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Verpackung ist nicht alles, aber wichtig: Christopher Zeppenfeld, Daniela Geiger und Timo Bäcker (v.l.) diskutieren die Gestaltung für den Power-Riegel aus Grillen. Foto: Aliki Monika Panousi
Porträt

Einmal gemischte Insektenplatte für zwei

Grillen-Riegel statt Molke-Powerbar: Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld wollen Insekten für Sportlernahrung nutzen. Für ihr ausgeklügeltes und bereits mehrfach ausgezeichnetes Konzept namens „SWARM“ haben sie schon viel Unterstützung bekommen, die industrielle Produktion ist in Reichweite.

Text: Werner Grosch

Der Regenwald hat seinen Namen nicht ohne Grund, sagt Christopher Zeppenfeld und schmunzelt. Einen ganzen Tag lang war er im Frühjahr 2015 mit seinem alten Schulfreund Timo Bäcker per Motorrad durch die Wildnis von Laos gefahren. Erschöpft und komplett durchnässt kamen sie an einem Ort an, den sie wohlwollend „eine Art Raststätte“ nennen. Endlich was essen, Energie tanken. Sie bestellten, was zu bestellen sie sich vorgenommen hatten auf ihrer Reise durch Thailand, Vietnam und eben Laos. Und das hatte in der Regel sechs Beine und zwei Antennen, wenn es denn nicht einfach wurmförmig war.

In der „Raststätte“ hieß es also: einmal gemischte Insektenplatte für zwei. Highlight der Komposition waren „Hornissen mit riesigen Stacheln“. Aber Bäcker und Zeppenfeld waren da schon gewöhnt an die Kost, die einem Mitteleuropäer allenfalls in größter Hungersnot zwischen die Zähne käme. Salat mit Wasserwanzen zum Beispiel ist eine Spezialität in gehobenen Restaurants der Region.

Die Spezialdiät war aber nicht bloß eine Mutprobe. Der Designer Bäcker und der promovierte Volkswirt Zeppenfeld hatten schon bei der Landung in Bangkok zwei Dinge im Gepäck: „Bock, ein Unternehmen zu gründen“ und einen Report der Welternährungsorganisation FAO, der das Potenzial von Insekten als idealen Proteinlieferanten beschreibt.

Klar war den beiden aber von Anfang an, dass der deutsche Markt für Seidenpuppen auf Rucola eher klein sein würde. „Wir wussten, wir mussten von der Optik weg“, sagt Bäcker. Außerdem ging es darum, ein Nahrungsmittel herzustellen, das sich unter lebensmittelkonformen, also auch hygienischen Bedingungen industriell produzieren lässt.

Das Tier, das sich dafür als Erstes aufdrängt, ist die Grille. Sie gedeiht im feucht-warmen Klima Asiens prächtig, besteht zu 70 Prozent aus wertvollem Eiweiß, enthält viel Vitamin B12 und alle essentiellen Aminosäuren – perfekte Nahrung für Sportler, die ihre Muskeln regenerieren wollen. Und ihr zweiter Vorteil ist, dass sie sich relativ leicht verarbeiten lässt. „Die Grillen werden getrocknet, auf über 100 Grad erhitzt und damit sterilisiert und dann zu Pulver zermahlen“, erklärt Zeppenfeld. So kann das Rohmaterial problemlos gelagert werden und relativ kostengünstig per Schiff nach Deutschland kommen.

Hier ist das Grillenpulver dann die Basis für den Riegel, den die Unternehmensgründer „SWARM“ nennen – eine Andeutung von flirrenden Tierchen, aber nicht allzu irritierend deutlich. Bäcker und Zeppenfeld wollen das Produkt von Vertragspartnern in Deutschland herstellen lassen. Klar ist, dass es neben den Insekten vor allem aus Datteln bestehen wird, hinzu kommen dann noch natürliche Aromen wie Vanille oder Nüsse – am Geschmackserlebnis wird noch gefeilt.

Wenn alles gut läuft, soll „SWARM“ im April auf den Markt kommen und dann vor allem online vertrieben werden. Die Zielgruppe ambitionierter Sportler wird über diesen Kanal gut zu erreichen sein, meinen die Gründer, die sich mit der Sport- und Ernährungswissenschaftlerin Daniela Geiger weitere Expertise an Bord geholt haben – auch sie ist eine Freundin aus Schulzeiten in Wipperfürth.

So abgedreht die Idee erst mal klingt: Dass die drei einen soliden Plan haben, ein klares Konzept, ist unzweifelhaft. Mit ihrem Businessplan haben sie den Wettbewerb des Neuen Unternehmertum Rheinland (NUK) gewonnen, von den Wirtschaftsjunioren Köln haben sie den Gründerpreis bekommen, ein vom Bundeswirtschaftsministerium und dem Europäischen Sozialfonds getragenes Förderstipendium gab’s auch noch, und mit Prof. Ingo Froboese von der Sporthochschule Köln haben sie einen prominenten Mentor gewonnen.

Den Gründern ist klar, dass sie kulturelle Hürden überwinden müssen. Dass für zwei Milliarden Menschen das Essen von Insekten normal ist, wird hierzulande noch niemanden überzeugen. Aber das Zermahlen und die Produktion als Riegel könnten den Zugang erleichtern.

Außerdem setzen Bäcker und Zeppenfeld auf die Empfänglichkeit ihrer Klientel für wissenschaftliche Erkenntnisse – auch im Hinblick auf das Thema Ökologie. Im Vergleich mit Rindern benötigten Grillen nur acht Prozent der Landfläche und zwei Prozent des Wassers, erzeugten dabei aber weniger als ein Prozent der Treibhausgase. Für ein Kilo Protein müsse man bei Grillen nur zwei Kilo Futter einsetzen, bei Rindern dagegen 25 Kilo. Das mache den Transport des Pulvers aus Asien ökologisch mehr als wett, erklären die Jungunternehmer: Der mit der Herstellung von Insekten-Protein verbundene Treibhausgas-Ausstoß liege unter einem Prozent dessen, was Rindfleisch erfordere.

Insekten essen – als Fitness-Idee und als Mittel für die allseits propagierte Nachhaltigkeit zugleich. Wie gut sich die Kundschaft davon überzeugen lässt, bleibt abzuwarten. Aber die Gründer sind optimistisch, auch deshalb, weil sie selbst bei Vegetariern positive Resonanz fänden, wie Zeppenfeld berichtet: „Sogar Veganer zeigen sich aufgeschlossen. Die Insekten bieten ja auch viele Dinge, die ihnen in ihrer Ernährung fehlen, vor allem Vitamin B12.“

In den kommenden Monaten wird sich noch deutlicher zeigen, wie gut das Projekt ankommt. Dann will „SWARM Protein“ eine Crowdfunding-Kampagne starten. Was es dann wohl als Belohnung für Investoren gibt?

Voll Eiweiß und Vitamin B12: Protein-Riegel von SWARM
Foto: Aliki Monika Panousi

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