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Shiyar Ibesh und Guido Breese in einer Kölner Filiale der Volksbank Köln Bonn Foto: Olaf-Wull Nickel
Leben

Aleppo ist ganz weit weg

Der Syrer Shiyar Ibesh hat nach nur zwei Jahren in Deutschland eine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen. Ein Beispiel aus Köln, das zeigt, was es für Integration wirklich braucht.

Text: Werner Grosch

Februar 2018. Shiyar Ibesh trägt einen gut sitzenden Anzug und Krawatte. Eine gepflegte Erscheinung. Freundlich und zugewandt berät er die Kunden in einer Kölner Filiale der Volksbank Köln Bonn.

Gut drei Jahre früher. Shiyar Ibesh entscheidet sich dafür, seine Heimat zu verlassen. Eine Stadt, die vor einigen Jahren außerhalb Syrien fast niemand kannte, die aber inzwischen zum Inbegriff einer vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt geworden ist: Aleppo. Shiyar Ibeshs Wohnung ist zerbombt, sein Bruder schon zwei Jahre zuvor geflohen. Jetzt muss auch er weg. Über die Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien gelangt er relativ schnell nach Deutschland. Deutsch kann er nicht, aber sein Bruder ist schon hier.

Keine zwei Jahre später beginnt er die Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Volksbank Köln Bonn. Ja, er ist ein Zuwanderer wie aus dem Bilderbuch. Voller Energie und Lernwillen und mit der unbedingten Bereitschaft, sich zu integrieren. Aber Ibesh ist eben auch ein Beispiel dafür, was mit Engagement von beiden Seiten möglich ist.

Da ist zunächst die Nachbarsfamilie Honnef, die ihn und seine Mitbewohner in der Wohngemeinschaft nahe Bonn intensiv unterstützt, bei Behördengängen und bei Bewerbungen hilft. Und dann ist da Guido Breese, Personalreferent und Ausbilder bei der Volksbank Köln Bonn (die im Herbst vergangenen Jahres aus der Fusion der Kölner Bank und der Volksbank Bonn Rhein-Sieg entstanden ist). Er liest Ibeshs Bewerbung um einen Ausbildungsplatz und gibt ihm sehr schnell eine Zusage, weil er die Intelligenz, den Willen und den Fleiß seines Bewerbers sofort erkennt.

Einzige Bedingung: Ibesh musste einen weiteren Sprachkurs für das Niveau B2 absolvieren, denn Sprache ist im Kundenkontakt einer Bank natürlich essenziell. Breese rief dann beim Willkommenslotsen der IHK Köln an (siehe Kasten), und der sorgte dafür, dass der 29 Jahre alte Syrer sogar noch mit drei Wochen Verspätung in einen von der IHK-Stiftung organisierten Kurs einsteigen konnte – seine vorherigen Noten waren so gut, dass er problemlos mitkam.

Im Juli 2017 endete der Kurs, im August begann die Ausbildung, und ein halbes Jahr später führt Ibesh tatsächlich schon Gespräche mit Kunden. „Wichtig ist doch, dass die Kunden ihn verstehen und er sie. Das ist gegeben, und fast alle Kunden reagieren sehr positiv auf ihn“, sagt Breese. Man habe bei der Bank gewusst, dass es Mehraufwand bedeutet, aber: „Wir haben gesagt, wir versuchen es, was soll schon passieren. Gerade wir als Volksbank sind doch ein Spiegelbild der Gesellschaft, da gehört das einfach dazu, dass wir uns auch um geflüchtete Menschen bemühen.“

Der Personaler macht aber auch keinen Hehl daraus, was neben den Fähigkeiten und dem Lernwillen bei Ibesh entscheidend war. Der Syrer hat sich selbst gekümmert, von sich aus die Bewerbung geschickt. Diese Eigeninitiative sei eben hoch einzuschätzen, sagt Breese. Genau das vermissen auch andere Unternehmen oft.

Ein Beispiel dafür ist die ACU Klebeband Rößler GmbH in Wermelskirchen. Sie bietet Flüchtlingen im Rahmen von Praktika sogar internen Sprachunterricht an. Frank Rößler, persönlich haftender Gesellschafter der ACU, berichtet von positiven Erfahrungen damit. „Flüchtlinge, die bereit sind, sich zu engagieren und zu integrieren, bekommen bei uns eine faire Chance und ein qualifiziertes Angebot“, sagt er. Allerdings gebe es relativ wenige Anfragen von Flüchtlingen für Praktika.

Bei Shiyar Ibesh war das ganz anders. Er hat sich schon nach den ersten Sprachkursen um ein Praktikum bemüht. „Ich wollte Kontakt mit Deutschen, um meine Sprache zu verbessern“, sagt er. Schließlich war er drei Monate bei der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn. Dank des Ausbildungsplatzes hat er inzwischen auch eine kleine Wohnung in Bonn gefunden. In zwei Jahren wird der Syrer seine Ausbildung zum Bankkaufmann aller Voraussicht nach abgeschlossen haben.

IHK-Stiftung bringt Flüchtlinge und Unternehmen zusammen

Die IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung hat in den vergangenen Jahren für hunderte Menschen Sprachkurse finanziert und viele von ihnen in Praktika, Einstiegsqualifizierung oder Ausbildung vermittelt. Im April 2018 startet das neue Programm mit dem Titel „Ausbildungs- & ArbeitsPerspektive“, das die Themen Berufsorientierung, Bewerbungstraining und Interkulturelle Kompetenz in den Fokus stellt und keine Sprachkurse mehr beinhaltet. Die Teilnehmenden werden dort auf die Aufnahme einer Ausbildung oder Arbeit vorbereitet. Ansprechpartner/-in für das neue Programm sind Saskia Schaaf und Matthias Nink (Fotos oben).

Die kombinierbaren Module lassen sich an die Bedürfnisse des Einzelnen anpassen, so ist ein Besuch der Trainings und Workshops auch parallel zu einem Sprachkurs o.ä. möglich. Bei der anschließenden Suche nach einem geeigneten Praktikumsplatz erhalten die Teilnehmenden Unterstützung durch die Stiftung. Das Angebot richtet sich an anerkannte Geflüchtete oder Asylbewerber/-innen mit einer guten Bleibeperspektive und mindestens dem Sprachniveau B1. Eine Anmeldung zum Programm ist über die Website möglich.

Unternehmen, die Praktikumsplätze für Geflüchtete anbieten möchten, können sich bei der IHK-Stiftung melden.

Saskia Schaaf, Tel. 0221 1640-6685, mailto:saskia.schaaf@ihk-stiftung.koeln

Matthias Nink. Tel. 0221 1640-6686, mailto:matthias.nink@ihk-stiftung.koeln

Die Willkommenslotsin bei der IHK Köln

Fabian Hüppe hat im vergangenen Jahr als Willkommenslotse die Teilnahme von Shiyar Ibesh am Sprachkurs der IHK-Stiftung kurzfristig vermittelt. Inzwischen hat dieses Amt Larissa Karthaus übernommen. Sie unterstützt Betriebe bei alltäglichen Fragen rund um die Integration von Flüchtlingen, ob zu rechtlichen Rahmenbedingungen, beim Verwaltungsaufwand oder den konkreten Unterstützungsangeboten. Bundesweit werden 130 speziell ausgebildete Willkommenslotsen im Rahmen des Programms „Passgenaue Besetzung“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie eingesetzt.

Fragen?

Larissa Karthaus

Tel. 0221 1640-6780

larissa.karthaus@koeln.ihk.de

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