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Auch im 55. Beschäftigungsjahr denkt Johannes Wittstock bei DEUTA noch nicht ans Aufhören. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

Die Weitermacher

Ältere Mitarbeitende sind loyal, erfahren und verfügen über großes Wissen. Clevere Chefs gehen aktiv auf diese Gruppe zu und nutzen diese stille Reserve, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Die Fachkräfteberatung der IHK Köln unterstützt und fördert.

Text: Eli Hamacher

Auch im 55. Beschäftigungsjahr denkt Johannes Wittstock nicht ans Aufhören. Mit zwei Kollegen
kommt er immer noch regelmäßig ins Werk seines langjährigen Arbeitgebers nach Bergisch
Gladbach, das mit 230 Mitarbeitern Sensoren, Rekorder und Terminals für Schienenfahrzeuge
produziert. Thomas Blau ist das Trio, das sich seit einigen Jahren eigentlich einen gemütlichen Tag
zu Hause machen könnte, äußerst willkommen. „Wir spüren den Fachkräftemangel bereits sehr
deutlich. Es fehlen vor allem Techniker und Ingenieure“, sagt der Kaufmännische Geschäftsführer
der DEUTA-WERKE GmbH.

Bei den langlaufenden Projekten des mehr als 100 Jahre alten Traditionsunternehmens fehle jüngeren Mitarbeitenden oftmals die nötige Erfahrung, ältere beherrschen die Technik bei den „alten Schätzchen“ hingegen aus dem Effeff. „Wenn etwa auf dem Display eines Schienenfahrzeugs noch MS DOS 6.2.2. aus der Zeit vor Windows geladen ist, sind alle froh, wenn sich zumindest einer auskennt“, sagt der 52-Jährige.

Entspannung am Arbeitsmarkt ist trotz Abkühlung der Konjunktur nicht in Sicht. „Fast jedes
zweite Unternehmen kann offene Stellen längerfristig nicht besetzen, weil die passenden Fach-
kräfte fehlen“, heißt es im jüngsten DIHK-Arbeitsmarktreport. Die zunehmende Entkoppelung
von Konjunkturverlauf und Personalnachfrage ist ein Zeichen der angespannten Fachkräftesituation in den Unternehmen – sie versuchen, Personal zu gewinnen und zu halten.
Die größten Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen, hat dabei der Mittelstand. Besonders gesucht:
beruflich Qualifizierte mit dualer Berufsausbildung. „Beim Werben um die Fachkräfte wird die Arbeitgeberattraktivität deshalb immer wichtiger“, ist Jasna Rezo-Flanze, Leiterin des Bereichs Fachkräftesicherung bei der IHK Köln, überzeugt.

IHK-Fachkräfteberatung wirbt für Weiterbeschäftigung

Die Gefahr hat aber auch die Bundesregierung erkannt. 2017 schuf sie die Voraussetzungen dafür, den Renteneintritt flexibler zu gestalten, damit Mitarbeitende leichter über das Renteneintrittsalter hinaus beschäftigt werden können (siehe nachfolgenden Kasten).

Befristete Arbeitsverhältnisse
Arbeitsverträge sind in der Regel auf den Eintritt der Regelaltersgrenze befristet. Wird nun das Arbeitsverhältnis einfach fortgesetzt, entsteht ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Liegt kein sachlicher Grund für eine Befristung vor, könnte das Arbeitsverhältnis auch nicht erneut befristet werden. Hier kann § 41 S. 3 SGB VI helfen. Nach dieser Regelung können Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Erreichen der Regelaltersgrenze durch eine schriftliche Vereinbarung während des Arbeitsverhältnisses den Beendigungszeitpunkt –
ggf. auch mehrfach – hinausschieben.

Weitere Informationen zum Thema

„Wegen des Fachkräftemangels werben wir als IHK Köln bei unseren Mitgliedern im Rahmen der Fachkräfteberatung auch für die Weiterbeschäftigung qualifizierter Rentnerinnen und Rentner“, betont Rezo-Flanze. Laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist in Deutschland weit mehr als ein Viertel aller Rentnerinnen und Rentner in den ersten drei Jahren nach Übergang in die Altersrente erwerbstätig. Neben sozialen und persönlichen Motiven wie Spaß an der Arbeit, Kontakt zu anderen Menschen und Übernahme einer Aufgabe nennen vom IAB Befragte auch finanzielle Gründe für die Erwerbsarbeit, was insbesondere für Frauen gilt. Attraktiv ist die Arbeit als Vollrentner allemal, da die Bezüge nicht auf die Rente angerechnet werden und sogar mehr Netto vom Brutto übrig bleibt, da weder Arbeitslosen- noch Rentenversicherungsbeiträge anfallen und in der Krankenversicherung nur der ermäßigte Beitragssatz.

