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Neu auf dem Stundenplan: Drei Tage im Betrieb

„Berufsfelderkundungen“ – das klingt genauso sperrig wie akademisch. Unternehmen sollten sich aber besser nicht abschrecken lassen: Sie können diese Tage nutzen, um sich frühzeitig bei jungen Nachwuchskräften zu präsentieren.

Text: Angela Hilsmann

Die Zahl „18.000“ spielt im Schuljahr 2016/2017 in der Region Köln für die Unternehmen eine besondere Rolle. So viele Schülerinnen und Schüler gehen in diesem Schuljahr erstmals auf Tuchfühlung mit Betrieb, Büro und Berufswelt. An insgesamt drei Tagen steht für die 18.000 Achtklässler an weiterführenden Schulen in der Region Köln statt Mathe, Deutsch und Bio eine „Berufsfelderkundung“ auf dem Stundenplan.

Rein rechnerisch gibt es damit dreimal 18.000 Gelegenheiten, bei denen die 13- und 14-Jährigen mit Unternehmen und mit der Arbeits- und Berufswelt in Kontakt kommen können. Für die allermeisten Jugendlichen ist es das erste Mal. Für viele Betriebe sind diese Tage ebenfalls neu.

Denn Berufsfelderkundungen gehören erst seit diesem Schuljahr in allen Regionen des IHK-Bezirks für die weiterführenden Schulen und ihre Schüler zum Pflichtprogramm. So will es die NRW-Initiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ der Landesregierung, die den Jugendlichen den Übergang von der Schule in die Berufswelt erleichtern will.

Die Unternehmen hingegen haben die Wahl und entscheiden selbst: Ob sie eine Berufsfelderkundung anbieten – wenn ja: in welchen Berufen, für wie viele Jugendliche und zu welchem Termin. In diesem Schuljahr sind in allen Regionen des IHK-Bezirks im Januar, im April und Ende Juni/Anfang Juli Zeitfenster für Berufsfelderkundungen vorgesehen.

Eine Datenbank für freie Plätze

„Die Betriebe sollten die Gelegenheit nutzen, frühzeitig erste Kontakte zu Jugendlichen und damit potenziellen Azubis zu knüpfen“, empfiehlt Christopher Meier, Geschäftsführer der IHK Köln für Aus- und Weiterbildung. Der erste Schritt: Ein Eintrag in die Datenbank, in der die Schülerinnen und Schüler nach Plätzen recherchieren und anschließend buchen können.

In der Regel circa drei Wochen vor dem jeweiligen Berufserkundungstermin erfahren die Unternehmen dann, für welche Plätze sich Schüler angemeldet haben, wie der Jugendliche heißt und an welchen Tagen er oder sie zur Berufsfelderkundung in den Betrieb kommt.

Während der Schnuppertage sind die Schülerinnen und Schüler über die Schule versichert. Für die Datenbanken, in die sich die Betriebe eintragen können, und die flankierende Organisation sind in den Regionen des IHK-Bezirks Köln jeweils unterschiedliche Akteure verantwortlich:
www.berufsfelderkundung-koeln.de
www.berufsfelder-erkunden-lev.de
www.berufsfelderkundung-rek.de (für Rhein-Erft)
www.berufsfelder-erkunden.de (für Rhein-Berg)
www.berufsfelderkundung-obk.de (für Oberberg)

Reiner Nau, Personalleiter bei den Ortlinghaus-Werken, hat schon mehrmals junge Leute über Berufsfelderkundungen in den Betrieb geholt. Denn der Firmensitz Wermelskirchen gehört zum Rheinisch-Bergischen Kreis, der von der Landesregierung schon 2012 als Pilotregion ausgewählt wurde, um das Konzept auszuloten. Diesmal hat Nau zum Beispiel für den Termin Ende Januar fünf Plätze angeboten, drei Jugendliche haben sich angeschaut, wie Zerspanungsmechaniker arbeiten, zwei haben in die Arbeitswelt der Industriekaufleute hineingeschnuppert.

