Stichwortsuche

Alexander Wehrle im Interview Foto: 1. FC Köln/René Schiffer
Porträt

Alexander Wehrle, Manager des 1. FC Köln

Alexander Wehrle teilt sich mit Horst Heldt die Geschäftsführung der Komplementär-GmbH des 1. FC Köln. Heldt ist vor allem für den Sport zuständig, Wehrle für die Finanzen. Die Pandemie stellt das Management vor ungeahnte Herausforderungen. Barbara Willms hat mit Alexander Wehrle darüber gesprochen, wie Corona das Fußballgeschäft verändert.

1. Ein halbes Jahr mit Corona – wie geht es dem FC damit?
Der 1. FC Köln nimmt in der globalen Corona-Krise keine Ausnahmestellung ein. Alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche haben mit gewaltigen Einschränkungen und neuen Lebensumständen zu kämpfen. Das Wohlergehen unserer Mitarbeiter stand und steht dabei für uns im Fokus. Gleichzeitig müssen wir alles dafür tun und Maßnahmen ergreifen, damit der FC trotzdem handlungsfähig bleibt. Es ist eine intensive Zeit, die niemand jemals zuvor in der Form erlebt hat – eine große Herausforderung für uns alle.

2. Erst seit Mai dürfen wieder Bundesligaspiele ausgetragen werden. Wie hat der FC die Phase des Lockdown davor für sich genutzt?
Im Lockdown gab es nicht viel, was wir im klassischen Sinn für uns hätten nutzen können. Da war, wie für nahezu alle Unternehmen, Schadensbegrenzung angesagt. Wir mussten Mitarbeiter, die beispielsweise aufgrund der Fanshop-Schließungen nicht arbeiten konnten in Kurzarbeit schicken und auch in der Geschäftsstelle teilweise auf dieses Mittel zugreifen. Mit der Einstellung des Spielbetriebs hatten wir in den Bereichen Ticketing und Partnermanagement vieles zu klären. Wenn man etwas Positives aus dieser Phase ziehen kann, dann, dass die Digitalisierung aller Arbeitsbereiche vorangetrieben wurde. Im Homeoffice wird man ja förmlich dazu gezwungen, jegliche Kommunikation auf dem digitalen Wege auszubauen. Über virtuelle Mitarbeiterversammlungen haben wir unser Team auch im persönlichen Kontakt erreicht und über die Entwicklungen informiert. Besonders hervorheben möchte ich aber, – und das ist sicher der größte Nutzen des Lockdowns gewesen – dass sich beim 1. FC Köln trotz Krise gezeigt hat, wie hilfsbereit und solidarisch jeder sein kann. Genau hier hat unser Projekt angesetzt, dass wir mit unserer Stiftung 1. FC Köln, der Kölner Tafel sowie mit Unterstützung unseres Hauptsponsor REWE in der Zeit des Lockdowns forciert haben. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in dieser Zeit nicht arbeiten konnten, haben aktiv dabei geholfen, dass zahlreiche Tafel-Ausgabestellen wieder öffnen konnten. FC-Mitarbeiter haben sich um die Logistik und die Verteilung der Lebensmittel gekümmert. Unser Partner REWE hat Lebensmittel und Gutscheine für die Tafel gespendet. Darüber hinaus haben wir für diesen Zweck innerhalb von zehn Tagen 350.000 Euro sammeln können und unsere Stiftung hat aus den eigenen Mitteln 100.000 Euro bereitgestellt. Die Situation war und ist schwierig für die gesamte Gesellschaft. Doch es gibt Menschen, denen ging es bereits vorher sehr schlecht. Diese dürfen auf keinen Fall vergessen werden.

3. „Entscheidend is auf’m Platz“ – diese Erkenntnis gilt nicht nur für das einzelne Spiel, sondern auch für den wirtschaftlichen Erfolg. Nur wenn der Ball rollt, rollt auch der Rubel, das gilt jedenfalls für die wichtigen Einnahmen aus der medialen Verwertung, den Werbung und den Eintrittskarten. In welcher Größenordnung haben der DFB und der FC seit März Verluste hinnehmen müssen?
Ich kann nur für den 1. FC Köln sprechen. Jedes Spiel ohne Zuschauer kostet den Club bis zu 1,8 Millionen Euro. Dank des Entgegenkommens zahlreicher Partner wurden Verluste im Bereich der Werbeleistungen kompensiert beziehungsweise umverteilt. Dafür sind wir sehr dankbar. Dennoch beläuft sich unser Umsatzrückgang insgesamt bereits jetzt in einem hohen zweistelligen Millionenbereich.

4. Inwieweit konnte der FC solche Verluste durch Einnahmen zum Beispiel aus dem Merchandising und den Mitgliederbeiträgen ausgleichen?
Die Mitgliederbeiträge sind fixe Einnahmen für den e. V. und nicht für die 1. FC Köln GmbH & Co. KGaA, die für den Profifußball zuständig ist. Unser Merchandising bekommt die Auswirkungen der Corona-Krise auch zu spüren. Deswegen sind wir auf anderen Wegen sehr aktiv, um den Club möglichst stabil und sicher durch die Krise zu führen.
 
