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Jennifer Klundt hat während ihrer Ausbildung zur Industriekauffrau bei Kind & Co. Edelstahlwerk vier Wochen in der Verwaltung des Dudley College in den britischen West-Midlands verbracht. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Ausbildung ohne Grenzen

Unternehmen wie das Hotel Pullman Cologne und das Edelstahlwerk Kind & Co. aus Wiehl bieten Azubis die Chance, einige Wochen im Ausland zu verbringen. NetCologne setzt regelmäßig Praktikanten aus dem Ausland ein. Davon profitieren alle Seiten. Ein Bericht – und 11 Tipps für interessierte Unternehmen und Azubis.

Text: Lothar Schmitz

Die kaiserlichen Prunkräume haben es Katrin Jäger besonders angetan. Einmal dort fürs Housekeeping verantwortlich sein, wo einst Kaiser Franz Joseph und Sisi residierten, das hätte für die angehende Hotelfachfrau einen ganz besondere Reiz. Übernachtet hat im berühmten Schloss Schönbrunn freilich schon länger niemand mehr. Wer heute nach Wien kommt, checkt zumeist in einem der vielen Hotels der Donaumetropole ein, etwa im Mercure Wien City. Dort kann es in diesem Herbst dann gut sein, dass sie an der Rezeption auf die Kölnerin Katrin Jäger stoßen.

Eigentlich ist Katrin Jäger Auszubildende im Hotel Pullman Cologne in der Kölner Innenstadt. Vier Wochen ihrer Ausbildungszeit verbringt die angehende Hotelfachfrau allerdings im Ausland. Sie überzeugte in einem betriebsinternen Auswahlverfahren und sammelt in diesem Herbst vier Wochen lang Berufserfahrung in dem Wiener Hotel, das zum gleichen Konzern wie das Haus in Köln gehört.

Den ersten Tag in Wien widmete Katrin Jäger den Schönheiten der Stadt, am zweiten wurde sie dann von der Direktorin des Mercure Wien City persönlich begrüßt, anschließend ging es mit dem Housekeeping-Team zwei Tage lang quer durchs Haus, um alles kennenzulernen. Seitdem arbeitet Katrin Jäger an ihrer Wunschstation: der Rezeption. Schon nach kurzer Zeit ist klar: „Das Wichtigste ist mir vertraut, doch in vielen Details weicht das Arbeiten hier von dem in Köln ab“, berichtet die Auszubildende am Telefon. „Manche Standards sind anders, ich lerne jeden Tag etwas Neues und muss mich umstellen.“

Ein gutes Argument im Wettbewerb um die besten Azubis

Genau darum geht es. „Frau Jäger und die anderen Azubis, die wir Jahr für Jahr für einige Wochen ins Ausland schicken, profitieren enorm von den Erfahrungen, die sie dort machen“, weiß Sonja Pohl, Ausbildungsleiterin im Hotel Pullman Cologne. „Sie kehren reifer und sehr motiviert zurück, und davon profitieren sie selbst, aber auch unser Unternehmen!“

Im Mercure Wien City verbringt die angehende Hotelfachfrau Katrin Jäger im Herbst vier Wochen ihrer Ausbildung. Zu Hause ist die Auszubildende im Hotel Pullmann Cologne in der Kölner Innenstadt.
Foto: Ulrich Kaifer

Das sieht man bei der IHK Köln, die solche Auslandsaufenthalte vermittelt, ebenso. „Wir werben bei den Ausbildungsunternehmen kräftig für diese Möglichkeit“, sagt Marie Hoffmann, Mobilitätsberaterin der IHK Köln, „weil ein Auslandsaufenthalt die künftigen Fachkräfte fit für die globalisierte Arbeitswelt macht.“ Zudem sei die Option ein gutes Argument für hiesige Betriebe, um besonders motivierte und gute junge Leute für eine Ausbildung zu gewinnen – Stichwort Fachkräftemangel. „Die Vorteile für die Jugendlichen ebenso wie für die entsendenden Unternehmen liegen auf der Hand: Erweiterung der Sprachkenntnisse, Erwerb von fachlichen und interkulturellen Kompetenzen, Entwicklung der Persönlichkeit“, zählt Hoffmann auf.

