengend. Entsprechend weit oben im Lehrplan steht die Streckenkunde – auch nach der Ausbildung. „Jeder Abschnitt der Strecke muss in Fleisch und Blut übergehen“, ist sich Heisinger bewusst.

Die Lokführer tragen die Verantwortung für viele hundert Passagiere, die komplette Technik des Zuges, die pünktliche Zielankunft – und möglichst energieeffizientes Fahren. Das erfordert Erfahrung, Belastbarkeit, Entscheidungsstärke, Koordinationsvermögen und die Fähigkeit, auch in komplexen Situationen den Überblick zu behalten.

Eine tägliche Herausforderung für Körper und Konzentration: Arbeiten in der Stahlgießerei, zum Beispiel bei der Klaus Kuhn Edelstahlgießerei in Radevormwald.
Peter Boettcher

Extreme Hitze ist eines der Limits in Steven Potthofs Berufsleben. Auf 1.600 Grad Celsius wird bei der Klaus Kuhn Edelstahlgießerei GmbH im oberbergischen Radevormwald der Stahl erhitzt, damit er sich verflüssigt und in Form gebracht werden kann. Das Unternehmen hat sich auf Schleuderguss spezialisiert, und Potthof sorgt mit dafür, dass alles ordnungsgemäß abläuft.

Potthof lernte das Edelstahl-Unternehmen beim „Tag der Ausbildung“ in Radevormwald kennen und absolvierte dort nach mittlerer Reife und Fachabitur erfolgreich die zweijährige Ausbildung zum „Maschinen- und Anlagenführer“. Seitdem bringt der 21-Jährige regelmäßig Stahl zum Schmelzen. Dabei kommt es auf die genaue Zusammensetzung des Stahls an – die richtige Legierung ist für die spätere Nutzung entscheidend. Nach diesem Vorgang übernehmen die Gießer. Am Ende kommen Spezialbauteile heraus, etwa für Maschinen in der Lebensmittelindustrie, die speziell nach Kundenanforderung gegossen werden.

„Wichtig ist, einen kühlen Kopf zu bewahren“, berichtet der junge Facharbeiter. Potthof arbeitet routiniert – und muss doch immer darauf achten, dass aus Routine nicht Nachlässigkeit wird. Ein Fehler hat hier schnell dramatische Folgen, flüssiger Stahl birgt ein erhebliches Verletzungsrisiko.

In vielen unserer 220 IHK-Berufe gehört ein gewisses Risiko dazu – mal mehr, mal weniger.

Alexander Uhr, Leiter Ausbildung der IHK Köln

Deshalb legt das Unternehmen viel Wert auf eine fundierte Ausbildung. „Hier bilden wir die Grundlage für die spätere Kompetenz und Verantwortungsbereitschaft unserer Fachkräfte“, betont Ausbildungsleiter Andreas Döbler. Kuhn Edelstahl möchte deshalb nicht nur Maschinen- und Anlageführer ausbilden, sondern auch Gießereimechaniker. Vier Stellen sollen im Sommer besetzt werden. Vor der Bewerbung ist ein Schnupperpraktikum möglich.

„In vielen unserer 220 IHK-Berufe gehört ein gewisses Risiko dazu – mal mehr, mal weniger“, weiß Alexander Uhr, Leiter Ausbildung der IHK Köln. Eine fundierte duale Ausbildung, wie sie in den IHK-Mitgliedsunternehmen praktiziert werde, sorge dafür, diese Risiken beherrschen zu lernen. Uhr: „Ausbildung bringt Sicherheit – für die Azubis selbst und für die Umgebung, in der sie tätig sind!“

Weiterbildung bereitet die Fachkräfte darauf vor, auch komplexere Aufgaben sicher zu bewältigen. Zum Beispiel Aufgaben, wie sie die Moissl Bautaucher GmbH aus Köln-Mülheim für ihre Kunden übernimmt. Das kleine Unternehmen hat sich auf Arbeiten unter Wasser spezialisiert. Dazu setzt Geschäftsführer Markus Hambüchen „geprüfte Taucher“ ein – eine Weiterbildung mit IHK-Prüfung. Voraussetzung: passende mehrjährige Berufserfahrung oder eine Ausbildung in einem geeigneten Handwerks- oder Industrieberuf.
Auch wenn nur wenige das Berufsfeld kennen: Einsatzgebiete gibt es viele. „Alle hohen Bauwerke stehen im Grundwasser“, fasst Hambüchen zusammen. In Köln zum Beispiel die Pfeiler der Rheinbrücken, die Kaimauern in den Häfen, die Kranhäuser im Rheinauhafen oder der KölnTurm im MediaPark. Der Job der Bautaucher: Reparaturen, zum Beispiel durch Schweißen. Oder bei Neubauten: die Grundvoraussetzung dafür schaffen, dass überhaupt ein Fundament für das spätere Gebäude entstehen kann. Die Taucher errichten eine Unterwasser-Betonsohle, die die Grube gegen nachströmendes Grundwasser abdichtet. Erst dann kann sie für die Folgearbeiten ausgepumpt werden.
Die Arbeiten sind anspruchsvoll und nicht ungefährlich. Das eigentliche Limit besteht aber in der schlechten Sicht. In den meisten Baugruben beträgt die Sichtweite wenige Zentimeter. Da kommt es vor allem auf große Erfahrung und innere Vorstellungskraft an. Hambüchen: „Wir fühlen uns durch…“

