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Als große Bereicherung sieht Holger Gelhausen (r.) den Syrer Moultazem Ghazal, den er als Software-Entwickler einstellte. Foto: Aliki Monika Panousi
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Engagiert, fleißig, lernbereit

Die Integration von Flüchtlingen gelingt nur, wenn sie auch ihren Platz auf dem Arbeitsmarkt finden. Beispiele aus Unternehmen in Köln und der Region zeigen, dass mit gutem Willen viel möglich ist. Mit Gewinn für wirklich alle Seiten.

Text: Werner Grosch

Moultazem Ghazal hat eine Geschichte wie tausende andere Syrer. „Große Probleme mit den Behörden“, sagt er nur zu den Gründen für seine Flucht vor zwei Jahren. Und schiebt noch nach, dass sein Bruder vor drei Jahren verhaftet wurde, seither sei er einfach verschwunden, spurlos.

Ghazals Qualifikation ist weit überdurchschnittlich: Er ist Informatiker, hat in Frankreich promoviert. Englisch und Französisch beherrscht er schon, da ist Deutsch lernen dann ein bisschen leichter. Für jemanden, der Hals über Kopf seine Heimat verlassen musste, hat Ghazal also gute Startbedingungen in ein neues Leben. Aber es muss auch jemanden geben, der einen starten lässt. Der Syrer hat ihn gefunden in Holger Gelhausen, Gründer und Geschäftsführer der Kölner IXINI GmbH.

Bei dem IT-Dienstleister ist Ghazal, der zuvor einen von der IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung finanzierten Sprachkurs besuchte, seit August 2016 als Software-Entwickler beschäftigt. Zu seinen Motiven sagt Gelhausen: „Ich habe durchweg gute Erfahrungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen gemacht. Ein anderer Blickwinkel ist immer eine große Bereicherung.“ Im Übrigen habe einfach alles gepasst,so wie es passen muss zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Dann habe man dem neuen Mitarbeiter ein paar Monate Zeit und Ruhe gegeben, um sich einzufinden. Ghazal steht daneben, zuckt mit den Schultern, lächelt und nickt. Klingt fast zu einfach.

Natürlich ist die Ausgangslage nicht immer so günstig. Aber entscheidend bleibt die Offenheit der Unternehmen, wie im Beispiel der EBERO Gruppe. Bei dem technischen Handelsunternehmen in Pulheim arbeiten derzeit zwei junge Männer mit Fluchthistorie. Einer ist Nahom Tedros aus Eritrea, der nach einem kurzen Praktikum in die Ausbildung zum Fachlageristen übernommen wurde, der andere Sabuhi Huseynov, der erst 2015 aus Aserbaidschan kam. Nach einem dreimonatigen Praktikum stellte EBERO bei der Ausländerbehörde den Antrag, ihn als Angestellten im Lager beschäftigen zu dürfen, und der wurde inzwischen genehmigt. Die Stelle bietet Huseynov nun auch die Möglichkeit, eine Ausbildung zum Kraftfahrer zu absolvieren.

„Sie arbeiten vorbildlich“: Ebero-Ausbilder Markus Büdenbender ist voll des Lobes für Nahom Tedros (l.) und Sabuhi Huseynov (r.).
Foto: Aliki Monika Panousi

„Die Mühe hat sich schon jetzt ausgezahlt!“

Über beide Neuzugänge ist Ausbilder Markus Büdenbender voll des Lobes: „Sie zeigen ein hohes Maß an Lernbereitschaft, sind stets daran interessiert, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, und arbeiten vorbildlich.“ Natürlich brauche es bei der Einarbeitung besondere Betreuung, aber „die Mühe hat sich schon jetzt ausgezahlt“, sagt Büdenbender.

Enormes Engagement und großen Fleiß loben viele bei den Mitarbeitern mit Fluchthintergrund. Dass es überall „solche und solche“ gibt, ist klar. Aber der Unternehmensberater Burak Celebi, der auf interkulturelle Kommunikation spezialisiert ist, fügt hinzu: „Wenn Sie einen Flüchtling beschäftigen, werden Sie lebenslange Dankbarkeit erleben. Diese Menschen werden für Ihr Unternehmen laufende Werbetafeln sein.“

Diesen Imagegewinn nimmt sicher auch Wolfgang Oehm gerne mit, auch wenn es ihm darum nicht geht. Der geschäftsführende Gesellschafter der ONI Wärmetrafo GmbH in Lindlar hat jüngst von der IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung den Preis als „Chancengeber 2016“ bekommen. Er investierte knapp eine Million Euro in ein ganzes Paket von Maßnahmen, finanzierte Sprachkurse für 50 Teilnehmer, schuf zehn zusätzliche Ausbildungsplätze speziell für Flüchtlinge und stellte eigens für diese Gruppe einen weiteren Ausbilder ein.

Von der IHK-Stiftung vermittelte Mentoren helfen

Ein derart großes Engagement ist natürlich nicht in jedem Unternehmen möglich. Aber jungen Flüchtlingen hilft auch und vor allem persönliche Unterstützung. Und die fand Joshua Michael aus Pakistan im Mentoring-Programm der IHK-Stiftung, das sich an junge Leute richtet, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt schwerfällt. Das sind natürlich nicht nur Flüchtlinge, aber eben auch.

