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Wo geht´s lang? - Das Start-Up Tagxter entwickelte für den Mittelständler InfraServ eine Orientierungs-App, die durch den Chemiepark Knapsack leitet. Foto: Olaf Wull-Nickel
Service

Auf Augenhöhe

Start-ups arbeiten anders als Mittelständler. Wie aus dem Unterschied ein Gewinn für beide Seiten wird, zeigt die Kooperation des Hürther Industriedienstleisters InfraServ mit dem Kölner Start-up Tagxter.

Text: Anke Henrich

Wo, bitte, geht’s denn hier lang? Hinter den Bürohäusern, vorbei am Wasserturm oder gleich parallel zur Pipeline? Orientierung ist im Chemiepark Knapsack mit acht Unternehmen trotz freundlicher Pförtner und Papierplänen eine echte Herausforderung. Gut 2.600 Mitarbeiter, Kunden, Dienstleister und hunderte Lkw-Fahrer sollen dort täglich schnell und sicher von A nach B kommen, auch wenn auf dem 180 Hektar großen Areal ständig gebaut wird.
Und mittendrin, in Gebäude 150, saß im vergangenen Sommer Henning Hörbelt mit seinem Digitalisierungs-Team und suchte Leuchtturmprojekte. Hörbelts Anforderung: „Wir brauchen binnen zwei Monaten drei Anwendungen, die die Digitalisierung für uns und unsere Kunden anfassbar machen.“ Hörbelt ist Organisationsmanager bei der InfraServ GmbH. Der Industriepark-Dienstleister unterstützt Unternehmen bei der Planung von Ver- und Entsorgungsanlagen, im Anlagenbau und bei der Logistik.

Start-ups bieten Testmentalität und schnelle Umsetzung
Nur rund 15 Kilometer entfernt grübelten zeitgleich die vier Wirt­­schaftsinformatiker des Start-ups Tagxter in Köln-Müngers­dorf über eine ähnliche Frage. Sie suchten nach großen In­­dustriegeländen, auf denen es typischerweise Orientierungsprobleme gibt. Die nämlich könnte ihre Navigations-App „Site Guide“ lösen. Sie schickten auf gut Glück eine Mail nach Hürth.
Klassische Mittelständler wie InfraServ – knapp 1.000 Mitarbeiter, 190 Millionen Euro Umsatz 2016 – können vieles leisten. Aber für schnelle Lösungen stehen sie sich mit langen Ent­scheidungswegen über viele Hierarchien gelegentlich selbst im Weg. Kooperationen mit Start-ups eröffnen da neue Wege. Die bieten komplementäre Eigenschaften: Testmenta­lität, Nutzer- und Datenzentrierung sowie schnelle Umsetzung.
Im Rheinland finden sich die Beteiligten zudem leichter als andernorts. Seit Jahresbeginn bildet der Digital Hub Cologne eine zentrale Brücke zwischen Mittelstand und innovativen Start-ups. Längst hat sich hier zudem ein gut ausgebautes Netz­werk etabliert, das sich am 6. und 7. September 2017 auf dem Pirate Summit und am 11. Oktober 2017 zur StartupCon in Köln treffen wird.

"InfraServ hatte Mut"
„Im Dezember, ein halbes Jahr nach der ersten Mail, durften wir InfraServ unsere App präsentieren“, freut sich noch heute Tagxter-Geschäftsführer Fabian Rühle. „InfraServ hatte Mut, denn wir konnten damals erst eine Industriereferenz vorweisen.“ Sie seien bescheiden an den Auftrag gegangen.
Die Informatiker stürzten sich in die Arbeit, und die InfraServ-Verantwort­lichen erkannten das Potenzial für ihr Pro­­­jekt. Die App kann Besuchern großer Outdoor-Gelände bedarfs­gerechte Informationen und Navigation bieten. Die Gelände-Betreiber profitieren von den Statistik-, Analyse- und Marketingfunktionen.

