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Dennis Witton (l.) und Michael Schnorrenberger von der Buchhandlung WortReich in Kerpen Foto: Olaf-Wull Nickel
Porträt

Selbstbehauptung mit pfiffigen Ideen

Kleine Buchhändler schließen ihre Kunden zur „Spätlese“ in den Buchladen ein und veranstalten Lesenächte in Grundschulen. Sie organisieren „Bücherpartys“ und engagieren sich für lebendige Innenstädte und Ortskerne. Einblicke in eine selbstbewusste Branche.

Autor: Lothar Schmitz

Gedruckte Bücher und kleine Buchhandlungen – in Zeiten von Amazon und E-Readern ein doppeltes Auslaufmodell, könnte man denken. Doch weit gefehlt! Die Geschäfte mit dem analogen Produkt laufen auch in Zeiten der Digitalisierung prächtig. 4,4 Milliarden Euro Umsatz erzielten die 6.000 deutschen Buchhandlungen und Buchverkaufsstellen im Jahr 2015. Das ist zwar etwas weniger als im Jahr davor, doch ist der Umsatz im Zehnjahresvergleich trotz deutlich wachsender Medienkonkurrenz stabil.

Die Robustheit vieler kleinerer Anbieter hat offenbar auch etwas zu tun mit dem „Mut, sich mit Individualität und innovativen Geschäftsmodellen in einem schwierigen Markt zu behaupten, in dem der unternehmerische Spielraum für kleinere Buchhandlungen schrumpft“, wie es Kulturstaatsministerin Monika Grütters bei der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises 2016 im Ok­tober in Heidelberg formulierte. Den erhielten bundesweit insgesamt 118 Buchhandlungen – unter anderem als Anerkennung für diesen Mut.

Bücherpartys beim Kunden zu Hause

Eine der Preisträgerinnen ist die Buchhandlung WortReich in Kerpen. Dennis Witton und Michael Schnorrenberger gründeten sie vor sieben Jahren. „Über den Buchhandlungspreis haben wir uns sehr gefreut“, erzählt Witton, „das ist eine tolle Bestätigung für unsere Arbeit.“

Diese Arbeit besteht vor allem darin, den Kundinnen und Kunden weit mehr als das bloße Buch zu bieten. Eine Spezialität von WortReich sind die regelmäßigen „Bücherpartys“: „Ein Kunde lädt 10 bis15 Freunde oder Bekannte zu sich nach Hause ein, und wir stellen dann in diesem Kreis – wie bei einer Tupperparty – Bücher vor“, erklärt Witton das Konzept. Das Thema lege der Kunde fest. Möglich sei alles, von Koch- über Kinder­bücher und Krimis bis zu amerikanischen Erzählern des 20. Jahrhunderts.

Ein Regal mit den Büchern der „Spiegel-Bestseller­liste“ sucht man bei WortReich vergebens. Dafür erhalten Kunden jedes Jahr im Herbst ein aufwändig gemachtes Büchlein „Unsere Sterne am Bücherhimmel“ mit vielen persönlichen Empfehlungen aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, in Wort und Bild. „Da stecken wir richtig viel Energie rein“, betont Witton.

Persönliche Empfehlungen von der Buchhandlung WortReich in Kerpen
Foto: Olaf-Wull Nickel

Fünf Abholorte für bestellte Bücher

Diese Energie ist bei allen Gesprächspartnern zu spüren. Wobei Dorothee Junck zugibt, dass es manchmal auch eine mächtige Kraftanstrengung ist, bei den Kunden das Bewusstsein für lokales Einkaufen zu erzeugen. Sie hat sich deshalb mit ihrem Buchladen Neusser Straße in Köln-Nippes der Initiative „Buy local“ angeschlossen.

Dorothee Junck steckt viel Zeit und Energie in diese Kampagne und ist sehr kreativ darin, ihren Buchladen als lebendigen Teil des Veedels zu etablieren. Kun­den, die bei ihr Bücher online be­stellen, können sie am nächsten Tag nicht nur im Laden erhalten, sondern an fünf unterschiedlichen Abholstellen im Stadtteil – vom Rewe übers Büdchen bis zur Kneipe. „Diese Vernetzung kommt gut an“, freut sich die Buchhändlerin, „das ist gelebte Nachbarschaft.“

Auch das Stadtteilfest „Blauer Abend“ organisiert Junck mit. Zudem traf sie vor ein paar Jahren eine weitreichende Geschäftsentscheidung, als sie auch das frei werdende Geschäftslokal nebenan anmietete. Ein Wagnis, das sich aber gelohnt habe. Denn während sie im praktischerweise „Nebenan“ genannten Laden eine hochwertige Papeterie betreibt und man dort sogar frische Crêpes bekommt, ist der Buchladen ausschließlich dem Buch gewidmet. Dort muss sie keine Kompromisse auf der Verkaufsfläche ein­gehen, „hier kommen Buchliebhaber voll auf ihre Kosten“.

Auch zu Hansen & Kröger in Wiehl und Engels­kirchen kommen die Kunden, „weil wir einfach zum Ort dazugehören und den Leuten das wichtig ist“, erzählt Mike Altwicker. Gemeinsam mit seiner Frau, die Inhaberin ist, stellt er ein für eine ländlich gelegene Buchhandlung bemerkenswertes Programm auf die Beine – mit bis zu 40 Abendveranstaltungen pro Jahr, oft mit prominenten Autoren. So fand beispielsweise die Welt­premiere von Melanie Raabes neuem Roman „Die Wahrheit“ im Sommer in Wiehl statt. Über 200 Leute kamen zu der Lesung.

