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Das DJH City-Hostel in Köln-Riehl (im Bild: Steffen Minas, Sabine Kling, Daphne Seipelt, Hanke van Son) schickt seine Azubis regelmäßig in die Welt. Foto: Astrid Piethan
Blickpunkt

Azubis ins Ausland!

Immer noch wissen viele Ausbildungsbetriebe nicht, dass sie ihren Fachkräftenachwuchs für einige Wochen ins Ausland schicken können. Ein EU-Programm und IHK-Hilfe machen es möglich. Sowohl die Unternehmen als auch die Azubis profitieren davon.

Text: Lothar Schmitz, Fotos: Astrid Piethan

Vielleicht hilft ja öffentliche Aufmerksamkeit. Anfang Dezember hatte die IHK Köln zu ihrem jüngsten „Tag der Ausbildung“ eingeladen – und diesmal standen auch zahlreiche Unternehmen im Rampenlicht, die ihre Azubis für einige Wochen in ein Unternehmen im Ausland entsandt hatten. Es war das erste Mal, dass die IHK ihre traditionelle Veranstaltung um einen besonderen Programmpunkt erweitert hatte: Über 30 Firmen erhielten vor Publikum eine Urkunde und das Siegel „Auslandsaufenthalte – Wir machen’s möglich“, mit dem sie seitdem im Wettbewerb um den Fachkräftenachwuchs punkten können. Insgesamt 75 erhielten das Siegel im Jahr 2019.

Der Plan der IHK, für Azubi-Auslandsaufenthalte noch stärker als bisher die Werbetrommel zu rühren, könnte aufgehen. „Mich haben während der Veranstaltung mehrere Firmen, die nicht ausgezeichnet wurden, angesprochen“, berichtet Carsten Berg, Leiter Ausbildung der IHK Köln, „weil sie zum ersten Mal von dieser Möglichkeit erfuhren und nun auch darüber nachdenken wollen, Azubis zu entsenden“.

Viele Pluspunkte für die Unternehmen

„Gut so“, sagt Sabine Kling, „das kann ich nur empfehlen.“ Kling ist Ausbilderin in der Jugendherberge Köln-Riehl, die mit 520 Betten, 15 Tagungs- und Veranstaltungsräumen sowie 72 Beschäftigten nach Borkum als zweitgrößte Jugendherberge Deutschlands gilt. Und sie ist ehemalige Auszubildende mit Auslandserfahrung, weiß also gleich aus zwei Perspektiven, wovon sie spricht.

In der Jugendherberge am Rhein lernte die Kauffrau für Tourismus und Freizeit zwischen 2014 und 2017 ihren Beruf. „Gute Leute muss man fördern“, sagt ihr Chef Steffen Minas, Leiter der Jugendherberge. Also hatte er Kling 2016 ermöglicht, in der Jugendherberge in Reykjavik Auslandserfahrung zu sammeln. Beim „Tag der Ausbildung“ nahm er Urkunde und Siegel entgegen.

Seit 2009 entsendet das Unternehmen Jahr für Jahr in der Regel zwei Azubis im zweiten Lehrjahr. Bisher vor allem nach Island, jüngst erstmals auch nach Malta und Südafrika. „Mit dem Deutschen Jugendherbergswerk stehen wir für Internationalität und Verständigung zwischen den Kulturen“, betont Minas. „Allein schon deshalb lohnt es sich, unserem engagierten Nachwuchs einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen.“

Es lohnt sich für Arbeitgeber aber auch, weil sie sich damit im Wettbewerb um gute Azubis von anderen Ausbildungsbetrieben abheben können. Schließlich gehört das Hotel- und Gaststättengewerbe zu den Branchen, die den Fachkräfte- und Azubimangel besonders deutlich spüren.

Vorteil Nummer 3: „Wenn die jungen Menschen aus dem Ausland zurückkehren, haben sie sich verändert“, berichtet Minas. „Sie sind selbstbewusster geworden, haben inhaltlich und sprachlich dazugelernt, können sich leichter auf andere Umgebungen und andere Menschen einstellen und bringen neuen Schwung mit – davon profitieren unsere Gäste und damit unser Haus!“

In Deutschland hängt rund jeder vierte Arbeitsplatz direkt oder indirekt vom Export ab. „Deshalb brauchen die Betriebe auslandserfahrene und fremdsprachenversierte Mitarbeiter und Nachwuchskräfte“, sagt IHK-Ausbildungsexperte Berg. „Lern- und Arbeitserfahrungen – insbesondere junger Menschen – im Ausland sind vor diesem Hintergrund ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung, denn sie fördern nicht nur das Erlernen und Verstehen von Sprache und Kultur des Gastlandes, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung.“

Finanzielle Förderung durch den Bund

Das sieht der Bundestag genauso. 2013 hatte er deshalb als nationales Ziel beschlossen, dass bis 2020 zehn Prozent der Absolventen der Beruf­lichen Bildung Auslandserfahrungen machen sollen. 2018 lag die nationale Mobilitätsquote aber nur bei ungefähr sechs Prozent.

Gut zu wissen: In vielen Fällen müssen weder die Azubis noch die entsendenden Ausbildungsbetriebe die Kosten für Reise und Unterbringung allein bestreiten, denn gleich eine ganze Reihe von Programmen fördert solche Auslandsaufenthalte. Zum Beispiel „ERASMUS+“. Das Programm läuft bis 2020, soll aber bis 2027 verlängert werden.

Ebenso wichtig: Die Unternehmen und Azubis müssen nicht selbst auf die Suche nach geeigneten Arbeitgebern im Ausland gehen. „Gerade für kleinere Ausbildungsbetriebe sollte das eigentlich die Hemmschwelle senken“, findet Marie Hoffmann, eine von zwei Mobilitätsberaterinnen der IHK Köln. Deren Stellen werden finanziert durch das Programm „Berufsbildung ohne Grenzen“, das wiederum vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert wird.