Organisationsmanager für den 180 Hektar großen Chemiepark Knapsack: Henning Hörbelt, InfraServ GmbH.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Entwicklungspartnerschaften und Vertriebskooperationen
Umfragen zeigen, was sich Mittelständler von der Zusammen­arbeit mit Start-ups vor allem versprechen: den Zugang zu neuen Technologien und Ideen für Produktinnovationen, den Einstieg in neue Märkte und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Dafür profitieren die Start-ups häufig von deren bewährten Lieferanten- und Kundenkanälen. Mittelständler suchen die Kooperation für einzelne Projekte, selten finanzielle Beteiligun­gen. Sie präferieren deshalb Entwicklungspartnerschaften, Zulieferverhältnisse und Vertriebskooperationen.
Hat es denn bei InfraServ an eigenen IT-Kollegen gemangelt? „Nein, im Gegenteil“, widerspricht Hörbelt, „aber unsere IT-Abteilung ist mit dem Tagesgeschäft und Sonderaufgaben ausgelastet. Bei Tagxter sitzen die Spezialisten, die Zeit haben und uns zudem nicht als einen von vielen Kunden betrachten.“

Voneinander lernen
In Hürth läuft die Zusammenarbeit jetzt auf Hochtouren. Ende August wird sich entscheiden, ob InfraServ die App einsetzen wird. Nützlich war die Zusammenarbeit aber auf jeden Fall. Auch für Tagxter, sagt Fabian Rühle: „Wir lernen, wie Industriekonzerne denken, und kommen so auf neue Features für unsere App – zum Beispiel, dass sie Fahrern auf dem Werksgelände auch die korrekte Geschwindigkeit anzeigen kann.“

Kontrollinstanzen im Mittelstand beugen Fehlentscheidungen vor 
Das deckt sich mit den Erkenntnissen einer aktuellen Studie des RKW Kompetenzzentrums, einer gemeinnützigen Forschungs- und Entwicklungseinrichtung der Deutschen Wirtschaft e.V. Die Forscher analysierten für verschiedene Branchen, wie die Zusammenarbeit im Alltag klappt. Die gute Nachricht: 95 Prozent der befragten Unternehmer schätzen die Zusammenarbeit und würden sie wiederholen. Die weniger gute: Die Skeptiker hadern mit der hohen Insolvenzrate unter Gründern und ver­missen mehr Referenzprojekte.

Mittelstand und Start-ups: Die Mischung macht´s
Henning Hörbelt von InfaServ schätzt die Zusammenarbeit mit Start-ups: „Gründer sind sehr offen für neue Ideen. Davon können auch Mittelständler noch etwas lernen.“ Ihr Licht unter den Scheffel stellen müssten aber auch die Großen nicht: „Ich verstehe ja die Klage über lange Entscheidungswege in Unter­nehmen. Aber deren Vorteil ist, dass deren zahlreiche Kontroll­instanzen helfen, Fehlentscheidungen zu vermeiden.“ Die Mischung macht’s.

Sorgt für schnelle und sichere Orientierung im Chemiepark Knapsack: Fabian Rühle vom Start-up Tagxter.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Pirate Summit und StartupCon

Auf dem Pirate Summit werden am 6. und 7. September in Köln-Nippes rund 1.000 Gründer und Investoren aus 70 Ländern zu einem unkonventionellen Treffen erwartet. „Burning Man auf Kölsch“ nannte es das „Handelsblatt“.
Die StartupCon am 11. Oktober in der Kölner LANXESSarena betrachtet sich als Deutschlands große Gründer-Konferenz. Hier können sich Start-ups mit erfahrenen Mittelständlern vernetzen.

Hier finden Mittelständler und Start-ups zusammen

Digital Hub Cologne: Seit Februar 2017 vernetzt der Digital Hub mit Sitz im Kölner Mediapark hiesige Unternehmen, Start-ups, Forschung und Wissenschaft – aber nicht nur im Rheinland, sondern auch international.
Die Schwerpunkte liegen den Unternehmen der Region entsprechend auf Informations- und Kommunikationstechnik, Banken und Versicherungen, Logistik und Handel, Industrie, Life-Sciences und der Kreativ-Wirtschaft.

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