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Im modernen Newsroom des "Express" werden die Inhalte für alle Kanäle gemeinsam geplant. Foto: Olaf-Wull Nickel
Blickpunkt

"Der Journalismus steckt nicht in der Krise"

Text: Frank Überall

Das Geschäftsmodell „gedruckte Zeitung“ ist unter Druck geraten, denn immer mehr Menschen informieren sich im Internet. Verlage suchen deshalb nach neuen Geschäftsmodellen.

„Wen können wir denn da noch als Interviewpartner nehmen?“, fragt Carsten Fiedler in die Runde. Ein Dutzend Redakteure stehen am Konferenz­tisch der Redaktion des Kölner Boulevardblatts „Express“. Diskutiert wird über die Printausgabe für den nächsten Tag. Bis zum Abend muss sie fertig sein, aber schon jetzt am Vormittag laufen die Planungen an. So geht das seit Jahrzehnten.

In den vergangenen Monaten hat sich aber einiges geändert. Dazu gehört die Lautstärke rund um den Konferenzbereich. Während das Print-Team über die Zeitung von morgen diskutiert, kümmern sich andere Journalisten an ihren Computern um die Nachrichtenlage der unmittelbaren Gegenwart. Der neu eingerichtete Newsroom des „Express“ gilt als moderne Schaltzentrale, aus der journalistische Informationen auf verschiedenen Kanälen verschickt werden. Das Internet ist dabei längst eine tragende Säule geworden.

Das liegt auch daran, dass die Tageszeitung als Verdienst-Säule für Me­dienhäuser bröckelig geworden ist. Aus Kostengründen droht sie in vielen Verlagen sogar einzustürzen. Pessimistische Experten meinen, schon in wenigen Jahren würden Tageszeitungen ausgestorben sein. In jedem Fall sinken die Auflagen der Blätter, und die Anzeigeneinnahmen gehen ebenfalls zurück.

Immer mehr Menschen informieren sich im Internet

Das Geschäftsmodell „gedruckte Zeitung“ gerät unter Druck. Unterdessen informieren sich immer mehr Menschen im Internet. Eine aktuelle Studie von ARD und ZDF zeigt, dass fast 84 Prozent der deutschen Bevölkerung regelmäßig online sind. Ein Viertel davon greift auch regelmäßig auf digitale Medieninhalte zurück. Bei Carsten Fiedler kann man beobachten, wie ein Traditionsverlag darauf reagiert.

Der Newsroom des „Express“ wurde für den Kampf um Aufmerksamkeit für Journalismus im weltweiten Internet penibel geplant. Die Architekten haben sogar daran gedacht, einen speziellen Teppich zu verlegen. Der soll Schall schlucken, den Lärm im Großraumbüro mindern. Die Mitarbeiter sollen schließlich konzentriert an ihren redaktionellen Produkten arbeiten können.

Auf einem Monitor, der größer als noble Wohnzimmertische ist, wird angezeigt, wie häufig Artikel auf der Website express.de angeklickt werden. Die Anzeige aktualisiert sich alle paar Millisekunden. So wissen die Redakteure immer direkt, welche Art von Artikeln bei den Lesern am beliebtesten ist – zum Beispiel auch, wen man als Interviewpartner nehmen sollte.

Es entsteht ein neues Erfahrungswissen für Journalisten. Sie entdecken direkt, was ihre Rezipienten von ihnen lesen und was nicht. Es bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken. Es muss darum gehen, möglichst viel von dem zu liefern, was gern gelesen wird. Denn der Kampf um Aufmerksamkeit für Nachrichten ist gnadenlos. Es gibt keine Vorschusslorbeeren für etablierte Medienunternehmen.