Detlev Szczukowski, Geschäftsführer der Winwork Personalservice GmbH in Leverkusen, ist einer der ehrenamtlichen Mentoren. Seit dem Frühjahr 2016 traf er sich etwa alle zwei Wochen mit Michael, half ihm mit Bewerbungen, sprach ihm Mut zu, gab ihm wertvolle Tipps. Der junge Mann lernte fleißig, spricht inzwischen sehr gut Deutsch. „Dann hat er zwei Praktika absolviert, und am Ende konnte er sogar zwischen zwei Ausbildungsangeboten wählen“, berichtet Szczukowski, der schon ein bisschen stolz auf seinen Schützling ist: „Er hat es auch verdient. Joshua wird seinen Weg machen!“
(Ein Interview mit Detlev Szczukowski über seine Arbeit als Mentor lesen Sie weiter unten auf dieser Seite)

Programme der IHK-Stiftung

642 Jugendliche und junge Erwachsene haben 2016 an Programmen der IHK-Stiftung teilgenommen, davon waren mehr als 500 Flüchtlinge, die Sprachkurse absolvierten und/oder Hilfen bei der Berufsorientierung bekamen. Im Programm der „AusbildungsPerspektive“ wurden bereits sechs Kurse durchgeführt. Am Mentoring-Programm haben bislang 25 junge Leute (nicht nur Flüchtlinge) teilgenommen, von ihnen fanden 80 Prozent eine Anschlussperspektive. Die berufserfahrenen und professionell für ihre Aufgabe geschulten Mentoren sorgen für eine intensive und dauerhafte 1:1-Betreuung der Mentees. Weitere Informationen zur Stiftung und zum Mentoring-Programm finden Sie hier.

„Jeder braucht einen, der es gut mit ihm meint“

Detlev Szczukowski ist Geschäftsführer der Winwork Personalservice GmbH in Leverkusen. Der Unternehmer engagiert sich im Mentoring-Programm der IHK-Stiftung für Ausbildungsreife und Fachkräftesicherung: Im Interview beschreibt er, wie viel ihm die kleinen Erfolge dabei bedeuten – und was er selbst daraus mitnimmt.

? Herr Szczukowski, warum engagieren Sie sich als Mentor, zuletzt in der Betreuung für einen Flüchtling aus Pakistan?
! Wenn man älter wird und zurückschaut, dann merkt man doch, dass man selbst Mentoren hatte und brauchte. Jeder Mensch braucht einen anderen, der es gut mit ihm meint. Ich selbst jedenfalls habe immer wieder solche Menschen getroffen. Dafür bin ich dankbar, und davon kann ich heute etwas zurückgeben.

? Als Mentor helfen Sie vor allem auf dem Weg in den Arbeitsmarkt. Eine Rolle, die Ihnen aus Ihrer beruflichen Tätigkeit nicht fremd ist.
! Ganz und gar nicht. Wir erleben hier oft, dass junge Leute nicht den Rückhalt und die Orientierung aus der Familie und auch nicht die Vorbildung aus der Schule haben und zum Beispiel gar nicht wissen, wie man eine Bewerbung richtig macht. Da helfen oft einfache Tipps, und die jungen Leute machen ganz große Augen, wenn es nach Dutzenden Absagen plötzlich funktioniert.

? Die Ausgangssituation ist der Lage vieler Flüchtlinge also durchaus ähnlich?
! Bei den Flüchtlingen ist es auch oft so, dass die jungen Männer eine große Verantwortung für die Familie tragen müssen, aber beispielsweise die Eltern kaum Unterstützung geben können. Außerdem kommt natürlich noch das Thema Sprache dazu.

? Ihr Mentee aus Syrien hat Sie häufig besucht.
! Ja, er war anfangs sicher alle zwei Wochen hier. Inzwischen sind die Abstände größer, aber das zeigt nur, wie gut er ist. Er spricht inzwischen sehr gut Deutsch, und nach zwei Praktika konnte er sogar aus zwei angebotenen Ausbildungsplätzen wählen. Jetzt macht er eine Ausbildung zum Lkw-Mechatroniker.  Das hat er auch absolut verdient, er wird seinen Weg machen.

? Was braucht man als Mentor?
! Man braucht Empathie, und man muss mit dem Mentee ein Verhältnis auf Augenhöhe pflegen. Dazu gehört, dass man etwas von sich preisgibt und auch die eigenen Misserfolge nicht verschweigt. Ein besonders guter Schüler war ich nämlich auch nicht…

? Können Sie das Amt empfehlen?
! Ich würde mir sehr wünschen, dass mehr Unternehmen ihren Personalverantwortlichen oder Ausbildern die Zeit dafür geben, als Mentor tätig zu sein. Es ist gar nicht so viel Zeit, die man investieren muss, und die kleinen Erfolgserlebnisse genießt man sehr. Es macht einfach echt Spaß!

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