Sechs Mal pro Jahr stellt Altwicker zudem aus­gewählte Buch-Neuerscheinungen vor. Die 60 Plätze in der Wiehler Stadtbücherei sind bei jedem neuen Termin binnen weniger als einer Stunde ausverkauft. „Die Reihe ist der Renner“, sagt der Buchhändler, was man ihm sofort glaubt, wenn man hört, dass er das inzwischen in zehn weiteren Orten in NRW macht. Für ihr besonderes Enga­­gement wurde die Buchhandlung im vergangenen Herbst bereits zum zweiten Mal mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet.

Mike Altwicker (Hansen & Kröger, Wiehl) und seine Frau Christina organisieren bis zu 40 Abendveranstaltungen pro Jahr
Foto: Olaf-Wull Nickel

Lesenächte in der Grundschule – mit Frühstück

1984 gründete Walter Pees in Rösrath-Hoffnungsthal die Buchhandlung Till Eulenspiegel, die er Anfang 2017 an Nachfolgerin Michaela Rusch übergibt. Seine „Spezialitäten“: zwei Literaturkreise, die vor über zehn Jahren entstanden sind und sich jeden Monat, von Pees moderiert, treffen, Märchenabende für Erwachsene, Lesenächte in der örtlichen Grundschule samt Übernachtung und Frühstück sowie Schwimmbadnächte für Väter und Kinder. „Diese Aktionen bringen sehr viel Resonanz“, freut sich Pees. Ein besonders schönes Kundenlob lautete: „Sie haben meinen Sohn ans Lesen gebracht!“

Überdies ist die Buchhandlung Till Eulenspiegel das B im „Hoffnungsthaler ABC“. Gemeint ist damit eine Initiative von Pees, einer Apotheke und eines Cafés, die immer wieder gemeinsame Aktionen durchführen.

Digital und analog gut aufgestellt: Von Onlineshop und E-Book bis zur abendlichen „Spätlese“ im Laden

2011 kam in Rösrath-Forsbach die Buchhandlung Junimond dazu. Gründerin Alexandra Brune-Will findet, dass die Region ein guter Buchhandelsstandort ist. „Die Kaufkraft ist da“, sagt sie, „außer­dem gibt es eine große buchaffine Ziel­gruppe.“ Viele würden zudem lieber im Laden
kaufen statt im Internet. „Dennoch wollte ich von Anfang an modern auftreten“, berichtet Brune-Will. Heißt: Ein Onlineshop ist für sie ebenso selbstverständlich wie der Verkauf von E-Readern und E-Books.

Damit ist sie in guter Gesellschaft. „Die Buchhandlungen haben sich früh mit der Digitalisierung auseinandergesetzt“, weiß Thomas Koch, Pressesprecher des Börsenvereins, zu berichten. Online und lokal seien längst keine Gegensätze mehr. „Die meisten Buchhandlungen können ihre Kunden ebenso schnell und durch die Buchpreisbindung ebenso günstig bedienen wie branchenferne Online-Anbieter.“

Natürlich kann Junimond auch offline – etwa bei der „Spätlese“. „Die Kunden dürfen dann den Buchladen einen ganzen Abend lang ungestört durchstöbern“, erzählt Brune-Will, „und das wird immer häufiger nachgefragt“.

Nicht nur in Rösrath, sondern auch in Burscheid. Dort heißt das „Einschließen und Genießen“ und funktioniert so gut, dass die Buchhandlung Ute Hentschel vor Weihnachten fast jeden Abend ausgebucht war. „Das ist unsere erfolgreichste Veranstaltung“, erzählt Hentschel. Lesungen, Kon­zerte und Kinderveranstaltungen komplettieren das Angebot. „Damit sind wir häufig in der Zeitung und damit im öffentlichen Gespräch“, beobachtet die Buchhändlerin.

Sie gibt aber auch zu, dass das Buchgeschäft kein Selbstläufer mehr ist. „Man muss sich richtig ins Zeug legen, um gegen das Internet und gegen das gewandelte Einkaufsverhalten vieler Leute anzukommen“, weiß Hentschel.

Im Herbst 2016 ist sie übrigens erstmals in die Vollver­sammlung der IHK Köln gewählt worden. Ein Ehrenamt, das sie nutzen möchte, um sich für die Belange des kleinen Einzelhandels einzusetzen. „Denn das ist doch wohl klar“, sagt sie sehr deutlich: „Die Lebendigkeit der Innenstädte hängt vom inhabergeführten Einzelhandel ab!“ Und damit auch von den kleinen, lebendigen, teils preisgekrönten Buchläden.

Deutscher Buchhandlungspreis 2016

Kulturstaatsministerin Monika Grütters vergab Anfang Oktober zum zweiten Mal den „Deutschen Buchhandlungspreis“. Damit werden kleinere, inhabergeführte Buchhandlungen mit Sitz in Deutschland ausgezeichnet, die ein anspruchsvolles und vielseitiges literarisches Sortiment und/oder ein kulturelles Veranstaltungsprogramm anbieten, innovative Geschäftsmodelle verfolgen oder sich im Bereich der Lese- und Literaturförderung für Kinder und Jugendliche engagieren.

Die Preisträger 2016 aus dem IHK-Bezirk Köln:

Klaus Bittner, Köln
WortReich, Kerpen
Der andere Buchladen, Köln
Lengfeld’sche Buchhandlung, Köln
Hansen & Kröger, Wiehl

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