Die Auflage der Tageszeitungen ist seit Jahren im Sinkflug

Das beobachtet auch Hossin Shari, der seit Jahren einen Kiosk im Kölner Stadtteil Klettenberg betreibt. „Tageszeitungen lohnen sich kaum noch“, erklärt er: „Ich habe sie natürlich noch im Angebot, weil das für mich einfach dazugehört. Aber die Menschen kaufen die Blätter immer seltener.“

Die persönlichen Erfahrungen des Kioskverkäufers decken sich mit offiziellen Statistiken. Die Auflage der Tageszeitungen in Deutschland ist seit Jahren im Sinkflug. 1991 waren es bundesweit noch 27,3 Millionen Exemplare, inzwischen sind es nur noch 16 Millionen. Im gleichen Zeitraum haben zwar immer mehr Menschen die Angebote der Zeitungsverlage im Internet genutzt, letztlich werden damit aber nur wenige Einnahmen verbucht. Trotzdem kann niemand dieses Zukunftsgeschäft ignorieren.

Thomas Kemmerer, Digital-Geschäftsführer des „Express“, sieht diese wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zunächst nüchtern als Heraus­forderung: „Irgendwie muss sich das ja alles rechnen.“ Er hat seine journalistische Ausbildung beim Mediendienst „kress“ gemacht: „Dort bin ich damit groß geworden, für ein Printprodukt und einen Onlinedienst gleichzeitig zu arbeiten.“

Seine Erfahrungen überträgt er nun auf die Kölner Boulevard-Redaktion. Die Homepage des „Express“ werde ständig aktualisiert und „gesteuert“, erzählt Kemmerer: „Wir gucken immer danach, welcher Artikel am besten funktioniert.“

„report-k“ ist seit 2004 als Portal für lokale Nachrichten im Netz

So wie die Redakteure beim „Express“ bei ihren Recherchen und Artikeln verstärkt auch Rücksicht auf die Lesegewohnheiten und die Leser-Reaktionen im Internet nehmen, organisiert auch Andi Goral seine Internetzeitung report-k.de. Der Diplomdesigner arbeitet für Tageszeitungen, hat für die Gestaltung der Publikation „Junge Karriere“ des Handelsblatts den „European Newspaper Award“ bekommen. „Die Aufträge für gedruckte Zeitungen wurden aber immer weniger“, berichtet Goral.

2004 hat er deshalb sein digitales Projekt für lokale Nachrichten gestartet – zu einer Zeit, als digitale Fotografie in den Kinderschuhen steckte und es Smartphones noch nicht gab. „Seitdem hat sich technisch unheimlich viel getan“, erzählt der Chefredakteur. Große Gewinne schreibt er zwar nicht. Er ist aber überzeugt davon, dass online eine hohe Nachfrage nach Lokaljournalismus besteht, die die traditionellen Verlage so nicht mehr ausreichend bedienen.

Tatsächlich haben die Zeitungsverlage unter dem zunehmenden Kostendruck auch am Personal gespart. So wurden im Kölner Umland bereits Lokalredaktionen von „Stadt-Anzeiger“ und „Rundschau“ zusammengelegt. Beobachter sprechen in diesem Zusammenhang von „Zombie-Zeitungen“: Formal konkurrierende Blätter im gleichen Verbreitungsgebiet, die tatsächlich dieselben oder zumindest sehr ähnliche Inhalte haben. Überregional schließen sich immer mehr Hauptredaktionen zu Pools zusammen. Die Artikel für den Mantelteil über Politik oder Wirtschaft werden von zentralen Einheiten verfasst. Der besondere, regionale Blick der Redakteure droht dabei unter die Räder zu kommen.


Der Dortmunder Zeitungsforscher Horst Röper bezeichnet das als „Vielfaltsverlust in der Berichterstattung“. Der Chef des Formatt-Instituts betont aber auch, dass die Tageszeitungen nach wie vor ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor seien: „Digital und gedruckt erreichen die Verlage zusammen heute mehr in der Bevölkerung als sie das früher mit ihren ausschließlichen Print-Tageszeitungen geschafft haben.“

Die aktuelle Medienkrise sei auch „eine Chance für neue Produkte, Heran­gehensweisen und Geschäftsmodelle“, so Röper weiter. Dafür dürften aber nicht alleine Controller das Sagen haben: „Die können zwar Kostenstellen berechnen, haben aber mit den inhaltlichen Leistungen und damit mit dem gesellschaftlichen Gut Nachrichten wenig zu tun.“ Die derzeitige Kostenbremse der Verlage behindere nicht nur qualitatives journalistisches Arbeiten, sondern mache es in Teilen unmöglich.