René Derkum wird demnächst Salzsäure, Aceton und andere Chemikalien transportieren. Derkum ist Azubi im ersten Ausbildungsjahr, er möchte Berufskraftfahrer werden. „Eine Herzensangelegenheit“, sagt der 17-Jährige, dessen Vater und Onkel ebenfalls Lkws fahren. Für die dreijährige Ausbildung hat er sich ein besonderes Unternehmen ausgesucht: die TALKE-Gruppe in Hürth, die sich auf den Transport von Chemikalien spezialisiert hat. Darunter sind viele gänzlich ungefährliche Stoffe, aber eben auch solche, die hochentzündlich, ätzend, giftig – oder alles zugleich sind.

Heute sind Fahrer Transportmanager

Sebastian Linde, Ausbilder bei TALKE

Ein weiterer Ausbildungsberuf also, in dem die jungen Frauen und Männer, die ihn lernen, ans Limit geraten können. Allerdings noch nicht im ersten Lehrjahr. Da lernt er die Abläufe im Betrieb und die Fahrzeuge kennen – und fährt mit, etwa bei Sebastian Linde, dem „Master Driver“ bei Talke. Der weiß, worauf es beim Gefahrguttransport ankommt: „ein exzellent gewartetes Fahrzeug und einen gut geschulten Fahrer, der immer verantwortungsbewusst bei der Sache ist“, sagt der 32-Jährige.
„Heute sind die Fahrer Transportmanager“, ergänzt der Ausbilder, „sie sind weitgehend selbst verantwortlich für Ladung und Dokumente, Navigation und Zeitplan, Technik und Sicherheit.“ Auch mit dem Be- und Entladen der flüssigen oder gasförmigen Substanzen kennen sie sich aus. Und sollten sie in einen Verkehrsunfall verwickelt werden, wissen sie genau, was zu tun ist, um eine Katastrophe zu verhindern.

Katastrophen zu verhindern steht auch für Niklas Beielschmidt ganz oben auf der Agenda. Der 21-Jährige ist Werkfeuerwehrmann am Flughafen Köln/Bonn. Einer von 112 – darunter eine Frau – und damit Teil der zweitgrößten Werkfeuerwehr in der Region.
Beielschmidt hat den Beruf bei der Flughafen-Werkfeuerwehr gelernt und arbeitet dort nun seit insgesamt fünf Jahren. Er geht nicht jeden Tag an sein Limit, denn viele der immerhin 2.800 jährlichen Einsätze sind Routinetätigkeiten – vom brennenden Mülleimer über Ölspuren, die beseitigt werden müssen, bis zur Überwachung feuergefährlicher Arbeiten. Doch obwohl jeder Arbeitstag von der Hoffnung begleitet wird, dass der „große Ernstfall“ nie eintritt – es gibt es auch Einsätze, bei denen es für die Werkfeuerwehr des Flughafens auf jede Minute ankommt. Etwa, wenn eine Airline einen medizinischen Notfall meldet oder ein Flugzeug unplanmäßig nach dem Start zum Flughafen zurückkehrt. Dann müssen Beielschmidt und seine Kollegen schnell, körperlich topfit, hoch konzentriert und mental stark sein. „Unser Limit ist die Lebensgefahr“, erzählt der junge Werkfeuerwehrmann, „dessen bin ich mir bei jedem Einsatz bewusst.
„Auf jede Minute“ heißt dabei konkret: Beielschmidt hat maximal drei Minuten zur Verfügung, um sein Einsatzfahrzeug zu erreichen, die Schutzkleidung anzulegen und den Ort zu erreichen, an dem er gebraucht wird.
Die drei Minuten sind eine globale Vorgabe für Flughäfen – und sehr ehrgeizig, denn der Flughafen Köln/Bonn hat eine Fläche von 1.000 Hektar, die längste Start- und Landebahn misst knapp vier Kilometer. Zum Vergleich: Für herkömmliche Berufsfeuerwehren gelten acht Minuten vom Alarm bis zum Eintreffen der ersten Löschfahrzeuge am Einsatzort.
Ein äußerst schneller Beruf also. Das hat der junge Werkfeuerwehrmann mit Lokführer Marcel Heisinger gemeinsam. Noch. Denn ab Februar wird Heisinger langsamer unterwegs sein. Denn nach seiner Ausbildung zieht er nach Bayern und tritt dort eine Stelle als Lokführer im Regionalverkehr an. 80 km/h statt 300, Alpen statt Westerwald. Ans Limit geht er dann nicht mehr. „Dafür“, lacht Heisinger, „freue ich mich aufs Panorama!“

Die drei größten Herausforderungen für...