Marie Hoffmann und ihre Kollegin Hannah Costa beraten Unternehmen zu allen Aspekten rund um einen Auslandsaufenthalt für ihre Azubis. Also zu Rechts- und Versicherungsfragen ebenso wie zum Ausbildungsvertrag und den Fördermöglichkeiten. Zudem unterhalten die Mobilitätsberaterinnen Kontakte zu zahlreichen Unternehmen und institutionellen Arbeitgebern in mehreren europäischen Ländern und bringen auf Wunsch das hiesige und das ausländische Unternehmen zusammen.

Jens Klänhammer (links) erfuhr über die IHK Köln von der Möglichkeit der Auslandsaufenthalte für Azubis. Bauzeichnerin Sara Karraß ging daraufhin nach Nijmegen, Azubi Enrico Pelliteri wird einen Teil seiner Ausbildung in Südafrika absolvieren.
Foto: Astrid Piethan

Spezielle Kenntnisse im Ausland vertiefen

Jens Klähnhammer erfuhr 2018 durch die IHK Köln von der Möglichkeit, Azubis ins Ausland zu entsenden. „Eine tolle Sache“, lautete seine spontane Reaktion damals. Die Azubis würde das persönlich weiterbringen, zugleich würde es die Bindung zwischen Unternehmen und Azubi stärken, dachte er.

Klähnhammer ist Prokurist bei der Fischer Teamplan Ingenieurbüro GmbH in Erftstadt und unter anderem verantwortlich für die Ausbildung. Fischer Teamplan hat rund 160 Beschäftigte, darunter drei Azubis in Erftstadt und vier Azubis an den anderen Standorten des Unternehmens.

In den Genuss der ersten Entsendung kam Sara Karraß. Die 22-Jährige absolviert in Erftstadt die Ausbildung zur Bauzeichnerin und war vier Wochen lang in einem Planungsbüro in Nijmegen. „Sie mag an ihrer Ausbildung besonders die planerische Komponente und konnte in den Niederlanden ihre Kenntnisse vertiefen“, berichtet Klähnhammer. Ihr Interesse an Verkehrsplanung habe sich in dem auf Fahrradverkehr spezialisierten Planungsbüro gefestigt – und auch ihr Wunsch, nach der Ausbildung ab kommendem Herbst zu studieren.

Mit IHK-Unterstützung bis nach Südafrika

Also doch keine vertiefte Bindung ans Unter­nehmen? „Klar würden wir sie gerne übernehmen“, sagt Klähnhammer. Andererseits bilde Fischer Teamplan nicht nur aus Eigennutz aus, sondern aus gesellschaftlicher Verantwortung. Das Unternehmen biete engagierten Azubis einen guten Start ins Berufsleben. Als Nächstes gehe Azubi Enrico Pelliteri vier Wochen ins Ausland: nach Südafrika. „Wir haben gerade die Unterlagen eingereicht“, erzählt Klähnhammer im Dezember, „die IHK unterstützt uns dabei.“
Und das mit der Bindung funktioniert trotzdem: Derzeit stehen die Chancen gut, dass Sara Karraß dem Unternehmen als studentische Hilfskraft verbunden bleiben wird. Klähnhammer: „Wir bleiben an ihr dran!“

Von guter Ausbildung profitieren alle

Daniel Juhr konnte seine Auszubildende ebenfalls nicht übernehmen. Er betreibt zusammen mit seiner Frau Sandra in Wipperfürth eine Textagentur mit Verlag und bildete Elena Broch zur Medienkauffrau Digital und Print aus. Vor wenigen Tagen machte sie bei der IHK Köln ihre Abschlussprüfung. Nun will sie erst mal ins Ausland, offenbar hat ihr der Aufenthalt während ihrer Ausbildung bei einem Fotokünstler auf Malta sehr gut gefallen. Hat sich das kleine Unternehmen einen Bärendienst erwiesen? „Auf keinen Fall“, stellt Juhr klar. „Wir haben eine gute Fachkraft ausgebildet und ihr ermöglicht, sich auch im Ausland persönlich weiterzuentwickeln. Umgekehrt profitieren wir doch ebenfalls davon, wenn auch andere Unternehmen sich in der Ausbildung über das normale Maß hinaus engagieren!“ Außerdem sei er ein Freund davon, sich auszuprobieren und mehrere Stationen zu durchlaufen. „Ich kann Elena also bestens verstehen.“

Wenn Ausbildung, dann mit Ausland

Der Industrie- und Handelskammer zu Köln ist der Unternehmer aus Oberberg sehr dankbar. „Die Beratung und Unterstützung waren gut.“ Er weiß zwar noch nicht, ob er ab Sommer erneut ausbilden wird, denn Juhr denkt gerade über eine Neuausrichtung des Unternehmens nach. „Aber wenn ich ausbilde, dann biete ich auch wieder einen Auslandsaufenthalt an!“

Daniel und Sandra Juhr, Inhaber einer Textagentur mit Verlag in Wipperfürth, ermöglichten ihrer Auszubildenden Elena Broch (links) eine Stage in Malta.
Foto: Astrid Piethan

Die Mobilitätsberatung der IHK Köln…

…berät rund um das Thema Auslandsaufenthalte für Auszubildende und junge Fachkräfte.

Ansprechpartnerinnen sind:

Marie Hoffmann, Tel. 0221 1640-6832, E-Mail: marie.hoffmann@koeln.ihk.de

Hannah Costa, Tel. 0221 1640-6831, E-Mail: hannah.costa@koeln.ihk.de

Weiere Infos auf www.ihk-koeln.de/3219

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