Zeitungsverlage suchen noch nach Modellen, um im Internet Geld zu verdienen

Ein Modell, wie Zeitungsverlage im Internet Geld verdienen können, wird seit Jahren gesucht, bisher aber nicht wirklich gefunden. Bezahlmodelle können sich nicht durchsetzen, nachdem die Internetnutzer daran gewöhnt wurden, Nachrichten online kostenfrei zu bekommen. Es wurde und wird mit verschiedenen Varianten herumexperimentiert.

Den Zugang nur noch für zahlende Kunden zuzulassen, hat sich nicht durchgesetzt. Manche Verlage versuchen nun, Intensivnutzer nach dem Abruf einer gewissen Anzahl von Artikeln auf demselben Gerät zur Zahlung zu bewegen, „Spiegel Online“ verkauft besondere Hintergrundberichte, und die Berliner „tageszeitung“ (taz) setzt auf freiwillige Spenden.

Kölner Verlage sind noch zurückhaltend mit Bezahlmodellen für ihre journalistischen Inhalte im Internet. „Die digitalen Angebote der klassischen Pressehäuser sind vielfach erfolgreich hinsichtlich Reichweitenaufbau, Akzeptanz und Transfer etablierter Printmarken“, beschreibt der Herausgeber der „Kölnischen Rundschau“ und Vorsitzende des IHK-Medienausschusses, Helmut Heinen, die Situation: „Die Entwicklung entsprechender Umsätze bedarf aber noch vieler guter Ideen, Strategien und Experimente.“ In Köln bestehe ein breites und funktionierendes Netzwerk aller Teilbranchen der Medienproduktion und -vermarktung, so der Geschäftsführende Gesellschafter der Heinen-Verlag GmbH: „Verbesserungsbedürftig ist die Positionierung des Standorts im nationalen, aber auch im internationalen Wettbewerb.“ In dieser Auseinandersetzung mit anderen Medienhäusern gilt es, sich den sich schnell verändernden Rahmenbedingungen anzupassen.

„Nicht der Journalismus steckt in der Krise, sondern die Geschäfts­modelle“, erläutert Christian DuMont Schütte, Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes NRW. Die Werbeerlöse auf den digitalen Plattformen würden bei den traditionellen Titeln nicht die Verluste kompensieren, die ihnen durch die Rückgänge der Printauflagen entstehen.

Junge Menschen würden besonders selten zu gedruckten Tageszeitungen greifen, so DuMont Schütte: „Wir müssen uns mit hohem Tempo mit der Frage auseinandersetzen, wie man junge Nutzer erreicht, die inzwischen auf ganz anderen Plattformen, wie z.B. Snapchat oder Instagram, zu Hause sind.“

Wie dieses hohe Tempo aussieht, kann man im Newsroom des „Express“ exemplarisch beobachten. Nicht jeder im schallgeschützten Großraum ist Journalist. „Programmierer, Spezialisten für Social Media oder für Suchmaschinenoptimierung, um nur einzelne zu nennen, gehören in die Newsrooms, um neue Produkte zu entwickeln, die die sogenannten Digital Natives erreichen“, sagt der Chef des Verlegerverbands.

Qualitativ hochwertiger Journalismus ist auf Dauer nicht umsonst zu haben

In der Vergangenheit hat sich das Kölner Verlagshaus DuMont durchaus schon experimentierfreudig gezeigt. Mit „Xtra“ wurde eine neue Tageszeitung für junge Menschen ausprobiert, die inhaltlich eng verzahnt war mit entsprechenden Angeboten im Internet. Mit „stadtmenschen.de“ und „Kölle Life“ wurden lokale soziale Netzwerke etabliert. Die Projekte wurden aber allesamt längst wieder eingestellt. Das zeigt, wie schwierig sich die Suche nach neuen Erlösquellen gestaltet.

