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Mit der Ausbildung zum Kaufmann im E-Commerce die richtige Alternative zum Studium gefunden hat Nicolas Mittelacher (r.), hier mit seinem Ausbilder Benjamin Mogk in den Räumen seines Ausbildungsbetriebes, der Holz-Richter GmbH in Lindlar. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Ausbildung am Puls der Zeit

Seit 1. August lernen erstmals junge Leute den neuen Ausbildungsberuf „Kaufmann/-frau im E-Commerce“. Zahlreiche weitere Ausbildungsordnungen wurden zum Start des neuen Ausbildungsjahres modernisiert. IHKplus stellt einige davon vor.

Text: Lothar Schmitz

Es war sogar der „Tagesschau“ eine Nachricht wert – passenderweise auf tagesschau.de, also online: „Der Online-Handel boomt. Seit heute gibt es auch eine Ausbildung dafür“, hieß es am 1. August. Bislang hätten vor allem Autodidakten und Quereinsteiger, die mit Fortbildungen im E-Commerce die wichtigsten Abläufe kannten, für reibungslose Abläufe im Online-Geschäft gesorgt. Ab sofort würden nun Fachleute für E-Commerce ausgebildet.

Gemeint ist der neue Ausbildungsberuf „Kaufmann/frau im E-Commerce“ – laut Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, der erste neue kaufmännische Ausbildungsberuf seit zehn Jahren (siehe auch das IHKplus-Interview mit dem BIBB-Präsidenten).

„Durch E-Commerce entstehen neue Tätigkeitsfelder, wertschöpfungsüberschreitende Prozesse und Geschäftsmodelle mit eigenen Arbeitsweisen und Vorgängen“, erklärt Katharina Weinert, Abteilungsleiterin Bildungspolitik und Berufsbildung beim Handelsverband Deutschland (HDE) e.V. Für diese seien eigene, umfassende Ausbildungsinhalte notwendig, die die Schaffung eines neuen Berufs ermöglicht haben.

Angehende Kaufleute im E-Commerce befassen sich mit sämtlichen Vertriebskanälen, wie Online-Shops oder Social Media, und lernen, diese kundenorientiert zu bewirtschaften. Online-Marketing, die Vertragsanbahnung und -abwicklung sowie die kaufmännische Steuerung spielen ebenfalls eine große Rolle. Weinert stellte den neuen Ausbildungsberuf bundesweit bei über 85 Informationsveranstaltungen vor. Interessant sei er für alle Unternehmen, die ihre Waren oder Dienstleistungen online anbieten, erzählt sie. „Viele Handelsunternehmen betreiben stationären und Online-Handel parallel und vernetzt“, so Weinert. „Für diese Multi- oder Cross-Channel-Strategien ist der neue Beruf ebenso der richtige wie für Unternehmen, die nur online ihre Produkte vertreiben!“

Auch die IHK Köln hat in den vergangenen Monaten für den neuen Beruf geworben. Bei ihren Mitgliedsunternehmen, aber auch bei jungen Menschen. „Der neue Ausbildungsberuf kommt genau zur richtigen Zeit“, findet Alexander Uhr, Leiter Ausbildung der IHK Köln, mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung, „und ist auch eine tolle Option für Studienabbrecher, die nach einer spannenden, zukunftsorientierten Alternative suchen!“

Spezialisten für E-Commerce

Eines der Unternehmen, die seit 1. August in dem neuen Beruf ausbilden, ist die Holz-Richter GmbH in Lindlar. „Schon vor vier Jahren hätte ich gerne einen Azubi nur für unsere E-Commerce-Abteilung gehabt, wenn es den Beruf dann schon gegeben hätte“, erzählt Benjamin Mogk, der bei Holz-Richter für den Onlineshop „casando“ und den neuen Ausbildungsberuf zuständig ist. Neben dem Einzel- und dem Großhandel ist das Internet der dritte wichtige Vertriebskanal für das oberbergische Unternehmen, das 300 Beschäftigte zählt, darunter 30 Azubis.

„Wir haben eine eigene Abteilung dafür und stecken viel Energie in den Onlinehandel“, berichtet Mogk. Das Onlinegeschäft unterscheide sich erheblich vom stationären, deshalb sei es gut, nun endlich auch Spezialisten dafür ausbilden zu können. Den Shop zu konzipieren, weiterzuentwickeln und mit Erfolg zu betreiben erfordere viel Spezialwissen, auch die Kommunikation mit den Kunden und deren nachhaltige Bindung würde anderen Prinzipien folgen als im stationären Handel.