Auch die IHK selbst nutzt diese stille Reserve, um Engpässe zu überbrücken: Cornelia Njai
hätte sich mit 65 Jahren zum 1. Juli 2019 ins Privatleben zurückziehen können. „Ich will aber
so lange wie möglich aktiv bleiben, schließlich werden wir alle immer älter“, sagt die IHK-Mitarbeiterin. Da traf es sich gut, dass die IHK Köln sie noch gern in ihrem Bereich, der Bildungsberatung, für weitere acht Monate in Teilzeit beschäftigen wollte. Zudem kann sie
eine Kollegin, die einen anderen Teil ihrer Arbeit übernommen hat, einarbeiten. Dass sie kein
eigenes Büro mehr hat, stört die Bildungsexpertin nicht. „Dafür kann ich mir meine zehn
Stunden in Absprache mit den Kunden frei einteilen.“ Denn so viel steht für sie ebenso wie
die IHK fest: Das Modell funktioniert nur, wenn es sich gleichermaßen an den Bedürfnissen
von Arbeitgebenden, Arbeitnehmenden sowie Kundinnen und Kunden ausrichtet. In der Zeit
dazwischen genießt Njai ihre Rente, hat jedoch schon das nächste Ziel vor Augen. Nach dem
Ausstieg bei der IHK will sie sich als Coach selbstständig machen, hat deshalb im Juli 2019
noch einen Masterstudiengang Bildungsberatung abgeschlossen.

Cornelia Njai arbeitet nach Erreichen der Altersgrenze bei der IHK in Teilzeit weiter.
Foto: Olaf-Wull Nickel

Dass viele designierte Rentnerinnen und Rentner mit Mitte 60 keinesfalls Schluss machen wollen,
kommt den Unternehmen sehr gelegen. Wie sehr sich Ruheständler ins Arbeitsleben zurückwünschen, zeigt eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den
Wirtschaftsverband „Die Jungen Unternehmer“. Demnach kann sich rund ein Viertel der aus dem
Arbeitsleben Ausgeschiedenen vorstellen, noch einmal beruflich tätig zu sein. Bei gut 20 Millionen
Rentnerinnen und Rentnern, Pensionärinnen und Pensionären wären das immerhin fünf
Millionen Menschen, die die deutsche Wirtschaft im Kampf gegen den Fachkräftemangel
gut gebrauchen könnte. Von den Einkommensverhältnissen hängt die Erwerbsbereitschaft
erstaunlicherweise nicht ab. Gutsituierte wollen genauso gern weiterarbeiten wie Ärmere. Männer
sind häufiger dazu bereit als Frauen, und Ostdeutsche eher als Westdeutsche.

Saisonale Spitzen abfangen

„An ihrer alten, neuen Stelle schätzen die Mitarbeiter vor allem das vertraute soziale Umfeld, die Flexibilität sowie die Chance, ihr Know-how weiterzugeben und up to date zu bleiben“, sagt Ralf Rothenberger, Personalleiter Deutschland bei der TÜV Rheinland AG in Köln, die bereits mehr als 100 Mitarbeitende im Rentenalter weiterbeschäftigt. Bei Spezialisten etwa in der Bahntechnik sei der Fachkräftemangel schon stark spürbar, in anderen Bereichen allemal absehbar. Als Ausbilder und Mentoren, Dozenten, Spezialisten in den diversen Gremien, aber auch als Prüfer beim Führerschein sind die Älteren im Einsatz. „Mit ihnen können wir zudem sehr gut saisonale Spitzen abfangen“, sagt Rothenberger.