Für die Verlage bleibt das doppelte Dilemma: Anzeigen- und Vertriebs­erlöse der gedruckten Blätter sind im freien Fall, in der digitalen Welt muss Aufmerksamkeit für die etablierten Medienmarken generiert werden, obwohl da kaum Geld zu verdienen ist. Wessen Onlineartikel bei Facebook oder Twitter nicht gepostet oder geteilt werden, der findet als Berichterstatter gesellschaftlich zu wenig Gehör. Die Öffentlichkeit unterliegt einem neuerlichen Strukturwandel, wie er umwälzender nicht sein könnte.

Dabei wird offenbar immer mehr Bürgern bewusst, dass sie qualitativ hochwertigen Journalismus auf Dauer nicht umsonst haben können. Im Sommer hat der Digitalverband BitKom bei einer Umfrage herausgefunden, dass die Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus steigt. 36 Prozent der befragten Nutzer hatten in den vergangenen zwölf Monaten Geld für Nachrichten im Netz ausgegeben:


Ein Beispiel dafür ist das Portal blendle.com, bei dem man einzelne Artikel zum Beispiel aus Tageszeitungen bezahlen und dann lesen kann. Das Modell ist bedienerfreundlich, aber noch nicht in einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Und wie im Musikgeschäft stellen sich die Anbieter der Inhalte die Frage, ob die Einnahmen solcher Dienste überhaupt eines Tages so hoch sein werden, dass davon ordentlich ausgestattete Redaktionen bezahlt werden können.

Start-ups setzen neue Geschäftsmodelle im Journalismus um

Start-ups stoßen zunehmend in diese Lücke. So hat sich „Correctiv“ als gemeinnütziges Recherchebüro von Berlin aus etabliert, inzwischen gibt es auch ein Team in NRW. Die „Krautreporter“ versuchen, mit zahlenden Online-Abonnenten und Genossenschaftsanteilen ihre Berichterstattung im Netz zu finanzieren. Die Landesanstalt für Medien (LfM) in Düsseldorf unterstützt mit einer Stiftung die Fortbildung und die Suche nach neuen Geschäftsmodellen im Lokaljournalismus.

Diese Projekte sehen sich zum Teil bewusst als Ergänzung und sogar Unterstützung für traditionellen Print-Journalismus. Trotzdem ist völlig offen, wer mittel- bis langfristig als Gewinner oder Verlierer aus der Digitalisierung des Mediengeschäfts hervorgehen wird.

Daniel Fiene sieht trotzdem keinen Grund zum Pessimismus. Der redaktionelle Leiter der Digital-Strategie bei der „Rheinischen Post“ ist längst multimedial unterwegs. „Die gedruckte Tageszeitung ist nach wie vor der Kern unserer Arbeit“, meint Fiene. Trotz aller unterschiedlichen Nutzungsgewohnheiten sei sie eine wichtige Säule im modernen Medienmix: „Obwohl ich ja durch und durch ein Digital Native bin, liebe ich es, morgens zum Kaffee mal das iPad zur Seite zu legen und durch die Zeitung zu blättern.“

Informationsflut: Der Bedarf nach Einordnung wächst

Im Netz versucht Daniel Fiene mit seinem Team auf vielfältige Weise, die Nutzer zu erreichen. Morgens veröffentlicht die Redaktion einen Audio-Podcast mit Neuigkeiten, einmal in der Woche gibt es einen Talk mit dem Titel „@Fiene und Herr Bröcker“. Darin unterhält sich der Digital­journalist mit dem Chefredakteur der „Rheinischen Post“, Michael Bröcker.

Aber auch in die Alltagsarbeit der Düsseldorfer Printkollegen mischt sich die Digitalredaktion ein. Man tritt in sozialen Netzwerken mit Usern in Kontakt, und man guckt, über welche regionalen Themen die Menschen online diskutieren. Die Redakteure bekommen auf diese Weise Anregungen für ihre Recherchen und Berichte.

