Stichwortsuche

Alle Fotos zeigen den Azubi Abend auf Gut Landscheid, bei dem die Auszubildenden selbst das Zepter in die Hand nehmen konnten.
Leben

Ausbildung: Darf's ein bisschen mehr sein?

Ausbilden ist gut. Azubis während der Ausbildung etwas Besonderes bieten noch besser. Wenn sie früh Verantwortung übernehmen und selbstständig agieren dürfen, haben beide Seiten etwas davon. „IHKplus“ stellt einige Möglichkeiten vor.

Text: Lothar Schmitz
Fotos: Aliki Monika Panousi

„Wer etwas lernen will“, stand in einer Einladung an Caroline Mager, Leiterin der Ausbildungsberatung der IHK Köln, „muss die Chance bekommen, Verantwortung zu übernehmen.
Daher nehmen wir am Azubi-Abend am 27. März das Zepter in die Hand. Von der Menü- und Weinauswahl über die Dekoration, die Werbung und das Bestellwesen bis zur Diensteinteilung – wir entscheiden!“

Eingeladen wurde zum Azubi-Abend auf Gut Landscheid bei Burscheid. „Wir legen Wert darauf, dass die Azubis frühzeitig lernen, eigenständig zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen“, betont Christian Meyer, seit drei Jahren Küchenchef auf Gut Landscheid und einer der Ausbilder der insgesamt neun Azubis in den Berufen Koch/Köchin, Hotelfachmann/-frau so wie Restaurantfachmann/-frau. Ein solcher Azubi-Abend und seine intensive Vorbereitung sei eine ideale Gelegenheit dazu. Die wichtigste Erfahrung, die der Fachkräftenachwuchs beim Azubi-Abend macht: „Sie lernen, wie viele Fäden zusammenlaufen, wie viel dahintersteckt, dass so ein Abend für die Gäste zum Erlebnis wird“, betont Meyer, „und sie lernen, dass es nur als echtes Teamwork funktioniert.“

Ergänzen könnte man: Sie lernen außerdem, dass sie einen Arbeitgeber haben, der ihnen einiges zutraut. „Es mangelt ja nicht nur an Fachkräften, sondern bereits am Fachkräftenachwuchs, sprich: an genügend geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern um Ausbildungsplätze“, weiß Caroline Mager. Die Konsequenz: Der Wettbewerb um die besten Interessenten nimmt zu. Firmen, die ihren Azubis etwas Besonderes bieten, sammeln gleich zweifach Pluspunkte: bei guten Bewerberinnen und Bewerbern, weil die sich von einem engagierten Ausbildungskonzept angesprochen fühlen. Und bei den eigenen Azubis, weil die Chance steigt, dass sie nach der Ausbildung in einem Unternehmen bleiben wollen, das sich in der Ausbildung so stark engagiert hat.

Von Ausbildungsbotschafter bis Auslandsaufenthalt

Ein Azubi-Abend wie auf Gut Landscheid ist ein probates Mittel zur Nachwuchsbindung. In anderen Branchen, etwa im Handel oder bei Banken und Sparkassen, übernehmen Azubis für einen Tag oder länger den Betrieb einer Filiale. Bei der Kreissparkasse Köln in Marienheide kümmerten sich im Juli die angehenden Bankkaufleute sogar vier Wochen lang um den Filialbetrieb – von der Organisation bis zur Kundenberatung.

Caroline Mager von der IHK hat weitere Vorschläge für Unternehmen, bei denen es in Sachen Ausbildung „ein bisschen mehr“ sein darf. Sie kennt zum Beispiel eine Reihe von Betrieben, die zur Nachwuchssuche regelmäßig an Ausbildungs- und Recruitingmessen teilnehmen – und die eigenen Azubis an den Messestand stellen. Die werben dann auf Augenhöhe für die Ausbildung in ihrem Unternehmen – und sammeln zugleich wertvolle Erfahrungen in Marketing, Präsentation und Kommunikation. Zudem können Firmen ihre Azubis zu Ausbildungsbotschafterinnen und -botschaftern schulen lassen; die IHK bietet entsprechende eintägige Kurse an. Solchermaßen ertüchtigt, gehen die Azubis in Schulen, um dort für Ausbildung zu werben. „Damit übernehmen die Firmen und die Azubis gesellschaftliche Verantwortung“, betont Mager.