Erste Tuchfühlung mit Büro, Betrieb und Berufswelt

„Unser Ziel ist es, dass die Jugendlichen an diesem Tag möglichst viel mitbekommen“, erklärt der Personalleiter. In der Regel begleitet deshalb der Schüler einen Mitarbeiter einen Tag lang und sieht dabei unter Umständen auch noch andere Abteilungen. „Die jungen Leute bekommen einen Einblick in einen Beruf, wenn auch nur einen Tag lang“, so Nau. Dennoch kann das „zum Beispiel den Anstoß geben, darüber nachzudenken, ob die Interessen eher im kaufmännischen oder im gewerblich-technischen Bereich liegen“.

Und warum betreibt Ortlinghaus – international tätiger Hersteller von Kupplungen, Bremsen und Antriebslösungen mit 430 Beschäftigten am Standort Wermelskirchen – diesen Aufwand? „Einige unserer Azubis haben uns bei ihrem Betriebspraktikum in Klasse 10 kennengelernt. „Wenn wir schon bei den Berufsfelderkundungen Interesse für eine Ausbildung wecken können, dann nutzen wir diese Gelegenheit gerne.“ Letztlich arbeite das Unternehmen mit seinem Engagement gegen den Facharbeitermangel an: „Deshalb bilden wir ja auch aus.“

Die ersten Kontakte mit der Berufs- und Arbeitswelt haben also durchaus Potenzial: Wenn es optimal läuft, schließt der Jugendliche an die Berufsfelderkundung auch das Betriebspraktikum in Klasse 9 oder 10 an und kommt dann nach dem Schulabschluss als Azubi oder für ein duales Studium ins Unternehmen. Aber selbst wenn sich die Beziehung nicht in diesem Sinne ideal entwickelt, können Betriebe profitieren. Christian Weiß, Ausbildungsbeauftragter im Tagungshotel Maria in der Aue, ebenfalls mit Sitz in Wermelskirchen, sieht zum Beispiel einen Multiplikatoreffekt: „Auch wenn die Jugendlichen nach diesen Tagen feststellen, dass das Berufsfeld Hotellerie, Restaurantbetrieb und Küche für sie selbst nicht das Richtige ist, nimmt vielleicht jemand aus dem Freundeskreis unser Haus als möglichen Ausbildungsbetrieb wahr. Die Schüler sprechen ja miteinander über ihre Eindrücke und Erfahrungen.“

Das Tagungshotel mit rund 60 Festangestellten und zehn Azubis, darunter drei duale Studenten, zieht alle Register, um einen Eindruck von seinem vielfältigen Tagesgeschäft zu vermitteln. Schüler, die sich für einen der vier Plätze im Berufsfeld der Hotel- und Restaurantfachleute entscheiden, machen deshalb Station beim Empfang, beim Frühstücks- oder Mittagsservice und beim Housekeeping im Tagungsbereich. Die beiden Interessenten für den Beruf des Kochs schnuppern bei ihrer Berufsfelderkundung in die Küche und in den Service hinein.

Das Unternehmen nutzt mittlerweile verstärkt auch Ausbildungsmessen, zum Beispiel an Schulen, um mit potenziellem Nachwuchs ins Gespräch zu kommen, denn „die Bewerber bleiben zunehmend aus“.

Zeitfenster im Januar, April und Ende Juni/Anfang Juli

Auch Jörg Kampschulte bildet aus, in seinem Fall Tourismuskaufleute. Wer einen Berufserkundungstag bei dem Geschäftsführer der Reise-Agentur Kampschulte in Leverkusen verbringt, kann ihm eine Zeit lang bei der Arbeit am PC über die Schulter schauen, beim Dekorieren des Schaufensters helfen, in „Prospekten recherchieren oder nachschauen, wo die Flughäfen liegen“ – und erleben, dass „Reisebüro weniger mit Reisen als mit Büro zu tun hat“, lacht Kampschulte. Sicher seien die Schüler und Schülerinnen als Achtklässler „noch sehr jung“, erklärt der Vater von drei Kindern. Allerdings erinnert er sich auch gut an „einen jungen Mann, der war so clever, dass er schon am nächsten Tag bei uns als Azubi hätte anfangen können“.

Alle notwendigen Infos für den Einstieg und weiterführende Links finden Sie auf der Website der IHK Köln unter www.ihk-koeln.de/83304.

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