Zudem sind Artikel auf der Homepage der „Rheinischen Post“ nicht mehr statisch, sie verändern sich den ganzen Tag über. Die Berichte werden ständig mit aktuellen Informationen fortgeschrieben. „Man darf nicht weiterhin irgendwelche alten Formate bedienen oder kopieren, sondern muss gucken, wie heute eigentlich die Mediennutzung aussieht“, erläutert Daniel Fiene diese Art des „Live-Journalismus“. Viele Menschen würden alle fünf Minuten auf ihr Smartphone gucken. Wenn sie dann den ganzen Tag über denselben Artikel auf einer Homepage sehen, fühlten sie sich als Konsumenten nicht mehr ernst genommen.

Letztlich sei das eine spannende Herausforderung für Journalisten: „Der Bedarf der Menschen, in der ganzen Informationsflut etwas gefiltert, zusammengestellt und eingeordnet zu bekommen, wächst ständig“, ist Fiene überzeugt: „Deshalb ist Journalismus eindeutig ein Beruf mit Zukunft!“

Der Autor
Frank Überall lebt als freier Journalist in Köln. Er berichtet seit vielen Jahren unter anderem für WDR und ARD, aber auch für Tageszeitungen und Online­medien. An der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (Köln/Berlin) lehrt
der promovierte Medien- und Sozialwissenschaftler als Professor. Seit 2015 ist er Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV).

Der Video-Kommentar
Köln als Medienstadt steht vor besonders großen Herausforderungen durch die Digitalisierung. Wie sie bewältigt werden können, beschreibt Dr. Ulrich S. Soénius in seinem Video-Kommentar. Soénius ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer und Leiter Standortpolitik der IHK Köln.

"Wir sind vor allem Geschichtenerzähler"

Journalismus ist und bleibt sein Traumberuf: Carsten Fiedler
Foto: Olaf-Wull Nickel

Carsten Fiedler ist Chefredakteur des Kölner Boulevardblatts „Express“. Zum Jahreswechsel wird er in die gleiche Funktion beim „Kölner Stadt-Anzeiger“ wechseln. Im Gespräch mit Frank Überall erzählt er über seinen Traumberuf Journalist, seine Erfahrungen und seine Pläne.

? Warum sind Sie Journalist geworden, was hat Sie dazu bewogen?
! Für mich stand schon zum Ende meiner Schulzeit fest, dass ich Journalist werden wollte. Weil ich Geschichten erzählen, Dinge bewegen wollte. Die Auseinandersetzung mit Menschen, die Teilhabe an der öffentlichen Debatte, das Aufdecken von Missständen – alles Bestandteile der journalistischen Arbeit, die mich damals wie heute faszinieren. Ende der achtziger Jahre konnte ich mir nicht vorstellen, wie sehr sich das Berufsbild verändern würde. Auch heute sind wir Journalisten vor allem Geschichtenerzähler, aber in einer hochkomplexen, digitalisierten Welt. Mit deutlich mehr Informationskanälen, die wir bespielen müssen.


? Warum arbeiten Sie bewusst bei einem regionalen Blatt?
! Ich habe als freier Mitarbeiter in der Lokalredaktion des Kölner Stadt-Anzeiger begonnen, weil er schon damals die erste journalistische Adresse war. Das ist er heute noch – als beste und verlässlichste Nachrichtenquelle des Rheinlands. In Berlin habe ich ja auch für die überregionale Welt-Gruppe gearbeitet, unter anderem als Parlamentskorrespondent. An der Regionalzeitung mit bundespolitischem Anspruch - und so versteht sich der Kölner Stadt-Anzeiger - schätze ich die Fähigkeit, überregionale Themen und Debatten zu begleiten und diese aus der rheinischen Perspektive zu analysieren und zu beleuchten. Aber auch die direkte Nähe zu unseren Lesern, die Ganz-nah-dran-Perspektive, wenn es um Themen in Köln und der Region geht. Da sind wir nicht nur Nachrichtenquelle, sondern auch Alltagsbegleiter, Agenda-Setter und Diskussionsplattform.