Schon seit 2010 ist ein meist vierwöchiger Auslandsaufenthalt freiwilliger Baustein der Ausbildung in dem Kölner Hotel. Jährlich erhalten von den rund zehn Azubis pro Ausbildungsjahr zwei die Gelegenheit, sich im Ausland zu beweisen. Das Unternehmen wirbt eigens damit, das Programm wird schon in den Stellenausschreibungen erwähnt. Mögliche Stationen im Ausland gibt es dank des großen internationalen Netzes von Hotels, zu dem das Kölner Haus gehört, genügend.

„Auch unser Unternehmen profitiert“

Auch bei  der Kind & Co. Edelstahlwerk GmbH & Co. KG setzt man auf Internationalität in der Ausbildung. Seit 2012 entsendet das oberbergische Unternehmen angehende Industriekaufleute für vier Wochen ins Ausland. „Das Interesse ist groß, alle kommen begeistert und mit gestärktem Selbstbewusstsein zurück“, erzählt Claudia Hombach, Fachausbilderin Industriekaufleute bei Kind & Co. „Die jungen Leute lernen im Ausland etwas fürs Leben, blicken über den Tellerrand und gewinnen an Reife“, ergänzt Ausbildungsleiter Matthias Bellinghausen, „davon profitiert auch unser Unternehmen!“

Anders als das Hotel Pullman setzen Bellinghausen und Hombach mit Absicht auf branchenfremde Auslandsstationen, etwa eine Stadtverwaltung oder ein Immobilienunternehmen. „Das weitet den Horizont“, sagt die Ausbilderin. Außerdem findet meist in der ersten Auslandswoche ein Sprachkurs statt.

Jennifer Klundt beispielsweise war im Frühjahr vier Wochen in Großbritannien, am Dudley College in den West-Midlands. Dort konnte sie Erfahrungen in der Verwaltung sammeln. „Ich musste viele kleine Hürden selber meistern, habe sehr viel gelernt und fand die Zeit sehr bereichernd“, berichtet die 22-Jährige, die ihre Ausbildung zur Industriekauffrau im Sommer erfolgreich abschloss und von Kind & Co. auf eine Stelle im Vertrieb übernommen wurde.

Wie hilft die IHK beim Auslandsaufenthalt für Azubis?

Ein College in den Midlands, eine Stadtverwaltung in Südengland – solche Austauschpartner hat ein Unternehmen normalerweise nicht in seiner Kartei. Die IHK Köln aber sehr wohl. Im Rahmen des Förderprogramms „Berufsbildung ohne Grenzen“ bieten die Mobilitätsberaterinnen der IHK Köln allen interessierten IHK-Mitgliedsunternehmen Informationen und Unterstützung bei der Organisation von Auslandsaufenthalten von Azubis und jungen Fachkräften. „Dabei vermitteln wir geeignete Unternehmen und Institutionen mithilfe unseres weltweiten Netzwerks“, unterstreicht Mobilitätsberaterin Hoffmann. Darum müssen sich die hiesigen Ausbildungsfirmen also nicht selbst kümmern, wenn sie nicht können oder wollen.

Außerdem erhalten die Azubis, die ins Ausland gehen, auf Antrag mit Unterstützung der IHK Mittel aus der Erasmus-Förderung. Damit können Sie die Anreise bestreiten und die Mehrkosten, die üblicherweise mit dem Leben im Ausland verbunden sind. Die Ausbildungsvergütung zahlen die entsendenden Unternehmen weiter.

Viel gelernt: Ein Sprachkurs und das Meistern „vieler kleiner Hürden" haben die 22-Jährige weitergebracht.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Ausländische Praktikanten bei Betrieben in Deutschland

Und auch das hat die IHK im Angebot: Auf Wunsch hilft sie bei der Vermittlung ausländischer Jugendlicher für ein Praktikum in einem hiesigen Unternehmen. Also quasi das umgekehrte Modell. „Die Nachfrage ist bisher gering“, weiß Hoffmann, „aber es lohnt sich für die Betriebe, und deshalb möchten wir sehr dafür werben.“

Bei der NetCologne Gesellschaft für Telekommunikation mbH muss sie das nicht mehr tun. Das Kölner Unternehmen bietet regelmäßig nicht nur einheimischen Schülerinnen und Schülern, sondern auch Jugendlichen aus dem Ausland die Gelegenheit, am Hauptsitz in Köln ein Praktikum zu absolvieren. „Wir sehen uns in der gesellschaftlichen Verantwortung, jungen Menschen eine gute Ausgangsposition für ihr Berufsleben zu verschaffen“, sagt Karsten Lippstreu, zuständig für die IT-Services von NetCologne.