Im Schnitt blieben die älteren Mitarbeiter noch drei bis fünf Jahre mit reduzierter Stundenzahl,
manche seien sogar aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Dass man den Bogen nicht überspannen
darf, ist Rothenberger bewusst. „Wir müssen uns schließlich auch ständig um junge Nachwuchskräfte bemühen, um nicht auf einen dauerhaften Engpass zuzusteuern.“ Dass durch die 2012 gestartete sukzessive Erhöhung des Rentenalters die Motivation sinkt, noch länger zu arbeiten, kann der TÜV-Personalchef nicht feststellen. „Die Rentner sind flexibel.“

Noch mit 80 Jahren aktiv

Auch die Steinmüller Engineering GmbH nutzt gezielt die Fähigkeiten älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bereits mehrfach hat sich der Mittelständler mit seinem Konzept beim bergischen Unternehmenswettbewerb „Demographie FIT“ beteiligt, den die Bergisch Gladbacher Eventagentur Strothmann organisiert. Bei dem Gummersbacher Ingenieur-Dienstleister sind aktuell sechs Mitarbeiter beschäftigt, die eigentlich gar nicht mehr arbeiten müssten, davon aber wenig halten. „Wir sprechen unsere Fachleute gezielt an, ob sie nicht noch länger bleiben möchten“, sagt Personalreferentin Sabine Deibel. Manche sagten sofort zu, ein anderer heute knapp 70-Jähriger sei hingegen erst einmal eineinhalb Jahre in den Ruhestand gegangen, um dann in Teilzeit 20 Stunden wöchentlich im Consulting weiter zu arbeiten.

Dass sie mit Günther Beckesch selbst einen 80-Jährigen zum Kollegenkreis zählt, findet die Belegschaft mittlerweile gar nicht mehr ungewöhnlich. Die Kollegen schätzen vor allem die Lebens- und Berufserfahrung der Älteren. „Sie haben ein ganz anderes Standing gegenüber den jüngeren Mitarbeitern und auch in unserem recht konservativen Kundenkreis.“ Bei Beckesch, einem Experten für Dampferzeuger, könne man wie in einem Lexikon spontan Wissen abrufen. Dass sich auch der Arbeitgeber als attraktiv für die Älteren positionieren muss, versteht sich von selbst. „Goodies“ wie die kostenfreie Mitgliedschaft im benachbarten Fitnessstudio nutzen auch viele ältere Kollegen sehr gern“, beobachtet Deibel.

Damit die Decke nicht auf den Kopf fällt...

„Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf“, Sätze wie diese hören Unternehmer wie Dagmar Engel bei älteren Arbeitnehmern immer wieder. Per Anzeige suchte die Geschäftsführerin der Alfred Schmidt GmbH in Gummersbach vor einem Jahr „eine Teilzeit-Aushilfe, gern auch einen Rentner“ und wurde fündig. An dem 71-Jährigen schätzt sie vor allem, dass er flexibel, zuverlässig und sehr erfahren ist. „Ältere Mitarbeiter haben ja auch nicht mehr so viele Verpflichtungen“, sagt Engel, die zwei weitere Rentner als Aushilfen in der Werkstatt und als Fahrer beschäftigt. Am liebsten würde sie noch einen Rentner einstellen, weil ein Mitarbeiter altersbedingt ausscheidet. In ihrem Acht-Mann-Betrieb, der Elektromotoren und Pumpen für die Industrie instand setzt, kann sie den Arbeitsanfall oft schlecht abschätzen. „Ein Motor geht ja nicht auf Bestellung kaputt.“ Umso wichtiger, dass sie schnell und unkompliziert Hilfe bekommen kann.

Mit der Weiterbeschäftigung seiner Teilzeit-Rentner ist auch Thomas Blau bislang gut gefahren. „Die Initiative ist immer von den Mitarbeitern ausgegangen. Wir überreden niemanden.“ Ihm sei wichtig, Arbeitsumfang und Arbeitsinhalt so individuell abzustimmen, dass beide Seiten profitieren und zufrieden sind. Die Rechnung geht auf. Den Weitermachern gefällt es bei DEUTA immer noch so gut, dass einige ihre auf zunächst ein bis zwei Jahre befristeten Verträge nach deren Ablauf erneut verlängert haben. Blau ist das nur recht.

Fachkräfteberatung der IHK Köln
Im Rahmen der Fachkräfteberatung analysiert die IHK Köln mit den Mitgliedsunternehmen die Mitarbeiterstruktur im Unternehmen. Wie kann Potenzial
entdeckt und gefördert werden? Wie und wo findet ein Arbeitgeber qualifizierte
Beschäftigte? Wie bindet er diese mit Modellen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie und flexiblen Arbeitszeiten? Wie qualifiziert ein Unternehmen Fachkräfte? Welche finanziellen Fördermöglichkeiten gibt es?

Ansprechpartnerin: Jasna Rezo-Flanze, Tel. 0221 1640-6200,

jasna.rezo-flanze@koeln-ihk.de

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