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Auch der Autobauer Audi setzt in seinen Produktionsanlagen die Standard-Kommunikationstechnik PROFINET ein. Foto: Audi
Porträt

Automatisierung hoch zwei

Text: Werner Grosch und Georg Watzlawek

Dass kleine Unternehmen Großes bewegen können, beweist die AIT Solutions GmbH. Das Spin-off aus der TH in Gummersbach optimiert Fertigungsanlagen in der Automobilindustrie und ist damit ein Wegbereiter von Industrie 4.0.

Wenn in einer Autofabrik irgendwo ein Band stillsteht, zählen Sekunden. „Schon eine Minute Betriebsunterbrechung kann Kosten in vier- bis fünfstelliger Höhe bedeuten“, sagt Professor Frithjof Klasen. Kein Wunder, dass die Mittel zur Fehleranalyse und zur Optimierung von Fertigungsanlagen, die er mit seinem Unternehmen AIT Solutions anbietet, besonders in der Fahrzeugindustrie gefragt sind. Branchengrößen wie VW, Audi und Mercedes gehören zu seinen Kunden.

Volkswagen zum Beispiel setzt 15.000 Roboter, Sensoren und Werkzeuge allein bei der Produktion der Karosserie des Golfs ein. Damit dieses Maschinen-Ballett reibungslos funktioniert, müssen Automatisierungstechnik und Informationstechnologie eng ineinandergreifen. Das sind eigentlich zwei eigene Bereiche, doch in der Industrie ist das eine ohne das andere nicht mehr denkbar.

Hier setzt die Gummersbacher AIT Solutions an: Sie berät große und kleinere Unternehmen bei der Planung und der technischen Abnahmeprüfung neuer Produktionsstraßen. Dabei hat sie sich vor allem auf die Diagnose der sogenannten PROFINET-Anlagen spezialisiert.

Sie sorgen dafür, dass Automatisierungstechnik und Informationstechnologie reibungslos ineinandergreifen können: Professor Frithjof Klasen und ...
Foto: Gregor Bestgen
... die Informatikerin Sabrina Hein. Gemeinsam gründeten sie 2013 das Spin-off AIT Solutions.
Foto: Gregor Bestgen

Profinet ist ein Standard für die Kommunikationstechnik in Produktionsanlagen und wird unter anderem von allen deutschen Autoherstellern eingesetzt. Er bildet die Basis für eine sichere Netzwerktechnik in Echtzeit, ohne die Industrie 4.0 gar nicht denkbar ist. Hinter Profinet steht der Fachverband Profinet Nutzerorganisation (PNO) mit rund 300 Mitgliedsfirmen. Dazu gehören sowohl Technologiehersteller wie ABB, Sick, Festo oder Siemens als auch Anwender wie Daimler, BMW oder Volkswagen.

Am Anfang von AIT Solutions stand eine Beobachtung der AIT Solutions-Gründer Frithjof Klasen, Professor für Industrielle Kommunikationstechnik,  und Sabrina Hein, Informatikerin: Anders als die Produktion, die dank Profinet in vielen Bereichen bereits hochautomatisiert ablief, wurde ausgerechnet die Automatisierungstechnik selbst - die Netzwerke, Kabel und Geräte - noch immer händisch überprüft. Mit ihrem Unternehmen AIT Solutions schlossen sie die Lücke und kümmern sich seither als eines der ersten um die Automatisierung der Prüfung von Profinet-Technik.

„Inzwischen haben wir Diagnose- und Validierungswerkzeuge entwickelt, mit denen sich alle Geräte, Sensoren, Maschinen und Kommunikationsverbindung einer Anlage am Computer automatisch prüfen und warten lassen“ erklärt Hein. Das geht bis zu Trendanalysen, die weit im Vorfeld anzeigen, wann Teile auszutauschen sind oder das System instabil zu werden droht. Der PROFINETanalyzer aus dem Hause AIT Solutions dokumentiert Fehlfunktionen in der Anlagensteuerung und ermittelt daraus Gegenmaßnahmen. „Dadurch werden Zeit und Aufwand für technische Abnahmeprüfungen und die Fehlersuche deutlich reduziert“, sagt Klasen. Das Beispiel aus der Autoindustrie zeige ja, worauf es ankomme: „Das Wichtigste ist, Fehler schnell zu erkennen. Und zwar nicht nur die Symptome, sondern die Ursachen.“


Neben der eigenen Software bietet AIT Solutions einen Rundum-Service für die Kunden an: von individuellen Trainings und Workshops bis hin zu technischen Abnahmeprüfungen und schnellem Troubleshooting vor Ort.

Die 2013 gegründete AIT Solutions GmbH ist ein klassisches Spin-Off, das seine Wurzeln im Wissenschaftsbetrieb der TH in Gummersbach hat, im Institut für Automation & Industrial IT (AIT) der Technischen Hochschule Köln. Zusammen mit Sabrina Hein, die für die Softwareentwicklung zuständig ist, führt Klasen die Firma mit derzeit noch vier weiteren Mitarbeitern. Zwischen Institut und Unternehmen gibt es eine klare Arbeitsteilung, aber auch eine enge Verbindung. Der Hochschullehrer und Institutsleiter schätzt den permanenten Austausch in zwei Richtungen, von der Grundlagenforschung zur Anwendung, aus der Praxis zurück in die Theorie: „Ich möchte Inhalte vermitteln und Lösungen finden, aber die Erfahrungen macht man in der Praxis.“

Bekannt sei AIT Solutions inzwischen weltweit, freut sich Klasen. Es sind die fehlenden Fachkräfte, die das Wachstum bremsen. Zwar bildet Klasen an der TH selbst den Nachwuchs aus, doch für die hochspezialisierten Aufgaben im Unternehmen fehlt den Informatikern und Ingenieuren noch die Erfahrung.

Denn die Produkte müssen ja auch ständig weiterentwickelt werden. Wie schnell dieser Prozess läuft, zeigt ein Beispiel – wieder mal aus der Autoindustrie: 2010 haben AIT-Mitarbeiter bei VW in Mexiko noch acht Wochen gebraucht, um den Aufbau einer Karosseriebau-Anlage mit rund 2.500 Einzelkomponenten zu begleiten und das Ergebnis zu prüfen. Heute, sagt Klasen, „prüfen wir 10.000 Komponenten in zwei Wochen“.

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