Der erste angehende „Kaufmann im E-Commerce“ ist Nicolas Mittelacher. Nach drei Semestern BWL fand er, dass das Studium nicht das Richtige für ihn war. Kaufmännisch wollte er trotzdem arbeiten. „Dann stieß ich auf den neuen Ausbildungsberuf“, erzählt der 24-Jährige, „und erfuhr, dass mit Holz-Richter eine Firma direkt vor meiner Haustür diese Ausbildung anbietet.“ Seine Bewerbung war eine von vier. Die geringe Zahl führt Mogk darauf zurück, dass der neue Beruf noch nicht so bekannt ist. „Nicolas' Bewerbung hat uns aber überzeugt“, betont der Ausbilder.

So entsteht eine neue Ausbildungsordnung

„Kaufmann/frau im E-Commerce“ ist der einzige neue Ausbildungsberuf, der diesen Sommer startete. Allerdings wurden zahlreiche weitere Ausbildungsberufe modernisiert, sprich: die Ausbildungsordnungen bestehender Berufe wurden mal mehr, mal weniger umfangreich inhaltlich überarbeitet und angepasst. Laut BIBB trifft das zum Start des Ausbildungsjahres 2018/2019 auf zwei Dutzend Ausbildungsberufe zu.

Die Initiative geht dabei in der Regel von den Spitzenorganisationen der Arbeitgeber – zum Beispiel vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) –, den Gewerkschaften oder auch vom BIBB selbst aus, das sich als Kompetenzzentrum für die berufliche Bildung in Deutschland und Plattform für den Dialog mit den Sozialpartnern versteht. Die IHKs und der DIHK bringen dabei vor allem die Interessen der kleinen und mittleren Betriebe ein.

„Nachdem alle Beteiligten ihre Expertise eingebracht haben, entscheidet das zuständige Bundesministerium, ob ein Verfahren zur Anpassung einer Ausbildungsordnung oder gar die Entwicklung eines völlig neuen Berufes in Gang gesetzt wird“, erläutert BIBB-Präsident Esser. Das BIBB nimmt zuvor häufig in einem Gutachten Stellung.

Die Entwicklung neuer und die Anpassung bestehender Ausbildungsordnungen sowie der dazugehörigen Rahmenlehrpläne läuft dann nach einem geregelten Verfahren ab, das durchschnittlich etwa zwölf bis 15 Monate dauert. Beteiligt sind der Bund, die Länder, Arbeitgeber, Gewerkschaften und das BIBB. Sie alle entsenden Fachleute in die Arbeitssitzungen. Grundlage hierfür sind die vorab vereinbarten Eckwerte für die Ausbildungsordnung – von der Berufsbezeichnung über die Ausbildungsdauer bis zur zeitlichen Gliederung und Prüfungsform. Kernpunkt ist der Katalog der Fertigkeiten, Kenntnisse und Fähigkeiten.

Darauf aufbauend erarbeiten die Experten im Detail die eigentliche Ausbildungsordnung oder die zu ändernden Teile für die Betriebe sowie die Rahmenlehrpläne für die Berufsschulen und stimmen sie aufeinander ab. Die Rechtsförmlichkeit der Formulierungen wird durch das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz geprüft. Der BIBB-Hauptausschuss und der „Bund-Länder-Koordinierungsausschuss Ausbildungsordnungen/Rahmenlehrpläne“ stimmen der neuen Ausbildungsordnung und dem Rahmenlehrplan zu. Das zuständige Ministerium erlässt schließlich im Einvernehmen mit dem Bundesbildungsministerium die Ausbildungsordnung und veröffentlicht sie im Bundesgesetzblatt.

Michael Jonas (r.), Ausbilder bei Atlas Copco Energas und seine drei Azubis (v.l.) Moritz Sturm (angehender Mechatroniker), David Etzbach (Zerspanungsmechaniker) und Pia Nothelfer (Mechatronikerin).
Foto: Olaf-Wull Nickel

„Industrie 4.0“ in der Ausbildung

Die fortschreitende Digitalisierung mit den durch sie ausgelösten Veränderungen von Herstellungs- und Dienstleistungsprozessen sowie Geschäftsabläufen hat weitere Berufsneuordnungen erforderlich gemacht. Angestoßen von den Sozialpartnern der Metall- und Elektroindustrie, wurden zum 1. August 2018 gleich drei Ausbildungsordnungen mit insgesamt elf Berufen angepasst (siehe „Neue/neu geordnete Berufe – ein Überblick“). Die Anpassungen wurden an verschiedenen Stellen dieser Verordnungen vorgenommen und beziehen sich zum einen auf Qualifikationsanforderungen im Zusammenhang mit Digitalisierung und Industrie 4.0.