5. Fans bleiben Fans. Auch und gerade in der Krise. Haben Sie sich dennoch etwas Besonderes einfallen lassen, um die FC-Fans in dieser schwierigen Zeit bei Laune zu halten?
Ich denke, dass unsere Fans – wie alle anderen auch – mit der aktuellen Corona-Krise zu kämpfen haben und deswegen ihre Leidenschaft für den Fußball eine willkommene Ablenkung ist. Wir stehen in ständigem Kontakt mit unseren Mitgliedern und Fans. Derzeit verstärkt über die digitalen Kanäle, beispielsweise mit virtuellen Mitgliederstammtischen. So sind wir über die Interessen aber auch Sorgen unserer Fans informiert und können dort, wo wir Bedarf sehen, reagieren und unterstützen.

6. Nicht nur der Sport, auch Unterhaltung, Kultur und Gastronomie leiden massiv unter den Umsatzeinbrüchen durch ausgefallene Großveranstaltungen. Tauschen Sie sich mit Managern aus anderen Branchen und Politikern in Köln aus?
Selbstverständlich, allerdings hat dieser Austausch auch schon vor Corona stattgefunden. Der FC ist fest mit allen kulturellen Bereichen der Stadt verankert und deswegen ist dieser Austausch sehr wichtig für uns – aber natürlich auch wichtig für die kulturelle Szene. Gerade der Profifußball geht in diesen Tagen in Sachen Hygienekonzept und der entsprechenden Umsetzung aktiv voran. Daran orientieren sich natürlich auch andere Veranstaltungen und Branchen. Der stetige Austausch mit der Politik sowie den Gesundheitsämtern ist dabei unerlässlich.

7. Fußball lebt von Nähe und Emotion. Ist es deshalb besonders schwierig, einen „Plan B“ in einer Krisenzeit zu finden, in der Abstand die größte Sicherheit verspricht? 
Die Sicherheit unserer Fans ist immer unser Plan A. Leider haben sich jetzt die Parameter geändert, die zu beachten sind. Aber auch hier ist unser dringendes Anliegen, unter Beachtung aller Vorgaben den Fans wieder ihren Fußball zu ermöglichen. Der Fußball ist für unsere Fans ein zentraler Lebensinhalt, dessen sind wir uns sehr bewusst. Deswegen gehen wir jedem möglichen Schritt bezüglich ‚Spielen vor Zuschauern‘ intensiv nach. Denn es ist für alle Beteiligten – also Spieler, Trainer, Mitarbeiter und Fans – schöner, ein direktes Feedback auf Tore oder Aktionen von der Tribüne zu bekommen.

8. Aktuell geht es vor allem darum, möglichst unbeschadet durch die Krise zu kommen. Wie sieht es mit weitergehenden Planungen, zum Beispiel über Spielertransfers aus? Sind die erst einmal auf Eis gelegt?
Die aktuelle Transferphase ist mit denen in der Vergangenheit nicht zu vergleichen. Alle Clubs müssen mit finanziellen Einbußen leben. Trotzdem ist es wichtig, den Kader für die bevorstehende Saison zu optimieren. Ein gängiges Mittel ist in der aktuellen Phase das Ausleihgeschäft, da der finanzielle Aufwand geringer ist und gewisse Risiken minimiert werden.

9. Um weitaus weniger Geld als im Profisport geht es im Breitensport. Dennoch leiden viele Sportvereine in der Krise unter Einnahmeverlusten, auch weil Mitgliedsbeiträge wegfallen. Unterstützt der 1. FC die Freizeitsportszene?
Der 1. FC Köln unterstützt schon immer den Breitensport der Stadt. Wir verzichten seit jeher auf die Jugendbeihilfe, die allen Kölner Vereinen zusteht. Hierbei handelt es sich um einen Zuschuss für alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Dem FC würden rund 300.000 Euro zustehen. Durch unseren Verzicht erhöht sich der Anteil, der den anderen Kölner Clubs zugutekommt.

10. Gibt es auch einen Notfallfonds für FC-Mitglieder, die ihre Beiträge nicht mehr zahlen können?
Wir tauschen uns mit jedem Mitglied aus, das sich bei uns meldet und in eine Notsituation geraten ist. Wir suchen immer gemeinsame Lösungen für unsere Fans und Mitglieder. Nicht zuletzt haben wir in diesem Zusammenhang auch individuelle Möglichkeiten für unsere Dauerkarteninhaber geschaffen.

11. COVID19 wird absehbar nicht verschwinden. Wie sollte Ihrer Meinung nach ein verantwortungsvoller und zugleich profitabler Spielbetrieb in der Pandemie aussehen?
Die oberste Priorität ist hierbei die Gesundheit aller Beteiligten. Wir stehen in ständigem Austausch mit Politik und den Gesundheitsämtern. Der Fußball hat keine Ausnahmerolle und will diese auch nicht beanspruchen. Trotzdem werden wir im Rahmen der Möglichkeiten alles dafür tun, dass wir vor Fans Fußball spielen können. Torjubel oder Szenenapplaus sind auch für die Spieler motivierend. Da noch nicht absehbar ist, wie lange die Corona-Krise anhalten wird, müssen wir uns eben permanent den gegebenen Umständen anpassen – anders wird es nicht funktionieren.

WEITERE THEMEN