Werkfeuerwehrleute
Sie dienen der Gefahrenabwehr und dem vorbeugenden Brandschutz, arbeiten in Betrieben mit erhöhtem Gefährdungspotenzial, beispielsweise in chemischen Betrieben, an Häfen und Flughäfen, in Kraftwerken, in der Metall- und Elektroindustrie, bei Automobilherstellern oder in Gießereien. In NRW befindet sich zur Zeit der bundesweit einzige Berufsschulstandort, und zwar bei der Currenta GmbH & Co. KG im Chempark in Leverkusen.

Herausforderungen für Werkfeuerwehrleute:

  • erhöhtes Gefahrenpotenzial
  • Lebensgefahr
  • außergewöhnliche körperliche Beanspruchung im Ernstfall

Berufskraftfahrer im Güterverkehr…
Sie tragen eine hohe Verantwortung, müssen immer bei der Sache sein, blitzschnell auf gefährliche Situationen reagieren und sich insbesondere strikt an die Verkehrsregeln halten. Sie kontrollieren vor jeder Fahrt den technischen Zustand des Lkws, überwachen den Ersatzteilbestand und achten auf eine gute Ausnutzung des Frachtraumes sowie die richtige Sicherung der Güter.

Herausforderungen für Berufskraftfahrer im Gefahrguttransport:

  • Transport teils sehr gefährlicher Stoffe
  • besondere Kenntnisse und Sicherheitsanforderungen notwendig
  • jederzeit höchste Aufmerksamkeit erforderlich

Geprüfte Taucher…
Sie sind qualifiziert, folgende Aufgaben wahrzunehmen: Bedienen, Warten und Einsatz der Druckluft-Tauchgeräte; Bedienen, Warten und Einsatz der Anlagen und Geräte für das Arbeiten unter Wasser; Durchführen von Arbeiten unter Wasser; Beachten und Einhalten der Vorschriften über Arbeitsschutz und Unfallverhütung bei Taucherarbeiten.

Herausforderungen für geprüfte Taucher:

  • Arbeit in ungewöhnlichem Umfeld bei meist sehr schlechter Sicht
  • Meist wird allein gearbeitet, Taucher ist also auf sich gestellt
  • in bestimmten Umgebungen, beispielsweise Kraftwerksbecken, Gefahr durch hydrostatische Unterschiede („Ansaugen“) in der Nähe von Schiebern o.ä.

Gießereimechaniker…
Sie sind in der Produktion von Gussstücken unterschiedlicher Größe, Werkstoffe und Beschaffenheit sowohl in der Einzel- als auch in der Serienfertigung tätig. Ihre Aufgaben sind die Herstellung und Vorbereitung von Gießformen sowie die Herstellung von Gussteilen mit Hilfe verschiedener Form- und Gießverfahren. Sie bedienen und überwachen mechanisch, hydraulisch oder pneumatisch gesteuerte Produktionsanlagen und halten diese instand.

Herausforderungen für Gießereimechaniker:

  • Arbeit in besonderer Schutzkleidung bei großer Hitze
  • Verletzungsgefahr durch heißen, flüssigen Stahl
  • Koordination Sicherheit, Technik, Zeitplan, energiesparendes Fahren
  • jederzeit höchste Aufmerksamkeit erforderlich

Eisenbahner im Betriebsdienst…
Sie sorgen als Fahrdienstleiter, Lokführer, Rangierleiter oder Zugbegleiter für den reibungslosen betriebssicheren Ablauf der Personen- oder Güterbeförderung.

Herausforderungen für Lokführer im Fernverkehr:

  • besondere Verantwortung für die beförderten Menschen
  • Überblick bewahren bei sehr hoher Reisegeschwindigkeit
  • jederzeit höchste Aufmerksamkeit für Sicherheit, Technik, Zeitplan, energiesparendes Fahren

Links:

Ausbildungsberufe von A - Z

Fortbildungsprüfungen

Bildungsberatung der IHK Köln

Fragen?

Carsten Berg

WEITERE THEMEN