Ein spannendes Angebot für Firmen, engagierte Azubis individuell zu fördern, offeriert die Mobilitätsberatung der IHK Köln. Sie unterstützt Ausbildungsbetriebe und Azubis bei der Planung eines Auslandsaufenthaltes der Azubis. Denn laut Berufsbildungsgesetz darf ein Viertel der Ausbildung im Ausland absolviert werden – was längst noch nicht alle Unternehmen und Azubis wissen. Verschiedene Förderprogramme bieten finanzielle Unterstützung.

Ebenfalls reizvoll für Unternehmen und guteAzubis: Die Ausbildungszeit kann nicht nur von vornherein verkürzt werden, wenn bestimmte Voraussetzungen vorliegen, etwa eine frühere Ausbildung oder ein Studienabschluss (s. auch Titelgeschichte Seite 6). „Möglich ist auch ein Antrag auf vorzeitige Zulassung zur Abschlussprüfung während eines laufenden Ausbildungsverhältnisses“, sagt Mager, „nämlich bei sehr guten Leistungen in der Berufsschule und im Unternehmen!“

Vom Technikführerschein bis Englischkurs

Die vier jungen Leute, die Mitte August ihre Ausbildung bei der Gira Giersiepen GmbH & Co. KG in Radevormwald beginnen, können sich, wie die übrigen 22 Azubis des Traditionsunternehmens, ebenfalls auf das besondere Engagement ihres Arbeitgebers in Sachen Ausbildung freuen. Nicht nur, dass sie eine ganze „Starterwoche“ lang sanft in ihr neues Umfeld eingeführt werden. Sie nehmen auch einen „Technikführerschein“ in Angriff und lernen dabei ein halbes Jahr lang die wichtigsten Produkte des Unternehmens kennen, die sich allesamt um die elektrotechnische und vernetzte Steuerung von Gebäuden drehen.

Zudem wählen die Azubis in der ersten Ausbildungswoche, ob sie für die kommenden Jahre dem „Team Messe“ oder dem „Team Interne Redaktion“ angehören möchten. Ob kaufmännisch oder gewerblich-technisch, ob Neuling oder Azubi im dritten Lehrjahr: Alle wirken gemeinsam in einem der Teams mit und organisieren im einen Fall den jährlichen Ausbildungstag bei Gira oder den Auftritt des Unternehmens bei Ausbildungsmessen; im anderen Fall erarbeiten sie alle drei Monate die Mitarbeiterzeitschrift sowie regelmäßig Beiträge fürs Intranet. Zwei weitere Besonderheiten bei Gira: Zum einen erhalten alle Azubis im Laufe ihrer Ausbildung Englischunterricht und nehmen an Workshops zu Themen wie Projektmanagement, Präsentationen, Kommunikation und Konfliktmanagement teil – beides durchgeführt von externen Dienstleistern. Zum anderen müssen die gewerblich-technischen Azubis im ersten Lehrjahr nicht in eine überbetriebliche Lehrwerkstatt, sondern kommen im firmeneigenen, modernen Ausbildungszentrum in den Genuss zielgenauer Vermittlung aller relevanten Kenntnisse und Fertigkeiten.

„Natürlich hat auch dieses Unternehmen keine Garantie, dass die jungen Leute nach der Ausbildung bleiben wollen“, sagt IHK-Ausbildungsexpertin Mager, „aber die Chancen aus Unternehmenssicht sind hoch!“

Fragen?

Erika Bartels
Nicole Radovcic
Christian Wirths

WEITERE THEMEN