Zuletzt in diesem Frühjahr waren zwei Praktikanten aus Frankreich für acht Wochen bei NetCologne. In den Jahren davor arbeiteten je zwei Schüler aus Finnland und Irland in Lippstreus Teams mit. „Das ist immer auch eine Bereicherung für die Mitarbeiter, uns allen tut der regelmäßige Blick über den Tellerrand gut.“

Katrin Jägers Auslandsaufenthalt geht derweil seinem Ende entgegen. Wenn dieser Artikel erscheint, tritt die künftige Hotelfachfrau die letzte Woche am Empfang des Hotels Mercure Wien City an. In Köln freut sich Ausbildungsleiterin Sonja Pohl schon auf die Rückkehr ihres „Schützlings“. „Sie wird viel zu berichten haben“, weiß sie, „und das Finale ihrer Ausbildung mit neuem Blick und gestärktem Selbstbewusstsein in Angriff nehmen.“

Fragen?

Marie Hoffmann

Kostenlose Infoveranstaltung „Azubi international“

Die Mobilitätsberatung der IHK Köln lädt am Donnerstag, 7. Dezember 2017, ab 15 Uhr zu der kostenlosen Veranstaltung „Azubi international – Auslandsaufenthalte in der Ausbildung fördern“ ein.

Sehen Sie hier einen Videokommentar von Alexander Uhr, Leiter Ausbildung der IHK Köln:

11 Hinweise und Tipps für das Entsenden von Azubis ins Ausland

1. Egal ob großes oder kleines Unternehmen, egal welche Branche, egal ob eigene Auslandsniederlassung oder nicht: Jeder Ausbildungsbetrieb kann Azubis ermöglichen, einen Teil der Ausbildung im Ausland zu absolvieren.

2. Klären Sie zunächst im Unternehmen den möglichen Zweck und Nutzen einer Azubi-Entsendung ins Ausland (Spracherwerb, Niederlassung kennenlernen, Einblicke in fremdes Unternehmen, Erwerb zusätzlicher Expertise u.a.).

3. Die IHK Köln berät Unternehmen ebenso wie interessierte Azubis – telefonisch, per Mail sowie im persönlichen Gespräch, gerne im Unternehmen.

4. Die IHK Köln hat ein weltweites Partnernetzwerk, das Firmen und Institutionen im Ausland vermittelt, falls keine eigenen Niederlassungen vorhanden sind.

5. Mindestaufenthalt im Ausland: 2 Wochen, Maximum: ein Viertel der Ausbildungszeit

6. Auch viele Berufskollegs bieten Austauschprogramme an.

7. Die Ausbildungsvergütung wird weiterbezahlt.

8. Es entstehen keine zusätzlichen Kosten für das Unternehmen.

9. Der Auszubildende muss sich von der Berufsschule freistellen lassen.

10. Der versäumte Lernstoff muss selbstständig nachgearbeitet werden.

11. Die Azubis tragen die Kosten für Reise und Unterbringung selbst. Dabei ist eine finanzielle Unterstützung durch verschiedene Förderprogramme möglich. Die IHK Köln hilft bei der Beantragung.

Gute Gründe für einen Auslandsaufenthalt während der Ausbildung

Unternehmen ...

• gewinnen qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Fremdsprachenkenntnissen, interkultureller Kompetenz sowie internationaler Erfahrung,

• fördern Selbstständigkeit, Flexibilität und Motivation ihrer Nachwuchskräfte,

• steigern die Identifikation ihres Fachkräftenachwuchses mit dem Unternehmen,

• gewinnen an Attraktivität als Ausbildungsbetrieb – Stichwort: Azubi-Marketing,

• ermöglichen dem Nachwuchs, Abläufe an Auslandsstandorten kennenzulernen,

• knüpfen neue Geschäftsbeziehungen ins Ausland.

Azubis und junge Fachkräfte ...

• erweitern ihre Fremdsprachenkenntnisse,

• erwerben interkulturelle Kompetenz, internationale Erfahrung und neue fachliche Fertigkeiten,

• gewinnen Selbstvertrauen durch neue Herausforderungen,

• lernen neue Arbeitstechniken und -abläufe kennen,

• erhalten den „Europass Mobilität“ (international anerkannte Zusatzqualifikation),

• erhöhen ihre Chancen auf eine erfolgreiche berufliche Zukunft.

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