? Sie haben beim „Express“ die Digitalisierung aktiv vorangetrieben. Worin lagen oder liegen die Herausforderungen?
! Der „Express" ist schon jetzt eine sehr erfolgreiche digitale Medienmarke, im Mobile-Bereich sogar das stärkste Regional-Portal in NRW. Wir konnten das Wachstum bei der digitalen Reichweite in den letzten Monaten noch einmal stark steigern. Unter anderem weil wir neue, digitale Steuerungsrollen in der Redaktion geschaffen haben – vom Social-Media-Manager bis hin zum Videokoordinator.
Noch wichtiger war es, die Arbeitsabläufe in der Redaktion zu verändern. Wir haben einen neuen Newsroom gebaut, in dem alle Inhalte, die wir erstellen, zunächst einmal im Hinblick auf eine digitale Ausspielung bewertet werden. Der Stau, der Unfall, die schnelle News aus der Stadt, der Reporter-Eindruck vom FC-Training - alles Themen, die wir heute ganz selbstverständlich Digital First ausspielen.
Die größte Herausforderung für die Redaktion lautete dabei: Kill Your Darlings! Soll heißen: Wir alle mussten uns von eingefahren Arbeitsabläufen und lieb gewonnenen Gewohnheiten trennen. Ein Beispiel: Für den Reporter ist die Story nicht beendet, wenn er sie aufgeschrieben hat. Gemeinsam mit den Newsroom-Team muss er überlegen, wie wir die Geschichte am besten zu unseren Lesern bringen: Über die Website, über Facebook, WhatsApp, Newsletter und natürlich auch über die Zeitung. Da haben wir erste gute Schritte gemacht. Wir können aber noch besser werden.

? Was musste oder muss sich auf der Seite der Journalisten/-innen verändern?
! Journalisten müssen heute verstehen, dass sie mit ihren Inhalten die Leser in unterschiedlichen Nutzungssituationen erreichen müssen: der Smartphone-Express-User hat die Erwartungshaltung, dutzendfach am Tag mit Updates aus seiner Stadt, aus der Sport- und Promi-Welt versorgt zu werden. Der Zeitungsleser will am nächsten Tag mit exklusiven und vertiefenden Geschichten bedient werden. Das Prinzip Redaktionsschluss gibt es nicht mehr. Und wir Journalisten müssen uns heute viel stärker mit den Bedürfnissen unserer Zielgruppen auseinandersetzen. Das alte, einfache Sender-Empfänger-Prinzip hat ausgedient. Wir müssen unseren Lesern und Usern zuhören und bis ins Detail verstehen, was die Erwartungshaltung ist.

? Mit dem Digital-Geschäft ist es nicht so einfach, Geld zu verdienen – wie soll das bei express.de funktionieren?
! Antwort: Viele Medienhäuser und -Marken in Deutschland experimentieren ja bereits mit Bezahlmodellen. Es gibt Anfangserfolge und vielversprechende Ansätze, aber keine Blaupausen. Beim Express gibt es derzeit keine Überlegungen, Paid Content einzuführen. Wir wollen zunächst unser Reichweitenwachstum fortsetzen und dabei unsere „Value Reach“, also wertvolle Reichweite, die nicht über Google, sondern markentreue User kommt, ausbauen und besser monetarisieren. In der Vermarktung ist express.de schon jetzt gut ausgelastet. So gut, dass wir schwarze Zahlen schreiben.

? War es ein Fehler, dass Zeitungsverlage lange Zeit ihr journalistisches Produkt zumindest teilweise im Internet verschenkt haben?
! Sicherlich war das aus heutiger Sicht ein Fehler. Aber in den Anfängen des Internets gingen die Verlage davon aus, dass das Web vor allem ein zusätzlicher Vermarktungskanal für Print-Angebote sein könnte. Die digitale Revolution wurde total unterschätzt. Doch der Blick zurück ist heute wenig hilfreich. Ich gehe fest davon aus, dass es für gut gemachte, relevante digitale Angebote regionaler Medienmarken einen festen Platz geben wird. Wir werden allerdings neben dem Print-Kerngeschäft zu ganz neuen Monetarisierungsmodellen im Digitalen kommen müssen.