„Die zweite wichtige Neuerung sind Zusatzqualifikationen, die von Betrieben optional in der Ausbildung genutzt werden können“, heißt es in einem ausführlichen Leitfaden, den der DIHK für Ausbildungsbetriebe, Azubis sowie Prüferinnen und Prüfer erstellt hat. „Die nun geänderten Berufe haben für die Industrie besondere Bedeutung, auch quantitativ“, unterstreicht Anja Schwarz vom DIHK. Die Referatsleiterin Forschungs- und Strukturfragen, Metall- und Elektroberufe begleitete das Neuordnungsverfahren für die IHKs und untermauert ihre Aussage mit Zahlen: 2017 zählten die IHKs in Deutschland in den fünf industriellen Metallberufen insgesamt knapp 87.000 eingetragene Ausbildungsverträge, in den industriellen Elektroberufen inklusive „Mechatroniker/in“ waren es über 62.700.

Einige dieser Ausbildungsverträge werden bei der Atlas Copco Energas GmbH mit Leben gefüllt. Am Standort Köln-Sürth bildet der Anbieter von Kompressortechnik zurzeit 27 junge Leute aus, davon viele in den drei neu geordneten Berufen „Industriemechaniker/in“, „Mechatroniker/in“ und „Zerspanungsmechaniker/in“.

Ausbildungsleiter Michael Jonas, „Ausbilder des Jahres 2017“, ist dankbar, dass die Ausbildungsberufe modernisiert wurden. Zwar hätten die Azubis auch vor der Neuordnung schon Einblicke in Industrie 4.0 erhalten. „Wir haben ein internes Schulungsprogramm für alle Beschäftigten, das auch mit digitalen Produktionsprozessen und Abläufen vertraut macht“, erzählt er. Aber es sei gut, dass die vielen Veränderungen nun auch formal in den Ausbildungsordnungen und Rahmenlehrplänen verankert seien. „Wir haben ein vitales Interesse daran“, betont Jonas, „dass unser Nachwuchs auf dem neuesten Stand ausgebildet wird!“

Das Ausbildungsjahr 2018/2019…

…hat am 1. August 2018 begonnen. Wer bisher mit der Ausbildungsplatzsuche nicht erfolgreich war oder sich zum Beispiel kurzfristig doch noch gegen ein Studium und für eine duale Ausbildung entschließt, hat aber auch jetzt noch die Chance auf einen Einstieg und muss nicht zwangsläufig bis zum nächsten Sommer warten. Denn längst nicht jede Firma konnte alle ihre Ausbildungsplätze wunschgemäß besetzen.

Interessenten wenden sich einfach an:

Ausbildungsstellenvermittlung der IHK Köln
Eupener Straße 157
50933 Köln

ausbildungsvermittlung@koeln.ihk.de

www.ihk-koeln.de/150

Neue/neu geordnete Berufe – ein Überblick

Mit 24 neu geordneten Berufen und einem gänzlich neuen Beruf startete am 1. August das neue Ausbildungsjahr.


Neuer Ausbildungsberuf:

Kaufmann/frau im E-Commerce

Neu geordnete Berufe – Auswahl:

Anlagenmechaniker/in
Industriemechaniker/in
Konstruktionsmechaniker/in
Werkzeugmechaniker/in
Zerspanungsmechaniker/in
Elektroniker/in für Automatisierungstechnik
Elektroniker/in für Betriebstechnik
Elektroniker/in für Gebäude- und Infrastruktursysteme
Elektroniker/in für Geräte und Systeme
Elektroniker/in für Informations- und Systemtechnik
Mechatroniker/in

Auch die Ausbildungsordnungen der vier dualen IT-Berufe und weiterer Berufe wurden modernisiert.

Insgesamt können Jugendliche und junge Erwachsene derzeit aus einer Gesamtzahl von 326 anerkannten dualen Ausbildungsberufen auswählen, die im Berufsbildungsgesetz sowie in der Handwerksordnung geregelt sind. Daneben gibt es weitere Ausbildungsgänge, etwa in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Erziehung.

Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Bonn

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