? Was kann man von anderen Zeitungsverlagen im Hinblick auf die Digitalisierung lernen?
! Man lernt immer dazu, wenn man in anderen Häusern arbeitet. Die Herausforderung der Digitalisierung haben ja alle Verlage. Es gibt kein Baukasten-Prinzip, das für alle gleich anwendbar ist. Umso wichtiger ist es, sich zu vernetzen, über den Tellerrand zu schauen, Lösungsmodelle der anderen genau anzuschauen und sich auszutauschen. Was früher zwischen Konkurrenten auf dem Zeitungsmarkt schier unmöglich war, ist heute bei der digitalen Transformation möglich: Wir lernen gegenseitig von unseren Erfahrungen, beispielsweise bei der Konzeption unserer Newsrooms und der Distribution unserer Produkte. Und das ist gut so!

? Was kann man von journalistisch motivierten Start-ups wie report-k.de lernen, und werden diese mittelfristig zur Gefahr für etablierte Medienhäuser?
! Internet-Zeitungen, Blog, regionale News-Aggregatoren sind die neue Konkurrenz, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Sie könnten zu einer Gefahr werden, wenn wir sie aus einer gewissen Überheblichkeit heraus ignorieren würden. Das tun wir aber nicht, sondern beobachten und analysieren sie sehr genau. Sie sind für uns Ansporn, unsere Medienangebote im Digitalen ständig zu verbessern - und noch mehr passgenaue Angebote zu schaffen.

? Manche Experten behaupten, in einigen Jahren werde es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. Wie sehen Sie das?
! Gedruckte Zeitungen wird es immer geben. Wer als Print-Titel überleben will, muss sich aber bewegen und auf die neuen Bedürfnisse der Leser reagieren.

? Welche Erfahrungen werden Sie im Hinblick auf die Digitalisierung mitnehmen zum „Kölner Stadt-Anzeiger“?
! Im Digitalen ist fast alles messbar, wir können quasi live verfolgen, welche unserer Geschichten bei den Lesern besonders erfolgreich sind. Da lässt sich natürlich auch vieles für die inhaltliche Arbeit lernen. Zielgruppenorientierte Ausrichtung unserer Geschichten, die Diskussion mit unseren Lesern auf Augenhöhe, konstruktiver Journalismus, der Lösungswege aufzeigt und nicht nur Missstände beschreibt - das sind Prinzipien, die mich weiter begleiten werden. Nicht zu vergessen: Team-Spirit ist alles!

? Wenn Sie heute jung wären – würden Sie erneut Journalist werden wollen?
! Aber sicher!

Digital Talk zum Thema Medien
„Nur noch Skandale? Journalismus im digitalen Zeitalter“ – unter dieser Überschrift steht der Digital Talk am 7. Dezember ab 19:00 Uhr in der IHK Köln.

Auf Einladung der Initiative Digital Cologne diskutieren live und im Netz auch diesmal Experten und Persönlichkeiten, die zum Thema Digitalisierung etwas zu sagen haben. Talkgäste sind Liane Bednarz, Juristin und Publizistin, Andreas Kemper, Leitender Redakteur und Mitglied der Chefredaktion der Mediengruppe Main-Post in Würzburg, Prof. Klaus Kocks, Ökonom, Sozial­wissenschaftler, PR-Berater und ehemaliger VW-Vorstand, sowie Prof. Frank Überall, Politologe, Journalist, Autor und seit November 2015 Vorsitzender des DJV (Deutscher Journalisten-Verband). Moderiert wird der Talk von Netzjournalist und TV-Moderator Richard Gutjahr.

Interessenten können den Talk im Livestream auf www.ihk-koeln.de und auf www.digitalcologne.de verfolgen sowie bei Twitter unter dem Hashtag #digitalk mitdiskutieren.